In einem reichen Land im gesellschaftlichen Abseits – Jeder fünfte junge Mensch in Deutschland ist arm! Er muss nicht verhungern, aber: Etwa sieben Prozent der 14-bis 17-Jährigen in Deutschland haben sich weitgehend damit abgefunden, von Hartz IV zu leben – ohne Perspektiven. Diese Jugendlichen zeigen deutliche Rückzugs- und Vereinsamungstendenzen. Sie werden in Resignation, Wohnungslosigkeit, Illegalität und damit in das gesellschaftliche Abseits gedrängt. Mittlerweile ist die Zahl der Arbeitslosen laut Statistiken tatsächlich gesunken. Allerdings wird es zunehmend ein Problem für viele Jugendliche, eine ordentlich bezahlte Tätigkeit zu finden. Schon jetzt müsse sich eine große Anzahl junger Leute mit mies bezahlten Minijobs oder in Leiharbeit durchschlagen und sich gleichzeitig am laufenden Band mit Weiterbildungen und Praktika auf eine der wenigen echten Arbeitsstellen vorbereiten. In den meisten EU-Ländern gehe es ähnlich zu. In vielen sei die Lage sogar noch viel schlimmer.

Ohne Job, ohne Ziel, einsam

Schlafende Jugendliche

Fit in Politik (286): Armut betrifft 21,1 Prozent aller 18- bis 24-Jährigen

„Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander“, erfahren wir regelmäßig in den Nachrichten. Laut des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland 13 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. 21,1 Prozent davon sind von Armut betroffen. Das ist jeder fünfte junge Mensch. „Aber bei uns muss doch niemand verhungern“, argumentieren trotzdem diejenigen, die das Thema Armut in unserer Gesellschaft herunterspielen wollen.

So ganz falsch ist der Einwurf ja nicht: Verhungern muss hier wirklich niemand, Deutschland hat in Sachen Sozialstaat im Vergleich mit anderen Industrieländern wie zum Beispiel den USA immer noch die Nase vorne. Aber Hunger allein ist kein Maßstab in unserer Gesellschaft. Denn unsere Politiker haben es sich zur Pflicht gemacht, allen Menschen eine ungehinderte Entfaltung der Persönlichkeit und relative Chancengleichheit zu garantieren.
Deshalb geben unsere Bundesregierungen – unabhängig davon, welche Parteien die Nase vorne haben – seit dem Jahr 2001 regelmäßig Armutsberichte in Auftrag. Danach gilt als von Armut gefährdet, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommens (NÄE) zur Verfügung hat. Das NÄE entsprach zum Beispiel im Jahr 2004 einem monatlichen Betrag von 856 Euro. Als absolut arm werden Menschen mit einem NÄE von 40 Prozent bezeichnet, im Jahr 2004 entsprach dieses NÄE monatlich 571 Euro. Die Armutsberichte sollen gesellschaftliche Milieus und Strukturen aufdecken und den Politikern helfen, zu erkennen, wo und wie sie etwas gegen die Armut tun können.
Armut ist allerdings auch relativ. Wahrscheinlich würden es die meisten Jugendlichen nicht furchtbar finden, wenn sie einmal in der Woche ohne Abendessen schlafen gehen müssten. Wesentlich fataler ist es laut der aktuellen „Shell Jugendstudie“ für junge Leute, wenn sie mit Gleichaltrigen in ihrem Lebensumfeld nicht mithalten können: Wer beispielsweise nicht mit ins Kino, in die Disco oder einfach mit der Mode gehen kann, wird schon bald aus der Gemeinschaft ausgegrenzt oder sogar gemobbt. Die Folgen sind laut „Shell Studie“ Depressionen und psychische Belastung, die oft auch in gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Jugendlichen oder Schlimmerem münden.

