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Emanzipation durch Informationsfreiheit

Im Streit um die Abwicklung der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt Griechenlands ERT, hat Ministerpräsident Antonis Samaras einen Kompromiss vorgeschlagen. Samaras besteht nach wie vor auf der Schaffung eines neuen, deutlich schlankeren Senders. Er ist aber bereit, in der Zwischenzeit ein Notprogramm der ERT zuzulassen, das von einer kleinen Zahl Mitarbeiter gestaltet wird. Der Kompromissvorschlag wurde vom Koalitionspartner PASOK als unzureichend zurückgewiesen. Am Montag soll es zu einem Koalitionsgipfel kommen.

Auch die streikenden ERT-Mitarbeiter sind nicht einverstanden: “Was die Regierung macht ist unverantwortlich. Nirgendwo in der Welt hat man so etwas gemacht. Die Arbeiter werden das verhindern. Der neue Sender wird nicht eröffnet werden”, sagt ERT-Producer Kostas Karpouzos.

Nur 1200 der bislang 2700 Mitarbeiter sollen bei dem neuen Sender einen Arbeitsplatz erhalten. Mancher hält den Sparkurs nur für einen Vorwand: “Ich glaube die Regierung hat Angst vor der Reaktion der Menschen und der Arbeiter. Sie versuchen die ERT zu privatisieren. Sie haben es auf die Frequenzen abgesehen. Sie wollen diese dem Privatsendern geben, die der Regierung nahestehen”, meint Wirtschaftswissenschaftler Stavros Papayannis.

 

Obwohl die drei eingestellten Fernsehprogramme der ERT zusammen nur auf einen Marktanteil von 13 Prozent kamen, ist der Sender in Bevölkerung beliebt. Seine Schließung löste einen Sturm der Proteste aus, der möglicherweise die Regierung Samaras zu Fall bringt und Neuwahlen auslöst.

http://de.euronews.com/2013/06/15/streit-um-ert-sendeschluae-bedroht-griechische-regierung/

http://de.euronews.com/2013/06/15/streit-um-ert-sendeschluae-bedroht-griechische-regierung/

Auch vor der griechischen Botschaft in Brüssel gab es Proteste gegen die Schließung des Staatssenders in Athen. Ähnlich wie in Athen wurden Vorwürfe gegen die europäischen Institutionen laut, so, als sei es nicht ein Beschluss der griechischen Regierung gewesen. “Es ist wie die Kolonisierung durch eine fremde Macht”, sagt ein junger Mann, und ein anderer meint: “Wir wollen das Europaparlament und die EU-Kommission dazu ermahnen, den öffentlich-rechtlichen Sender in Griechenland zu retten.” Ein Sprecher der Kommission erinnerte derweil in Brüssel daran, dass die Entscheidung der griechischen Behörden vor dem Hintergrund dessen gesehen werden sollte, dass die griechische Wirtschaft erneuert werden müsse. Dazu gehöre Effizienz im öffentlichen Dienst. Vangelis Demiris, Brüssel-Korrespondent des griechischen Staatssenders, zeigte sich von der Reaktion der EU-Kommission enttäuscht. Er habe erwartet, dass die Schließung verurteilt werde: “Dass die Kommission damit nichts zu tun habe, stimmt nicht. Sowohl die Kommission als auch die Troika fordern Entlassungen, Griechenland hat den Drohungen Folge geleistet. 2656 Menschen wurden heute auf die Straße gesetzt. Es bleibt abzuwarten, ob wir in den kommenden Wochen ähnliche Überraschungen erleben werden.”

http://de.euronews.com/2013/06/12/proteste-in-bruessel-gegen-schliessung-des-athener-staatssenders/

 

 

Im Streit um die Abwicklung der öffentlich rechtlichen

 

 

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Datenschützer: US-Regierung liest über Internetfirmen auch bei Österreichern mit

Interview | Birgit Riegler, 7. Juni 2013, 13:40
  • Datenschützer Georg Markus Kainz: "Alles, was in der Cloud ist, ist auf den Servern von Microsoft, Google et cetera. Und damit können alle Dokumente gelesen, ausgewertet und analysiert werden."
    foto: dapd

    Datenschützer Georg Markus Kainz: “Alles, was in der Cloud ist, ist auf den Servern von Microsoft, Google et cetera. Und damit können alle Dokumente gelesen, ausgewertet und analysiert werden.”


Georg Markus Kainz: Die Überwachung von Facebook, Google & Co trifft den unbescholtenen Bürger

Facebook, Google und Co sollen mit dem US-Geheimdienst zusammenarbeiten und Zugriff auf private E-Mails, Fotos, Videos und andere Dokumente gewähren. Die US-Regierung bestätigt, die Firmen dementieren. Die Überwachung soll Berichten zufolge im Rahmen des Programms PRISM zum Schutz vor terroristischen Angriffen stattfinden. Datenschützer Georg Markus Kainz vom Verein Quintessenz ist skeptisch, dass damit tatsächlich Terroristen aufgedeckt werden, und warnt im Interview mit dem WebStandard vor einer immer stärkeren Ausweitung der Überwachung.

derStandard.at: Die US-Regierung hat den Zugriff auf die Server der Unternehmen bestätigt, die Firmen dementieren. Was soll man glauben?

