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Emanzipation durch Gerechtigkeit

http://www.avaaz.org/de/g8_tax_havens_p/?bAPSsab&v=25579

In wenigen Tagen beraten unsere Regierungen, ob sie ein riesiges Steuerschlupfloch für Unternehmen schließen, das jährlich 1 Billion Euro verschlingt – genug Geld, um Armut zu beseitigen, jedem Kind einen Schulplatz zu bieten und umweltfreundliche Investitionen zu verdoppeln! Letzte Woche haben wir über 44.000 Nachrichten an Frau Merkel gesendet und gerade haben wir erfahren, dass sie vielleicht dabei ist – doch genau wie US-Präsident Obama zögert sie bislang. Um ein starkes Abkommen sicherzustellen, müssen wir jetzt kräftig auf ihre Unterstützung drängen.

1 Billion Euro sind mehr als die Militärausgaben auf der ganzen Welt zusammengerechnet. Die Summe ist größer als die Staatshaushalte von 176 Nationen. Ganze 1000€ für jede Familie auf der Welt. Und dies ist sage und schreibe die Summe, die unsere größten Unternehmen und die reichsten Menschen der Welt jedes Jahr an Steuern vermeiden.

Es liegt ja eigentlich auf der Hand: In Anbetracht der schmerzhaften Sparmaßnahmen und der Staatsverschuldung, können wir die öffentlichen Finanzen ankurbeln, indem wir dafür sorgen, dass jeder seinen gerechten Steueranteil zahlt. Doch große Firmen betreiben hartnäckige Lobbyarbeit, um ihre zwielichtigen Methoden zu verteidigen. Präsident Obama und Kanzlerin Merkel könnten sich in dieser kritischen Angelegenheit immer noch auf die Seite der Korrupten stellen – doch mit einer gewaltigen öffentlichen Kampagne können wir sie auf unsere Seite holen. Lassen Sie uns eine Million Stimmen sammeln und Avaaz wird unseren Aufruf dann während der Verhandlungen an Politiker und die Medien überreichen.

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Apple, eines der reichsten Unternehmen der Welt, hat auf seinen Profit von 78 Milliarden Dollar aus den letzten Jahren im Grunde 0$ an Steuern gezahlt. Das Unternehmen hat dafür Briefkastenunternehmen in Niedrigsteuerländern eingerichtet und Profite ins Ausland geschickt. Diese Art der globalenSteuervermeidung bietet multinationalen Unternehmen einen riesigen Vorteil gegenüber kleineren, nationalen Firmen. Sie schadet unseren Marktwirtschaften genauso sehr wie unserer Demokratie und der wirtschaftlichen Stabilität.

Doch in wenigen Tagen besprechen Regierungen einen Plan, der es Unternehmen und Einzelpersonen erschweren würde, Steuern zu vermeiden indem sie ihr Geld im Ausland und in Steueroasen verstecken.Unter dem Plan würden Staaten zum Informationsaustausch gezwungen werden, um offenzulegen, wo das Geld versteckt ist. Außerdem müssten “fiktive” Unternehmen angeben, wer hinter ihnen steht. Wenn die Gespräche diese Woche gut laufen, könnten die G8 sich diesen Monat auf die ganze Sache einigen.

In harten Zeiten, in denen Regierungen überall wichtige soziale Ausgaben kürzen, ist es besonders bitter, dass die Reichsten nicht ihren fairen Anteil zahlen müssen. Besonders wenn die harten Zeiten verursacht wurden, weil Regierungen mit massiven Auszahlungen Banken gerettet haben, die genau diesen Personen gehören. Regierungen nehmen die Schließung dieser Finanzlücken endlich ernst. Doch die USA und auch Deutschland stehen unter dem Einfluss mächtiger Firmenlobbies.

Eine große öffentliche Petition, die viel Presse erhält, wird dazu beitragen, die Länder anzuprangern, die das Abkommen blockieren könnten, und dies zu einem politischen Thema machen, mit dem sich Obama und Merkel befassen müssen. Wenn Weltbürger einen starken Aufruf starten, um unseren Planeten zu schützen anstatt korrupte Schlupflöcher zu erhalten, werden sie Entscheidungsträgern helfen, vernünftig und nach bestem Gewissen zu handeln. Wir können nicht zulassen, dass Lobbyisten unbemerkt gewinnen. Lenken wir die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Entscheidung, die für unseren Planeten gewaltige Auswirkungen haben wird:

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Guantanamo: “Hoffnungslosigkeit führt zum Hungerstreik”

Interview | Michaela Kampl, 6. Juni 2013, 10:08
  • Demonstration gegen das US-Gefangenenlager Guantanamo vor dem Weißen Haus in Washington.vergrößern 959×600
    foto: reuters/joshua roberts

    Demonstration gegen das US-Gefangenenlager Guantanamo vor dem Weißen Haus in Washington.

  • Djamel Ameziane als junger Mann auf einer undatierten Aufnahme. Der heute 46-jährige Algerier ist seit 2002 in Guantanamo inhaftiert.
    foto: privat

    Djamel Ameziane als junger Mann auf einer undatierten Aufnahme. Der heute 46-jährige Algerier ist seit 2002 in Guantanamo inhaftiert.

  • Artikelbildvergrößern 959×600
    quelle: j. wells dixon
  • Datei-IconZwei Briefe vom Djamel Ameziane an seinen Anwalt J. Wells Dixon.
  • In Haft hat Ameziane begonnen zu malen. Seit er im Hungerstreik ist, wurden ihm seine Malutensilien abgenommen.
    foto: j. wells dixon

    In Haft hat Ameziane begonnen zu malen. Seit er im Hungerstreik ist, wurden ihm seine Malutensilien abgenommen.

Ein Algerier kann Guantanamo nicht verlassen, obwohl nichts mehr gegen ihn vorliegt – Warum das so ist, erklärt sein Anwalt J. Wells Dixon

Seit mehr als zehn Jahren ist der 46-jährige Algerier Djamel Ameziane im US-Gefangenenlager Guantanamo inhaftiert. Er ist einer der mehr als hundert Häftlinge, die sich derzeit im Hungerstreik befinden. Alle Anschuldigungen gegen ihn wurden mittlerweile fallengelassen. Für die USA gibt es demnach keinen Grund mehr, ihn festzuhalten, trotzdem kann er das Gefangenenlager auf der US-Basis auf Kuba nicht verlassen. Denn aus Angst vor politischer Verfolgung in Algerien will Ameziane nicht in sein Heimatland zurückkehren, das er Anfang der 1990er Jahre verlassen hat.

Sein Weg führte ihn über Österreich, wo er zuletzt als Koch in einem italienischen Restaurant im ersten Wiener Gemeindebezirk arbeitete, nach Kanada. Als dort sein Asylgesuch abgelehnt wurde, reiste er nach Afghanistan. Dann krachten am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York. Kurz danach begann die US-Invasion in Afghanistan. Erneut war Ameziane auf der Flucht. An der Grenze zu Pakistan wurde er gestoppt und den US-Truppen übergeben. 2002 wurde er nach Guantanamo überstellt.

Im Gespräch mit derStandard.at spricht sein Anwalt J. Wells Dixon über Djamel Amezianes Kampf um seine Freiheit.

derStandard.at: Wie lauteten die Anschuldigungen gegen Djamel Ameziane bei seiner Inhaftierung 2001?

Dixon: Nach der Ablehnung seines Asylantrages in Kanada reiste er nach Afghanistan. Zu Beginn der US-Invasion in Afghanistan nach 9/11 versuchten Zehntausende, das Land zu verlassen, um Krieg und Verfolgung zu entkommen – unter ihnen war auch Ameziane. Er wurde an der pakistanisch-afghanischen Grenze aufgegriffen und an die US-Truppen ausgeliefert. Der einzige Vorwurf gegen ihn war damals, dass er mit gefälschten Reisedokumenten nach Afghanistan eingereist war und zwei Wochen in einem Gästehaus geblieben war, das unter dem diffusen Verdacht stand, auch Al-Kaida Unterschlupf zu bieten. Kurz nach seiner Festnahme wurde er nach Guantanamo gebracht. Von den Vorwürfen ist nichts übrig geblieben. Sowohl die Regierung unter Bush als auch die Regierung unter Obama hat bestätigt, dass es für seine Inhaftierung keinen Grund mehr gibt. Um auf seine ausweglose Lage aufmerksam zu machen, ist er so wie viele andere seit Februar im Hungerstreik.

derStandard.at: Wie geht es Ameziane derzeit gesundheitlich?

Dixon: Nicht gut. In einem Brief vom 19. Mai hat er mir geschrieben, dass er mittlerweile rund 30 Kilo verloren hat. Er erzählt auch von einem Selbstmordversuch eines anderen Häftlings. Aufgrund seines Gewichtsverlusts und des sich deswegen verschlechternden allgemeinen Gesundheitszustands hat er mittlerweile begonnen, ein wenig Nahrung zu sich zu nehmen. Er ist zwar weiterhin im Hungerstreik, versucht aber, sich auf diesem niedrigen Niveau zu stabilisieren. Derzeit wird ihm auch mit Zwangsernährung gedroht.

derStandard.at: Hat sich seit der Amtsübernahme von US-Präsident Obama die Situation in Guantanamo verändert?

Dixon: Kurz nach Obamas Amtsantritt haben sich die Haftbedingungen in Guantanamo verbessert. Obama hat die Isolationshaft für die meisten Gefangenen beendet und damit mehr Kontakt zwischen den Inhaftierten ermöglicht. Der Zugang zu Anwälten und Familien wurde ebenfalls erleichtert. Es war einfach eine ein wenig humanere Umgebung – so human es eben innerhalb Guantanamos möglich ist.

Obama war zu Beginn seiner Amtszeit sehr ambitioniert: Er versprach, das Gefängnis innerhalb eines Jahres zu schließen. Er hat 75 Personen aus Guantanamo transferiert. Allerdings hat er zwischen 2009 und 2010 an Entschlusskraft verloren. Diese Entwicklung hat die Inhaftierten in Guantanamo sehr frustriert. Diese erneute Hoffnungslosigkeit hat schlussendlich zum Hungerstreik geführt.

derStandard.at: Hat es einen speziellen Auslöser für den Beginn des Hungerstreiks gegeben?

Dixon: Im Februar gab es Durchsuchungen bei den Häftlingen. Der Grund dafür war ein Wechsel der Wachmannschaft. Während dieser Durchsuchungen wurden nicht nur persönliche Habseligkeiten der Inhaftierten konfisziert, sondern auch ihre Ausgaben des Korans misshandelt. Diese Vorgehensweise hat den Hungerstreik ausgelöst, an dem sich auch Ameziane seit Beginn beteiligt.

derStandard.at: Haben die Inhaftierten Kontakt zueinander?

Dixon: Die oft gezeigten Bilder von Guantanamo mit den Häftlingen in den offenen Käfigen stammen aus den Anfangszeiten des Gefängnisses. Im Laufe der Zeit haben sich die Haftbedingungen graduell verbessert. Als ich 2006 die Vertretung von Ameziane übernahm, waren die Gefangenen einzeln in Hochsicherheitszellen untergebracht. Es gab eine Gemeinschaftszone, die allerdings nicht genutzt wurde. Als Obama Präsident wurde, war eine seiner Hafterleichterungen, dass er den Häftlingen erlaubte, sich in diesen Zonen zu treffen. Mit Beginn des Hungerstreiks sind diese Verbesserungen allerdings wieder rückgängig gemacht worden. Aufgrund des Hungerstreiks sind die Gefangenen derzeit in Isolationshaft.

derStandard.at: Was bedeutet Isolationshaft konkret?

Dixon: Djamel Ameziane lebt 22 Stunden am Tag in einem rund zehn Quadratmeter großen Raum. Keine Bücher, kein Papier, nichts. Wenn er mir einen Brief schreiben will, muss er zuerst um Papier und Stift bitten.

Die beiden übrigen Stunden sollten zur sogenannten Erholung genutzt werden. Erholung heißt in diesem Zusammenhang, in einem kleinen Hof gemeinsam mit einem zweiten Häftling auf und ab zu gehen. Zwischen den beiden Häftlingen patrouilliert eine Wache. Außerdem sind die Zeiten für diese kurzen Aufenthalte an der frischen Luft nicht jeden Tag gleich. Es kann passieren, dass die Wachen um 3 Uhr nachts in die Zelle kommen und diese Art von Erholung anbieten. Dieses Angebot hat Ameziane verständlicherweise auch schon ausgeschlagen.

derStandard.at: Sollte es in Guantanamo zu einem Todesfall aufgrund des Hungerstreiks kommen, welche Auswirkungen erwarten Sie sich auf die Debatte über das Gefangenenlager?

Dixon: Die Verzweiflung der Männer in Guantanamo ist gestiegen, nachdem sie gesehen haben, dass auch Obama kaum etwas an ihrer Situation verbessert hat. Das trifft auch auf Ameziane zu. Er weiß einfach nicht, was er sonst noch machen soll, um aus dem Gefängnis zu kommen. Dieser Streik hat die öffentlichen Aufmerksamkeit wieder auf Guantanamo gelenkt und Obama dazu gebracht, die Schließung des Gefängnisses bei einer Rede Mitte Mai erneut zu befürworten. Ich denke, die Angst vor einem Todesfall in Guantanamo hat diese Aussagen befördert.

derStandard.at: Was steht der Freilassung Amezianes noch im Weg?

Dixon: Ameziane wurde schon zweimal von allen Vorwürfen gegen ihn freigesprochen – sowohl von der US-Regierung unter Bush als auch von der Obama-Regierung. Das Militär hat also zweimal bestätigt, dass es keinen Grund mehr gibt, ihn festzuhalten. Von den insgesamt 166 in Guantanamo Inhaftierten könnten 86 in ein anderes Land transferiert werden. Obama hätte die Kompetenz, das zu veranlassen. Bisher fehlt ihm allerdings der politische Wille zur Umsetzung. Von den 86 Häftlingen können lediglich ungefähr zwölf nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Darunter auch Djamel Ameziane, der sich vor politischer Verfolgung in seinem Heimatland Algerien fürchtet. Amezianes derzeit einzige Chance, von Guantanamo wegzukommen, ist die Aufnahme durch einen anderen Staat.

derStandard.at: Gibt es aktuell Bemühungen, Österreich zu einer Aufnahme Amezianes zu bewegen?

Dixon: Wir wären natürlich erfreut, wenn sich Österreich dazu bereiterklären würde – auch weil er schon einige Jahre in diesem Land verbracht hat. Derzeit gibt es allerdings keine formelle Anfrage dazu. (Michaela Kampl, derStandard.at, 6.6.2013)


J. Wells Dixon ist als Anwalt beim Center for Constitutional Rights mit Sitz in New York. Seit 2006 vertritt er den Guantanamo-Häftling Djamel Ameziane.

Britische Ex-Politiker helfen bei Steuertricks

SEBASTIAN BORGER, 2. Juni 2013, 17:30
  • Demonstranten in London machen gegen die von Großkonzernen wie Starbucks praktizierte Steuervermeidung mobil. Auch die Politik hat sich längst dem Kampf gegen Steuerschlupflöcher angenommen.
    foto: reuters/mac gregor luke

    Demonstranten in London machen gegen die von Großkonzernen wie Starbucks praktizierte Steuervermeidung mobil. Auch die Politik hat sich längst dem Kampf gegen Steuerschlupflöcher angenommen.

16 frühere britische Minister oder Spitzenbeamte heuerten in den vergangenen Jahren bei einer der großen Steuerberaterfirmen an

London – Im Streit um die Besteuerung globaler Firmen gerät in Großbritannien das allzu enge Verhältnis zwischen Politik, Finanzamt und großen Rechnungsprüfungsunternehmen ins Gerede. Der frühere Leiter der britischen Steuerbehörde HMRC, David Hartnett, hat jetzt beim Buchprüfer Deloitte angeheuert und damit einen Trend bestätigt: In den vergangenen zehn Jahren verdingten sich 16 frühere Minister und hohe Beamte bei einer der großen Steuerberaterfirmen wie KPMG und PwC. Die Firmen betätigten sich zudem als Großspender der drei wichtigsten Parteien im Unterhaus. Der Fall Hartnett sei “schockierend” und hinterlasse “einen bitteren Geschmack”, empört sich die Labour-Abgeordnete Margaret Hodge, die den Buchprüfungsausschuss im Unterhaus leitet.

Legal, aber illegitim

Wie in Amerika und Kontinentaleuropa sind auch auf der Insel die Steuervermeidungspraktiken bekannter Konzerne wie Google, Apple oder Starbucks ins Zwielicht geraten. “Unternehmen wie Google haben die Pflicht, mehr zu tun als nur gerade eben das Recht einzuhalten”, glaubt Labour-Oppositionsführer Edward Miliband.

Unterstützt werden die Konzerne bei ihrem Drahtseilakt zwischen Steuerbetrug und gerade noch legalen Buchführungstricks häufig von einem der vier weltweit tätigen Buchprüfer. PwC sowie Ernst&Young haben ihre Hauptquartiere auf der Insel, Deloitte ist in den USA ansässig, KPMG in den Niederlanden.

Big four

Die Niederlassungen dieser “vier Großen” waren in den vergangenen Jahren häufig Anlaufstelle für frühere Regierungsinsider auf Jobsuche. Zwei frühere Labour-Innenminister verdingten sich bei KPMG, wohin auch der Leiter von Premierminister David Camerons Grundsatzabteilung zurückkehrte. Ein früherer Berater des liberalen Vizepremiers Nick Clegg arbeitet jetzt für PwC.

Der Austausch zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Sektor sei für alle Beteiligten vorteilhaft und fruchtbar, argumentieren Befürworter dieses sogenannten Drehtürverfahrens. Sie verweisen zudem auf Einschränkungen, die den Betroffenen vom zuständigen Regierungsausschuss auferlegt werden können. So erhielt Hartnett die Genehmigung für den Deloitte-Job nur unter zwei Auflagen: Der 62-Jährige darf ein Jahr lang nicht direkt bei der Regierung lobbyieren und den Steuerbehörden anderer Staaten gegenüber keine Geheimnisse britischer Politik verraten.

Kritikern geht dies nicht weit genug. Hodge spricht von Arroganz und einem Mangel an Verständnis für mögliche Interessenkonflikte: “Es muss doch bessere Möglichkeiten geben, wie man ehrlich sein Geld verdient.”

Fragliche Google-Praktiken

Hodge und ihr Ausschuss prangern das enge Interessengeflecht schon seit Jahren an. Zuletzt kritisierten sie Google für dessen Steuervermeidung. Lukrative Milliardendeals mit britischen Firmen wurden nominell im Niedrigsteuerland Irland verbucht; die britische Unternehmenssteuer lag deshalb 2011 bei lächerlichen 3,96 Millionen Euro. Das sei “unredlich und unethisch”, finden die Parlamentarier.

Ähnlich stellte sich der Fall der Investmentbank Goldman Sachs dar. Lohnnebenkosten-Zahlungen wurden zwar nach langem Hin und Her beglichen, die damals noch von Hartnett geleitete HMRC machte aber keine Zinszahlungen geltend, wie bei jedem säumigen Steuerzahler üblich. ” Unserem Eindruck nach werden große Unternehmen von der Behörde besser behandelt als andere Steuerzahler”, meint Hodge. HMRC habe “übermäßig engen Kontakt” mit großen Unternehmen gepflegt und dadurch Rechtsbewusstsein und Steuergerechtigkeit gefährdet. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 3.6.2013)

http://derstandard.at/1369362363649/Britische-Ex-Politiker-helfen-bei-der-Steuervermeidung

 

Arno Peters

2. Dezember 2002

An Arno Peters scheiden sich bis heute die Geister. Für die einen ist er einer der letzten Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts, für andere nicht viel mehr als ein fleißiger Produzent von Windeiern.

Der studierte Historiker träumte von der Weltrevolution, von einer gerechten Gesellschaft und davon, dass der vorherrschende Eurozentrismus eines Tages überwunden sein würde. Der Professor ehrenhalber nannte sich selbst am liebsten einen Privatgelehrten.

Schlagzeilen machte er mehrfach in seinen gut 86 Lebensjahren. So 1952, als er die “Synchronoptische Weltgeschichte” herausgab, mit der er das gängige Weltbild revolutionieren wollte. Auf der Buchmesse in Frankfurt noch gefeiert, landete das Werk in Zeiten des Kalten Krieges kurze Zeit später auf dem Index, wegen “eindeutiger kommunistischer Tendenzen.”

1973 war es dann seine flächentreue Karte, die er öffentlichkeitswirksam präsentierte – als angeblich erste, auf der die Dritte Welt politisch korrekt dargestellt wurde. Sie wurde – zum Ärger vieler Kartografen-Kollegen – zum globalen Erfolg.

THE PETERS PROJECTION
AN AREA ACCURATE MAP

The Peters Projection World Map is one of the most stimulating, and controversial, images of the world. When this map was first introduced by historian and cartographer Dr. Arno Peters at a Press Conference in Germany in 1974 it generated a firestorm of debate. The first English-version of the map was published in 1983, and it continues to have passionate fans as well as staunch detractors.

The earth is round. The challenge of any world map is to represent a round earth on a flat surface. There are literally thousands of map projections. Each has certain strengths and corresponding weaknesses. Choosing among them is an exercise in values clarification: you have to decide what’s important to you. That is generally determined by the way you intend to use the map. The Peters Projection is an area accurate map.

=561&tbm=isch&tbnid=VFud2XI4MQWLvM:&imgrefurl=http://www.petersmap.com/&docid=5ouWPdzh12h6PM&imgurl=http://www.petersmap.com/peterms.gif&w=376&h=233&ei=mSWrUeHeJ4bVsgbFxoDwBg&zoom=1&iact=hc&vpx=4&vpy=200&dur=1175&hovh=177&hovw=285&tx=75&ty=76&page=1&tbnh=134&tbnw=216&start=0&ndsp=18&ved=1t:429,r:12,s:0,i:120

http://arcalinux.files.wordpress.com/2009/03/mapamundi-de-peters.jpg

Peters, Arno

deutscher Historiker, Geograph und Ökonom; Prof. Dr. phil. /ml

Geburtstag: 22. Mai 1916 Berlin-Charlottenburg

Klassifikation: Historiker, auch Wissenschaftshistoriker, Geograph, Geologe, Wirtschaftswissenschaftler

Nation: Deutschland

Herkunft

Arno Peters wurde am 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg als Sohn des Oberreichsbahnrates Bruno Peters und seiner Ehefrau Lucy geboren.

Ausbildung

Nach dem Abitur studierte P. an der Berliner Universität Geschichte, Kunstgeschichte und Zeitungswissenschaft und promovierte zum Dr. phil. Die Mittel für sein Studium verdiente er sich durch Arbeit bei Presse und Film. Nur 24 Jahre alt, stellte er als Produktionsleiter bei der Tobis u. a. den Musikfilm “Immer nur Du” her. Studienreisen führten ihn nach Frankreich, England, USA und UdSSR, Polen, Schweden, Griechenland, Türkei, Italien, Spanien, Portugal und Mexiko.

Wirken

Seit Abschluß seines Studiums ist P. als Privatgelehrter tätig. Schon als Student hatte er sich mit dem Plan einer räumlich-graphischen Darstellung der Zeit beschäftigt. 1941 schuf er den ersten Entwurf für eine Geschichtsdarstellung, die auf der Sichtbarmachung des Gleichzeitigen beruht und durch unmittelbare Anschauung des zeitlichen Miteinander und Nacheinander die Zusammenhänge der Geschichte vermittelt. Auf dieser Grundlage entstand seine “Synchronoptische Weltgeschichte”. Neben die europäische Geschichte stellte er gleichrangig die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie die Geschichte des vorkolumbischen Amerika. Es ging ihm auch darum, alle Lebensbereiche gleichwertig darzustellen, wodurch die sonst beherrschende Geschichte von Politik und Krieg hinter die der Kunst, der Wissenschaft und der Technik, der Religion, der Philosophie und des Rechts zurücktrat. “Peters Synchronoptische Weltgeschichte” erschien erstmals 1952 und seither in zahlreichen Neuauflagen, 1962 auch in einer französischen Ausgabe (übersetzt von Robert Minder), seit 1970 auch als zweibändige “Große Synchronoptische Weltgeschichte” (unter Einbeziehung der Frühkulturen) mit Indexband.

1965 wandte sich P. geographischen Arbeiten zu, die ebenso wie seine Weltgeschichte die Überwindung des europazentrischen Weltbildes anstreben. 1973 legte er seine eigene Erdkartenprojektion vor unter dem Titel “Die Länder der Erde in flächentreuer Darstellung”. Seine rechtwinklige Anordnung der Längen- und Breitengrade verbindet mit der Flächentreue auch Lage- und Achstreue. Die unser geographisches Weltbild prägende Mercator-Projektion des deutschen Geographen Gerhard Kremer (1569) konnte bislang noch nicht verdrängt werden. Seit 1975 arbeitete P. an einem Weltatlas. Dieser “Peters-Atlas” erschien 1989 bei Longman in London und bei der UNICEF in Zürich. Es folgten 1990 fünf weitere inhaltsgleiche Ausgaben: Frankreich (Larousse), Italien (Rizzoli), Spanien (Vicens Vives), USA (Harper & Row), Dänemark (Politiken).

Für die Universität der Vereinten Nationen legte P. 1984 seine kartographische Konzeption in einem theoretischen Werk nieder (“Die Neue Kartographie”). Darin entmythologisierte er die bisher herrschende kartographische Theorie. In seinem Katalog neuer Kartenqualitäten treten praktische, ästhetische und didaktische Qualitäten neben die bisher allein maßgebenden mathematischen Qualitäten. P. verlegte den Null-Meridian von Greenwich auf die Datumsgrenze und verschob diese in die Mitte der Beringstraße. Willy Brandt machte die “Peterskarte” durch die Nord-Süd-Kommission zum Symbol für die Gleichrangigkeit und Gleichwertigkeit der farbigen Völker. Kirchliche Institutionen (in der Bundesrepublik Weltmission, Misereor und missio, in England Christian Aid, in den USA The National Council of Churches, in Frankreich das Comité Catholique, in Holland und Belgien die Caritas, in Italien ASAL) übernahmen sie aus dem gleichen Grund.

Begleitend zu seiner historischen und kartographischen Tatsachen-Darstellung arbeitet P. an einer Geschichtsphilosophie, deren Grundgedanken er 1978 vorgetragen hat (“Die Periodisierung der Geschichte und das historische Weltbild des Menschen”). P. sieht in der Stoffeinteilung (Periodisierung) der Geschichte die Quintessenz des geschichtlichen Denkens und die bestimmende Grundlage unseres historischen Weltbildes. Er teilt die heute gebräuchlichen Periodisierungen in zwei Gruppen: Lineare Periodisierung und zyklische Periodisierung. Linear ist danach die Grundlage der herkömmlichen bürgerlichen Geschichtstheorie (Altertum-Mittelalter-Neuzeit) wie ihrer marxistischen Variante (Sklaverei-Feudalismus-Kapitalismus) – zyklisch sind die von Spengler und Toynbee vertretenen Kulturkreislehren. Für P. widersprechen beide Periodisierungen dem wirklichen Ablauf der Universalgeschichte. Für ihn ist Geschichte weder ein Nacheinander von Epochen (= lineare Periodisierung) noch ein Nebeneinander von Kulturen (= zyklische Periodisierung), sondern ein Miteinander von Prozessen (= dialektische Periodisierung). Im Ablauf der Geschichte sieht P. eine Zeit der Differenzierung, die zwischen dem Naturzustand des Menschen in der Vorzeit und der in der Gegenwart anbrechenden Zukunft liegt (die P. als Epoche der “Kultur” bezeichnet). Für P. zerfallen die Prozesse der historischen Zeit in “teilende” (den Menschen in seiner natürlichen Ganzheit erhaltende) und “spaltende” (den Menschen von seiner natürlichen Ganzheit entfremdende) Prozesse. Das Ziel der revolutionären Umwälzung unserer Epoche sieht P. in der Überwindung der spaltenden Prozesse der historischen Zeit und in der Rückkehr des Menschen zur natürlichen Ganzheit seines Naturzustandes auf höherer Ebene (Kultur).

1974 gründeten neun Gelehrte verschiedener Disziplinen (Fritz Fischer, Wilhelm Treue, Ernst Bloch, Herbert Kühn, Benno von Wiese, Walther Gerlach, Friedrich Klemm, Wolfgang Braunfels und Walter Zimmermann) für die Arbeiten von P. das Institut für Universalgeschichte. Das von P. geleitete Institut wurde finanziell vom Bremer Senator für Wissenschaft getragen, bis es sich selbst erhalten konnte.

Der vielseitige P. hat auch an einer Verbesserung der musikalischen Notation gearbeitet und 1984 am Mozarteum in Salzburg seine neue Farbnotation vorgelegt (Peters-Notation). Darin hat er die für seine “Synchronoptische Weltgeschichte” entwickelte räumliche Darstellung der Zeit auf die Mitteilung der Tondauer angewendet. 1985 veröffentlichte er seine theoretische Grundlegung der neuen Notation (“Die maßstäbliche Darstellung der Tondauer als Grundlage oktav-analoger Farbnotation”; Akademische Verlagsanstalt, Vaduz) sowie eine Klavierfibel fürs Farbklavier (“Für Majenna”).

Im Nov. 1989 sorgte P. für Aufsehen, als er Reparationsausgleichszahlungen der Bundesrepublik an die DDR forderte. P. begründete seine Forderung mit den von der DDR – stellvertretend für die Bundesrepublik – aufgebrachten Reparationsleistungen an die Sowjetunion (jeder Ostdeutsche leistete im Schnitt 16.124 Mark an Reparationen, jeder Westdeutsche nur 126 Mark). Zwar machte sich mit Unterstützung von Persönlichkeiten der Bundesrepublik der damalige DDR-Ministerpräsident Modrow diese Reparationsausgleichsforderung in Höhe von 727 Millarden DM zu eigen, konnte sie aber nicht durchsetzen.

Seit 1983 hat sich P. zunehmend der Ökonomie zugewandt in dem Bestreben, die Weltwirtschaft auf die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse statt auf Angebot und Nachfrage zu richten. Sein Ziel ist die gleichzeitige weltweite Überwindung von Not und Überfluß. In seinem Vortrag “Das Äquivalenzprinzip als Grundlage der Global-Ökonomie” (Palermo, 5.5.1995, Istituto Gramsci Siciliano) sieht P. unsere Epoche als Übergang von der National-Ökonomie zur Global-Ökonomie mit dem Postulat, Güter und Dienstleistungen auf Grundlage ihres Wertes (= der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit) auszutauschen, wodurch der Einzelne, ebenso wie Betriebe, Gruppen und Staaten, nicht mehr Güter und Leistungen entnehmen, als sie selbst einbringen. Ein aus der Arbeitswertlehre Ricardos zu entwickelndes Wertmaß hätte der Ökonomie die exakte Grundlage zu geben.

Werke

Veröffentlichungen: “Peters Synchronoptische Weltgeschichte” (52, mehrere Neuauflagen), “Die Länder der Erde in flächentreuer Darstellung” (73), “Die Periodisierung der Geschichte und das historische Weltbild des Menschen” (78), “Die neue Kartographie” (84), “Die maßstäbliche Darstellung der Tondauer als Grundlage oktav-analoger Farbnotation” (85), “Peters Weltatlas” (89) u. a. m.

Auszeichnungen

1994 wurde P. mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon (Bremen) ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der bekannte Historiker Fritz Fischer.

Mitgliedschaften

P. ist seit 1965 Mitglied des PEN-Clubs.

Familie

P. ist seit 1987 in dritter Ehe mit Majenna, geb. Ruminski, verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder: Marco und Mirko. Aus zweiter Ehe stammt die Tochter Sabine, aus erster die vier Kinder Anja, Axel, Anita und Aribert. P., zu dessen Liebhabereien Segeln, Schwimmen und Radfahren gehören, malt und zeichnet auch: “Weimarer Skizzen” und “Mit dem Pinsel unterwegs”.

Adresse

Heinrich-Heine-Straße 93, 28211 Bremen; Tel.: 0421/23 20 22

Arno Peters

Arno Peters (22. Mai 1916 – 2. Dezember 2002), Historiker und Kartograph.

Inhaltsverzeichnis

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Kritik des Eurozentrismus

1941 schuf Peters den ersten Entwurf für eine Geschichtsdarstellung, die auf der Sichtbarmachung des Gleichzeitigen beruht und durch unmittelbare Anschauung des zeitlichen Miteinander und Nacheinander die Zusammenhänge der Geschichte vermittelt. Bekannt wurde Arno Peters zu Beginn der 1950er Jahre durch seine “Synchronoptische Weltgeschichte”, einem Geschichtsatlas, der durch seine synchronistische Form die europäische Geschichte gleichberechtigt neben die Geschichte der großen asiatischen, aber auch vorkolumbianischen Kulturen der beiden Amerikas stellte. Neben der eurozentrischen Sichtweise auf Geschichte kritisierte Peters auch die Fokussierung auf die Bereiche Politik und Kriege. Im Ergebnis war Geschichtsschreibung aus Peters Sicht geprägt von der Konzentration auf die politische Geschichte Europas der letzten 500 Jahre.

Weltkartenprojektion

Mitte der 1970er Jahre wurde Peters dann schlagartig durch seine neuartige Weltkarten-Projektion weltbekannt. Mit einer veränderten Darstellung der Weltkarte griff Peters die seit dem ausgehenden 16. Jahrhunderts dominierende Kartendarstellung Gerhard Mercators an. Die Peters-Projektion wurde von der deutschen Kartographie zwar zerrissen, wurde aber das Logo der Nord-Süd-Kommission unter Willy Brandt.

Familiärer und politischer Hintergrund

Weniger bekannt ist dagegen der familiäre und eigene politische Hintergrund Arno Peters in der sozialistischen und kommunistischen Bewegung.

Wird weiter bearbeitet …Mueste300 19:16, 1. Jan. 2009 (CET)

Links

Literatur

Literatur von Arno Peters

  • Arno Peters: Synchronoptische Weltgeschichte, Frankfurt am Main 2000. [Dies ist die Ausgabe von Zweitausendeins. Erstmals erschienen 1952]
  • Arno Peters: Die perspektivische Verzerrung von Raum und Zeit im historisch-geographischen Weltbilde der Gegenwart und ihre Überwindung durch neue Darstellungsweisen [Vortrag am 6. Oktober 1967 an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest], München-Solln 1967.
  • Arno Peters: Die neue Kartographie/The New Cartography, Klagenfurt/New York 1983.
  • Arno Peters: Die maßstäbliche Darstellung der Tondauer als Grundlage oktav-analoger Farbnotation [überarbeitete Fassung des Vortrages, den der Verfasser am 8. Mai 1984 vor Dozenten des Mozarteum in Salzburg gehalten hat], Vaduz 1985.
  • Arno Peters: Atlas, Vaduz 1990.
  • Arno Peters: Das Äquivalenz-Prinzip als Grundlage der Global-Ökonomie, Vaduz 1996.
  • Arno Peters: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus? Gespräche mit Konrad Zuse, Berlin 2000.

Literatur über Leben und Werk

  • Deutsche Gesellschaft für Kartographie & Verband der Kartographischen Verlage und Institute (1955): Ideologie statt Kartographie: Die Wahrheit über die “Peters-Weltkarte”, Dortmund/Frankfurt am Main.
  • Fischer, Fritz (1996): Der letzte Polyhistor. Leben und Werk von Arno Peters, Vaduz 1996.
  • Kachulle, Doris (2003): “Undeutsch”. Zum Tod des Historiker Arno Peters am 2. Dezember: Die Geschichte seiner “Synchronoptischen Weltgeschichte”, in: junge Welt, 9. Dezember 2002, 13.
  • Müller, Stefan (2009): Spartakist und Eisenbahner %u2013 Bruno Peters (1884-1960), in: Alfred Gottwaldt (Hrsg.): Reichsbahner im Widerstand, (hrsg. im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums), [im Erscheinen: Berlin 2009]
  • Monmonier, Mark (1995): Drawing the Line. Tales of Maps and Cartocontroversy, New York.
  • Monmonier, Mark (2004): Rhumb Lines and Map Wars. A Social History of the Mercator Projection, Chicago/London 2004.
  • Stauffenberg, Alexander Graf von (1953): Die Synchronoptische Frage, Frankfurt am Main 1953.
  • Vujakovic, Peter (1987): The extent of adoption of the Peters projection by “Third World” organizations in the UK, in: Society of University Cartographers, Bulletin, 21. Jg. (1987) Nr. 1, 11-15.
  • Weber, Hermann/Herbst, Andreas (2004): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, 558 (Kurzbiographien über die Eltern Bruno und Lucie Peters)
  • Wenzel, Siegfried (2003): Die Sozialismusvision eines bedeutenden Historikers. In memoriam Arno Peters, in: Utopie kreativ, 2003 (Nr. 4), Nr. 150, 365-367.

Weitere Literatur

  • Heinz Dieterich: Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie nach dem globalen Kapitalismus, Berlin 2006.

Synchronoptische Weltgeschichte

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Die Synchronoptische Weltgeschichte von Arno Peters ist eine synchronistische Sonderform des Geschichtsatlas in der Tradition der synchronistischen Tabellen des 18. Jahrhunderts. Die auf Balkendiagrammen über dezimalem Streifenfeld basierenden Tabellen erschienen erstmals 1952. Im Jahr 1962 folgte eine von Robert Minder übersetzte französische Ausgabe. 1970 folgte die um die Vorgeschichte erweiterte zweibändige “Große Synchronoptische Weltgeschichte”.

Der Zeitatlas stellt zeitgleich (synchron-) auf einen Blick (-optisch) die Geschichte der menschlichen Zivilisation dar. Peters legte besonderen Wert darauf, sich dabei nicht einseitig auf die europäische Zivilisation oder auf militärische und politische Ereignisse zu konzentrieren.

Der Überblick umfasst den Zeitraum vom 30. Jahrhundert v. Chr. bis zum 20. Jahrhundert n. Chr. Die Darstellung ist quasi tabellarisch angelegt; jeweils 100 Jahre pro Doppelseite und je ein Jahr pro Spalte werden im Überblick aufgezeigt. Die Darstellung im Zeitatlas ist wie folgt organisiert:

  • Als Überschrift des Jahrhunderts steht eine Angabe über die Grundtendenzen und über die hervorragenden Geschehnisse.
  • In den folgenden beiden Zeilen werden die wichtigsten Ereignisse aus Wirtschaft und Geistesleben dargestellt. Peters differenziert hier weiter:
    • Den Bereich Wirtschaft in Technik, Naturwissenschaften, Entdeckungen, und Gemeinschaftsleben
    • Den Bereich Geistesleben in Kunst, Dichtung, Philosophie, Recht und Städtebau
  • In der Mitte sind Lebenslinien zeitgeschichtlicher Persönlichkeiten aus den Bereichen Wirtschaft, Geistesleben, Religion und Politik dargestellt.
  • In den letzten beiden Zeilen stehen Fakten aus den Bereichen
    • Politik (Staatswesen, Gesellschaftsordnung) und
    • Kriege oder Revolutionen (Aufstände, Bürgerkriege).

Der Grundband (Zeitatlas) wird ergänzt durch den Indexband, ein alphabetisch geordnetes Register. Er vertieft die einzelnen Themen anhand von Begriffen, Orten, Staaten, Personen, Epochen und Ereignissen. Farbige Schrift schafft indirekte Verweise zwischen dem historischen Zusammenhang im Grundband und den Details im Indexband.

Ausgaben

  • Arno Peters, Anneliese Peters: Synchronoptische Weltgeschichte. Universum, Frankfurt am Main 1952
  • Arno Peters: Synchronoptische Weltgeschichte. 2 Bände. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-86150-370-0
  • Hans-Rudolf Behrendt, Thomas Burch, Martin Weinmann: Der Digitale Peters. DVD-ROM. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-386150833-5

Weblinks

http://derdigitalepeters.de/

WELTGESCHICHTE

Aus sozialistischer Sicht

Am Mittwoch vergangener Woche nahm der Skandal um die “Synchronoptische Weltgeschichte” des Ehepaares Arno und Anneliese Peters eine neue Wendung: Das niedersächsische Kultusministerium verkündete, es werde den “Fall Peters” vor ein ordentliches Gericht bringen. Das Ministerium will 5000 Exemplare des neuen Geschichtswerkes wieder zurückgeben und den Universum-Verlag in Frankfurt am Main auf Rückerstattung von 50 000 Mark verklagen, die Niedersachsen für die Herausgabe des Buches aus Stiftungen zur Verfügung gestellt hatte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte”, um die sich in den zwei letzten Wochen der größte Geschichtsbuch-Skandal seit Kriegsende entwickelt hat, erschien auf den ersten Blick als ein hervorragendes Unterrichtswerk: Auf achtfarbigen Tabellen bot sie einen fließbandartigen Überblick über die gleichzeitig abgelaufenen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, unterteilt in sechs Sparten – Wirtschaft, Geistesleben, Religion, Politik, Kriege, Revolutionen.

Das bunte Tafelwerk reicht von 1000 vor Christus (Das Heer des Königs David von Juda besiegt die Philister) bis 1952 nach Christus (Leninkanal zwischen Wolga und Don verbindet fünf Meere) und wurde auf der Frankfurter Buch-Messe als “Schlager” gefeiert.

Erst bei näherem Studium erwies sich, daß Rot die eigentliche Grundfarbe der bunten Tabellen ist. Typische Zitate:

* Judas Ischariot “versuchte vergeblich, Christus zur revolutionären Tat zu veranlassen”;

* Paulus “entkleidete die Lehren Christi ihres sozialrevolutionären Charakters”;

* Epiphanes “schuf die Lehre eines christlich-begründeten Kommunismus”;

* Friedrich II. von Hohenstaufen “übernahm die Folterung, Verstümmelung und Verbrennung der Kirchengegner”;

* Iwan der Schreckliche “führte den Buchdruck in Rußland ein”;

* Manko Kapak, König der Inkas, “baute seinen Staat nach kommunistischen Grundsätzen auf”;

* Spanischer Bürgerkrieg: “Faschisten unter Franco beseitigten mit Hilfe Deutschlands und Italiens die von Demokraten (vor allem Kommunisten) aus aller Welt unterstützte republikanische Ordnung.”

* Stalin ist “ein sowjetischer Staatsmann aus Gori”, der die erste sozialistische Verfassung schuf, die Rote Armee als Volksheer ausbaute und “als anerkannter Führer der Sache des Weltkommunismus den Lehren von Marx-Engels-Lenin ihre für die Gegenwart gültige Ausprägung gab.”

Kein Wort von sowjetischen Hungerrevolten, Schauprozessen oder Schweigelagern.

Mit roten Gesichtern standen da:

* führende Historiker, Soziologen und Publizisten der Bundesrepublik, die das Werk im voraus hymnisch gelobt hatten;

* die amerikanische Hohe Kommission und die Kultusorgane westdeutscher Länder und Städte, die das Geld zur Drucklegung gegeben hatten.

Der Skandal brodelte.

Am Donnerstag wollen die Kultusminister und -Senatoren von Niedersachsen, Hessen, Bremen, Hamburg und Berlin beraten, was nun mit der “Synchronoptischen Weltgeschichte” werden soll. Trotz der frühzeitigen niedersächsischen Entscheidung, das Werk zurückzugeben und auf Rückerstattung der Gelder zu klagen, hoffen Arno und Anneliese Peters unverdrossen, daß die Kultus-Konferenz das in 13 Jahren zusammengebastelte Geschichtswerk doch nicht auf den Index für die bundesdeutschen Schulen setzen wird.

Der Optimismus des Ehepaares Peters stützt sich unter anderem auf den beispielhaften Anschauungswandel, den der Dr. H. Heckel in puncto “Synchronoptische Weltgeschichte” durchgemacht hat. Dr. H. Heckel, Professor an der Frankfurter Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung, war bis zum 1. Oktober Ministerialrat im niedersächsischen Kultusministerium.

In dieser Eigenschaft ließ er auf Weisung des SPD-Kultusministers Richard Voigt Ende September den ersten Warnruf an

die Besteller des welthistorischen Tafelwerkes ertönen, nachdem ein Dr. Alfons Nobel in den Dortmunder “Ruhr-Nachrichten” auf die rote Tönung der “Synchronoptischen Weltgeschichte” hingewiesen hatte.

Da Minister Voigts Unterschrift unter einer 5000-Stück-Festbestellung des niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1949 prangte, waren die Herren so aus dem Konzept gebracht, daß Heckel die Warnung ohne nähere Prüfung des Buches herausgehen ließ.

So jedenfalls erklärte der inzwischen auf der Frankfurter Hochschule tätige Dr. Heckel dem in Hessen verantwortlichen Erziehungsmann, Ministerialdirektor Willy Wieweg, die Angelegenheit in einem Schreiben vom 3. Oktober: “… In Hannover war plötzlich an Hand einer Kritik von katholischer Seite eine Panik-Situation entstanden. Niemand sah sich die Sache richtig an, ich selbst kam in den letzten Tagen auch nicht dazu…”

Erst als Synchronoptiker Dr. Peters von dem Warnruf Heckels hörte und den Professor in Frankfurt zur Rede stellte, bekannte der, das Buch nur flüchtig durchgeblättert zu haben. Und erst dann nahm er sich die Mühe, es zu studieren.

Das Ergebnis dieses Studiums schlug sich in einem Brief nieder, den Professor Heckel ebenfalls am 3. Oktober an die rechte Hand seines alten Kultusministers, an den Regierungsdirektor Karl Turn im Hannoverschen Kultusministerium, richtete.

In diesem Brief heißt es … “Gestern habe ich mir die ”Synchronoptische Weltgeschichte” einmal etwas gründlicher angesehen, und ich muß Ihnen gestehen, daß

ich bedauere, in den letzten Tagen in Hannover nicht dazu gekommen zu sein. Denn nach meinen Feststellungen fallen die Vorwürfe, die gegen das Buch erhoben werden, doch eigentlich in sich selbst zusammen. Gewiß, es bleiben einige ungeschickte und unglückliche Formulierungen, man kann über Auswahl und Darstellungsart sicherlich oft streiten. Aber die Behauptung, das Werk sei aus kommunistischem Geist geschrieben und vom Osten her beeinflußt, hält meiner Überzeugung einer gründlichen Durchsicht nicht stand.”

Weiter: “Das Werk ist sicherlich aus einer sozialistischen Sicht heraus gestaltet, aber dagegen sollte man doch in Hannover nichts einzuwenden haben. Es ist stark bemüht, die östliche Welt gleichberechtigt zum Ausdruck zu bringen…, daß dabei auch einmal ein kleiner Spritzer auf Amerika fällt, schadet doch wirklich nichts…”

Weiter: “Ich möchte also meine persönliche Auffassung jetzt nach eingehendem Studium des Werkes dahin zusammenfassen, daß man es unbedenklich den Schulen, Hochschulen und Büchereien ausliefert, vielleicht in Begleitschreiben jedoch zum Ausdruck bringt, daß das Buch nur für den reiferen und verständigeren Leser seiner ganzen Anlage und Bedeutung nach geeignet ist, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit großen Umfanges und großer Bedeutung handelt, die natürlicherweise mit einigen Mängeln behaftet ist, daß eine solche Auswahl und Sicht der Dinge immer subjektiv bleibt, daß aber im ganzen gesehen sich der Kultusminister vorbehaltlos dahinterstellt und hier den empfangenden Stellen ein Arbeitsmittel ersten Ranges zur Verfügung stellt.”

Arno Peters klammert sich nun an die Hoffnung, daß sich die übrigen Erziehungsleute ebenfalls nur aus zweiter Hand informierten und bei ruhigem eigenem Studium sich der in fünf Nebensätzen verklausulierten 180-Grad-Wendung des Professors Heckel anschließen werden.

Was aber auch immer am Donnerstag entschieden wird: die Vertreter von Niedersachsen und Hessen, von Bremen, Hamburg und Berlin werden an einer klaren und weit über den “Fall Peters” hinausgehenden Stellungnahme nicht vorbeikommen. Sie werden die Frage beantworten müssen, ob eine aus “sozialistischer Sicht” gestaltete Weltgeschichte, die bis zum Jahre 1952 reicht, zwangsläufig das enthalten muß, was jetzt dem Doktor Peters als “kommunistische Tendenz” vorgeworfen wird.

Den Vorwurf der “intellektuellen Unredlichkeit” jedenfalls glaubt der Synchronoptiker” widerlegen zu können. Er ist sicher, den gerichtlichen Wahrheitsbeweis dafür führen zu können, daß er in seinen Verhandlungen mit den Kultusministerien stets zweierlei klar zu erkennen gegeben habe:

* er sei erklärter Sozialist;

* er wolle ein Geschichtswerk schaffen, das in West- und Ostdeutschland akzeptiert werden könne.

“Nur ein Idiot konnte da glauben, daß Stalin in einem solchen Werk als ”größter Verbrecher aller Zeiten” erscheinen werde”, argumentiert Peters heute. Damals schon habe er einem Gremium von hessischen Schulleuten und Historikern eine ähnliche Erklärung gegeben wie jetzt dem NZ-Herausgeber Hans Wallenberg:

“… Außerdem wollten wir mit unserem Werk die sich schon damals andeutende und inzwischen immer weiter aufreißende Kluft im geschichtlichen Denken Deutschlands schließen. Wir wollten ein Werk schaffen, das gleichermaßen im Osten wie im Westen Deutschlands benutzt werden kann, weil es einerseits die für jedes Weltbild erheblichen Tatsachen vermittelt

und andererseits durch Vermittlung auch jener Tatsachen, die im Gegensatz zum eigenen Weltbild stehen, zur Duldsamkeit erzieht. Die Kultusminister haben diesen Plan gekannt und begrüßt oder zumindest gebilligt. Auch die Erziehungsabteilung von HICOG wußte von dieser unserer Absicht …”

Diese Behauptungen müssen erst einmal widerlegt werden, bevor man das Doktoren-Ehepaar der “Erschleichung” von Subventionen zeihen kann, wie es das bayrische Kultusministerium tat.

Wenn man in dem Versuch zur Schaffung eines west-östlichen Geschichtsbuch-Diwans schon 1949 die Utopie eines Mannes gesehen hätte, der sich selber als “idealistischen Sozialisten” bezeichnet (“ich weiß, daß dies schon ein Paradoxon ist, da der Sozialismus aus dem Materialismus kommt”), wäre die jetzige Ablehnung gerechtfertigt. Aber damals wurden von keiner Seite Bedenken vorgebracht.

Im Gegenteil: der 36jährige Peters baute sich unter Vorlage eines handgeschriebenen Manuskripts (in dem allerdings die letzten 50 Jahre fehlten) eine Gutachten-Galerie zusammen, in der weder der Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Meinecke, noch der Heidelberger Soziologe Alfred Weber, noch der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, noch der bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Thomas Mann fehlte, der dem Buch “von Herzen” wünschte, daß es “sein hohes völkerversöhnendes Ziel erreichen möge”.

Der Münchner Historiker Schnabel, der sich heute als erster von der “Synchronoptischen Weltgeschichte” distanzierte, borgte sich das Hand-Manuskript sogar über eine Nacht aus und brachte es am nächsten Morgen dem Peters in das Hotel zurück.

Peters: “Mir gegenüber hat er damals behauptet, er habe darin die halbe Nacht studiert. Trotzdem erhielt ich von ihm ein Gutachten, in dem es wörtlich heißt: … ”den wesentlichen Fortschritt darf man aber darin erblicken daß sowohl die einseitig politische als auch die einseitig nationale Geschichtsdarstellung in der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” überwunden wurde”. Die Tendenz aber, die mir heute auch von Schnabel so übelgenommen wird, war in

dem 2900 Jahre umfassenden Manuskript genau dieselbe wie in dem jetzt vorliegenden Buch.”

Aber Hessens damaliger Kultusminister Dr. Erwin Stein (CDU) gab sich mit dem professoralen Gutachten-Katalog nicht zufrieden, als Peters ihn um eine Vorfinanzierung des in Heimarbeit entstandenen Werkes anging. Kultusminister Stein veranlaßte, daß die US-Militärregierung für Hessen das Manuskript acht Tage lang in ihre Testmühle nahm.

Der Bescheid der amerikanischen Education Branch, Office of Military Government, Hesse, vom 15. Juni 1949, schwelgte im Lob: “Die ”Synchronoptische Weltgeschichte” ist einzig in ihrer Art; sie ist das ausgezeichnete Ergebnis eines langwierigen Studiums und einer sorgfältigen Vorbereitung. Die neue Art der Darstellung führt zu unabhängigem Denken und einer objektiven Haltung gegenüber der Weltgeschichte im allgemeinen. Was die Genauigkeit der Daten, die Erleichterung des Verständnisses und die Ausgestaltung des Werkes betrifft, so ist das Buch von höchstem Wert… und kann für den Gebrauch in den Schulen eindringlich empfohlen werden.

“Einwände: Keine.

“Änderungsvorschläge: Keine.”

Minister Stein verschaffte sich aber auch deutsche Rückendeckung. Er ließ Peters vor einem eilig zusammentelegraphierten Gremium von hessischen Historikern und Schulleuten referieren. Das Manuskript wurde gründlich durchgehechelt. Am Ende der Diskussion stand der einstimmige Beschluß, die Regierung möge alles tun, um die Herausgabe der “Synchronoptischen Weltgeschichte” zu ermöglichen.

Auch vor dem Hauptschulausschuß des Landes mußte Peters Rede und Antwort stehen. Ein Ausschußmitglied stellte an ihn die ganz konkrete Frage: “Herr Peters, Sie sagen, Sie seien Sozialist. Zu welcher Form von Sozialismus bekennen Sie sich?” Darauf Peters: “Ich glaube, daß es nur einen Sozialismus gibt.”

Nachdem Peters und sein Manuskript von Deutschen und Amerikanern, von Lehrern und Historikern so gründlich durchgetestet und ausgehorcht waren, ging man an die Finanzierung. Vorher allerdings reiste Peters – mit Wissen des hessischen Kultusministeriums – nach Leipzig, um am dortigen Bibliographischen Institut Material locker zu machen und die Ostveröffentlichung vorzubereiten.

Die hessische Begeisterung gegenüber dem erklärten Sozialisten nahm zwar bald etwas ab, und die bevorschußte Bestellung des Landes wurde von 12 000 auf 25000 Stück gedrosselt. Aber sonst ging es herrlich voran. Minister Voigt bestellte für Niedersachsen beim Universum-Verlag*) 5000 Exemplare zum Preise von 12 DM das Stück und schoß auch die 60 000 DM vor.

Bremen zahlte 18 000 DM, Hamburg 14 600, Berlin 12 000, Hessen war mit 30 000 DM dabei. Es handelte sich also fast ausschließlich um Länder mit SPD-Regierungen, die

sich gar nicht darüber im unklaren sein konnten, daß ihnen Peters für ihre Schulen ein sozialistisches Werk liefern würde.

Die sozialistische Geisteshaltung, die Peters nie geleugnet hat und auch gar nicht leugnen kann, mußte seine Geschichtsdarstellung

* anti-dynastisch,

* anti-kapitalistisch und

* anti-klerikal

ausfallen lassen.

Trotzdem nennt Peters seine Weltgeschichte “apolitisch und unmarxistisch”. Letzteres bescheinigte ihm dann auch das Ost-Berliner “Amt für Literatur” in lakonischer Kürze, als es die ostzonale Veröffentlichung mit der zutreffenden Begründung “abweichend vom wissenschaftlichen Sozialismus” ablehnte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte” löckt nämlich in zwei entscheidenden Punkten wider den Stachel des Marxismus-Leninismus-Stalinismus:

* sie leugnet den Primat des Ökonomischen;

* sie entwickelt ihr Geschichtsbild aus Persönlichkeiten, wogegen die Menschheitsentwicklung nach allen marxistischen Dogmen gerade mit “außermenschlicher naturwissenschaftlicher Gesetzlichkeit abrollt”.

In seiner (nur bei einem deutschen Wissenschaftler begreiflichen) Naivität kann Peters bis heute nicht verstehen, warum nicht Ost und West brüderlich sein Tafelwerk verbreiten. Er sträubt sich immer noch, einzugestehen, daß er sich mit seinem Geschichts-Diwan genau zwischen alle Stühle gebettet hat.

In der sinnlosen Spekulation, das Buch hüben und drüben gesellschaftsfähig zu machen, sind dem Doktor Peters denn auch in der Darstellung der letzten 52 Jahre

Dinge unterlaufen, die jetzt von den Kultusministern mit Recht attackiert werden können, da sie ihnen ja im Gegensatz zu den 2900 vorhergehenden Jahren nicht zur Begutachtung vorlagen.

Und bei diesen 52 Jahren kann man ihm den Vorwurf einer in Liebedienerei ausartenden Überloyalität gegenüber dem Osten nicht ersparen. So, wenn er als eins der drei wesentlichen Kulturereignisse des Jahres 1936 Muchinas Plastik “Arbeiter und Kolchosbäuerin” zitiert – neben Picassos “Guernica” und Honeggers Oratorium “Johanna auf dem Scheiterhaufen”.

Als die amerikanische “Neue Zeitung” nach dem großen Erwachen eine voreilige Lobeshymne ihres Feuilleton-Chefs Bruno E. Werner*) auf die “Synchronoptische Weltgeschichte” in einer Art Selbstkritik widerrief, hätte sie sich besser den Schlußsatz verkniffen. Der lautete: “Aufklärung verlangt die Frage, wie es zu der ersten Auflage von 50 000 Exemplaren gekommen ist, und wer zu ihrer Finanzierung beigetragen hat.”

Die Antwort darauf wollte Dr. Peters den Lesern der NZ in einer schriftlichen Erwiderung geben, aber Chefredakteur Hans Wallenberg ließ den von ihm Angegriffenen nicht zu Worte kommen. Sonst hätten die NZ-Leser folgendes gelesen:

“Die Finanzierung der Herausgabe unseres Werkes wurde allein aus Mitteln bestritten, die uns als Vorauszahlungen für bestellte Exemplare der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” von öffentlicher Seite zugeflossen sind. Wir haben von 1949 bis heute von den nachfolgend genannten Stellen eine Gesamtsumme von 183 660 DM in bar sowie Papier und Bindematerial im Werte von 146 967 DM erhalten:

* Kultursenat der Stadt Bremen;

* Kultursenat der Stadt Hamburg;

* Kultusministerium des Landes Niedersachsen;

* Kultusministerium des Landes Hessen;

* Erziehungsabteilung der HICOG;

* Kultursenat der Stadt Berlin;

* Hauptschulamt der Stadt Frankfurt.

Obige Stellen haben durch diese Anzahlung das Anrecht auf Lieferung von 25 820 Exemplaren der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” erworben und so zugleich die Herausgabe des Werkes ermöglicht.”

Peters hatte dabei noch verschwiegen, daß die amerikanische Hohe Kommission mit 55 000 DM in bar, einer großen Papierlieferung und der Festbestellung von 14 000 Exemplaren (gegenüber 11 820 von deutschen Stellen) den Bärenanteil übernommen hatte.

Bei seinen Bemühungen um die Drucklegung der Weltgeschichte nämlich hatte der Doktor Arno Peters erfahren, daß die Amerikaner größere Papiermengen für gemeinnützige pädagogische Publikationen verteilten. Am Verteilerkopf saß Mr. John

Riedel, Chef der HICOG-Erziehungsabteilung. Die Unterredung, rekapituliert Peters, sei überraschend erfolgreich verlaufen. Riedel habe sein Muster-Exemplar und die amerikanischen Zeugnisse aus Wiesbaden betrachtet und ihn dann gefragt: “Wieviel wollen Sie denn zunächst drucken?”

Peters: “Zwanzigtausend.”

Riedel: “Warum drucken Sie nicht das Doppelte?”

Die Verhandlungen endeten damit, daß John Riedel 55 000 DM in bar und Papier- und Bindematerial im Werte von etwa 147 000 DM als Anzahlung auf eine Lieferung von 14 000 Exemplaren der “Synchronoptischen Weltgeschichte” à 12 DM herausrückte.

Daß ihre Blamage nicht noch größer wurde, verdanken die Amerikaner einzig und allein dem deutschen Nationalempfinden und den Ost-Rücksichten des Dr. Peters. Wenn es nach dem Willen der US-Erziehungsabteilung gegangen wäre, würden die von den Amerikanern bestellten Bände jetzt sogar einen Eindruck mit zwei US-Flaggen-Emblemen und der Widmung “Presented by the people oft the United States” aufweisen.

So aber blieb es bei einem eingeklebten Begrüßungsschreiben, unterzeichnet von George A. Selke, Chief, Division of Cultural Affairs, Bad Godesberg, Mehlemer Aue. Datum: August 1952. Nach diesem Schreiben erfolgt die Überreichung des Bandes “in der Absicht, deutschen Bildungsinstituten wertvolle Literatur zugänglich zu machen und die Verständigung der Nationen untereinander zu fördern”.

*) Der Universum-Verlag, der als Familien G. m. b. H. mit der Einzelprokura von Frau Anneliese und dem Ziel “der Herstellung und des Vertriebes der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” auf gemeinnütziger Grundlage” am 30. Juni 1952 in das Handelsregister des Frankfurter Amtsgerichtes eingetragen wurde, weist nur ein Stammkapital von 20 000 DM auf.*) Bruno E. Werner wurde inzwischen zum Kultur-Attaché beim deutschen Geschäftsträger in Washington ernannt. – Aber nicht nur die “Neue Zeitung” lobte die “Synchronoptische Weltgeschichte”, auch 42 andere Blätter brachten positive Besprechungen des Geschichtswerkes, offenbar ohne es gründlich gelesen zu haben. So Erik Reger im “Tagesspiegel” am 27. September 1952: “Das Werk empfiehlt sich als eine der brauchbarsten Waffen im Kampfe gegen die Unwissenheit.” 

Indigener mit Holzstange vor brasilianischen Polizisten

Indigene fordern Mitsprache

Das für den Bau des brasilianischen Belo-Monte-Staudamms verantwortliche Konsortium befürchtet eine Eskalation der Gewalt zwischen Bauarbeitern und protestierenden indigenen Staudammgegnern. Die Bauherren sollen bereits vor zwei Wochen einen entsprechenden Brief mit der Bitte um Maßnahmen an vier Ministerien geschickt haben.

Nachdem die Baustellen in den letzten Monaten mehrmals von Indigenen besetzt worden waren, bezeichnete das Konsortium die Lage in der Region als „extrem angespannt“, berichtete Kathpress am Mittwoch unter Berufung auf brasilianische Medien. Bisher hat die Regierung keine Maßnahmen verkündet. Kritik an dem Projekt kommt besonders von den indigenen Anrainern der Region, die ein Mitspracherecht und öffentliche Anhörungen zu dem Projekt verlangen.

Aufforderung an Präsidentin

Aus Protest besetzten am Dienstag Indiogruppen die Baustelle. Sie forderten einen Dialog mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff, hieß es am Montag (Ortszeit) in einem offenen Brief der Besetzer. Der für den Bau und Betrieb des Werks verantwortliche Konzern Norte Energia teilte mit, alle rechtlichen Schritte zu nutzen, um das Gelände wiederzuerlangen und die Arbeiten fortzusetzen.

Verschiedene indigene Volksgruppen hatten bereits Anfang Mai die Anlage am Amazonas-Seitenfluss Xingu besetzt, um die Arbeiten zu stoppen. Sie waren aber nach einer Woche wieder abgezogen. „Ihre Regierung sagte, dass wir, wenn wir gingen, angehört würden“, steht in dem Brief. Es habe aber keine Gespräche gegeben. Auch Umweltschützer protestieren heftig gegen das Projekt. Das Wasserkraftwerk soll das drittgrößte weltweit werden.

Baustopp kostete rund 400 Mio. Euro

Mitte August 2012 war per Richterspruch ein Baustopp verhängt worden, weil betroffene Volksgruppen vor der Kongressgenehmigung ihren Standpunkt nicht hatten vorbringen können. Aber schon Ende des Monats beschloss Brasiliens Oberster Gerichtshof den Weiterbau.

Insgesamt konnte in den vergangenen zwei Jahren aufgrund von Besetzungen an 91 Tagen nicht gearbeitet werden. Die ursprünglich für Februar 2015 geplante Inbetriebnahme der ersten Turbine wird sich deshalb verzögern. Laut Medienberichten sollen die Besetzungen zudem bisher Mehrkosten von umgerechnet gut 400 Millionen Euro verursacht haben. Derzeit sind 23.000 Arbeiter in Belo Monte beschäftigt, bis Jahresende sollen es 28.000 sein.

40.000 Menschen verlieren Lebensgrundlage

Unterstützung in ihrem Kampf erhalten die Kraftwerksgegner vom Indigenen-Missionsrat der katholischen Kirche (CIMI) und dessen Präsidenten, dem aus Vorarlberg stammenden Bischof Erwin Kräutler. Kräutler hatte erst vor kurzem in Österreich vor den katastrophalen Folgen des Staudammprojekts gewarnt.

Durch das Projekt würden rund 40.000 Menschen, vorwiegend Angehörige indigener Minderheiten, Lebensraum und -grundlage verlieren. 80 Prozent des Xingu-Flusses würden dafür abgeleitet und ein Gebiet von mehr als 500 Quadratkilometer Regenwald überflutet. Das zerstöre die Lebensgrundlage der indigenen Bewohner, lasse gewachsene Gemeinschaften zerbrechen und ziehe einen Massenexodus nach sich, so Kräutler. Außerdem verstoße das Projekt sowohl gegen die Menschenrechte als auch die brasilianische Verfassung. In Altamira, wo sich Kräutlers Bischofssitz befindet, soll gut ein Drittel der Stadt durch die Aufstauung überflutet werden.

Andritz liefert Turbinen

Der Staudamm Belo Monte wird nach seiner Fertigstellung nach dem chinesischen Dreischluchtendamm und dem brasilianisch-paraguayischen Gemeinschaftsprojekt Itaipu der drittgrößte der Welt sein. Die Turbinen und Generatoren des höchst umstrittenen Projekts stammen von der steirischen Andritz AG, die mit einer Auftragshöhe von etwa 330 Millionen Euro beteiligt ist.

Links:

Kirgistan

Goldmine besetzt

 

(ap) Rund 2000 Demonstranten haben die Verwaltung einer Goldmine im nördlichen Kirgistan gestürmt. Sie verlangten die Verstaatlichung des von der kanadischen Firma Centerra Gold betriebenen Bergwerks Kumtor und bessere Sozialleistungen, zudem den Bau von Strassen und Wasserleitungen und Investitionen für einen Kindergarten und einen Gesundheitsposten. Die Stromversorgung der Goldmine war stundenlang unterbrochen. Die Firma bezeichnete die Proteste als illegal. Man arbeite mit den lokalen Behörden zusammen, um eine Lösung zu finden.

Die Polizei nahm am Donnerstagabend 80 Protestierende fest, und am Freitag räumte sie eine Blockade auf der Zufahrtsstrasse zu der Mine. Die Polizei erklärte, man habe später auch Tränengas und Blendgranaten gegen Dorfbewohner eingesetzt, die die Stromversorgung des Bergwerkes hätten kappen wollen. Dabei wurden mehrere Demonstranten verletzt. Insgesamt gab es laut offiziellen Angaben 92 Festnahmen. Die Regierung verhängte in der betroffenen Region um Barskun am Südufer des Issyk-Sees den Ausnahmezustand. (Karte hier.)

Die Goldmine ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der verarmten früheren Sowjetrepublik mit rund fünf Millionen Einwohnern. Sie trägt bis zu zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung des zentralasiatischen Landes bei.

http://www.nzz.ch/aktuell/newsticker/kirgistan-goldmine-besetzt-1.18090812

 

Kirgisistan: Das schmutzige Gold aus den Bergen

Kirgisistan beherbergt eines der größten Goldvorkommen der Welt, das jedoch von einer kanadischen Firma ausgebeutet wird. In der zentralasiatischen Republik sieht man die ausländischen Investoren mit gemischten Gefühlen.

Goldene Kuppel in Bischkek - im Hintergrund das Tianshan-GebirgeWeit weg von der Hauptstadt liegt das Gold – in 4000 Metern Höhe

Kumtor ist eines der zehn größten Goldfelder weltweit. Es liegt 4000 Meter hoch in den kirgisischen Bergen, etwa 350 Kilometer von der Hauptstadt Bischkek entfernt, nur 60 Kilometer von der Grenze zu China. Kumtor ist nicht die einzige Goldmine in Kirgisistan, aber sie ist von immenser Bedeutung: In den zehn Jahren seit ihrer Erschließung wurden hier mehr als 170 Tonnen Gold gefördert.

Leonid Oseledko, Leiter der Geologie-Abteilung der Staatlichen Agentur für Geologie und Bodenschätze, spricht von etwa 40 Gold-Lagerstätten, die wirtschaftlich interessant sein könnten, und deren Gesamtreserven auf 352 Tonnen zu schätzen seien. Fast das gesamte Gold, das in Kirgisistan gefördert wird, gelangt in den Export. Und das meiste davon, etwa 90 Prozent der Produktion, stammt aus Kumtor.

Es glänzt auch nicht alles was Gold ist

 

Kumtor liegt im mittleren Bereich des Tianshan-GebirgesKumtor liegt im mittleren Bereich des Tianshan-Gebirges

Trotz dieser wertvollen Ressourcen ist Kirgisistan mit seinen fünf Millionen Einwohnern ein armes Land. Seine Schulden sind fast so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt. Es ist auf ausländische Investitionen angewiesen. 

So ist die Kumtor-Goldmine die größte von einer westlichen Firma betriebene Goldmine in Zentralasien. Das kanadische Unternehmen “Cameco” begann Ende 1996 mit dem Goldabbau in Kumtor. Mittlerweile hat “Centerra Gold” das Geschäft übernommen, eine Firma, die 2004 aus dem Mutterunternehmen Cameco ausgegliedert wurde. Die Kumtor-Mine ist ihr Filetstück, inzwischen fördert sie dort etwa 20 Tonnen Gold jährlich – unter extremen Bedingungen. Um an den begehrten Rohstoff zu gelangen, werden bei Durchschnittstemperaturen von minus acht Grad Celsius und Schnee, der selbst im Sommer nicht schmilzt, täglich viele Tausend Tonnen Erz und Gestein gefördert.

Weil das Gold in Kumtor im Erz enthalten ist, verwendet man zur Gewinnung des Metalls eine giftige chemische Lösung. Eine Grundkomponente dieser Lösung ist Zyanid, ein Salz der Blausäure, das wasserlöslich und sehr giftig ist – aber angeblich nicht gefährlich für Mensch und Umwelt, betont Rodin Stuparek, Direktor der Umweltschutz-Abteilung in Kumtor. “Wir gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Zyanid um.” Überall dort, wo Zyanid benutzt wird, gebe es Kontrollmonitore, die die Konzentration in der Luft überwachen. Internationale Standards erlauben einen Zyanid-Gehalt in der Luft von 5 zu 1.000.000.

Kein Gold besticht ein empörtes Gewissen

Dennoch bleibt bei vielen Kirgisen ein ungutes Gefühl. Den Beteuerungen des Unternehmens glauben die meisten schon seit einem Unfall im Mai 1998 nicht mehr. Damals stürzte in der Nähe der Ortschaft Barskoon ein LKW mit einer Ladung von mehr als 20 Tonnen Zyanid für die Goldmine Kumtor in einen Fluss, aus dem sich die Bevölkerung mit Wasser versorgt. Die Folgen sind äußerst umstritten und schwer zu belegen. Unklar blieb bis heute, wie viele Menschen durch die Zyanid-Vergiftung starben. Nicht nur Umweltschützer glauben, dass der Unfall in Barskoon zu nicht wieder gut zu machenden Schäden geführt hat.

 

Goldförderung in Kumtor: Das 360-Millionen-Dollar-Projekt Goldförderung in Kumtor: Das 360-Millionen-Dollar-Projekt

 

Menschenrechtler kritisieren vor allem das damalige Krisenmanagement. Tolekan Ismailowa ist die Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation “Bürger gegen Korruption”. Sie erinnert sich an die Panik, die damals um sich griff. Die Regierung habe die Menschen jedoch nicht über die Gefahren informiert, im Gegenteil, sie habe alles dafür getan, dass die Menschen so wenig wie möglich erfuhren. “Alle taten so, als sei rein gar nichts passiert. Trotzdem wurden die Leute plötzlich umgesiedelt, auf die andere Seite des Sees, ans nördliche Ufer. Sie haben gar nicht verstanden, wohin man sie bringt, und warum.”

In der Verwaltung von Kumtor sieht man die Dinge anders. Die Evakuierung der Region sei unnötig gewesen, es habe zu keiner Zeit Gefahr bestanden, heißt es in einer Pressemitteilung aus der damaligen Zeit, die sich auf internationale Untersuchungsberichte bezieht.

Der gelbe Kern der Erde …

Seit dem Unfall in Barskoon sind viele Jahre vergangen, aber das Image der ausländischen Investoren hat einen großen Kratzer bekommen. Viele Kritiker meinen, die kirgisische Regierung habe zu Beginn der 90er-Jahre vorschnell eine Generalvereinbarung mit den Geldgebern aus Kanada unterschrieben. Selbst im Parlament regte sich schon früh Protest, der bis heute nicht abgeklungen ist. Der damalige Parlamentsabgeordnete Schergazy Mambetalijew erinnert sich an die Untersuchungen einer Parlamentskommission, deren Vorsitzender er 1993 war. Diese so genannte Goldkommission stellte fest, dass der damalige Präsident Akaev die Kumtor-Mine ganz offensichtlich der kanadischen Firma Cameco überlassen hatte. “In einer Regierungssitzung habe ich gesagt, dass man es so nicht machen kann. Wir hatten doch gar keine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit ausländischen Firmen!”

 

Der Biss in die Erde erbringt 3,57 Gramm Gold wird pro Tonne GesteinDer Biss in die Erde erbringt 3,57 Gramm Gold pro Tonne

Man hätte lieber klein anfangen sollen und nicht das wichtigste Goldvorkommen des Landes aus der Hand geben dürfen, meinen viele. Doch da war das Generalabkommen der Regierung mit Cameco bereits unterzeichnet. Heute sehen viele Kirgisen die Präsenz westlicher Investoren mit Skepsis. 

Aber ob willkommen oder nicht – die ausländischen Geldgeber sind für die kirgisische Wirtschaft überlebenswichtig. Fast zwei Milliarden Dollar beträgt die Summe der Auslandsschulden, sie entsprechen fast der Höhe des Bruttoinlandsproduktes.

… das Gold, hat alle Macht

Finanzminister Akylbek Schaparow sieht sein Land in einer schwierigen Lage, aber auf dem richtigen Weg. Investitionen seien Voraussetzung, um ein hohes Maß an Entwicklung zu erreichen. “Natürlich gibt es die Gefahr, dass irgendein Milliardär gleich das ganze Land kaufen will.” Trotzdem, es komme darauf an, Bedingungen für Investoren zu schaffen, die sicherstellen, dass deren Aktivitäten auch den Interessen Kirgisistans entsprechen – indem sie Arbeitsplätze schaffen, die Rechte der Einwohner und die Gesetze des Landes respektieren, und auf Umweltschutz achten.

Schon lange ist man in dem kleinen Land zwischen Kasachstan und China auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um die vorhandenen wirtschaftlichen Potenziale besser auszuschöpfen. Eine Alternative ist die Nutzung von Wasserkraft. An den Ufern der kirgisischen Flüsse, die über viele Hundert Kilometer durch Berge und Schluchten strömen, stehen schon heute zahlreiche Wasserkraftwerke. Jährlich exportiert Kirgisistan etwa zwei Milliarden Kilowattstunden Energie. Dennoch wird das Land auf absehbare Zeit nicht vom Gold loskommen – sorgt doch der Handel mit dem begehrten Rohstoff immerhin für 40 Prozent der Export-Einnahmen des Staates.

