300 Arbeiter tot, viele vermisst oder verletzt! Fabrik ohne Genehmigung im Sumpfgebiet errichtet! Zwang zur Weiterarbeit trotz Rissen in den Wänden! Internationale Unternehmen und Politik dulden rücksichtslosen Umgang der Textilfirmen mit den ArbeiterInnen! Die Bekleidungsindustrie ist in den letzten drei Jahrzehnten zum Lebensnerv Bangladeshs herangewachsen. Sie erwirtschaftet mit 20 Milliarden Dollar rund 80 Prozent der Exporteinnahmen und beschäftigt etwa drei Millionen Angestellte. Billigstlöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse haben es dem Land ermöglicht, Bekleidungsstücke zu Schleuderpreisen zu produzieren und viele andere Konkurrenten auszubooten. Sämtliche Regierungen haben den Prozess mit Steuererleichterungen und Zollbefreiungen unterstützt. Zudem haben sie bewusst weggeschaut, wenn Regeln missachtet wurden. Textilunternehmer gehören zu den wichtigsten Geldgebern beider grosser Parteien, und manche von ihnen sind sogar selbst in die Politik eingestiegen und sitzen heute im Parlament und im Kabinett.Doch im Volk wächst der Unmut. Tausende sind in den letzten Tagen auf die Strassen gegangen, um gegen die prekären Arbeitsbedingungen in Fabriken zu protestieren.

Geschäftshaus in Bangladesh eingestürzt

Textilunternehmer werden von Politikern protegiert

International Heute, 16:29
Rettungskräfte suchen in den Trümmern der Textilfabrik nach Überlebenden.
Rettungskräfte suchen in den Trümmern der Textilfabrik nach Überlebenden. (Bild: ANDREW BIRAJ / Reuters)
Beim Einsturz eines Geschäftskomplexes in Bangladesh sind über 300 Personen ums Leben gekommen. Die Manager von vier betroffenen Textilfabriken hatte Warnungen ignoriert. Weil die Textilindustrie eine der wichtigsten Einkommensquellen des Landes ist, schaut der Staat weg, wenn geldgierige Fabrikbesitzer Sicherheitsvorschriften missachten.
Andrea Spalinger, Delhi

Der Einsturz eines Gebäudekomplexes in einem Vorort von Dhaka am Mittwochmorgen war der schwerste Industrieunfall in der Geschichte Bangladeshs. Bisher wurden über 300 Leichen geborgen und über 1000 Personen mit Verletzungen in Spitäler eingeliefert. Hunderte von Opfern werden noch unter den Trümmern vermutet. In dem Gebäude im Gewerbegebiet Savar hatten sich fünf Textilfabriken, eine Bank und mehrere Geschäfte befunden. Die meisten Opfer waren Textilarbeiter.

Keine Baubewilligung

Lokale Medien berichteten, der Besitzer des «Rana Plaza», ein einflussreicher Geschäftsmann, habe das achtstöckige Gebäude 2007 ohne Bewilligung der zuständigen Behörden gebaut. Dank seinen Beziehungen hatte er vom Bürgermeister von Savar grünes Licht für das Projekt erhalten, obwohl dieser dazu gar nicht befugt war. Offenbar wurde das Gebäude auf Sumpfland gebaut, das zuvor behelfsmässig mit Beton aufgefüllt worden war. Der Bürgermeister rechtfertigte sein Eingreifen diese Woche damit, dass Baubewilligungen zu viel Zeit in Anspruch nähmen und Bangladeshs boomende Textilindustrie auf rasche Expansion angewiesen sei.

Die Katastrophe hätte mit etwas Umsicht dennoch verhindert werden können. Denn bereits am Dienstag waren an der Fassade Risse aufgetreten, und das Gebäude war evakuiert worden. Doch die Chefs wiesen die eingeschüchterten Arbeiter am Mittwochmorgen an, wieder in die Fabriken zurückzukehren. Kurz darauf brach das Gebäude in sich zusammen.

Der Hausbesitzer und die Manager sind flüchtig. Premierministerin Sheikh Hasina hat versprochen, sie aufzuspüren und hart zu bestrafen. Zudem hat sie gelobt, die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken zu verbessern. Die Bangalen haben von ihrer politischen Führung diesbezüglich freilich schon viele leere Versprechungen gehört. Das jüngste Unglück ist nur eines in einer langen Reihe ähnlich fahrlässiger Verbrechen. Hunderte von Arbeitern haben in den letzten Jahren bei Einstürzen, Bränden und Massenpaniken ihr Leben verloren. Zuletzt waren im November bei einem Brand in einer Textilfabrik in Dhaka 112 Personen ums Leben gekommen. Die Fenster des Gebäudes waren vergittert und die Notausgänge zugesperrt gewesen.

Der Leiter einer Task-Force, die nach diesem Unglück Textilfabriken inspizierte, erklärte, dass die Hälfte der Örtlichkeiten nicht sicher sei. Das Hauptproblem sei, dass Unternehmer, die Vorschriften missachteten, kaum je mit Konsequenzen zu rechnen hätten. Human Rights Watch schrieb in einem Bericht zum Thema, dass es an Gesetzen nicht mangle, sondern am Willen zur Umsetzung. Die zuständige Behörde habe 2012 zur Inspektion der 5000 Fabriken im Land gerade einmal 18 Beamte zu Verfügung gehabt. Ausserdem würden die einflussreichen Textilbarone vor Inspektionen regelmässig gewarnt, heisst es.

Die Bekleidungsindustrie ist in den letzten drei Jahrzehnten zum Lebensnerv Bangladeshs herangewachsen. Sie erwirtschaftet mit 20 Milliarden Dollar rund 80 Prozent der Exporteinnahmen und beschäftigt etwa drei Millionen Angestellte. Billigstlöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse haben es dem Land ermöglicht, Bekleidungsstücke zu Schleuderpreisen zu produzieren und viele andere Konkurrenten auszubooten.

Langsames Umdenken

Sämtliche Regierungen haben den Prozess mit Steuererleichterungen und Zollbefreiungen unterstützt. Zudem haben sie bewusst weggeschaut, wenn Regeln missachtet wurden. Textilunternehmer gehören zu den wichtigsten Geldgebern beider grosser Parteien, und manche von ihnen sind sogar selbst in die Politik eingestiegen und sitzen heute im Parlament und im Kabinett.

Doch im Volk wächst der Unmut. Tausende sind in den letzten Tagen auf die Strassen gegangen, um gegen die prekären Arbeitsbedingungen in Fabriken zu protestieren. In Dhaka kam es zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei. Beobachter hoffen, dass die Katastrophe die Regierung zum Durchgreifen zwingt, nicht zuletzt auch, weil Ende Jahr Wahlen anstehen. Auch im Westen scheinen die Horrornachrichten aus Bangladesh einige zum Umdenken zu bewegen. Auf der Suche nach billigen Produktionsstandorten haben die grossen europäischen und amerikanischen Bekleidungsfirmen die Missstände lange ignoriert. Doch weil der Druck vonseiten der Konsumenten wächst, haben einige Firmen angefangen, die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben zu überprüfen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/textilunternehmer-werden-von-politikern-protegiert-1.18071884

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