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Monthly Archives: June 2013

“Wichtig ist es, im Kampf zu bleiben”

INTERVIEW | 24. Mai 2013, 18:48
  • Arno Gruen: "Nicht die Ideologie treibt die Menschen dazu zu hassen. Die kommt erst später und wird nur dazu gebraucht, um den Hass zu rechtfertigen."
    foto: klett-cotta

    Arno Gruen: “Nicht die Ideologie treibt die Menschen dazu zu hassen. Die kommt erst später und wird nur dazu gebraucht, um den Hass zu rechtfertigen.”


Psychoanalytiker Arno Gruen über die Wichtigkeit, das eigene Selbst leben zu können, die Entstehung von Hass und wie in Zeiten wirtschaftlicher Not alles schlimmer wird

STANDARD: Herr Professor Gruen, Ihr Leben lang haben Sie sich mit Ihren Publikationen gegen Fremdenhass, Rechtsradikalismus und Gewalt eingesetzt. Erschüttert es Sie, an Ihrem 90. Geburtstag Zeuge eines gewaltbereiten Rassismus in Europa zu werden?

Gruen: Das Phänomen ist nicht neu. Es rührt daher, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung eine Kindheit hatte, die markiert war von autoritärer Unterdrückung des eigenen Selbst. Solche Menschen suchen dauernd Feinde, um geistig am Leben zu bleiben. Sie bekämpfen durch den Feind das Eigene, das, wie sie gelernt haben, aus der Sicht ihrer Eltern, der Schule, des Staates oder der Kirche unerwünscht ist. Das heißt, sie hassen sich selbst für das, was ihr Eigenes ist, und projizieren diesen Hass auf andere. Am Anderen hassen sie das, was sie gelernt haben, an sich selbst zu hassen. Darum haben wir diese Feindseligkeit zu beklagen. Ob sie gegen Roma, Türken oder Juden gerichtet ist, macht keinen Unterschied.

STANDARD: Fürchten Sie angesichts des teils offenen, teils verdeckten Antisemitismus dieser Gewaltexzesse nicht eine Neuauflage nazistisch motivierter Verbrechen?

Gruen: Nicht die Ideologie treibt die Menschen dazu zu hassen. Die kommt erst später und wird nur dazu gebraucht, um den Hass zu rechtfertigen. Der Hass war vorher da. Zu fühlen, dass man nicht die Person ist, die man sein könnte, weil es nicht akzeptiert wird, erzeugt Hass. Bereits im 18. Jahrhundert verwies der englische Dichter Edward Young darauf, dass wir als Originale geboren und als Kopien sterben würden. Diese Menschen, die voll Aggressionen sind, sind Kopien, die nie sie selbst sein durften. Ihre Eltern haben ihre Originalität nicht anerkannt und sie stattdessen gezwungen, sich in etwas hineinzufügen. Kinder müssen aber, um geistig und seelisch am Leben zu bleiben, auch zu Eltern, die ihre wahre Identität nicht anerkennen, eine Bindung herstellen. Das bedeutet, dass sie sich ihren Erwartungen unterwerfen müssen und ihr eigenes Selbst nicht leben dürfen.

STANDARD: Überbewerten Sie damit nicht die Wirkung von frühkindlichen Erfahrungen? Kann die Vielzahl an Einflüssen, der man im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist, nicht ebenfalls prägend wirken?

Gruen: Ich rede hier von etwas, das wir im Allgemeinen politisch nicht anerkennen möchten, und das ist die Bedeutung einer liebevollen und auf die Bedürfnisse des Kindes eingehenden Zuwendung. Das fängt bereits in den Tagen nach der Geburt an. Im ersten Lebensjahr werden die Weichen gestellt. Falsche Weichenstellung ist die Ursache, dass so viele Bewegungen in der Welt in Richtung Totalitarismus und autoritäre politische Strukturen zielen. Menschen, die als Kind unterdrückt wurden, verwandeln das, was geschehen ist, ins Gegenteil, um seelisch überleben zu können. Es vollzieht sich in ihrer Seele eine eigenartige Umkehr. Sie werden zum Komplizen ihrer Peiniger und fangen an, den, der sie unterdrückt und terrorisiert, zu idealisieren. Diese Erkenntnis veranlasste Proust, über den Mut zu staunen, in einer Welt zu leben, in der die Liebe durch eine Lüge provoziert werde, weil sie aus dem Bedürfnis bestehe, unsere Leiden von denen mildern zu lassen, die uns zum Leiden gebracht hätten. Das setzt sich fort bis ins Erwachsenenalter. Autoritär erzogene Menschen haben Angst vor lebendigen und offenen Entwicklungen. Sie suchen die Welt in ein Zwangsmodell zu pressen.

