Die Studie, auf die sich die Politiker und etwa die EZB berufen, dass es zum “Sparen” keine Alternative gäbe, ist voller wissenschaftlicher Fehler! Jetzt rudern sogar ihre US-Autoren zurück! Zuletzt etwa forderten sie im aktuellen Umfeld von schwachem Wachstum, die Wirtschaft mit öffentlichen Investitionen anzukurbeln. Dass die Studie nun zerpflückt wurde, hat auch zu der jüngsten Abkehr von der Sparpolitik beigetragen. Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici erklärte die Sparpolitik etwa für beendet, das “Dogma der Sparpolitik” für gebrochen.

Von Söldnern, Statistiken und Sparpaketen

Lukas Sustala, 7. Mai 2013, 20:00
  • Hohe Staatsverschuldungen führen zu Sparplänen: Ein spanischer Arbeiter protestiert dagegen.
    foto: ap/alvaro barrientos

    Hohe Staatsverschuldungen führen zu Sparplänen: Ein spanischer Arbeiter protestiert dagegen.

  • Oft zitiert, aber fehlerhaft: Die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart ...
    foto: katharine keenan

    Oft zitiert, aber fehlerhaft: Die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart …


  • ... und Kenneth Rogoff verfassten eine populäre Schulden-Studie.
    foto: imf

    … und Kenneth Rogoff verfassten eine populäre Schulden-Studie.

Die Fehler in einer Studie der Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart erschüttern die Volkswirtschaftslehre

Wie viel Staatsschulden sind zu viel? Diese Frage treibt die Volkswirtschaftslehre um. Fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise lastet auf den Staaten der entwickelten Welt die höchste Schuldenlast seit dem Zweiten Weltkrieg, zeigen Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF). Länder wie die USA, Japan, Italien oder Portugal schulden ihren Gläubigern mehr, als ihre Volkswirtschaften im Jahr produzieren.

Die beiden renommierten US-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart haben in einer Studie 2010 eine einfache Antwort gegeben, wann es zu viel Schulden sind: Ab einem Schuldenstand von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung verlangsamt sich das Wachstum.

Doch die These der “magischen Zahl” 90 bröckelt. Denn in der Studie ist der Wurm drin, genauer gesagt mehrere. Ein falscher Klick hat einige Länder einfach aus der statistischen Analyse geschmissen. Dazu hat eine eigenwillige Form der Gewichtung einen einzigen Datenpunkt (Neuseeland 1951) zur wichtigen Stütze des zentralen Ergebnisses gemacht: Im Schnitt, postulierten Reinhart und Rogoff, schrumpften Industrieländer, wenn ihre Schulden 90 Prozent der Wirtschaftsleistung übersteigen. Falsch, errechneten die Ökonomen um den Doktoranden Thomas Herndon von der Universität Massachusetts Amherst. Das Wachstum sei im Schnitt zwei Prozent höher als von Reinhart und Rogoff errechnet. Immer noch geringer als in Phasen niedriger Schulden, aber von chronischer Stagnation weit entfernt.

Offene Daten gegen Fehler

Velichka Dimitrova von Open Economics etwa kritisiert, dass es drei Jahre gedauert hat, ehe die Amherst-Ökonomen auf die Fehler gestoßen sind. Viel schneller hätte man die Studie bereinigen können, wenn die Daten und die Kalkulationen anderen Wirtschaftsforschern zugänglich gemacht worden wären. Zu dem Zeitpunkt des ökonomischen Frontalangriffs von Herndon auf die renommierten Harvard-Ökonomen war deren Forschungspapier allerdings schon knapp drei Jahre alt.

Zudem wäre eine genauere statistische Überprüfung der Ergebnisse notwendig gewesen: “Der kritisierte Artikel war auch nicht mit dem höchsten Standard der Ökonometrie (Methode zur Überprüfung ökonomischer Theorien; Anm.) verfasst”, sagt Karl Aiginger, Chef des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) dem Standard. Daher spiele die Studie im wissenschaftlichen Diskurs auch kaum eine Rolle, so Aiginger.

Doch in der politischen Diskussion um Schuldenmachen und Sparpolitik waren Reinhart und Rogoff wichtige Proponenten. Mit dem Buch Dieses Mal ist alles anders haben die beiden Ökonomen der Harvard University wirtschaftspolitische Berühmtheit erlangt. Die beiden waren bereits zuvor bekannt, Rogoff als Ex-Chefvolkswirt des IWF, Reinhart ist gemessen an den Zitierungen in Fachjournalen die einflussreichste weibliche Ökonomin weltweit und renommierte Expertin für Finanzkrisen. Ihr Renommee und das gute Timing des Buchs haben auch ihre nachfolgende Schulden-Studie populär gemacht.