Kainz: Warum sagen die US-amerikanischen Firmen, dass sie davon nichts wissen? Weil sie dazu gesetzlich verpflichtet sind. Im Patriot Act steht, dass Datenauskünfte, die Geheimdienste verlangen, nicht bekanntgegeben werden dürfen. Facebook darf gar nicht sagen, dass sie beauskunftet haben. Nach 9/11 ist mit dem Patriot Act ein Gesetz geschaffen worden, nach dem alle Nichtamerikaner im Grunde überhaupt keine Rechte mehr haben. Das heißt, der US-amerikanische Geheimdienst darf zu Aufklärungssachen ohne normale Gerichtsurteile und ohne dass ein Verdacht bestehen würde beginnen zu recherchieren.

derStandard.at: Kommt das überraschend?

Kainz: Was jetzt bekannt wird, ist, dass die Überwachungsmaßnahmen und die Daten, auf die zugegriffen wird, immer mehr werden. Wir haben auf Behördenseite, dass auf die Fluggastdaten zugegriffen wird. Dass sie auf unsere Telefone zugreifen. Das ist nichts anderes als das, was die Vorratsdatenspeicherung in Österreich für die Österreicher tut. Nur, dass jetzt ein ausländischer Staat auf die Daten der Österreicher zugreift und in Amerika auswertet. Man hat die Tür ein bisschen aufgemacht, und jetzt wird schrittweise immer mehr überwacht. Der letzte Fall, der jetzt kommt, dass sie bei den großen amerikanischen Firmen direkt auf den Servern mitlesen, ist der nächste Einbruch in unsere Privatsphäre.

derStandard.at: Und die Unternehmen?

Kainz: Was Microsoft und die Internet-Konzerne vorantreiben, ist ja, dass die nächste Generation der Software rein Cloud-basierend sein wird. Das heißt, ich speichere nicht bei mir auf der Festplatte, sondern ich speichere in der Cloud. Und alles, was in der Cloud ist, ist auf den Servern von Microsoft, Google et cetera. Und damit können alle Dokumente gelesen, ausgewertet und analysiert werden.

derStandard.at: Wie funktioniert der Zugriff auf die Server der Firmen?

Kainz: Das ist die Frage, wie es geregelt wird. Wir wissen zum Beispiel, dass in Deutschland bei größeren Providern ab 10.000 Kunden eine Blackbox steht. Da steht dann eine Maschine, die mit den Geräten verbunden ist, und über diese Maschine erfolgt der Zugriff.

derStandard.at: Wie werden die Daten analysiert?

Kainz: Wir dürfen nicht glauben, dass das Menschen lesen. Da laufen Programme, die einfach diese Aktivitäten analysieren und versuchen, irgendetwas zu erkennen. Da werden aus irgendwelchen Mustern Rückschlüsse getroffen, ob ein Account oder ein User detaillierter angeschaut wird, weil man verdächtig geworden ist.

derStandard.at: Kann man als EU-Bürger etwas dagegen tun, zum Beispiel nach dem Vorbild der Initiative von Max Schrems, Europe vs. Facebook?

Kainz: Die Aktion von Max Schrems ging gegen eine Privatfirma, damit sich diese Firma an die gültigen europäischen Gesetze hält. Man sieht schon, wie mühselig das war und wie aussichtslos. Auf der anderen Seite geht es hier nicht darum, dass eine Privatfirma etwas macht, sondern darum, dass der amerikanische Staat zugreift. Und der amerikanische Staat nutzt die amerikanischen Firmen, um zuzugreifen. Das ist eine inneramerikanische Geschichte, die Auswirkungen auf uns als europäische Bürger hat. Die einzige Möglichkeit, die uns als Europäern bleibt, ist, dass wir hoffen können, dass die europäischen Regierungen endlich aufwachen und sich für unsere Rechte einsetzen.

derStandard.at: Ist aus aussichtsreich?

Kainz: Wie einseitig die Diskussion läuft, haben wir in den letzten Tage gemerkt, als die Russen plötzlich auf die Fluggastdaten zugreifen wollten. Da kam dann der Aufschrei. Dass wir die Daten an Amerika liefern, war okay. Jetzt kommt ein anderer Staat darauf: Wenn das die Amerikaner bekommen, dann wollen wir das auch haben! Hier geht es wirklich darum, dass Europa erkennt: Wenn wir als souveräne Staaten weiterexistieren wollen, müssen wir unsere Grenzen schützen. Unsere Grenzen sind nicht nur die territorialen Grenzen, die wir auf der Landkarte ziehen, sondern auch die Infrastruktur, dass unser Telefonat, das wir hier führen, nicht von amerikanischen Geheimdiensten interpretiert und ausgewertet werden darf.

derStandard.at: Werden Nutzer jetzt vermehrt von Facebook und Co weggehen, oder wird die Aufregung in ein paar Tagen wieder vergessen sein?

Kainz: Das Problem bei all diesen Überwachungsmaßnahmen ist, dass wir sie nicht spüren. Das ist so ähnlich wie die Videoüberwachung. Es ist ein latentes Bedrohungsszenario, das uns nicht wirklich direkt trifft, weil wir es nicht sehen und nicht spüren. Das wird bei Otto Normalverbraucher nicht wirklich Konsequenzen haben. Der eine oder andere wird sicherlich beginnen aufzupassen, dass er gewisse Sachen nicht mehr in Foren oder auf Facebook postet. Aber die Konsequenz wird nicht nachhaltig sein.

derStandard.at: Und bei der Verbrechensbekämpfung?