STANDARD: Haben sich die Vorstellungen von Erziehung seit der 68er-Bewegung nicht grundlegend gewandelt? Autoritäre Erziehungsmethoden, die Härte propagieren, werden heute doch kaum noch gutgeheißen.

Gruen: Etwa ein Drittel der Bevölkerung hatte eine Kindheit, in der Mitgefühl verpönt wurde und Zärtlichkeit als Schwäche angesehen wurde. Ein weiteres Drittel besitzt solche frühen Lebenserfahrungen, hat zugleich aber auch empathische Zuwendung erfahren. Und dann gibt es ein Drittel, das als Kind in seiner Menschlichkeit unterstützt wurde und Zärtlichkeit als etwas Wichtiges erlebte. Diese Aufteilung findet man in allen Bevölkerungen unserer Zivilisation.

STANDARD: Wollen Sie damit sagen, dass die humanen Defizite sich nicht ausgleichen lassen und keine Hoffnung besteht, Fremdenhass und Gewalt jemals zu be- seitigen?

Gruen: Die Hoffnung ruht auf der Gruppe, die ihre Menschlichkeit behalten hat und eine eigenständige Identität entwickeln konnte. Sie muss all die Probleme zur Sprache bringen, damit die Gruppe in der Mitte dazu ermutigt wird, zu ihren empathischen Fähigkeiten zu stehen. Geschieht das nicht, wendet sich diese Gruppe denen zu, die keine eigene Identität zu entwickeln vermochten und ihre Identifikationen nach autoritären Vorbildern ausrichteten. Das war der Hintergrund für die großen Wahlerfolge von Franklin D. Roosevelt in den 30er- und 40er-Jahren. Er zeigte sich in seinen öffentlichen Ansprachen sehr liebevoll und mitfühlend, ohne die Ängste zu verleugnen, denen Menschen ausgesetzt sind. Mit dieser Haltung sprach er nicht nur die Gruppe an, die selbst menschlich empfand, sondern er erreichte auch die Mittelgruppe, sodass er dreimal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, obwohl die Medien völlig gegen ihn waren. Es ist also durchaus möglich für Politiker, Menschlichkeit zu zeigen, und damit zur Weiterentwicklung der Demokratie beizutragen.

STANDARD: Können Sie heute solche Politiker nennen?

Gruen: In Dänemark und Norwegen und sogar in Schweden haben Sie Regierungen, deren Mitglieder versuchen, das Menschliche zu fördern. Haben Politiker dagegen Angst, Menschlichkeit zu zeigen, gerät die Demokratie in Gefahr. Das kann man zurzeit in Ungarn sehen. Da fördert das geistige Klima den Hass. Dadurch fühlen diese Menschen, die Feinde benötigen, sich gerechtfertigt, hassen zu dürfen. Sie werden durch Politiker gefördert, die ebenfalls den Hass brauchen, um an der Macht zu bleiben.

STANDARD: Welche Rolle spielen in diesem Hassgeflecht ökonomische Faktoren wie die Finanzkrise oder die hohe Jugendarbeitslosigkeit?

Gruen: Das Ökonomische spielt eine wichtige Rolle. Solange Menschen eine Arbeitsstelle haben, Geld verdienen, konsumieren und Waren kaufen können, empfinden sie sich als Teil der Gesellschaft. Sie haben dann das Gefühl, als Menschen vollständig zu sein. Sobald dies jedoch nicht mehr möglich ist, fühlen sie sich ausgeschlossen. Und die finanzielle Krise führte ja dazu, dass die Politiker, statt sich um das gesellschaftliche Problem der Arbeitslosigkeit zu sorgen, darauf bestanden, die Ausgaben zu reduzieren, was die Wirtschaft nicht stimuliert und alles noch verschlimmert – außer für die Reichen, die immer reicher werden. Menschen, die den Verlust ihres sozialen Status erleben, sind bereit, den Hass, der immer schon in ihnen vorhanden war, herauszulassen. Darum wird der Hass in Zeiten wirtschaftlicher Not immer stärker.

STANDARD: Sehen Sie darin eine Gefahr für die Demokratie in Europa?

