Hundertausende demonstrieren für ein soziales Brasilien! “Ich lass’ die WM sausen und will mehr Geld für Gesundheit und Bildung”. Größte Proteste seit Jahrzehnten -Rücksichtslosigkeit, mit der Politiker ihre Interessen durchsetzen: Zwangsräumungen für den Bau von Golfplätzen und Motorrad-Rennstrecken, die Zerstörung von öffentlichen Plätzen für den Bau neuer Metrostationen, Eintrittstickets für Fußballspiele in Höhe eines Mindestlohns

Größte Proteste in Brasilien seit 20 Jahren

18. Juni 2013, 14:53
  • In der Nacht auf Dienstag gingen Menschen in mehreren brasilianischen Städten auf die Straße, um gegen Missstände im Land zu protestieren.

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    foto: ap/dana

    In der Nacht auf Dienstag gingen Menschen in mehreren brasilianischen Städten auf die Straße, um gegen Missstände im Land zu protestieren.


200.000 demonstrieren ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Korruption, Kriminalität und teure Prestigeveranstaltungen

Sao Paulo – Brasilien erlebt derzeit eine der massivsten Protestwellen seiner Geschichte – ausgerechnet zum Confederations Cup, der Generalprobe für die Fußball-WM im kommenden Jahr. Mehr als 200.000 Menschen nahmen laut Schätzungen in der Nacht auf Dienstag in mehr als zehn Städten des Landes an weitgehend friedlichen Demonstrationen teil.

Ursprünglich als Protest gegen Fahrpreiserhöhungen im Nahverkehr begonnen, richtet sich der Unmut der Demonstranten mittlerweile allgemein gegen Korruption und die Milliardenausgaben der Regierung für die anstehenden Sport-Großereignisse.

100.000 Demonstranten in Rio

Allein in Rio beteiligten sich nach Medienberichten bis zu 100.000 Teilnehmer an einem Protestzug. Hunderte zum Teil vermummte Randalierer griffen das Regionalparlament in der Stadt am Zuckerhut an. Die steckten ein Auto in Brand, warfen Steine auf das Gebäude und rissen Absperrungen um.

Die Proteste begannen kurz vor Einbruch der Dunkelheit. In der Hauptstadt Brasília versammelten sich Tausende Demonstranten vor dem Nationalkongressgebäude, das durch die avantgardistische Architektur von Oscar Niemeyer weltbekannt ist. Hunderte junge Menschen drangen auf ein Zwischendach des Kongresses vor, wo Brasiliens Senat und das Abgeordnetenhaus ihren Sitz haben.

Sie besetzten das Dach stundenlang, feierten ihren Erfolg mit Liedern und schwenkten brasilianische Flaggen. “Der Kongress ist unser”, riefen sie. Einige Demonstranten versuchten, in das Gebäude einzudringen. Der Präsidentenpalast Palácio do Planalto wurde massiv von Sicherheitskräften abgeschirmt. Befürchtete Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei blieben zunächst aus.

“Das Volk vereint regiert ohne Parteien”

In São Paulo, der mit elf Millionen Einwohnern größten Stadt Brasiliens, zogen nach Schätzungen über 60.000 Demonstranten durch die Stadt. Die Polizei sprach von etwa 50.000 Teilnehmern. “Das Volk vereint regiert ohne Parteien”, riefen dort die Demonstranten. In São Paulo hatte sich der Protest vorige Woche an der Anhebung von Fahrpreisen für Bustickets entzündet. Bei vorherigen Aktionen war es zu massiven Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Am Montag hielten sich die Sicherheitskräfte dagegen auffallend zurück.

In Rio riefen die Demonstranten: “Rio wird stillstehen, wenn die Stadt die Preise nicht verringert.” Auf Plakaten forderten sie ein “besseres Brasilien”, ein Ende der Korruption und mehr Geld für Hospitäler, Schulen und Universitäten. “Ich lass’ die WM sausen und will mehr Geld für Gesundheit und Bildung”, skandierten die Teilnehmer der Demonstration, zu der vor allem in Sozialen Netzwerken im Internet aufgerufen worden war.

Auch in anderen Städten Unmut

Auch in Porto Alegre, Belo Horizonte und Salvador gab es Aktionen mit Tausenden Teilnehmern. In Porto Alegre entfachten die Demonstranten Feuer auf der Straße, in São Paulo wurde eine Brücke besetzt, in Belo Horizonte setzte die Polizei Trängengas ein. Über Verletzte gab es keine Angaben.