Kainz: Das Einzige ist, und das ist das Fatale an dem ganzen Überwachungswahn, der hier aufgebaut wird: Wir wissen von Kriminologen, dass die Verbrecher sehr schnell lernen, wenn es irgendwelche Maßnahmen der Polizei gibt, wie man diese umgehen kann. Die echten Terroristen, die wir mit diesem “War on Terror” suchen, wissen, wie man das umgehen kann. Wir haben schon bei Bin Laden gesehen: Der telefoniert nicht und hat keinen Facebook-Account. Das heißt, der irrsinnige Überwachungsstaat, der hier aufgebaut wird, trifft die unbescholtenen Bürger. Wir merken dann nur, dass der eine oder andere plötzlich nicht mehr in Amerika einreisen kann, weil er irgendetwas getan hat, was komisch interpretiert wurde. Aber auch das wird nicht großartig publiziert. Das sind Einzelschicksale, die keinen Menschen interessieren. Alle diese Maßnahmen schützen uns im Zweifelsfall nicht vor irgendwelchen Terror-Attentaten. (Birgit Riegler, derStandard.at, 7.6.2013)

Link

Quintessenz

http://derstandard.at/1369362973057/Datenschuetzer-Nichts-anderes-als-die-Vorratsdatenspeicherung-in-Oesterreich

In der Türkei dauern die Proteste gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan und seine konservative Regierung weiter an.
In der Nacht zum Montag hat es in Ankara schwere Zusammenstöße rund um ein Einkaufszentrum gegeben. Die türkische Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. Erneut wurden mehrere hundert Regierungsgegener in Gewahrsam genommen.

Auch in Istanbul hat es Straßenkämpfe am Bosporus gegeben. Die Proteste am Taksim-Platz hielten auch in den frühen Morgenstunden weiter an. Bislang wurden mehr als 1000 Menschen verletzt, zudem gibt es Berichte über zwei Tote. Ministerpräsident Erdogan wird trotz der Ausschreitungen seine Nordafrika-Visite antreten.

In mehreren deutschen Städten gab es Solidaritätsbekundungen für die Demonstranten am Taksim-Platz.

Eine Social-Media-Chronologie der Ereignisse in Istanbul

  1. Am 10. April erschien auf Twitter erstmals der hashtag #ayagakalk (stehe auf). Der Aufruf kam von einer kleinen Aktivistengruppe, die sich gegen das Regierungsvorhaben stellte, im Gezi Park in Istanbul ein Einkaufszentrum zu bauen. Die Aktivistin Ezgi Medran rief über Twitter dazu auf, Unterschriften gegen das geplante Einkaufszentrum zu sammeln.
  2. Taksim Gezi Parkı’nı kurtarmak için, imzalarınızı bekliyoruz!taksimicinayagakalk.com #ayagakalk @ayagakalktaksim aracılığıyla
  3. Eine erste Protestveranstaltung fand am 13. April in Form eines Musikfestivals statt. Der Umweltaktivist Barış Gençer Baykan veröffentlichte ein Bild davon auf Twitter und schrieb dazu: «Tausende schützen den Taksim Gezi Park».
  4. Taksim Gezi Parkı’na binlerce kişi sahip çıkıyor #ayagakalk @ayagakalktaksimhttp://pic.twitter.com/X6dek5HvnG
  5. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und den Demonstrierenden. Eine weitere Veranstaltung fand am 27. Mai statt. Das Social-Media-Team 140journs berichtete davon.
  6. Taksim Gezi Parkında dün gece başlatılan yıkım çalışmalarına karşın geceden itibaren nöbet tutuluyor. #ayagakalk http://pic.twitter.com/1ZVUpkgxkX
  7. In der Folge kam es zu ersten Zusammenstössen zwischen Sicherheitskräften und Aktivisten. Ein Bild und ein Video machte über Twitter und Youtube die Runde. Auf dem Bild des Reuters-Fotografen Osman Orsal ist eine friedlich protestierende Frau zu sehen, der ein Polizist frontal Tränengas ins Gesicht sprüht. Das Video zeigt Polizisten, die Zelte von Protestierenden niederbrennen.
  8. Taksim Gezi parkı müdahalesinde ve yakılan çadırlar
  9. Unter dem hashtag #direngeziparki (Widerstand Gezi Park) wuchs die nationale und internationale Unterstützung auf Twitter. Der türkische Schauspieler Memet Ali Alabora solidarisierte sich als erste Person mit nationaler Berühmtheit mit der Bewegung. Via Twitter liess er verlauten: «Es geht nicht nur um Gezi Park».
  10. Mesele sadece Gezi Parkı değil arkadaş, sen hâlâ anlamadın mı? Hadi gel. #direngeziparkı
  11. Am 31. Mai wurden die Polizeieinsätze mit Tränengas und Wasserkanonen intensiver. Der exzessive Einsatz von Tränengas dokumentierte Alper Orakci auf Twitter.
  12. Gaz bombasi kapsulleri!!! http://pic.twitter.com/pEmVk9ZBcY
  13. Laut Augenzeugenberichten soll die Polizei beim Abschuss von Tränengaspatronen bewusst auf Menschen gezielt haben. Auch der Reuters-Fotograf Osman Orsal – hier auf einem Bild von Benjamin Harvey, Chef von Bloomberg Turkey – wurde von einer Tränengaspatrone am Kopf verletzt.
  14. Die Demonstrierenden organisieren und informieren sich ausschliesslich über Facebook und Twitter. Die nationalen Medien ignorierten bis jetzt die Proteste mehrheitlich. Das Schweigen der Medienlandschaft illustriert ein von Faruk Erman über Twitter geteiltes Bild. «Die gegenwärtigen TV-Sender», schreibt er dazu.
  15. şu anda tv kanalları http://pic.twitter.com/DsfhVnz0CZ
  16. Die Unterstützer der Regierungspartei AKP machen die Aktivisten für die Zusammenstösse mit den Sicherheitskräften verantwortlich. Unter dem hastag#oyunagelmeturkiyem (lass dich nicht austricksen, Türkei) kommentieren sie auf Twitter.
  17. Tayyip has done nothing but help the country grow over the past years and now they want him impeached over a park#oyunagelmetuerkiyem
  18. Dont imagine a spring in Turkey. The goverment is elected with a democratic election. Be aware of the difference!#OyunaGelmeTürkiyem
  19. Aber auch auf der Seite der AKP ist inzwischen Kritik an der Polizeigewalt laut geworden. Der Senator Ertugrul Gunay schreibt dazu auf Twitter: «Menschen, die am Gedenktag der Eroberung Istanbuls 75-jährige Bäume fällen um ein Einkaufszentrum zu bauen, verkennen Sultan Fatih und Gottes Auftrag».
  20. Fethin yıldönümünde Istanbul’da AVM yapmak için 75yıllık ağaçları kesmeye kalkanlar, ne Fatih Sultan’ı anlamışlar, ne de Yaradan’ın emrini!
  21. Auch in der Nacht auf Montag sind die Proteste in Istanbul und weiteren türkischen Städten weitergegangen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan selbst äussert sich inzwischen im Minutentakt auf Twitter zu den Ereignissen. Seine Rhetorik wechselt ständig. Zuweilen ist sie anklagend und verteidigend. In diesem Land habe jeder das Recht auf freie Meinungsäusserung. Niemand habe jedoch das Recht auf Besetzung, um Ladenbesitzer und Passanten zu schaden, schreibt er.
  22. Bu ülkede herkesin görüşünü özgürce ifade etme hakkı vardır. Kimsenin işgal eylemi yapma, esnafa, yoldan geçene zarar verme hakkı yoktur.
  23. Dann ist seine Rhetorik wieder eher beschwichtigend. So räumt er Fehler bei der Verwendung von Tränengas ein, und gibt vor, eine Untersuchung eingeleitet zu haben.