Gruen: Gefährdet ist nicht nur die Demokratie in Europa. Sie finden diese Erscheinungen ebenso in den Vereinigten Staaten. Denken Sie etwa an die Tea-Party-Bewegung oder die Republikanische Partei, deren Anhänger sich gar nicht für menschliche Bedürfnisse interessieren. Wenn wir nur auf Europa schauen, weil es da diese Nazi-Vergangenheit gibt, verfehlen wir den Ursprung des Problems. Der Ursprung liegt in der Kultur unserer Zivilisation, die Besitz, Profit und Herrschaft zu etwas Göttlichem erhoben hat und die Wahrnehmung von Leiden und Schmerz verpönt. Die Vertreter dieser Kultur sind jene Menschen, die keine wahre Identität haben, weil sie früh dazu gebracht wurden, sich anzupassen an das, was Eltern, Schule oder Kirche von ihnen verlangten.

STANDARD: Wie zukunftsfähig ist unsere Zivilisation vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen?

Gruen: Wichtig erscheint mir, dass es Gegenbeispiele gibt. Auch im Hinblick auf das Anwachsen von Gewalt gegen Fremde, Juden, Türken gibt es viele Kräfte, die sich zur Wehr setzen, und die müssen unterstützt werden. Um eine demokratische Kultur aufrechtzuerhalten, muss man dauernd daran arbeiten und das Menschliche bestätigen. Der Kampf geht immer weiter. Man darf nur nicht das Empfinden haben, dass es ein vergeblicher Kampf ist. Schon Rousseau schrieb im 18. Jahrhundert vom Geist, der in die Natur eingedrungen sei wie das Messer in das Mark eines Baumes. Er meinte damit das abstrakte Denken, das die empathischen Wahrnehmungen verdrängt. Man könne die Schneide nicht mehr aus dem Stamm herausziehen. Denn der Baum würde verbluten. Aber ein Schwert im Herzen der “Weltesche” sei auch kein Merkmal für ihre Gesundheit. Der Kampf gegen Wettbewerb, Profit und Herrschaft und all das, was uns in die Unmenschlichkeit treibt, ist ein dauernder, der nie zu Ende sein wird. Wichtig ist es, im Kampf zu bleiben.

STANDARD: Ihrem neuen Buch haben Sie ein Zitat des portugiesischen Schriftstellers José Saramago vorangestellt über unsere Neigung wegzuschauen …

Gruen: Das Zitat stammt aus einem Interview, das Saramago zu seinem Roman Die Stadt der Blinden gab. Er sagte damals, er habe zeigen wollen, dass unsere aufgeklärte Moral bedroht sei. Wir könnten sehen, würden aber nicht sehen. Damit sprach er die Menschen an, die gegen diese Neigung wegzuschauen kämpfen könnten. Das war seine Hoffnung. Es ist auch meine Hoffnung, und es sollte unsere Hoffnung sein. (Adelbert Reif/DER STANDARD, 25./26. 5. 2013)


Arno Gruen, am 26. Mai 1923 in Berlin als Sohn einer jüdischen Familie geboren, musste 1936 mit seinen Eltern in die USA emigrieren. Nach dem Studium der Psychologie leitete er ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem. 1961 promovierte er als Psychoanalytiker bei Theodor Reik. Es folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. 1979 übersiedelte er in die Schweiz und eröffnete in Zürich eine psychotherapeutische Praxis. Von ihm erschien u. a.: “Der Fremde in uns” (2000), “Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror” (2002), “Verratene Liebe – Falsche Götter” (2003). Sein soeben erschienenes Buch “Dem Leben entfremdet” (Klett-Cotta, 2013) ist ein Plädoyer für Mitgefühl und Empathie.

http://derstandard.at/1369361611395/Wichtig-ist-es-im-Kampf-zu-bleiben

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Dass es jemals um eine “demokratische Revolution” ging, kann man an Hand der Zusammensetzung der Terroristen aus vorwiegend ausländischen Dschihaadisten, Söldnern und Kriminellen mit Sicherheit ausschließen. Auch zeigen die Ereignisse und Ergebnisse der NATO-Revolution in Libyen die wahren Ziele der westlichen Kriegsallianz. Die Zerstörung, Plünderung und Zwangsislamisierung von Ländern hat auch nichts mit demokratischen Zielen gemein. Die Aussage von Dumas decken sich also mit den Realitäten.

Roland Dumas bestätigt die Vorbereitung seit 2010 vom Krieg gegen Syrien

VOLTAIRE NETZWERK | 17. JUNI 2013 

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Der ehemalige französische Minister für auswärtige Angelegenheiten, Roland Dumas, hat in der TV-Sendung « Ça vous regarde » [„Es betrifft Sie“] auf LCP [dem Parlementssender] gesagt, er sei von den Briten im Jahr 2010 umworben worden – also vor dem “arabischen Frühling” – um einen Krieg gegen Syrien im Interesse Israels zu unterstützen.

