Lebensgefährliche T-Shirts aus BangladeschDas unwürdige Geschäft mit der Kleidung – In Europa und den USA wären solche Bedingungen kaum vorstellbar, doch die Produkte aus Bangladesch sind für den hiesigen Markt gedacht: Sie liegen auch in den Geschäften deutscher Einkaufszentren und Shopping-Meilen. Deutschland bremst Fortschritte auf EU-Ebene, die deutsche Unternehmen zur mehr Transparenz verpflichten würden, so Kirsten Clodius von der Kampagne für Saubere Kleidung.

 

In Bangladesch trauern die Menschen um über 300 Tote - es war nicht das erste Unglück in einer für den Westen produzierenden Fabrik. In Bangladesch trauern die Menschen um über 300 Tote – es war nicht das erste Unglück in einer für den Westen produzierenden Fabrik.(Foto: AP)
Freitag, 26. April 2013

Lebensgefährliche T-Shirts aus BangladeschDas unwürdige Geschäft mit der Kleidung

Von Christoph Herwartz

In Deutschland verkaufte Kleidung wird unter unwürdigen und gefährlichen Bedingungen hergestellt. Der Fabrikeinsturz in Bangladesch zeigt, wie schlimm die Verhältnisse sind. Wer etwas dagegen tun möchte, muss sehr genau hinschauen. Mehr Geld auszugeben reicht nicht aus.

Die Tragödie dieser Woche ist geradezu symptomatisch für Bangladesch: Seit Jahren wächst die Textilindustrie rasant, das Land ist mittlerweile der zweitgrößte Stoffproduzent der Welt – doch an Sicherheit und soziale Verträglichkeit des Wachstums wird nicht gedacht. Auch der Einsturz des Gebäudes scheint auf zu schnelles Wachstum zurückzugehen: Der Besitzer erweiterte ein dreistöckiges Gebäude auf acht Etagen. Gerade war er dabei, eine neunte zu errichten, als das Haus zusammenbrach und Hunderte Arbeiter unter sich begrub. Über 300 Tote gibt es mittlerweile, viele weitere sind verschüttet. Arbeiter berichten, dass sich schon am Tag zuvor Risse am Gebäude zeigten, sie aber gezwungen wurden, weiterzuarbeiten.

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In Europa und den USA wären solche Bedingungen kaum vorstellbar, doch die Produkte aus Bangladesch sind für den hiesigen Markt gedacht: Sie liegen auch in den Geschäften deutscher Einkaufszentren und Shopping-Meilen. Wie viel Fairness kann man erwarten bei Kleidung, die man in Deutschland kauft?

“Man muss leider damit rechnen, dass hier gekaufte T-Shirts in Fabriken wie der eingestürzten entstehen”, sagt Kirsten Clodius von der Kampagne für Saubere Kleidung zu n-tv.de. Die Bedingungen seien nicht die Ausnahme sondern die Regel. Obwohl die Produktionskosten oft nur einen winzigen Teil des Endpreises ausmachen, steht der Wettbewerb in Bangladesch unter einem enormen Druck. Journalisten und Kontrolleure berichten regelmäßig von offen liegenden Stromleitungen, unbezahlten Überstunden und giftigen Dämpfen in den Werkshallen. Auch Kinderarbeit ist immer wieder ein Problem. Ans Licht kommen die unhaltbaren Zustände nur selten – wie im aktuellen Fall oder als im vergangenen November über 100 Menschen durch einen Brand starben.

Sollte man Billig-Kleidung meiden?

Bilderserie

Eine Kontrolle der Lieferketten von Kleidung gibt es praktisch nicht. Zwar haben sich zahlreiche Firmen selbst zu ethischen Standards verpflichtet. “Doch die Unternehmen wissen oft selbst nicht, wo ihre Produkte hergestellt werden”, sagt Clodius. Immer noch ist darum nicht klar, wer alles in der eingestürzten Fabrik produzieren ließ. In den Trümmern finden sich Etiketten unterschiedlicher Marken, die etwa Supermärkte in Kanada und den USA beliefern. Einzig die Modekette Primark bekannte sich bisher dazu, dass eine ihrer Fertigungen betroffen sei. Primark ist eine Kette, die mit Kampfpreisen auch in den deutschen Markt drängt, T-Shirts sind dort schon ab 2,50 Euro zu haben. Gleichzeitig ist die Marke jetzt schon Kult bei Jugendlichen, bei Filialeröffnungen stürmen jedes Mal Horden junger Mädchen das Geschäft.

Sollte man auf solche Billig-Kleidung verzichten, wenn man die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen nicht befördern will? “Der Verkaufspreis gibt keine Auskunft über die Arbeitsbedingungen der Näherinnen”, sagt Kampagnen-Sprecherin Clodius. Oft werde in ein und derselben Fabrik Kleidung für teure Marken und für Discounter genäht. Die Preisunterschiede erklären sich also durch Design, Stoffqualität, Ladenmieten und Werbung – selten aber über Fairness in der Herstellung.

Einen ersten guten Ansatz gibt es

Wer mit seinem Kaufverhalten bessere Verhältnisse in asiatischen Produktionsstätten erreichen will, hat dazu bisher kaum eine Chance. Keine Institution traut es sich bisher zu, ein Siegel für 100 Prozent fair produzierte Kleidung zu vergeben. Selbst das Fair-Trade-Label stehe nur für einen Teil des Produktionsprozesses, sagt Clodius. Trotzdem bietet es zumindest den Ansatz einer Problemlösung.

Etwas weiter geht die Fair Wear Foundation – eine Organisation, die unabhängig und unangekündigt die Zulieferer ihrer Mitglieder kontrolliert. Angeschlossen haben sich bisher viele Hersteller der Outdoor-Branche wie Vaude, Schöffel und Jack Wolfskin, aber auch die Discount-Kette Takko ist dabei. Die Mitgliedschaft heißt noch nicht, dass in der Herstellung alles mit rechten Dingen zugeht, aber es werde zumindest daran gearbeitet. Der Hinweis auf die Fair Wear Foundation ist damit bisher die beste Richtschnur beim Einkauf.

Mehr erreichen könnte die Bundesregierung, wenn sie deutsche Unternehmen zu mehr Transparenz verpflichten würde. Noch wirksamer wäre eine Richtlinie auf EU-Ebene, weil sie noch viel mehr Unternehmen betreffen würde. Clodius kritisiert, dass gerade dort Deutschland die Fortschritte abbremst.

 

http://www.n-tv.de/politik/Das-unwuerdige-Geschaeft-mit-der-Kleidung-article10549206.html

 

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