Extremistische religiöse Gewalt nimmt jetzt auch in Afrika massiv zu, von Muslimen, aber auch von Christen – wie der Lord-Resistance-Armee. Lange hatten die Religionen in Afrika relativ friedlich zusammengelebt. Der afrikanische Islam ist traditionellerweise pragmatisch, gemäßigt und tolerant. Vor allem die Perspektivlosigkeit der afrikanischen Jugend und die Monopolisierung der Rohstoffgewinne von einer kleinen Elite und den internationalen Konzernen sind der Boden für die Radikalisierung, sowie die oft brutale Reaktion der Eliten, die viele Unbeteiligte trifft und so mehr Menschen in die Gewalt zieht. Einige interessante Infos, kritische Reflektion der westlichen Politik als wesentliche Ursache aber fehlt, etwa die Radikalisierung der islamischen Bewegung in Somalia nach dem von den USA organisierten Einmarsch Äthiopiens in ihr Land, die Auswirkungen des völkerrechtswidrigen Krieges in Libyen, die Unterstützung afrikanischer Eliten bei der Korruption etwa durch Verweis auf das Bankgeheimnis, wenn Eliten ihr Geld bei den westlichen Banken deponieren, die schlechte Bezahlung in westlichen Rohstoffkonzernen in Afrika, der Abfluss der Gewinne aus der Kontrolle afrikanischer Rohstoffe durch westliche Unternehmen, die zur Investition in Afrika nötig wären, die zerstörerischen Folgen der Überfischung afrikanischer Gewässer auch durch Schiffe aus Europa und für die afrikanische Landwirtschaft durch den Verkauf subventionierter Lebensmittel aus den USA und der EU, die viele Bauern ruinieren, u.a.. Die Radikalisierung von Boko Haram begann, als die nigerianische Polizei ihren Leiter im Polizeigewahrsam nach seiner Verhaftung ermordete, auch das verschweigt die Neue Züricher Zeitung. Schließlich kontrollieren die westlichen Konzerne die Ölvorkommen Nigerias und profitieren am Export von Luxusgütern für die Elite dieses Landes.

Anschläge in Niger

Terror in Afrika

David Signer

Als im September 2001 der islamistische Terror die Welt erschütterte, erschien das subsaharische Afrika als Insel der Seligen. Obwohl der Kontinent eine halbe Milliarde Muslime zählt und nirgendwo sonst Islam und Christentum so unmittelbar aufeinandertreffen, waren die Bewohner offenbar immun gegen religiösen Fanatismus. Der Angriff auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam im Jahr 1998 war ein singuläres Ereignis geblieben. Der afrikanische Islam ist traditionellerweise pragmatisch, gemässigt und tolerant. Das zeigt sich auch an der Stellung der Frau, und von der Einführung der Scharia will kaum jemand etwas wissen.

Die Grenze zwischen Muslimen und Christen in Afrika verläuft ungefähr entlang dem zehnten nördlichen Breitengrad. Sie hat mit der Tsetsefliege zu tun. Als die islamischen Eroberer im 7. Jahrhundert immer weiter ins Innere Afrikas vorrückten, gelangten sie von der Wüste in die Savanne und schliesslich ins Gebiet der Tsetsefliege, der Überträgerin der Schlafkrankheit. Die Pferde und Kamele der Araber starben massenweise, der Vorstoss stockte. Erst im 19. Jahrhundert kamen die christlichen Missionare. Bei den «Heiden» hatten sie leichtes Spiel; bis sie – von Süden her – den zehnten Breitengrad erreichten, wo das islamische Gebiet begann. Diese Aufteilung Afrikas gilt mehr oder weniger bis heute. Zwischen dem islamischen und dem christlichen Einflussgebiet gibt es eine durchmischte Zone, wo die zwei Religionen recht friedlich koexistierten.