Die Offenbarungen von Herrn Dumas scheinen unsere Hypothese zu bestätigen, dass der Angriff auf Syrien durch die geheimen Klauseln des Traité de Lancaster House vom 2. November 2010 geplant war. Dieses Dokument, das die französisch-britische militärische Kooperation organisieren sollte, enthält geheime Klauseln für den Angriff auf Libyen. Wir haben nun stets betont, dass die Kriege gegen Libyen und Syrien zur gleichen Zeit geplant wurden.

http://www.disclose.tv/action/viewvideo/141679/Frances_Former_Foreign_Minister_UK_government_prepared_war_in_Syria_two_years_before_2011_protests/

http://www.voltairenet.org/article179050.html

Hungerstreik

Polizei räumt Camp von Asylbewerbern

Auslandnachrichten Heute, 09:58
Das Protestcamp in München vor der Räumung (27.6.2013).
Das Protestcamp in München vor der Räumung (27.6.2013). (Bild: Imago)
Die Polizei hat in München ein Camp von im Hungerstreik stehenden Asylbewerbern geräumt. Zuvor war ein Vermittlungsversuch gescheitert. Rund 50 Personen wollten mit dieser Aktion eine Aufenthaltsbewilligung erzwingen.
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  • (dpa) Nach einem gescheiterten Vermittlungsversuch hat die Polizei in München das Camp von Asylbewerbern am Sonntagmorgen geräumt. Das bestätigte ein Sprecher der Stadt München. Zuvor hatten rund 50 Asylbewerber angekündigt, ihren Hungerstreik fortsetzen zu wollen. Ein Vermittlungsversuch des früheren SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel und des ehemaligen CSU-Politikers Alois Glück war in der Nacht gescheitert.

Das Protestcamp sei aufgelöst worden, sagte ein Sprecher der Stadt der Nachrichtenagentur dpa. Der Rettungsdienst habe 44 Patienten in Spitäler gebracht. Etwa 50 Unterstützer seien vor Ort gewesen. Die Räumung habe um 5 Uhr begonnen.

Die Asylbewerber aus mehreren afrikanischen und asiatischen Ländern fordern die sofortige Anerkennung ihrer Asylanträge. Sie befanden sich seit einer Woche im Hungerstreik und weigerten sich seit Dienstag zudem, Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass der Krisenstab von Stadt und Staatsregierung Tote in München verhindern will.

Afrikas fragiler Boom

KRISENFREY, 30. Juni 2013, 09:33

Barack Obama sieht auf seiner Reise viel wirtschaftliche Hoffnung, aber noch keine nachhaltige Wende

Jahrzehntelang war Schwarzafrika ein Synonym für Armut, Hunger, und Hoffnungslosigkeit, verursacht durch Tyrannei, Korruption, Misswirtschaft und Ausbeutung.

Doch auf seiner jetzigen Afrika-Reise erlebt US-Präsident Barack Obama etwas ganz anderes: Zahlreiche Staaten südlich der Sahara sind heute stabiler und demokratischer im Vergleich zu früher (und auch im Vergleich zu den wohlhabenderen arabischen Staaten) und weisen für das vergangene Jahrzehnt ein starkes Wirtschaftswachstum und Prokopfeinkommen auf.

Nicht nur Wirtschaftszahlen, auch die sozialen Indikatoren von Kindersterblichkeit bis Alphabetisierung haben sich deutlich gebessert. Afrika ist immer noch arm, aber nicht mehr hoffnungslos.

Aber wie nachhaltig ist dieser Aufschwung? Hat Afrika tatsächlich die Chance, der Falle der ständigen Unterentwicklung zu entkommen, in die es bereits kurz nach der Entkolonialisierung in den 1960er Jahren gerutscht ist? Oder erleben wir hier nur einen vorübergehenden Boom, dem bald wieder der nächste Rückschlag folgen wird?

Der britische Economist war in einem Afrika-Spezial im März zwar äußerst optimistisch, fügte aber zahlreiche Caveats hinzu. Die Gründe für den Afrikaboom sind vielfältig, und deuten in verschiedene Richtungen:

Da ist erst einmal der Anstieg der Preise für Rohstoffe, von denen Afrika besonders viele hat – und auch immer wieder neue findet. Doch dieser Trend wird nicht ewig anhalten und zeigt schon jetzt Ermüdungserscheinungen. Wenn afrikanische Staaten vom Rohstoffexporten völlig abhängig bleiben, dann schaut es für die Zukunft weniger gut aus.