  24. Biber gazı kullanımındaki yanlışlar var, durumun incelenmesi için İçişleri Bakanı’na ve İstanbul Valisi’ne talimat verdim.

Prozess gegen Wikileaks-Informant: Obama erhöht Druck auf Whistleblower

MICHAELA KAMPL, 3. Juni 2013, 10:06
  • Bradley Manning muss sich ab heute vor einem Militärgericht verantworten. Er hat der Enthüllungsplattform Wikileaks geheime Dokumente zugespielt.
 
    foto: ap photo/patrick semansky

    Bradley Manning muss sich ab heute vor einem Militärgericht verantworten. Er hat der Enthüllungsplattform Wikileaks geheime Dokumente zugespielt.

     

  • Demonstranten vor der Militärbasis Fort Meade, wo der Prozess stattfindent, sind von der Strafbarkeit von Mannings Handlungen nicht überzeugt.
    foto: patrick semansky/ap/dapd

    Demonstranten vor der Militärbasis Fort Meade, wo der Prozess stattfindent, sind von der Strafbarkeit von Mannings Handlungen nicht überzeugt.

  • Journalist Jake Tapper kritisiert die US-Regierung für deren harsches juristisches Vorgehen gegen Whistleblower.

  • Eine Dokumentation von arte und ZDF über die 1969 veröffentlichten Pentagon-Papers.

  • Der Prozess gegen Manning soll zumindest zwölf Wochen dauern.
    foto: epa/michael reynolds

    Der Prozess gegen Manning soll zumindest zwölf Wochen dauern.

Die Regierung Obama geht gegen die Weitergabe von geheimen Informationen rigide vor

Heute beginnt auf der Militärbasis Fort Meade, 40 Kilometer nördlich von Washington DC, der Prozess gegen Bradley Manning. Dem 25-jährigen Soldaten wird vorgeworfen als geheim eingestufte Dokumente der US-Regierung und der US-Armee der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt  zu haben. Darunter waren hauptsächlich Dokumente über den Einsatz der US-Truppen in Afghanistan und im Irak und hunderttausende diplomatische Depeschen von US-Botschaften.

Ein Gesetz wider die Spionage

Manning muss sich in 22 Anklagepunkten vor Gericht verantworten. Ein Teil der Anklage gegen ihn bezieht sich auf den sogenannten Espionage Act. Ein Gesetz, das die Weitergabe von geheimen Informationen unter Strafe stellt. Der Espionage Act stammt aus dem Jahr 1917 und wurde zwei Monate nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg von Demokraten und Republikanern gemeinsam beschlossen. Anlass war ein Fall von deutscher Spionage, der dazu führte, dass ein Munitionslager im Hafen von New York explodierte. Der Espionage Act sollte die Weitergabe von Informationen, die die nationale Sicherheit gefährden, verhindern.

Geheimnisverrat oder Recht auf Information

Bis zum Amtsantritt von US-Präsident Barack Obama gab eslediglich drei Anklagen, die sich auf den Espionage Act als gesetzliche Grundlage bezogen. Seit 2009 allerdings wurdegegen insgesamt sechs Personen wegen Geheimnisverrats Anklage erhoben. Was als Gesetz zur Bekämpfung von Spionage gedacht war, wird, wie Kritiker behaupten, von der Regierung Obama vermehrt gegen Whistleblower eingesetzt.

Versuch, investigative Arbeit zu unterbinden

Einzelne Journalisten haben sich vehement gegen diese Praxis ausgesprochen. Jake Tapper, bis Ende 2012 Chef-Korrespondent des TV-Senders “abc” im Weißen Haus und seither bei CNN, ließ seinem Ärger über die Anwendung des Espionage Act bei einer Pressekonferenz im vergangenen Februar freien Lauf: Als der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, die Arbeit von zwei in Syrien ums Leben gekommenen Journalisten lobte, die gestorben seien “um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen”, nutzte Trapper die Gelegenheit, um seinem Unmut Luft zu machen. Trapper fragte, wie es zusammenpasse, dass die aktuelle Regierung mutige Reporter in fremden Ländern schätzt, während sie im Inland versucht, investigative journalistische Arbeit mittels Espionage Act möglichst zu unterbinden. Freilich: Trappers Frage wurde mit der Bemerkung, dass über konkrete Fälle keine Information weitergegeben werden könne, abgewürgt.