Staatspräsidenten Dilma Rousseff äußerte in einer ersten Reaktion Verständnis für “friedliche Demonstrationen”. Diese seien legitim und gehörten zur Demokratie. Damit meinte sie aber ausdrücklich nicht die Randale vor dem Regionalparlament von Rio. Dessen Präsident, Paulo Mello, fand klare Worte für die Attacken der Vermummten, die er als “Akt des Terrorismus” bezeichnete. (APA, 18.6.2013)

Links:

Jornal O Globo: Protesto que reuniu 100 mil no Rio termina em confronto, quebra-quebra e mais de 20 feridos

Folha de Sao Paulo: Em protesto de SP, maioria não tem partido, diz Datafolha

Estadao: Manifestações reúnem 230 mil pessoas em 12 capitais e governantes viram alvo

http://derstandard.at/1371169810307/Groesste-Proteste-in-Brasilien-seit-20-Jahren

Proteste in Brasilien: “Sozialbauten statt Luxusstadion”

Sandra Weiss, 18. Juni 2013, 18:30

Schwere Unruhen erschüttern Brasilien: Die Menschen protestieren gegen Preiserhöhungen und teure Sportevents wie die Fußball-WM. Präsidentin Dilma Rousseff kommt mehr und mehr unter Druck

Puebla/São Paulo – Es begann vor zwei Wochen in São Paulo als kleine Demonstration gegen die Erhöhung der Preise im öffentlichen Nahverkehr um umgerechnet sieben Eurocents. Inzwischen hat es sich dank sozialer Netzwerke und als Gegenreaktion auf übertriebene Polizeigewalt zur größten Protestwelle der vergangenen Jahre in Brasilien ausgewachsen.

 

Längst geht es um viel mehr: “Das vereinte Volk braucht keine Parteien! Brasilien hab acht, das Volk ist erwacht!”, skandierten die Demonstranten, die am Montag den Kongress in der Hauptstadt Brasilien umlagerten und auf das Dach kletterten, bevor sie von Polizisten mit Tränengas und Pfefferspray vertrieben wurden.

“Wir hassen die Regierung”

Ihre Motive sind so unterschiedlich wie ihre Herkunft: “Wir hassen die Regierung. Sie tut nichts für uns”, sagt der 19-jährige Oscar José Santos aus einem Armenviertel in Rio de Janeiro. “Ich bin Architekt und seit sechs Monaten arbeitslos”, beklagt sich Nadia al Husin. “Das neue Luxusstadion für die WM nützt nichts, wir wollen Sozialbauten in den Armenvierteln”, sagt der 27-jährige Tiago Avila aus Brasília.

Rund eine Viertelmillion Unzufriedener fand sich in der Nacht zum Dienstag in sieben brasilianischen Städten ein. Vereinzelt kam es zu Ausschreitungen. Nachdem Demonstranten Straßensperren aus brennenden Reifen errichtet hatten, feuerte die Polizei Gummigeschosse in die Menge.

Das Stadion in Belo Horizonte wurde von berittenen Polizisten, Panzerwagen, Drohnen und Polizeihubschraubern bewacht. Nicht nur dort, sondern im ganzen Land überlagern die Proteste den Confederations-Cup, die Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft, die 2014 eröffnet wird. Für Präsidentin Dilma Rousseff von der linken Arbeiterpartei (PT) kommen die Proteste zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Nach Jahren des Wachstums und einer großangelegten Umverteilung durch Sozialprogramme stagniert Brasiliens Wirtschaft.

Rousseffs Wiederwahl wackelt

Auf die Fußball-WM folgt 2016 in Rio de Janeiro die Olympiade. Zu den “Megaevents” will sich Brasilien der Welt als modernes, aufstrebendes Land präsentieren. Und das könnte nun kräftig daneben gehen. Sogar Rousseffs Wiederwahl im kommenden Jahr steht auf dem Spiel. Nachdem sie versuchte, die Verantwortung für die Proteste auf die Opposition abzuwälzen, konnte sie sich nun nicht länger heraushalten. Sie sprach von “legitimen Demonstrationen, die zur Demokratie gehörten”.

Umfragen zufolge sympathisieren 55 Prozent der Einwohner von São Paulo mit den Demonstranten. Die Proteste haben auch mit den Vorbereitungen für die “Megaevents” zu tun, deren Kosten auf rund 24 Milliarden US- Dollar veranschlagt werden – Geld, das bei der Bildung und Gesundheit fehlt.

Auch die öffentliche Infrastruktur ist prekär, und die Preise dafür sind überhöht. Hinzu kommt Überdruss über die Rücksichtslosigkeit, mit der Politiker ihre Interessen durchsetzen: Zwangsräumungen für den Bau von Golfplätzen und Motorrad-Rennstrecken, die Zerstörung von öffentlichen Plätzen für den Bau neuer Metrostationen, Eintrittstickets für Fußballspiele in Höhe eines Mindestlohns – all das sorgt schon länger für Unmut. Die Proteste in São Paulo waren nur noch der Funken, der das Pulverfass zum explodieren brachte. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 19.6.2013)

http://derstandard.at/1371169920992/Proteste-in-Brasilien-Sozialbauten-statt-Luxusstadion

 

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