Aber auch die Politik und das Wirtschaftsmanagement hat sich deutlich gebessert. Manche Staaten – etwa Ghana oder Zambia – sind an der Kippe zu einer echten Demokratie, andere werden zwar autoritär geführt, aber zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht vernünftig regiert – etwa Ruanda oder Äthiopien.

Wie liberale Entwicklungsexperten (anders als ihre marxistischen Kritiker) seit Jahrzehnten sagen, können solche graduellen Reformen das Leben von Millionen von Menschen entscheidend verbessern. Doch die müssen über eine Generation oder noch länger fortgesetzt werden, um sicheren Wohlstand zu schaffen.

Afrika hat einen weiteren Vorteil: Es ist so arm, dass selbst kleine Verbesserungen große Unterschiede machen. Die erste Phase des Wachstums erweist sich oft als relativ einfach. Wenn einem Staaten in eine mittlere Entwicklungsstufe vorgedrungen sind, dann wird der Sprung nach oben viel schwerer. „Middle Income Trap“ wird diese Phänomen genannt, unter dem auch das derzeit von Obama besuchte Südafrika leidet. Dort stagniert die Wirtschaft seit Jahren.

Das gilt auch für die Infrastruktur, die in Afrika schlechter ist alles sonst wo in der Welt. Die Investitionen in Straßen beginnen sich langsam bezahlt zu machen, und vor allem der Mobilfunk hat zu einer kostengünstigen Kommunikationsrevolution geführt und die Produktivität selbst in abgelegenen Ortschaften deutlich erhöht. Es gibt kaum noch echte weiße Flecken auf dem schwarzen Kontinent.

Die fehlende staatliche Organisation in vielen afrikanischen Ländern ist ein riesiger Schwachpunkt, aber manchmal auch ein Vorteil. Es gibt weniger Interessensgruppen, die unternehmerische Tätigkeit verhindern können, etwa starke (aber nur wenige Gruppen umfassende) Gewerkschaften oder Industrieverbände. Wer in Afrika eine gute Idee und etwas Kapital hat, kann dort in kurzer Zeit viel aufbauen.

All das erklärt, warum es Afrika zuletzt so viel besser geht, und gibt Hoffnung für die kommenden Jahre. Aber immer noch bleibt die Politik die große Achillesferse in so vielen Staaten. Stammesdenken, ethnische Konflikte, die Macht- und Habgier von Politikern, die Ämter als Selbstbedienungsladen sehen – all das kann die Fortschritte der letzten Jahre wieder rasch zunichtemachen.

Kein afrikanisches Land hat bisher wirklich bewiesen, dass es dem „Ressourcenfluch“ entkommen kann, der Länder mit Erdöl oder anderen wertvollen Rohstoffen zu massiver Korruption und Machtmissbrauch verdammt. Auch das relativ gut regierte Ghana kämpft angesichts jüngster Erdölfunde mit diesen Problemen.

Und das Bevölkerungswachstum verbunden mit Klimaveränderungen, die die Landwirtschaft gefährden, kann ganze Regionen aus einem gerade erst erreichten Miniwohlstand  zurück in die bittere Armut werfen.

Dass es Afrika heute besser geht als in den letzten vierzig Jahren, zeigt, dass gerade in der globalisierten Weltwirtschaft kein Erdteil ohne Chancen ist. Aber damit Afrika nicht nur ein Kontinent der Hoffnung, sondern des Erfolges wird, muss in den kommenden Jahrzehnten noch sehr viel gut gehen. (Eric Frey, derStandard.at, 30.6.2013)

http://derstandard.at/1371171051870/Afrikas-fragiler-Boom

Bis zu 10.000 Tote nach Unwettern in Indien befürchtet

29. Juni 2013, 16:08
  • Indische Soldaten bei einer Evakuierung.
    foto: apa/epa/handout

    Indische Soldaten bei einer Evakuierung.

Nach Überschwemmungen und Erdrutschen vor zwei Wochen laufend Meldungen über weitere Vermisste

Neu-Delhi – Zwei Wochen nach den Überschwemmungen und Erdrutschen in Indien rechnen die Behörden mit bis zu 10.000 Toten. Bereits am vergangenen Dienstag äußerte Caritas international gegenüber “Kathpress” diese Befürchtung bezüglich der Opferzahlen. Aufgrund der laufend eingehenden Meldungen über Vermisste im Bundesstaat Uttarakhand könnte die Zahl der Todesopfer drastisch auf mehr als 10.000 steigen, sagte nun auch der Sprecher des Parlaments, Govind Singh Kunjwal, Medien am Samstag. Bisher hatten die Behörden von 850 Toten und bis zu 3.000 Vermissten gesprochen.