Tatsächlich wurde die Studie “Wachstum in Zeiten von Schulden” von der Wirtschaftspolitik gerne zitiert. Vertreter der Europäischen Zentralbank taten es, wie Jörg Asmussen, der Währungskommissar der Europäischen Kommission. Olli Rehn tat es, um die Europäer auf die Sparpolitik einzuschwören, in den USA machten die Republikaner mit dem Papier Wahlkampf. “Schwellenwerte sind immer eher didaktisch und populistisch, sie werden von der Politik nachgefragt und unendlich oft wiederholt”, sagt Aiginger.

Dass die Studie nun zerpflückt wurde, hat auch zu der jüngsten Abkehr von der Sparpolitik beigetragen. Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici erklärte die Sparpolitik etwa für beendet, das “Dogma der Sparpolitik” für gebrochen. Dabei hält es etwa Wifo-Chef Aiginger für wissenschaftlich belegt, dass hohe Schulden (zwischen 60 und 100 Prozent der Wirtschaftsleistung) den Spielraum der Wirtschaftspolitik einschränken und das Wachstum tendenziell senken. Wie hoch der Wert im Einzelfall ist, sei aber auch davon abhängig, welche “Qualität” die Staatsschulden haben. Gute Schulden etwa würden gemacht, wenn der Staat mit Forschungs- und Bildungsausga- ben den langfristigen Wachstumspfad der Wirtschaft anhebt.

Reinhart und Rogoff selbst sind in Kommentaren seit Bekanntwerden der Fehler ihrer Studie zurückgerudert. Zuletzt etwa forderten sie im aktuellen Umfeld von schwachem Wachstum, die Wirtschaft mit öffentlichen Investitionen anzukurbeln. Und die beiden verteidigten sich: Sie selbst hätten Sparpolitik nie als alternativlos bezeichnet.

Ökonomen als Söldner

Doch in einem aktuellen Kommentar in der New York Times wirft Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman seinen Harvard-Kollegen vor, nicht verhindert zu haben, dass ihre Ergebnisse zu stark vereinfacht und übertrieben von der Politik dargestellt werden. Dabei hält er seine Harvard-Kollegen für seriöser als andere Ökonomen, die nur “Söldner von Interessengruppen” seien.

Wie schwierig die Lehren aus der aktuellen Schuldenkrise sind, zeigt eine Studie von Ökonomen im jüngsten Weltwirtschaftsausblick des IWF: “Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Wachstum und Schulden.” In der aktuellen Situation müssten Länder unterschiedlich auf ihre zum Teil hohen Schulden reagieren, so die IWF-Experten. Manche Länder wie Spanien müssten ihre Bankensysteme aufräumen, wieder andere ihre Arbeitsmärkte lockern. Das Schema F aber gibt es nicht, lautet die wenig erbauliche Schlussfolgerung des IWF aus der Wirtschaftsgeschichte seit 1875.

Doch neben einfachen Datenfeh- lern und politischen Interpretationsspielräumen haben die Erkenntnisse der Harvard-Volkswirte noch einen Haken. Sie helfen kaum, zwischen Kausalität und Korrelation zu unterscheiden. Dass hohe Schulden oft mit niedrigem Wachstum einhergehen, ist aus der Wirtschaftsgeschichte leicht abzulesen. Doch ob die hohen Schulden auch der Grund für die maue Dynamik sind, steht auf einem anderen Blatt. Larry Summers, selbst Ökonomie-Professor an der Harvard-Universität, fordert in einem Kommentar für die Financial Times ein Umdenken in der Volkswirtschaftslehre: einen skeptischeren Umgang mit der statistischen Analyse. “Mehrere Billionen Dollar wurden verloren, und Millionen Menschen schlitterten in die Arbeitslosigkeit, weil die Lehre aus den 60 Jahren zwischen 1945 und 2005 war: US-Häuserpreise können nur steigen.” Aber die Immobilienkrise, die 2006 einsetzte, zeige, dass man aus historischen Zeitreihen nur bedingt etwas für die Zukunft sagen kann. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 08.05.2013)

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