In einem reichen Land im gesellschaftlichen Abseits
Als Experte zum Thema Jugendarmut in Deutschland hat sich der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Butterwegge mit seinem Buch „Armut in einem reichen Land“ hervorgetan. Er kritisiert, dass keine Regierung seit den 1970er Jahren mit umfassenden Reformen in der Sozialgesetzgebung angemessen auf die wachsende Jugendarmut reagiert habe. Butterwegge verweist darauf, laut Armutsbericht würden derzeit in Deutschland neben Kindern aus kinderreichen Familien insbesondere Kinder von Alleinerziehenden ein erhöhtes Armutsrisiko tragen. Verschärft werde die Lage durch steigende Scheidungsraten und die anhaltend gedrückte wirtschaftliche Situation, die es vielen Jugendlichen schwer mache, Arbeit zu finden. Außerdem kritisiert Butterwegge den Abbau von sozialen Leistungen im Zuge einer Art staatlichen „Sparprogramms“. Dabei verweist er unter anderem auf die Hartz-Reformen, die sich auf die neoliberale Annahme gründen, dass Staaten durch niedrige Steuern und Löhne versuchen müssen, als Standort für Unternehmen besonders attraktiv zu wirken, um dadurch mehr Menschen einen Arbeitsplatz zu verschaffen.
Mittlerweile ist die Zahl der Arbeitslosen laut Statistiken tatsächlich gesunken. Allerdings wird es laut Butterwegge zunehmend ein Problem für viele Jugendliche, eine ordentlich bezahlte Tätigkeit zu finden. Schon jetzt müsse sich eine große Anzahl junger Leute mit mies bezahlten Minijobs oder in Leiharbeit durchschlagen und sich gleichzeitig am laufenden Band mit Weiterbildungen und Praktika auf eine der wenigen echten Arbeitsstellen vorbereiten. In den meisten EU-Ländern gehe es ähnlich zu. In vielen sei die Lage sogar noch viel schlimmer. In Portugal mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 38,6 Prozent beispielsweise finden laut EU-Statistiken selbst gut ausgebildete junge Menschen keine Arbeitsstelle mehr.
Die aktuelle Jugendstudie des Sinus-Instituts in Heidelberg unterstreicht diese Einschätzungen. „Sinus“ weist darauf hin, dass sich etwa sieben Prozent der 14-bis 17-Jährigen in Deutschland weitgehend damit abgefunden haben, von Hartz IV zu leben – ohne Perspektiven. Diese Jugendlichen zeigen laut „Sinus“ deutliche Rückzugs- und Vereinsamungstendenzen. Sie werden in Resignation, Wohnungslosigkeit, Illegalität und damit in das gesellschaftliche Abseits gedrängt.

Kinder- und JugendberichtDie Jugendarmut wächst

Die Politik investiert große Summen in Kinderbetreuung und Beratungsangebote. Dennoch steigt die Zahl der sozial und finanziell abgehängten Jugendlichen.

© Arco Images/dpa

Schlafende JugendlicheSchlafende Jugendliche

Familienministerin Kristina Schröder sieht es als ihre zentrale Verantwortung an, faire Chancen für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Das schreibt sie im Vorwort des kürzlich erschienenen 14. Kinder- und Jugendberichts. Doch die von der Regierung beauftragte Expertenkommission kommt zu dem Schluss, dass sich die Lebenssituation vieler Jugendlicher verschlechtert statt verbessert hat. Der aktuelle Bericht soll eine Gesamtbeurteilung der Lebenssituation junger Menschen bieten. Eine solche Bestandsaufnahme gab es zuletzt im Jahr 2002.

Zwar heißt es in dem Bericht, die große Mehrheit habe eine gute Kindheit und Jugend. Aber eine keinesfalls kleine Minderheit sei von “sozialer Ungleichheit, sozialen Benachteiligungen und individuellen Beeinträchtigungen, ungünstigen Bildungs- und Entwicklungschancen und Armut” betroffen. Die Rede ist unter anderem von “einer erheblichen Kinder- und Jugendarmut“.

Die Statistiken zeigen, dass die Armutsrisikoquote der Elf- bis Zwanzigjährigen zwischen 1996 und 2010 von 15 Prozent auf über 18 Prozent gestiegen ist. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als in der Gesamtbevölkerung. Im Osten der Republik sind sogar 29,6 Prozent der Elf- bis Zwanzigjährigen armutsgefährdet. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schrieb im Oktober 2012 in einem Bericht, dass weiterhin überdurchschnittlich viele Jugendliche und junge Erwachsene arm seien. Die Armutsgefährdung der unter Zehnjährigen hat sich dagegen in den letzten Jahren dem Gesamtniveau angeglichen.