Die Zahl der von der Polizei gemeldeten Vermissten klettere schnell, bestätigte Puja Rawat vom staatlichen Krisenmanagement. Unterdessen wurden die Rettungsmaßnahmen am Samstag langsam zurückgefahren. Mehr als 100.000 Menschen wurden bereits vor allem per Hubschrauber in Sicherheit gebracht; mehrere Hundert warten noch auf ihre Rettung. Nun müssten die Toten identifiziert und weitere Massenverbrennungen vorgenommen werden, um Epidemien zu vermeiden, hieß es.

Monsunregen setzte überraschend ein

Unerwartet früh einsetzender Monsunregen hatte Touristen und Pilger in den höher gelegenen Regionen im Norden des Bundesstaates überrascht. Die Fluten und Erdmassen hatten Straßen und Brücken fortgerissen und Häuser unter sich begraben.

Inzwischen wurden einige Straßen in tiefer gelegenen Regionen wieder geöffnet. Lebensmittel, Trinkwasser und Medizin wurde auf den Weg gebracht, um bisher abgeschnittene Orte zu versorgen. In mehr als 600 Dörfern herrsche Lebensmittelknappheit, berichtete das Fernsehen. (APA, 29.6.2013)

 

„Tötet sie!“ wütet der Mob im Internet
Mord- und Gewaltdrohungen gegen Italiens erste schwarze Ministerin

Freitag, 28.06.2013, 12:10 · von FOCUS-Online-Autorin

Drohungen, Italien, Cécile Kyenge, Lega Nord, Politik, Rassimus

http://www.cecilekyenge.it/immagini/gallery/foto/content/016_2008_08_08_10__DAF7687_large.html Cécile Kyenge reagiert ruhig auf die rassistischen Vorfälle. Dennoch verweigerte sie dem Fraktionsvorsitzenden der Lega Nord beim letzten Aufeinandertreffen den Handschlag.
Italiens erste schwarze Ministerin sieht sich schweren Anfeindungen ausgesetzt. Trotzdem kämpft Integrationsministerin Cécile Kyenge dafür, dass es mehr Einwanderer so weit nach oben schaffen wie sie.
Dass Cécile Kyenge auf Widerstand und Ablehnung stoßen würde, war ihr klar. „Das sind notwendige Erscheinungen, wenn ein Land sich auf den Weg macht“ erklärt die Politikerin selbst. Kyenge ist die neue Integrationsministerin Italiens und hat mit ihrem Vorschlag zur Reformierung des Staatsbürgerschaftsgesetzes eine Lawine an rassistischen Angriffen gegen sich ausgelöst. „Tötet sie!“ fordern wütende Internet-Nutzer, weniger Extreme verlangen nach einer Rückkehr Kyenges in den Kongo.

Auch aus den politischen Reihen werden Drohungen gegen sie ausgesprochen. Als eine Frau in Vincenza von einem Ausländer vergewaltigt wurde, forderte Luca Zaia, der Gouverneur der Region, eine persönliche Entschuldigung von Kyenge für die Tat. Noch weiter ging Dolores Valandro, eine Lokalpolitikerin der Lega Nord, die zur Vergewaltigung der Politikerin aufrief. Auch als ein Afrikaner drei Menschen erschlug, war es natürlich Kyenges ausländerfreundliche Politik, die Schuld an solchen Vorfällen trägt. Das meinte zumindest der Lega-Nord Abgeordnete Matteo Salvini.

„Findet sich keiner, der sie vergewaltigt?“

Kyenge fordert, dass in Italien geborene Kinder automatisch die italienische Staatsbürgerschaft erhalten und nicht wie bisher, die des Heimatlandes ihrer Eltern. Sie selbst dient als Vorbild an geglückter Integration. Mit 18 Jahren zog die heute 49-Jährige nach dem Abitur von ihrem Geburtsland Kongo nach Italien, um Medizin zu studieren. Mit kirchlicher Förderung schloss sie das Studium mit Bestnoten ab, wurde Augenärztin und engagierte sich in Regional- und Kommunalpolitik, bis sie vor zwei Monaten zur Integrationsministerin ernannt wurde. Damit begannen die Hasskampagnen gegen die afro-italienische Politikerin.

Bei der Pressekonferenz zu ihrer Ernennung, fielen die entscheidenden Worte, die ihre Widersacher auf den Plan riefen. „Ich bin stolz darauf schwarz zu sein“ verkündete sie und sprach von dem südeuropäischen Land als „Mischlingsitalien“. Dass es den rechtspopulistischen Mitgliedern der „Lega Nord“ bei solchen Aussagen sauer aufstoßen würde, war zu erwarten. Überraschender traf sie die Kritik von Liberalen, wie dem Politologen und Kommentator Giovanni Sartori, der sagte, Italien dürfe nicht als Mischlingsland angesehen werden. Er empfahl Kyenge, sich ein Wörterbuch zu kaufen.

„In mir stecken zwei Kulturen“

In Italien sieht man sich mit dem Problem der Einwanderung erst seit etwa zehn Jahren, also verhältnismäßig kurzer Zeit, konfrontiert. Vor allem die Flüchtlinge und Einwanderer aus afrikanischen Ländern sind ein kontroverseres Thema in dem Mittelmeer-Land, dass bis 1990 eine Ausländerquote von gerade mal zwei Prozent verzeichnete.

Kyenge geht ruhig mit den Attacken um. „Man kann die Verhältnisse ändern, ohne zu schreien. Ich bin Italo-Kongolesin, in mir stecken zwei Kulturen und ich bin stolz darauf.“ Ihre Meinung zu den rassistischen Vorfällen äußerte die Koalitionsspitze aus Enrico Letta und Angelino Alfano ungewohnt einstimmig: „Wir sind stolz darauf, sie in der Regierung zu haben.“

Merkel empört über dreiste irische Banker

28. Juni 2013, 15:21
  • foto: reuters/yves herman

    Angela Merkel ist not amused.


Die Mitschnitte von Gesprächen irischer Banker erzürnen: “Die Tonalität scheint bankenübergreifend gleich zu sein”

Brüssel/Dublin – Empörung über abgehobene Banker in Irland: Mitschnitte entlarvender und mit Beleidigungen gegen Deutschland gespickter Gespräche irischer Manager der Pleitebank Anglo Irish Bank haben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erbost. Sie habe dafür “wirklich nur Verachtung”, sagte sie in Brüssel und holte gleich zum Rundumschlag gegen die ganze Branche aus: “Ich kann nur sagen, die Tonalität scheint bankenübergreifend gleich zu sein.”

Der angesehenen Zeitung “Irish Independent” waren Tondokumente zugespielt worden, die sie Anfang der Woche veröffentlichte. Darin wird deutlich, dass die Führungsspitze der Anglo Irish Bank auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 die Regierung in Dublin über das wahre Ausmaß der Krise bei der Bank belogen hatte. Noch verheerender wirkte der Tonfall der Banker.

Lieder singen

In einer Sequenz stimmt Bankmanager John Bowe in schlechtem Deutsch die erste Strophe des Deutschlandliedes an: “Deutschland, Deutschland über alles…” – ein Hohn über das Geld deutscher Anleger bei der Bank. Der damalige Bankchef David Drumm – inzwischen in die USA umgezogen – bog sich dabei vor Lachen. Der Hohn kam unzweifelhaft trotz des vollen Bewusstseins, dass die Bank in der irischen Immobilienblase gerade Milliarden von Anlegern und Steuerzahlern verzockt hatte. “Wir werden das Geld zurückzahlen, wenn wir es haben… also nie”, heißt es an einer Stelle.

Ein großer Teil des Geldes auch deutscher Anleger war wohl nur nach Irland geflossen, weil die damalige irische Regierung unter Premierminister Brian Cowen eine Ausfallgarantie gegeben und eine Finanzspritze über sieben Milliarden Euro bewilligt hatte. International wurde die Einlagengarantie später als Dummheit Cowens bezeichnet. Die Sieben-Milliarden-Euro-Hilfe war ohnehin nicht ausreichend, wie aus den Mitschnitten hervorgeht. Die Zahl habe mit der Realität nichts zu tun, er habe sie sich “aus dem Arsch gezogen”, sagte Bankmanager Bowe demnach.

Merkel hält die Vorgänge in Irland für eine “richtige Schädigung der Demokratie, der sozialen Marktwirtschaft und allem, wofür wir arbeiten”. Auch in Irland schlug die Affäre hohe Wellen. “Ich stimme mit dem überein, was die Kanzlerin gesagt hat”, sagte Irlands Premierminister Enda Kenny. “Die Bänder sind ein Blitzschlag.” Sie zeigten die Arroganz und die Verachtung der damals handelnden Akteure. “Das hat unser Ansehen beschädigt.” Sein Stellvertreter und Außenminister Eamon Gilmore will die Affäre parlamentarisch aufarbeiten lassen. (APA, 28.6.2013)

http://derstandard.at/1371170965512/Merkel-empoert-ueber-herablassende-irische-Banker

Banker machen sich über ihre Retter lustig

Sebastian Borger aus London, 25. Juni 2013, 17:46
  • Ein Rettungsschirm für Anglo Irish musste her. Die verantwortlichen Banker hatten offenbar vor allem sehr viel Spaß.
    foto: reuters/cathal mcnaughton

    Ein Rettungsschirm für Anglo Irish musste her. Die verantwortlichen Banker hatten offenbar vor allem sehr viel Spaß.


 

Telefonmitschnitte offenbaren den Zynismus führender irischer Banker im Krisenherbst 2008. Eine gründliche Untersuchung steht noch aus

In Irland gerät die Regierung wegen der mittlerweile verstaatlichten Pleitebanken unter Druck. Neu aufgetauchte Telefonmitschnitte haben zu Wochenbeginn verdeutlicht, dass das Management der Anglo-Irish Bank auf dem Höhepunkt der Bankenkrise 2008 den Aufsichtsbehörden wissentlich falsche Angaben machten. Eine vorschnelle Bankengarantie durch die damalige Regierung führte zum Bankrott des Landes im Herbst 2010. Jetzt soll rasch eine parlamentarische Untersuchung einberufen werden, gegen die sich hohe Beamte und Zentralbanker bisher sträubten. “Ich verstehe den Zorn der Menschen, die von diesen Vorgängen betroffen sind”, sagte Premierminister Enda Kenny in Dublin.

Auf den bankinternen Mitschnitten, die dem Independent zugespielt wurden, macht sich der damalige Bank-Chef David Drumm über Bedenken der EU-Partner lustig. “Wir wollen nicht zu krass sein, aber Hauptsache, wir kriegen das verfluchte Geld”, sagt Drumm und kichert, während sein Abteilungsleiter John Bowe die Hymne “Deutschland über alles” singt – eine Anspielung darauf, dass nach der Bankengarantie die Gelder deutscher Anleger nach Irland flossen.

In einem anderen Mitschnitt reißt Bowe mit einem anderen Anglo-Irish- Banker drei Tage nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 Witze über die Staatshilfe, die ihr Arbeitgeber bei Regierung und Zentralbank beantragt hat. Warum es sich um die Summe von sieben Milliarden Euro handle, wird Bowe gefragt. “Das haben wir uns aus dem Arsch gezogen”, lautet die drastische Antwort. “In Wirklichkeit brauchen wir mehr.”

Immobilien-Giftmüll

Sollte die Zentralbank aber das Ausmaß der Probleme erkennen, “könnten die glauben, sie haben eine Wahl, verstehen Sie?” Tatsächlich führte die einmal gewährte Staatshilfe dazu, dass Irland dauerhaft für das mit Immobilien-Giftmüll vollgestopfte Institut verantwortlich wurde. Die Kosten beziffern Experten allein für Anglo Irish auf 30 Mrd. Euro. Drei frühere Anglo-Irish-Manager stehen unter Betrugsanklage, darunter der frühere Chairman Sean Fitzpatrick. Ex-Vorstandschef Drumm lebt seit Jahren in Boston und verweigert die Rückkehr nach Irland, wo die Staatsanwaltschaft ihn befragen will. Bowe bestreitet die Irreführung der Zentralbank.

Für Irland ist die Affäre besonders peinlich, weil sie das Ausmaß der Ahnungslosigkeit in Regierung und Aufsichtsbehörden offenbart. In der globalen Finanzpanik nach der Pleite von Lehman Brothers gab die damalige Regierung unter Kennys Vorgänger Brian Cowen eine Pauschalgarantie für alle Bankverbindlichkeiten – also nicht nur für Einlagen – ab.

Um den Bankensektor vor dem Bankrott zu retten, wurde Nama eingerichtet, eine sogenannte Bad Bank für die Schrottkredite der illiquiden Institute. Am Ende musste das Land aber doch die Troika (Europäische Kommission, Internationaler Währungsfonds und Europäische Zentralbank) um ein Hilfspaket von 67,5 Mrd. Euro bitten. Die irische Wirtschaft ist durch die Bankenpleite um 15 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosigkeit liegt bei 14 Prozent. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 26.6.2013)

Link

The call that exposes Anglo’s rotten culture

http://derstandard.at/1371170572382/Banker-machen-sich-ueber-ihre-Retter-lustig