Obama verspricht Elektrifizierungsprogramm Power for Africa: 20 Millionen neue Anschlüsse, vor allem regenerative Energien sollen gefördert werden. Vor den Küsten und im Innern des Kontinents werden laufend neue Erdöl- und Erdgasvorkommen entdeckt.

Energiemarkt

Obama will Afrika unter Strom setzen

Wirtschaftsnachrichten Heute
Bis in Afrika das Angebot die riesige Nachfrage nach Strom wird decken können, bleibt noch viel zu tun.
Bis in Afrika das Angebot die riesige Nachfrage nach Strom wird decken können, bleibt noch viel zu tun. (Bild: Sunday Alamba / AP)
Präsident Obama hat die Unterstützung Amerikas bei der Elektrifizierung Schwarzafrikas versprochen. Die Entwicklungsinitiative setzt inhaltlich und bei der Finanzierung neue Akzente.
Markus M. Haefliger, Nairobi

Die in Afrika häufig geäusserte Kritik, Präsident Obama vernachlässige den Heimatkontinent seines Vaters, entspringt meist der Selbstüberschätzung afrikanischer Politiker und Kommentatoren. In einem aber hatten die Kritiker recht: Obama hatte es bisher unterlassen, wie seine Vorgänger Bill Clinton und George W. Bush einen innovativen Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika zu setzen. Auf seiner Reise durch drei afrikanische Länder, die diese Woche zu Ende ging, glich er das Manko nun aus.

20 Millionen Anschlüsse

Obama stellte einen «Power Africa» genannten Plan vor, der Finanzierungshilfen von 7 Mrd. $ über 5 Jahre für die Entwicklung regenerierbarer Energieträger verspricht und zur Verdoppelung der Stromanschlüsse auf dem Kontinent beitragen soll. Die Unterversorgung mit Elektrizität ist ein primäres Entwicklungshemmnis auf dem afrikanischen Kontinent. Südafrika ausgenommen, liegt die Produktionskapazität der 48 Staaten südlich der Sahara laut der Weltbank bei 30 GW – gleich hoch wie in Argentinien. Nur jeder vierte Afrikaner hat Zugang zu Strom, ausserhalb der Städte liegt der Anteil bei 15%. Der Mangel bremst die industrielle Entwicklung. Strom kostet doppelt so viel oder mehr wie in den Industriestaaten, der Anteil privater Notgeneratoren an der Kapazität liegt vielerorts bei über 15%, in der Sahelzone oder in Rwanda bei rund 40%.

Laut der Weltbank müssen jährlich 40 Mrd. $ in die Infrastruktur investiert werden, um bis 2030 eine genügende Stromversorgung zu gewährleisten. Tatsächlich liegen die Investitionen bei bloss 11 Mrd. $. Ein Teil der Finanzierungslücke kann durch Effizienzverbesserungen geschlossen werden, aber sie liegt auch dann noch bei 23 Mrd. $ pro Jahr. Neben zusätzlichen Kapazitäten sind leistungsfähige Überlandleitungen nötig, die einen regionalen Stromhandel und Effizienzgewinne ermöglichen. Regionen mit hohem Produktionspotenzial für Wasserenergie wie Kongo-Kinshasa, Äthiopien und Guinea liegen meist Tausende von Kilometern von industriellen und städtischen Zentren in Südafrika, Kenya oder an der westafrikanischen Küste entfernt.

Der Vergleich des genannten Finanzierungsbedarfs mit Obamas Versprechen relativiert deren Bedeutung auf den ersten Blick. Aber das amerikanische Vorhaben betritt auch Neuland bei der Finanzierung. Statt bilateraler Hilfe oder einer Finanzierung über multilaterale Agenturen sollen die versprochenen Milliarden für die Versicherung von Risiken privater Investoren eingesetzt werden. Darunter fallen Kredit- und Exportrisikogarantien der staatlichen amerikanischen Overseas Private Investment Corporation (1,5 Mrd. $) und der ebenfalls staatlichen Export-Import-Bank (5 Mrd. $).

