Vom Clash in den Kulturen! Jüdinnen wollen gleichberechtigt an der Klagemauer beten und werden von Orthodoxen mit Steinen, Müll, Wasserflaschen beworfen! Die Spannungen zwischen ultraorthodoxen Juden, Anhängern des Reformjudentums sowie säkularen Israelis haben in der jüngsten Vergangenheit stark zugenommen. In öffentlichen Bussen, die durch Jerusalems religiöse Viertel fahren, werden Frauen dazu angehalten nur auf den hinteren Sitzen Platz zu nehmen. Frauen werden nicht nur von orthodoxen Muslimen diskriminiert, sondern auch von orthodoxen Juden (und orthodoxen Christen)! Aber überall wehren sich inzwischen die Diskrimierten! In den USA werden die aktuellen Konflikte in der Weltbevölkerung im Sinne des Konfliktes der Kulturen interpretiert; Dieter Senghaas dagegen legt den Schwerpunkt auf den Konflikt in den Kulturen!

Zores um Gleichberechtigung an der Klagemauer

10. Mai 2013, 12:17
  • Wer als Frau eine Bar Mitzwa an der Klagemauer mitverfolgen will, muss auf einen Sessel steigen.
    foto: ap/armangue

    Wer als Frau eine Bar Mitzwa an der Klagemauer mitverfolgen will, muss auf einen Sessel steigen.

  • Die Polizei versuchte die ultraorthodoxen Demonstranten in Zaum zu halten.
    foto: apa/epa/hollander

    Die Polizei versuchte die ultraorthodoxen Demonstranten in Zaum zu halten.


  • Unterstützerinnen von "Women of the Wall".
    foto: apa/epa/sultan

    Unterstützerinnen von “Women of the Wall”.

Aktivisten von “Women of the Wall” werden an der heiligen Stätte von ultraorthodoxen Gegendemonstranten angegriffen

Freitagmorgen haben an der Klagemauer in der Altstadt Jerusalems die Aktivistinnen der Organisation “Women of the Wall” zum Gebet gerufen und damit einen Protest der Ultraorthodoxen ausgelöst. Auf die Frauen wurden Wasserflaschen, Müll, Plastiksessel und sogar Steine geworfen. Zwei Polizisten wurden bei dem Versuch die beiden Gruppen zu trennen leicht verletzt. Drei der ultraorthodoxen Demonstranten wurden anschließend verhaftet.

Laut Angaben von “Women of the Wall” befanden sich zum Zeitpunkt der Aktion ungefähr 500 der Aktivistinnen sowie 5000 Gegendemonstranten vor der Klagemauer. Zwei Rabbis hatten im Vorfeld junge ultraorthodoxe Mädchen dazu aufgerufen, die Versammlung von “Women of the Wall” zu verhindern.

Bahnbrechendes Gerichtsurteil

“Women of the Wall” hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Gleichberechtigung von Frauen an der heiligsten Stätte des Judentums zu kämpfen. Bisher dürfen Frauen nur in einem abgetrennten Bereich beten und außerdem keinen Gebetsschal und schwarzen Gebetsriemen tragen, da an der Klagemauer dieselben Regeln gelten wie in einer ultraorthodoxen Synagoge. Im vergangenen Monat wurden fünf Frauen der Organisation von der Polizei festgenommen, nachdem sie sich diesen Vorschriften widersetzten. Ein lokales Gericht urteilte aber im Nachhinein, dass die Festnahme unrechtmäßig gewesen war und Frauen das Tragen des Gebetsschleiers gestattet ist. Damit gibt es in den zwanzig Jahren, die “Women of the Wall” schon aktiv sind, zum ersten Mal die Hoffnung einer weitreichenden Änderung.

Segregation im Bus

Natan Scharanski, Leiter der Jewish Agency, der jüdischen Einwanderungsorganisation, schlug einen Kompromiss für die beiden Konfliktparteien vor: An der Klagemauer könnte innerhalb weniger Monate ein dritter Gebetsbereich eingerichtet werden, an dem Männer und Frauen miteinander beten können. Die ultraorthodoxe Gemeinde lehnt diesen Vorschlag mit der Begründung, dass jede Veränderung der heiligen Stätte verboten ist.

Die Spannungen zwischen ultraorthodoxen Juden, Anhängern des Reformjudentums sowie säkularen Israelis haben in der jüngsten Vergangenheit stark zugenommen. In öffentlichen Bussen, die durch Jerusalems religiöse Viertel fahren, werden Frauen dazu angehalten nur auf den hinteren Sitzen Platz zu nehmen. Justizministerin Tzipi Livni hat nun angekündigt, der Segregation durch ein neues Gesetz ein Ende bereiten zu wollen. (ted/derStandard.at, 10.5.2013)

Dieter Senghaas
Zivilisierung wider Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst

Frankfurt/M. 1998

español  


Frankfurt/M.: Suhrkamp,
1998.
187 Seiten
ISBN 3-518-12081-6

Suhrkamp Verlag:
external linkWebsite

  Es geht Dieter Senghaas in diesem Buch um das Verhältnis traditioneller Denkweisen zu Gegenwart und Zukunft. In drei Kapiteln untersucht er Spannungen, Konstrukte und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben: Pluralität und Politisierung – Herausforderungen für Kulturen, weiter Zusammenprall der Kulturen? und Kommunikation über Kulturen.
Das erste Kapitel wird mit einem Abschnitt über Interkulturelle Philosophie in der Welt von heute eröffnet, dem sich vier Fallstudien anschließen: über die Relevanz der klassischen chinesischen Philosophie für das moderne China, über reformatorische Möglichkeiten des Islam, über Gesellschaftsvorstellungen des Buddhismus und über den Hinduismus zwischen »spiritueller« und »moderner Pluralität«.
Das zweite Kapitel setzt sich kritisch mit der These von einem “Kampf der Kulturen” auseinander. Die wirklichen Konflikte sind nach Senghaas »durch sozio-ökonomische Probleme vorgezeichnet«; es sind »Verteilungskonflikte«, nicht etwa Konflikte »um Art oder Intensität und schon gar nicht um den jeweiligen Inhalt von Gläubigkeit« (144f). Die Debatte um sogenannte “asiatische Werte” bildet hier die entsprechende Fallstudie, wobei die These ist: Es gibt sie nicht. Was damit benannt wird, sind Wertvorstellungen traditionaler Gesellschaften im allgemeinen.
Das Abschlusskapitel bringt ein Plädoyer für eine Reorientierung des interkulturellen Dialogs, wobei der Dialog zwischen Christen und Muslimen bzw. westlicher Moderne und Islam als Anlass dient. Diese Dialoge sieht Senghaas als defizient an: Sie gehen von stereotypen Fremd- und Selbstbildern aus und sie werden nicht über die tatsächlichen Probleme geführt.
Philosophen und Philosophinnen, die sich in ihrem Philosophieren der Herausforderung der Interkulturalität stellen wollen, werden gut daran tun, über Senghaas These nachzudenken, »daß alle Kulturen mehr als je in der Vergangenheit wirklich mit sich selbst in Konflikt geraten und darüber selbstreflexiv werden. Erst auf solcher Grundlage wird ein zeitgemäßes fruchtbares interkulturelles Gespräch beginnen können: allerdings weniger von Kultur zu Kultur, sondern zwischen kulturellen Segmenten quer durch die Welt.« (48) Es wird um Sachfragen gehen müssen.

Franz Martin Wimmer, Wien

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