Die Politik muss Jugendliche besser fördern

In finanziell prekären Verhältnissen lässt die Perspektivlosigkeit Eltern und Kinder schnell verzweifeln. Erziehung und Bildung leiden darunter. Doch während Familienpolitik und die prognostizierte Altersarmut im öffentlichen Diskurs bereits allgegenwärtig sind, sind die Probleme von Jugendlichen “von der politischen Agenda verschwunden”, heißt es im Bericht.

“Die Zahl von schlichtweg erziehungsunfähigen Eltern in der nur als abgehängt zu bezeichnenden Unterschicht wächst kontinuierlich”, sagt Georg Ehrmann. Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe bemängelt, dass die Jugendhilfe  “vielerorts systematisch ausgeblendet” werde. Unterstützung und Beratung erhielten sozial benachteiligte Jugendliche oft erst, wenn sie delinquent oder missbraucht würden. Prävention kommt zu kurz.

“So hängen die Überlebenschancen vom Wohnort ab”

Allerdings ist die Zahl der Inobhutnahmen durch die Jugendämter seit 2005 um fast 50 Prozent auf 38.456 im Jahr 2011 gestiegen. Im Bericht der Bundesregierung heißt es dazu, die Kinder- und Jugendhilfe agiere wieder stärker als intervenierende und kontrollierende Instanz.

Ist das gut, weil konsequenter eingegriffen wird oder schlecht, weil immer mehr Kinder und Jugendliche ihren familiären Halt verlieren? Ehrmann glaubt, beides treffe zu. Doch nach wie vor blieben manche Kinder aus Kostengründen und fehlenden Unterbringungen “eher zu lange in Risikofamilien”. Außerdem arbeite jedes der rund 600 Jugendämter in Deutschland anders. “So hängen die Überlebenschancen eines Kindes vom Wohnort ab”, sagt Ehrmann.

Die Gefahr, wirtschaftlich abgehängt zu werden, ist für Migranten besonders hoch. Laut Kinder- und Jugendbericht sind 25,7 Prozent der Elf- bis Zwanzigjährigen mit Migrationshintergrund von Armut betroffen, gegenüber 15,2 Prozent der Jugendlichen ohne.

In Migrantenfamilien helfen häufiger die Verwandten

Barbara Winter arbeitet im SOS-Kinderdorf in Berlin-Moabit, einem Stadtteil, in dem mehr als 40 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Doch obwohl die Armutsquote der Migranten so viel höher ist, kommen die meisten Pflegekinder in den Berliner SOS-Kinderdorffamilien aus zumindest teilweise deutschen Familien. Winter führt das auf die traditionellen Strukturen zurück, die in vielen türkischen und arabischen Familien stärker ausgeprägt seien. Probleme könnten deshalb eher in der Verwandtschaft aufgefangen werden. Gleichzeitig falle es dadurch aber auch tendenziell später auf, wenn ein Kind gefährdet sei.

Die Bundesregierung verweist in einer Stellungnahme zum Kinder- und Jugendbericht auf eine Initiative des Familienministeriums, die Jugendpolitik als eigenständigen Themenkomplex etablieren soll. Einen Schwerpunkt sollen dabei Lern- und Bildungsorte bilden, unter anderem durch den Ausbau von Ganztagsschulen.

Die Kosten bleiben an den Kommunen hängen

Die Expertenkommission fordert jedoch darüber hinaus ein stärkeres finanzielles Engagement des Bundes. Aktuell trägt der Bund nur etwas mehr als ein Prozent der jährlichen Kosten von fast 29 Milliarden Euro, die Länder knapp 29 Prozent. Für den Löwenanteil von rund 70 Prozent müssen die Kommunen aufkommen.

Damit sind viele Gemeinden überfordert. Diese Erfahrung macht auch das Kinderdorf in Berlin-Moabit: “Die finanziellen Mittel vom Senat und vom Bezirk sind erschöpft, aber der Bedarf an Kinder- und Jugendhilfe wächst”, sagt Winter. “Ich habe den Eindruck, dass die Politik die Fähigkeit verliert, die Dinge in die richtige Richtung zu steuern.”

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-03/jugendpolitik-armut-kinderhilfe/seite-2

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