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Japanisch-koreanische Beziehungen

Die verlorene Ehre der Yi Ok Seon

International Heute, 06:00

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Yi Ok Seon (Mitte) und zwei ihrer Mitbewohnerinnen machen sich in Gwangju zum Morgenspaziergang auf.
Yi Ok Seon (Mitte) und zwei ihrer Mitbewohnerinnen machen sich in Gwangju zum Morgenspaziergang auf.(Bild: Han Jae-ho / Reuters)
Vor mehr als 20 Jahren hatten in Korea rund 250 Frauen öffentlich gemacht, was sie im Zweiten Weltkrieg in japanischen Frontbordellen erleiden mussten. Die meisten sind inzwischen gestorben. Die Überlebenden warten auf eine Entschuldigung Japans.
Nina Belz, Seoul

Sie kommen jeden Mittwoch um die Mittagszeit, seit 21 Jahren. Es sind mehrheitlich Frauen, einige von ihnen noch sehr jung, die sich auf dem Trottoir aufstellen auf der Strassenseite, die der japanischen Botschaft in Seoul gegenüberliegt, einem roten Backsteinbau, der nicht nur durch eine hohe Mauer, sondern auch von Polizisten geschützt wird. Punkt 12 Uhr werden die Frauen laut. «Entschuldigt euch!», rufen sie. Auf den Schildern, die sie in die Höhe halten, steht: «Fakten sterben nie», oder «Keine Zukunft für jene, die die Vergangenheit leugnen». Vor der Gruppe der Demonstrantinnen sitzt eine alte Frau auf einem Klappstuhl. Gil Won Oks Blick ist müde, aber sie lächelt. Die jungen Frauen sind auch ihretwegen gekommen. Sie knien vor ihr nieder, greifen nach ihrer Hand, manche weinen. «Halmoni» nennen sie sie, Grossmutter.

 

 

Provokationen

Gil Won Ok ist nun 86 Jahre alt und wartet seit bald 70 Jahren auf eine für sie akzeptable Entschuldigung der japanischen Regierung. Als sie 13 Jahre alt war, wurde sie von Soldaten der japanischen Armee in ein Bordell in der Mandschurei verschleppt. Täglich wurde sie mehrmals vergewaltigt, von japanischen Soldaten, die darin ihr Recht sahen. Von ihnen kamen bis zu 40 am Tag. Vier Jahre lang dauerte diese Tortur, bis der Krieg vorbei war. In Japan wurden Frauen wie Gil Won Ok euphemistisch «Ianfu» genannt, «Trostfrauen». Der Begriff hat sich auch in der Literatur eingebürgert. In Korea ist man sich einig, dass Sexsklavinnen der passendere Begriff ist. Forscher schätzen, dass es rund 200 000 von ihnen gab, die in die sogenannten Troststationen verschleppt wurden. Diese waren damals über das ganze Herrschaftsgebiet der Kolonialmacht verteilt. Die meisten der vorwiegend minderjährigen Frauen stammten aus armen Familien in Korea, doch auch Mädchen aus Japan, China, den Philippinen, Vietnam, Taiwan, Thailand, Indonesien, Malaysia und den Niederlanden waren unter ihnen. Viele erlebten das Ende des Krieges nicht. Sie starben an Krankheiten, wurden getötet oder setzten ihrem Leben selbst ein Ende.

Keine «echte» Entschuldigung

An diesem Mittwoch sind besonders viele Leute zu der Protestaktion in der Innenstadt von Seoul gekommen. Es ist die erste Demonstration seit jenem Tag, an dem der Bürgermeister von Osaka, Toru Hashimoto, die Existenz der «Troststationen» im Zweiten Weltkrieg rechtfertigte. Die Demonstranten, unter ihnen auch japanische Aktivistinnen, schimpfen darum nicht nur über Japans Ministerpräsidenten Shinzo Abe, sondern auch über Hashimoto. Nach einer Stunde ist die Veranstaltung vorbei. Die Frauen packen ihre Transparente ein und ziehen von dannen. Doch es ist klar: Sie werden nächste Woche wieder kommen. Denn seit das Schicksal der koreanischen «Trostfrauen» zu Beginn der neunziger Jahre öffentlich wurde, belastet das Thema die Beziehungen zwischen Japan und Südkorea schwer. Im Jahr 1993 hatte sich der damalige Regierungssprecher Yohei Kono zwar öffentlich entschuldigt. Er stellte damals die Ergebnisse einer von der japanischen Regierung in Auftrag gegebenen Studie vor, die nicht nur die Beteiligung des japanischen Militärs an der gezielten Organisation von «Troststationen» anerkannte, sondern auch, dass die Frauen unter Zwang dorthin geschafft worden waren. Doch seither haben nationalistische Politiker wiederholt und öffentlichkeitswirksam die Existenz der Bordelle geleugnet oder behauptet, die japanischen Streitkräfte hätten nichts damit zu tun gehabt. Es fehle an Beweisen für das, was die Frauen behaupteten, heisst es immer wieder.

Yi Ok Seon hat Beweise genug. Sie hat keine Gebärmutter mehr. Als man sie ihr entfernte, war sie noch keine 20 Jahre alt. Und dann die Narben: an den Armen, als sie die Soldaten verletzten, weil sie versuchte, aus dem Bordell zu flüchten. An den Füssen, weil ihre Aufpasser verhindern wollten, dass sie noch einmal daran denkt, wegzulaufen. Zwei Schnitte fügten sie ihr zu, jeweils quer über den ganzen Fuss.

Yi Ok Seon spricht leise, aber klar und gefasst. Auch wenn sie von dem Tag erzählt, an dem sie von zwei Männern gepackt und auf einen Wagen gezerrt wurde. Es war der 29. Juli 1942. Sie war damals 15 Jahre alt. Drei Jahre sollte sie mehrheitlich in einem kleinen Zimmer verbringen in einer «Troststation» im Nordosten Chinas, in dem nichts ausser einer Pritsche und einem Waschbecken stand. Neben den ständigen sexuellen Demütigungen litt sie unter Hunger und Kälte. Die Erinnerungen daran kommen vor allem nachts. «Die Zeit, die mir damals genommen wurde, habe ich nie mehr bekommen», sagt sie heute.

Rückkehr undenkbar

Yi Ok Seon ist nun 86 Jahre alt und lebt im «Nanumijib», einem von der koreanischen Regierung und Spenden finanzierten Altersheim für frühere «Trostfrauen». Es liegt, eingebettet in bewaldete Hügel, etwas ausserhalb von Gwangju, eine Stunde südlich von Seoul. «Ich habe es gut hier», sagt sie, «das Essen ist gut, ich werde medizinisch versorgt und überall hingefahren, wenn ich das möchte.» Yi Ok Seon kam erst im Jahr 2000 hierher, neun Jahre nachdem die erste «Trostfrau» öffentlich gemacht hatte, was ihr in jungen Jahren angetan worden war. Zuvor lebte sie in China, in Yanji, wo sich viele Koreaner niedergelassen haben. Sie fand einen Mann, mit dem sie zusammenlebte und dessen Kinder sie gross- zog. Sie liess sie zurück, als sie sich entschied, nach Korea zu gehen.

Eigentlich hatte Yi Ok Seon gedacht, dass sie nie mehr in ihre Heimat zurückkehren werde. Zu gross sei die Schande, die die Prostitution über sie gebracht habe. Bis in die neunziger Jahre war das Schicksal der jungen Koreanerinnen im Zweiten Weltkrieg auch in Korea kein Thema. Von den Reparationszahlungen, die Japan 1965 an Südkorea leistete, sahen Einzelpersonen wenig. Die südkoreanische Regierung unter Park Chung Hee benutzte das Geld vor allem dafür, die vom Koreakrieg zerstörte Wirtschaft in Gang zu bringen. Die Frauen, die das Ende des Kriegs erlebten und es zurück in ihre Heimat schafften, zogen es zudem vor, zu schweigen, um sich selbst, aber auch ihre Familie zu schützen. Sie versuchten, ein normales Leben aufzubauen. Yi Ok Seon hat ihre Familie, mit der sie bis zu jenem Tag im Juli 1942 in Pusan gelebt hatte, auch nach ihrer Rückkehr nie wieder gesehen. Nach dem ersten Geständnis meldeten sich fast 250 weitere Frauen bei der koreanischen Regierung. Es war klar, dass es eine hohe Dunkelziffer gab. Viele Frauen nahmen ihre Vergangenheit mit ins Grab.

Entschädigung abgelehnt

Es waren zunächst Frauenrechtlerinnen, die sich für die Rechte und die Anerkennung der «Trostfrauen», auch gegenüber dem koreanischen Staat, einzusetzen begannen. Heute bekommen Yi Ok Seon und ihre acht Mitbewohnerinnen im «Nanumijib» monatlich umgerechnet rund 1300 Franken von der öffentlichen Hand. Zusätzlich wird das Haus – es gibt ähnliche Einrichtungen in anderen Städten – von Spenden unterstützt. Auch aus Japan bekam Yi Ok Seon Geld angeboten, aus dem sogenannten «Asian Women’s Fund». Umgerechnet 20 000 Franken und einen Brief mit einer persönlichen Entschuldigung des Ministerpräsidenten offerierte Tokio jeder früheren «Trostfrau».

Doch im Gegensatz zu Frauen aus anderen Ländern hat Yi Ok Seon diese Entschädigung, wie auch die meisten anderen koreanischen Opfer, abgelehnt. Das Geld stamme nicht von der Regierung, sondern von Privatleuten, begründet sie ihre Entscheidung. Doch war auch der Druck der koreanischen Öffentlichkeit gross, das Geld nicht anzunehmen. Die wenigen Opfer, die die Entschädigung akzeptiert hatten, galten als Verräterinnen. Tatsächlich stammte rund ein Drittel des Fonds, der 2007 aufgelöst wurde, aus privaten Spenden. Für Yi Ok Seon war dies ein weiterer Beweis dafür, dass es die japanische Regierung mit ihrer Entschuldigung nicht ernst meint.

Die Zeit gegen sich

Wenn Yi Ok Seon von «Entschuldigung» spricht, dann meint sie nicht jene Japaner, die sie im «Nanumijib» besuchen, ihr Geschenke bringen und zuhören und sich manchmal für ihre Landsleute entschuldigen. Sie wünscht, dass die japanische Regierung um Verzeihung bittet, bevor sie stirbt, auf eine Weise, die ihr ehrlich scheint. Sie habe die Nase voll von Leuten wie Hashimoto, die Lügen verbreiteten, sagt sie. Doch sie weiss, dass die Chancen gegenwärtig nicht sehr gut stehen. Der amtierende Ministerpräsident Shinzo Abe hat in der Vergangenheit mit der Aussage provoziert, es gebe keine Beweise dafür, dass die Frauen vom Staat zur Prostitution gezwungen worden seien. Die 58 noch lebenden Südkoreanerinnen, sie alle sind über 80 Jahre alt, haben also nicht nur die Zeit gegen sich.

In Südkorea hat man in den vergangenen 20 Jahren einiges unternommen, damit das Erbe der «Trostfrauen» nicht vergessen geht, wenn eines Tages die letzte von ihnen verstorben ist. Vor knapp einem Jahr wurde ein weiteres Museum in Seoul eröffnet. Nicht nur dieses, sondern auch die Mittwochsproteste werden regelmässig von Schulklassen besucht. Und die von der Regierung eingesetzte Stiftung für nordostasiatische Geschichte forscht unter anderem über das Schicksal der «Trostfrauen», produziert Broschüren und übersetzt Bücher aus dem Japanischen. Die Erinnerung an das Schicksal der Frauen soll wachgehalten werden. Yi Ok Seon ist der Kontakt zur jungen Generation sehr wichtig. Wenn immer möglich, fährt sie deshalb mittwochs nach Seoul, um mit den Schulklassen in Kontakt zu kommen. Denn für sie ist eines sicher: «Auch wenn wir alle gestorben sind, wird dies die Japaner nicht von der Pflicht befreien, sich ehrlich zu entschuldigen.»

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