Ein Sicherheitsberater unter Verdacht

Einer der bisher sechs unter dem Espionage Act Angeklagten war Thomas Drake, Angestellter beim US-amerikanischen Militärnachrichtendienst NSA (National Security Agency). Er hatte sich gegen ein von der NSA geplantes neues Sicherheitssystem namens Trailblazer ausgesprochen. Nach Einschätzung des Sicherheitsexperten Drake wäre ein intern von der NSA entwickeltes System besser und billiger gewesen. Nachdem seine interne Kritik ungehört blieb, wandte er sich mit den Informationen an die Baltimore Sun. Die Tageszeitung veröffentlichte mehrere Artikel über Geldverschwendung und mangelhaftes Management innerhalb der NSA. Drake wurde wegen Geheimnisverrats angeklagt und zwischenzeitlich drohten ihm bis zu 35 Jahre Haft. Im Prozessverlauf blieb allerdings von den Anklagepunkten lediglich die zweckentfremdete Nutzung eines Computers übrig. Drakes berufliche Karriere ist allerdings zerstört. Heute arbeitet der hochqualifizierte Sicherheitsspezialist als Verkäufer in einem Apple Store.

Manning: “Was passiert, warum es passiert”

Auch der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning hat immer wieder betont, dass es ihm bei der Weitergabe der Dokumente nie darum ging die nationale Sicherheit der USA zu gefährden. Im Februar sagte Manning, es sei ihm lediglich darum gegangen zu zeigen “was passiert und warum es passiert. Ich dachte, wenn die Öffentlichkeit – speziell die amerikanische Öffentlichkeit – Zugang zu den Berichten habe, würde das zu einer Debatte über die Außenpolitik im Irak und in Afghanistan führen.”

Um eine Verurteilung Mannings unter dem Espionage Act zu erreichen, müsste die Anklage beweisen, dass Manning Grund hatte zu glauben, die Dokumente könnten den USA schaden oder einer fremden Macht helfen, berichtete die New York Times im Februar.

Manning hat sich bereit erklärt, sich in zehn der 22 Anklagepunkten schuldig zu bekennen – darunter auch der Besitz und die unerlaubte Weitergabe von Geheimdokumenten. Allein dafür könnte er zu 20 Jahren Haft verurteilt werden. Die Anklage hält weiterhin an den Vorwürfen der Spionage und der Unterstützung des Feindes fest. Eine Verurteilung könnte für Manning eine lebenslange Haftstrafe ohne Chance auf vorzeitige Entlassung bedeuten.

Beispiel Pentagon-Papers

Manning erhält auch prominente Unterstützung: Daniel Ellsberg, hatte 1969 als Mitarbeiter im US-Verteidigungsministerium hunderte als geheim eingestufte Dokumente über die Hintergründe und Verfehlungen der US-Vietnampolitik zahlreichen Medien zugänglich gemacht. Ellsberg war unter dem Espionage Act angeklagt, die Vorwürfe gegen ihn wurden aber fallen gelassen. Über Manning sagt Ellsberg zum Nachrichtenportal The Raw Story: “Ich hoffe, ich hätte im digitalen Zeitalter genauso gehandelt wie er. Er hat genau das Richtige gemacht.” (Michaela Kampl, derStandard.at, 3.6.2013)

Arno Peters

2. Dezember 2002

An Arno Peters scheiden sich bis heute die Geister. Für die einen ist er einer der letzten Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts, für andere nicht viel mehr als ein fleißiger Produzent von Windeiern.

Der studierte Historiker träumte von der Weltrevolution, von einer gerechten Gesellschaft und davon, dass der vorherrschende Eurozentrismus eines Tages überwunden sein würde. Der Professor ehrenhalber nannte sich selbst am liebsten einen Privatgelehrten.

Schlagzeilen machte er mehrfach in seinen gut 86 Lebensjahren. So 1952, als er die “Synchronoptische Weltgeschichte” herausgab, mit der er das gängige Weltbild revolutionieren wollte. Auf der Buchmesse in Frankfurt noch gefeiert, landete das Werk in Zeiten des Kalten Krieges kurze Zeit später auf dem Index, wegen “eindeutiger kommunistischer Tendenzen.”

1973 war es dann seine flächentreue Karte, die er öffentlichkeitswirksam präsentierte – als angeblich erste, auf der die Dritte Welt politisch korrekt dargestellt wurde. Sie wurde – zum Ärger vieler Kartografen-Kollegen – zum globalen Erfolg.

THE PETERS PROJECTION
AN AREA ACCURATE MAP

The Peters Projection World Map is one of the most stimulating, and controversial, images of the world. When this map was first introduced by historian and cartographer Dr. Arno Peters at a Press Conference in Germany in 1974 it generated a firestorm of debate. The first English-version of the map was published in 1983, and it continues to have passionate fans as well as staunch detractors.

The earth is round. The challenge of any world map is to represent a round earth on a flat surface. There are literally thousands of map projections. Each has certain strengths and corresponding weaknesses. Choosing among them is an exercise in values clarification: you have to decide what’s important to you. That is generally determined by the way you intend to use the map. The Peters Projection is an area accurate map.