Indirekte Unterstützung

Die Finanzhilfe soll die Investitionen amerikanischer Technologiefirmen absichern und beflügeln. Der Plan nennt ein halbes Dutzend laufender privater Projekte, die insgesamt 9 Mrd. $ ausmachen. General Electric ist in Ghana und Tansania an der Projektierung von Gaskraftwerken beteiligt; kleinere Firmen engagieren sich bei Planung und Bau von Wind- und Biomasse-Generatoren. In einer ersten Phase des Vorhabens sollen 10 000 MW an zusätzlicher Kapazität installiert werden, in erster Linie aus erneuerbaren Energien. Laut der Vorgabe sollen damit 20 Mio. Neukonsumenten Strom beziehen können. Zu den geförderten Projekten gehören Wind-, Solar- und Wasserkraftwerke und geothermische Projekte entlang des Ostafrikanischen Grabenbruchs. Ausserdem will man die Entwicklung von dezentralen Stromnetzen in ländlichen Gebieten fördern. Die erste Projektphase konzentriert sich auf sechs Länder Ostafrikas (Kenya, Tansania, Äthiopien) und Westafrikas (Ghana, Liberia, Nigeria).

Mit dem Plan knüpft Obama an die entwicklungspolitischen Grossprojekte seiner Vorgänger an. Präsident Clinton hatte 2000 die African Growth and Opportunity Act unterzeichnet, die für 6000 Artikel und Waren aus 35 afrikanischen Ländern Zollpräferenzen und einen erleichterten Zugang zum amerikanischen Markt einführte. Handel statt Hilfe, lautete die zeitgemässe Losung. Drei Jahre später richtete Präsident George W. Bush mit grosser Kelle ein Aids-Programm an, das Millionen von Afrikanern den Zugang zu wirksamen Medikamenten ermöglichte, und gründete die Millennium Challenge Corporation. Die autonome Behörde vergibt in Schwerpunktbereichen wie der Malariabekämpfung öffentliche Gelder, aber nur, wenn die Empfängerländer gewisse Kriterien einer guten Regierungsführung einhalten.

Die Zeit ist reif

Obamas Entwicklungsplan nutzt nun das Potenzial afrikanischer Volkswirtschaften, das sich seit einem Jahrzehnt dynamisch entwickelt. Im Energiesektor gilt dies besonders. Vor den Küsten und im Innern des Kontinents werden laufend neue Erdöl- und Erdgasvorkommen entdeckt. Ohne flankierende Investitionen in die Stromproduktion wird die Förderung aus den Vorkommen zwar die Aussenbilanz aufbessern, aber nur wenig zur Entwicklung beitragen. Auf der Nachfrageseite lechzen aufstrebende Konsumenten und Industrie- und Dienstleistungsbetriebe nach regelmässig fliessendem, billigem Strom.

Washington unterschätzt möglicherweise den Anteil an bilateraler Hilfe, der als eine Art Schmieröl gilt, damit Obamas «Power Africa»-Plan zum Laufen kommt. Hiesigen Behörden fehlt es an Fachwissen, Planungskapazitäten, technischer Ausbildung. Ohne direkte Hilfe würden die ehrgeizigen Ziele verfehlt, sagte John Campbell vom Council on Foreign Relations, einem amerikanischen Think-Tank, gegenüber der auf Entwicklungsfragen spezialisierten Agentur IPS. Abgesehen davon ist die Zeit für Obamas Plan reif. Die Gewinnaussichten für private Investoren liegen auf der Hand. Im Idealfall werden die versprochenen Risikoversicherungen gar nicht ausbezahlt werden müssen.

http://www.nzz.ch/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnachrichten/obama-will-afrika-unter-strom-setzen-1.18111337

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: