Massiver Handel mit menschlichen Organen im Kosovo unter internationaler Verwaltung: Sonderbericht des Europarates wirft dem kosovarischen Regierungschef und früheren Kommandanten der kosovarischen Befreiungsarmee UCK, Hashim Thaci, vor, nach Ende des Kosovokriegs 1999 in den Handel mit überlebenswichtigen Organen, die man verschleppten Serben und angeblichen Kollaborateuren entnommen haben soll, verwickelt gewesen zu sein. Der illegale Handel flog auf, nachdem im November 2008 ein junger türkischer Spender im Flughafen von Pristina zusammengebrochen war und Ärzte festgestellt hatten, dass man ihm kurz zuvor eine Niere entfernt hatte.Die Organspender stammten alle aus ärmlichsten Verhältnissen und Ländern wie der Türkei, Russland, der Moldau und Kasachstan. Sie wurden mit der Zusicherung, rund 10 000 bis 12 000 Euro für eine Niere zu erhalten, nach Pristina gelockt, wobei einige der Spender das ihnen zugesicherte Geld nie zu Gesicht bekamen. Die Empfänger waren wohlhabende Patienten, die mehrheitlich aus Israel stammten. Sie bezahlten zirka 80 000 bis 100 000 Euro für eine Niere.

Illegaler Organhandel in Kosovo

Geschäfte mit menschlichen Ersatzteilen

International Heute, 15:36

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Prozess gegen den Urologen Lutfi Dervishi und seine Komplizen wegen Organhandels in Pristina.
Prozess gegen den Urologen Lutfi Dervishi und seine Komplizen wegen Organhandels in Pristina. (Bild: Reuters)
Im sogenannten Medicus-Fall sind in Kosovo fünf Ärzte wegen illegaler Organtransplantationen zu teilweise mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Weitere Verdächtige befinden sich noch immer auf der Flucht.

tf. Wien ⋅ Nach der Anhörung von rund 80 zum Teil grausigen Zeugenaussagen sind beim Prozess um illegale Organtransplantationen in einer Privatklinik in Pristina die erstinstanzlichen Urteile gefällt worden. Ein dreiköpfiges Richtergremium, bestehend aus zwei Richtern der EU-Rechtsstaatsmission in Kosovo (Eulex) und einem lokalen Richter, verurteilte fünf der Angeklagten zu Haftstrafen in der Höhe von insgesamt 20 Jahren. Im Zentrum der Anklage stand dabei der Vorwurf, im Jahr 2008 in der Medicus-Klinik in Kosovos Hauptstadt Pristina an der illegalen Transplantation von mindestens 23 Nieren und am damit verbundenen Menschenhandel beteiligt gewesen zu sein.

Betrogene Spender

Die Organspender stammten alle aus ärmlichsten Verhältnissen und Ländern wie der Türkei, Russland, der Moldau und Kasachstan. Sie wurden mit der Zusicherung, rund 10 000 bis 12 000 Euro für eine Niere zu erhalten, nach Pristina gelockt, wobei einige der Spender das ihnen zugesicherte Geld nie zu Gesicht bekamen. Die Empfänger waren wohlhabende Patienten, die mehrheitlich aus Israel stammten. Sie bezahlten zirka 80 000 bis 100 000 Euro für eine Niere. Der illegale Handel flog auf, nachdem im November 2008 ein junger türkischer Spender im Flughafen von Pristina zusammengebrochen war und Ärzte festgestellt hatten, dass man ihm kurz zuvor eine Niere entfernt hatte.

Die Angeklagten bestritten während des Prozesses jegliches Fehlverhalten. Der Direktor der Klinik, der Urologe Lutfi Dervishi, wurde dennoch der organisierten Kriminalität und des Menschenhandels schuldig gesprochen und zu acht Jahren Haft verurteilt. Sein Sohn Arban, ebenfalls ein Arzt, erhielt eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren und drei Monaten. Zu drei Jahren Haft verurteilt wurde Sokol Hajdini, ein Anästhesist, der dem türkischen Chirurgen Yusuf Sonmez bei einer Organtransplantation assistiert hatte. Zwei weitere Ärzte erhielten Haftstrafen von je einem Jahr, während Ilir Rrecaj, ein früherer Beamter des Gesundheitsministeriums, vom Vorwurf des Amtsmissbrauchs und der Dokumentenfälschung freigesprochen wurde.

Drahtzieher noch flüchtig

Mit dem Urteil kann der Fall noch keineswegs abgehakt werden. Zum einen haben die Verurteilten bereits Berufung angekündigt. Zum andern befinden sich wichtige Verdächtige noch immer auf der Flucht. Das gilt nicht nur für den türkischen Chirurgen Sonmez – in lokalen Medien mitunter als «Doktor Frankenstein» betitelt. Auf den Fahndungslisten von Interpol aufgeführt ist auch Moshe Harel, ein Israeli, der laut der Anklageschrift zusammen mit Sonmez und Dervishi ein Drahtzieher des illegalen Handels gewesen sein soll und unter dessen Zuständigkeit die Rekrutierung von Organspendern fiel. Da diese Spender zumeist allein in Pristina ankamen, die lokale Sprache nicht kannten und über das geplante Prozedere im Dunklen gelassen wurden, war es offenbar ein Leichtes, sie finanziell auszunützen und zur Unterzeichnung gefälschter Dokumente zu bewegen.

Wenn der Fall grosse Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist das nicht zuletzt dem Ende 2010 vom damaligen Schweizer Sonderberichterstatter des Europarats, Dick Marty, vorgelegten Bericht zuzuschreiben. Darin wird dem kosovarischen Regierungschef und früheren Kommandanten der kosovarischen Befreiungsarmee UCK, Hashim Thaci, vorgeworfen, nach Ende des Kosovokriegs 1999 in den Handel mit überlebenswichtigen Organen, die man verschleppten Serben und angeblichen Kollaborateuren entnommen haben soll, verwickelt gewesen zu sein. Der Vorwurf wird seit Herbst 2011 von der Eulex separat untersucht, unter Leitung des Amerikaners John Clint Williamson. Marty zeigt sich überzeugt, dass zwischen dem Organhandel unmittelbar nach Kriegsende und dem Medicus-Fall ein Zusammenhang besteht.

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