=561&tbm=isch&tbnid=VFud2XI4MQWLvM:&imgrefurl=http://www.petersmap.com/&docid=5ouWPdzh12h6PM&imgurl=http://www.petersmap.com/peterms.gif&w=376&h=233&ei=mSWrUeHeJ4bVsgbFxoDwBg&zoom=1&iact=hc&vpx=4&vpy=200&dur=1175&hovh=177&hovw=285&tx=75&ty=76&page=1&tbnh=134&tbnw=216&start=0&ndsp=18&ved=1t:429,r:12,s:0,i:120

http://arcalinux.files.wordpress.com/2009/03/mapamundi-de-peters.jpg

Peters, Arno

deutscher Historiker, Geograph und Ökonom; Prof. Dr. phil. /ml

Geburtstag: 22. Mai 1916 Berlin-Charlottenburg

Klassifikation: Historiker, auch Wissenschaftshistoriker, Geograph, Geologe, Wirtschaftswissenschaftler

Nation: Deutschland

Herkunft

Arno Peters wurde am 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg als Sohn des Oberreichsbahnrates Bruno Peters und seiner Ehefrau Lucy geboren.

Ausbildung

Nach dem Abitur studierte P. an der Berliner Universität Geschichte, Kunstgeschichte und Zeitungswissenschaft und promovierte zum Dr. phil. Die Mittel für sein Studium verdiente er sich durch Arbeit bei Presse und Film. Nur 24 Jahre alt, stellte er als Produktionsleiter bei der Tobis u. a. den Musikfilm “Immer nur Du” her. Studienreisen führten ihn nach Frankreich, England, USA und UdSSR, Polen, Schweden, Griechenland, Türkei, Italien, Spanien, Portugal und Mexiko.

Wirken

Seit Abschluß seines Studiums ist P. als Privatgelehrter tätig. Schon als Student hatte er sich mit dem Plan einer räumlich-graphischen Darstellung der Zeit beschäftigt. 1941 schuf er den ersten Entwurf für eine Geschichtsdarstellung, die auf der Sichtbarmachung des Gleichzeitigen beruht und durch unmittelbare Anschauung des zeitlichen Miteinander und Nacheinander die Zusammenhänge der Geschichte vermittelt. Auf dieser Grundlage entstand seine “Synchronoptische Weltgeschichte”. Neben die europäische Geschichte stellte er gleichrangig die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie die Geschichte des vorkolumbischen Amerika. Es ging ihm auch darum, alle Lebensbereiche gleichwertig darzustellen, wodurch die sonst beherrschende Geschichte von Politik und Krieg hinter die der Kunst, der Wissenschaft und der Technik, der Religion, der Philosophie und des Rechts zurücktrat. “Peters Synchronoptische Weltgeschichte” erschien erstmals 1952 und seither in zahlreichen Neuauflagen, 1962 auch in einer französischen Ausgabe (übersetzt von Robert Minder), seit 1970 auch als zweibändige “Große Synchronoptische Weltgeschichte” (unter Einbeziehung der Frühkulturen) mit Indexband.

1965 wandte sich P. geographischen Arbeiten zu, die ebenso wie seine Weltgeschichte die Überwindung des europazentrischen Weltbildes anstreben. 1973 legte er seine eigene Erdkartenprojektion vor unter dem Titel “Die Länder der Erde in flächentreuer Darstellung”. Seine rechtwinklige Anordnung der Längen- und Breitengrade verbindet mit der Flächentreue auch Lage- und Achstreue. Die unser geographisches Weltbild prägende Mercator-Projektion des deutschen Geographen Gerhard Kremer (1569) konnte bislang noch nicht verdrängt werden. Seit 1975 arbeitete P. an einem Weltatlas. Dieser “Peters-Atlas” erschien 1989 bei Longman in London und bei der UNICEF in Zürich. Es folgten 1990 fünf weitere inhaltsgleiche Ausgaben: Frankreich (Larousse), Italien (Rizzoli), Spanien (Vicens Vives), USA (Harper & Row), Dänemark (Politiken).

Für die Universität der Vereinten Nationen legte P. 1984 seine kartographische Konzeption in einem theoretischen Werk nieder (“Die Neue Kartographie”). Darin entmythologisierte er die bisher herrschende kartographische Theorie. In seinem Katalog neuer Kartenqualitäten treten praktische, ästhetische und didaktische Qualitäten neben die bisher allein maßgebenden mathematischen Qualitäten. P. verlegte den Null-Meridian von Greenwich auf die Datumsgrenze und verschob diese in die Mitte der Beringstraße. Willy Brandt machte die “Peterskarte” durch die Nord-Süd-Kommission zum Symbol für die Gleichrangigkeit und Gleichwertigkeit der farbigen Völker. Kirchliche Institutionen (in der Bundesrepublik Weltmission, Misereor und missio, in England Christian Aid, in den USA The National Council of Churches, in Frankreich das Comité Catholique, in Holland und Belgien die Caritas, in Italien ASAL) übernahmen sie aus dem gleichen Grund.