Politisches Chaos als Nährboden

Das änderte sich 2006. Das Einfallstor für die Jihadisten war Somalia. Dort sorgten islamische Organisationen für ein Minimum an öffentlichen Diensten und Ordnung inmitten der Anarchie. Schliesslich wurden aus den lokalen Gerichten Milizen. Sie nannten sich «ash-Shabab» (Jugend), übernahmen die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadiscio, den Hafen Kismayo und den grössten Teil Zentral-Somalias, wo sie die brutalste Form der Scharia umsetzten. 2008 erklärten sie, sich mit al-Kaida verbündet zu haben. Ab 2011 konnten die Truppen der Afrikanischen Union (Amisom) ash-Shabab massiv zurückdrängen, aber vereinzelte Anschläge verbreiten immer noch Angst und Schrecken.

Konnte man den Jihadismus in Somalia noch unter «Spezialfall eines gescheiterten Staates» abbuchen, war dies in Mali nicht möglich. Mali galt bis vor wenigen Jahren als vorbildliche Demokratie. Verschiedene Faktoren trugen dazu bei, dass sich die Islamisten ausgerechnet hier festsetzen konnten: Die langjährige Frustration der Tuareg-Bevölkerung; der Sturz Ghadhafis, dessen Tuareg-Söldner mit Unmengen Waffen in ihre Heimat zurückkehrten; die Kriminalisierung der Region durch Drogenschmuggel; die Armut und Arbeitslosigkeit in Nordmali; das Überschwappen der islamistischen Kämpfe aus Algerien und die Transformation der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf zu al-Qaïda du Maghreb islamique (Aqmi); schliesslich der Militärcoup im März 2012. Aber wie in Somalia wurde die islamistische Herrschaft von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt.

Im Namen des Herrn

Komplizierter ist Nigeria. Seit mehreren Jahren radikalisiert sich der islamische Norden, ein Gliedstaat nach dem andern führte die Scharia ein. Das verbreitete Ressentiment hat nicht nur religiöse, sondern auch ökonomische und politische Gründe: Die Bewohner des Nordens fühlen sich benachteiligt, abgeschnitten von den üppigen Öleinnahmen. Es kam immer wieder zu Übergriffen auf die christliche Minderheit, die oft ebenso brutal zurückschlug. 2009 trat Boko Haram auf den Plan. Ihr islamistischer Terror hat inzwischen Tausende von Menschenleben gefordert. Die Zentralregierung reagierte mit Gegengewalt, der zahlreiche Zivilisten zum Opfer fielen. Durch die Repression werden auch viele moderate Muslime radikalisiert.

Letzte Woche nun wurden eine Kaserne und eine Uranmine in Niger überfallen. Wieder bekannte sich eine islamistische Gruppe zu den Anschlägen. Damit ist das subsaharische Afrika definitiv Teil der jihadistischen Weltkarte geworden.

Allerdings ist das Gewaltpotenzial der afrikanischen Christen, insbesondere der Evangelikalen, auch nicht zu unterschätzen. Der fürchterlichste religiös motivierte Terror auf dem Kontinent ging bisher nicht von Muslimen aus, sondern von der Lord’s Resistance Army mit ihrem Anführer Joseph Kony. Die «Widerstandsarmee des Herrn» mit ihren Kindersoldaten hat laut Uno-Schätzungen 100 000 Menschenleben auf dem Gewissen und zog eine Blutspur von Uganda über den Sudan und Kongo-Kinshasa bis in die Republik Zentralafrika.

Terroristen jeder Couleur zielen immer darauf ab, Zwietracht in der Bevölkerung zu säen. In vielen afrikanischen Staaten haben es Aufwiegler leicht, die Bevölkerung gegen Politiker zu mobilisieren, die vor allem die eigene Bereicherung im Sinn haben. Die beste Prophylaxe gegen religiöse Radikalisierung ist gute Regierungsführung.

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/terror-in-afrika-1.18089156

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