Begleitend zu seiner historischen und kartographischen Tatsachen-Darstellung arbeitet P. an einer Geschichtsphilosophie, deren Grundgedanken er 1978 vorgetragen hat (“Die Periodisierung der Geschichte und das historische Weltbild des Menschen”). P. sieht in der Stoffeinteilung (Periodisierung) der Geschichte die Quintessenz des geschichtlichen Denkens und die bestimmende Grundlage unseres historischen Weltbildes. Er teilt die heute gebräuchlichen Periodisierungen in zwei Gruppen: Lineare Periodisierung und zyklische Periodisierung. Linear ist danach die Grundlage der herkömmlichen bürgerlichen Geschichtstheorie (Altertum-Mittelalter-Neuzeit) wie ihrer marxistischen Variante (Sklaverei-Feudalismus-Kapitalismus) – zyklisch sind die von Spengler und Toynbee vertretenen Kulturkreislehren. Für P. widersprechen beide Periodisierungen dem wirklichen Ablauf der Universalgeschichte. Für ihn ist Geschichte weder ein Nacheinander von Epochen (= lineare Periodisierung) noch ein Nebeneinander von Kulturen (= zyklische Periodisierung), sondern ein Miteinander von Prozessen (= dialektische Periodisierung). Im Ablauf der Geschichte sieht P. eine Zeit der Differenzierung, die zwischen dem Naturzustand des Menschen in der Vorzeit und der in der Gegenwart anbrechenden Zukunft liegt (die P. als Epoche der “Kultur” bezeichnet). Für P. zerfallen die Prozesse der historischen Zeit in “teilende” (den Menschen in seiner natürlichen Ganzheit erhaltende) und “spaltende” (den Menschen von seiner natürlichen Ganzheit entfremdende) Prozesse. Das Ziel der revolutionären Umwälzung unserer Epoche sieht P. in der Überwindung der spaltenden Prozesse der historischen Zeit und in der Rückkehr des Menschen zur natürlichen Ganzheit seines Naturzustandes auf höherer Ebene (Kultur).

1974 gründeten neun Gelehrte verschiedener Disziplinen (Fritz Fischer, Wilhelm Treue, Ernst Bloch, Herbert Kühn, Benno von Wiese, Walther Gerlach, Friedrich Klemm, Wolfgang Braunfels und Walter Zimmermann) für die Arbeiten von P. das Institut für Universalgeschichte. Das von P. geleitete Institut wurde finanziell vom Bremer Senator für Wissenschaft getragen, bis es sich selbst erhalten konnte.

Der vielseitige P. hat auch an einer Verbesserung der musikalischen Notation gearbeitet und 1984 am Mozarteum in Salzburg seine neue Farbnotation vorgelegt (Peters-Notation). Darin hat er die für seine “Synchronoptische Weltgeschichte” entwickelte räumliche Darstellung der Zeit auf die Mitteilung der Tondauer angewendet. 1985 veröffentlichte er seine theoretische Grundlegung der neuen Notation (“Die maßstäbliche Darstellung der Tondauer als Grundlage oktav-analoger Farbnotation”; Akademische Verlagsanstalt, Vaduz) sowie eine Klavierfibel fürs Farbklavier (“Für Majenna”).

Im Nov. 1989 sorgte P. für Aufsehen, als er Reparationsausgleichszahlungen der Bundesrepublik an die DDR forderte. P. begründete seine Forderung mit den von der DDR – stellvertretend für die Bundesrepublik – aufgebrachten Reparationsleistungen an die Sowjetunion (jeder Ostdeutsche leistete im Schnitt 16.124 Mark an Reparationen, jeder Westdeutsche nur 126 Mark). Zwar machte sich mit Unterstützung von Persönlichkeiten der Bundesrepublik der damalige DDR-Ministerpräsident Modrow diese Reparationsausgleichsforderung in Höhe von 727 Millarden DM zu eigen, konnte sie aber nicht durchsetzen.

Seit 1983 hat sich P. zunehmend der Ökonomie zugewandt in dem Bestreben, die Weltwirtschaft auf die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse statt auf Angebot und Nachfrage zu richten. Sein Ziel ist die gleichzeitige weltweite Überwindung von Not und Überfluß. In seinem Vortrag “Das Äquivalenzprinzip als Grundlage der Global-Ökonomie” (Palermo, 5.5.1995, Istituto Gramsci Siciliano) sieht P. unsere Epoche als Übergang von der National-Ökonomie zur Global-Ökonomie mit dem Postulat, Güter und Dienstleistungen auf Grundlage ihres Wertes (= der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit) auszutauschen, wodurch der Einzelne, ebenso wie Betriebe, Gruppen und Staaten, nicht mehr Güter und Leistungen entnehmen, als sie selbst einbringen. Ein aus der Arbeitswertlehre Ricardos zu entwickelndes Wertmaß hätte der Ökonomie die exakte Grundlage zu geben.

Werke

Veröffentlichungen: “Peters Synchronoptische Weltgeschichte” (52, mehrere Neuauflagen), “Die Länder der Erde in flächentreuer Darstellung” (73), “Die Periodisierung der Geschichte und das historische Weltbild des Menschen” (78), “Die neue Kartographie” (84), “Die maßstäbliche Darstellung der Tondauer als Grundlage oktav-analoger Farbnotation” (85), “Peters Weltatlas” (89) u. a. m.

Auszeichnungen

1994 wurde P. mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon (Bremen) ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der bekannte Historiker Fritz Fischer.

Mitgliedschaften

P. ist seit 1965 Mitglied des PEN-Clubs.

Familie

P. ist seit 1987 in dritter Ehe mit Majenna, geb. Ruminski, verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder: Marco und Mirko. Aus zweiter Ehe stammt die Tochter Sabine, aus erster die vier Kinder Anja, Axel, Anita und Aribert. P., zu dessen Liebhabereien Segeln, Schwimmen und Radfahren gehören, malt und zeichnet auch: “Weimarer Skizzen” und “Mit dem Pinsel unterwegs”.

Adresse

Heinrich-Heine-Straße 93, 28211 Bremen; Tel.: 0421/23 20 22

Arno Peters

Arno Peters (22. Mai 1916 – 2. Dezember 2002), Historiker und Kartograph.

Inhaltsverzeichnis

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Kritik des Eurozentrismus

1941 schuf Peters den ersten Entwurf für eine Geschichtsdarstellung, die auf der Sichtbarmachung des Gleichzeitigen beruht und durch unmittelbare Anschauung des zeitlichen Miteinander und Nacheinander die Zusammenhänge der Geschichte vermittelt. Bekannt wurde Arno Peters zu Beginn der 1950er Jahre durch seine “Synchronoptische Weltgeschichte”, einem Geschichtsatlas, der durch seine synchronistische Form die europäische Geschichte gleichberechtigt neben die Geschichte der großen asiatischen, aber auch vorkolumbianischen Kulturen der beiden Amerikas stellte. Neben der eurozentrischen Sichtweise auf Geschichte kritisierte Peters auch die Fokussierung auf die Bereiche Politik und Kriege. Im Ergebnis war Geschichtsschreibung aus Peters Sicht geprägt von der Konzentration auf die politische Geschichte Europas der letzten 500 Jahre.

Weltkartenprojektion

Mitte der 1970er Jahre wurde Peters dann schlagartig durch seine neuartige Weltkarten-Projektion weltbekannt. Mit einer veränderten Darstellung der Weltkarte griff Peters die seit dem ausgehenden 16. Jahrhunderts dominierende Kartendarstellung Gerhard Mercators an. Die Peters-Projektion wurde von der deutschen Kartographie zwar zerrissen, wurde aber das Logo der Nord-Süd-Kommission unter Willy Brandt.

Familiärer und politischer Hintergrund

Weniger bekannt ist dagegen der familiäre und eigene politische Hintergrund Arno Peters in der sozialistischen und kommunistischen Bewegung.

Wird weiter bearbeitet …Mueste300 19:16, 1. Jan. 2009 (CET)

Links

Literatur

Literatur von Arno Peters

  • Arno Peters: Synchronoptische Weltgeschichte, Frankfurt am Main 2000. [Dies ist die Ausgabe von Zweitausendeins. Erstmals erschienen 1952]
  • Arno Peters: Die perspektivische Verzerrung von Raum und Zeit im historisch-geographischen Weltbilde der Gegenwart und ihre Überwindung durch neue Darstellungsweisen [Vortrag am 6. Oktober 1967 an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest], München-Solln 1967.
  • Arno Peters: Die neue Kartographie/The New Cartography, Klagenfurt/New York 1983.
  • Arno Peters: Die maßstäbliche Darstellung der Tondauer als Grundlage oktav-analoger Farbnotation [überarbeitete Fassung des Vortrages, den der Verfasser am 8. Mai 1984 vor Dozenten des Mozarteum in Salzburg gehalten hat], Vaduz 1985.
  • Arno Peters: Atlas, Vaduz 1990.
  • Arno Peters: Das Äquivalenz-Prinzip als Grundlage der Global-Ökonomie, Vaduz 1996.
  • Arno Peters: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus? Gespräche mit Konrad Zuse, Berlin 2000.

Literatur über Leben und Werk

  • Deutsche Gesellschaft für Kartographie & Verband der Kartographischen Verlage und Institute (1955): Ideologie statt Kartographie: Die Wahrheit über die “Peters-Weltkarte”, Dortmund/Frankfurt am Main.
  • Fischer, Fritz (1996): Der letzte Polyhistor. Leben und Werk von Arno Peters, Vaduz 1996.
  • Kachulle, Doris (2003): “Undeutsch”. Zum Tod des Historiker Arno Peters am 2. Dezember: Die Geschichte seiner “Synchronoptischen Weltgeschichte”, in: junge Welt, 9. Dezember 2002, 13.
  • Müller, Stefan (2009): Spartakist und Eisenbahner %u2013 Bruno Peters (1884-1960), in: Alfred Gottwaldt (Hrsg.): Reichsbahner im Widerstand, (hrsg. im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums), [im Erscheinen: Berlin 2009]
  • Monmonier, Mark (1995): Drawing the Line. Tales of Maps and Cartocontroversy, New York.
  • Monmonier, Mark (2004): Rhumb Lines and Map Wars. A Social History of the Mercator Projection, Chicago/London 2004.
  • Stauffenberg, Alexander Graf von (1953): Die Synchronoptische Frage, Frankfurt am Main 1953.
  • Vujakovic, Peter (1987): The extent of adoption of the Peters projection by “Third World” organizations in the UK, in: Society of University Cartographers, Bulletin, 21. Jg. (1987) Nr. 1, 11-15.
  • Weber, Hermann/Herbst, Andreas (2004): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, 558 (Kurzbiographien über die Eltern Bruno und Lucie Peters)
  • Wenzel, Siegfried (2003): Die Sozialismusvision eines bedeutenden Historikers. In memoriam Arno Peters, in: Utopie kreativ, 2003 (Nr. 4), Nr. 150, 365-367.

Weitere Literatur

  • Heinz Dieterich: Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie nach dem globalen Kapitalismus, Berlin 2006.

Synchronoptische Weltgeschichte

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Die Synchronoptische Weltgeschichte von Arno Peters ist eine synchronistische Sonderform des Geschichtsatlas in der Tradition der synchronistischen Tabellen des 18. Jahrhunderts. Die auf Balkendiagrammen über dezimalem Streifenfeld basierenden Tabellen erschienen erstmals 1952. Im Jahr 1962 folgte eine von Robert Minder übersetzte französische Ausgabe. 1970 folgte die um die Vorgeschichte erweiterte zweibändige “Große Synchronoptische Weltgeschichte”.

Der Zeitatlas stellt zeitgleich (synchron-) auf einen Blick (-optisch) die Geschichte der menschlichen Zivilisation dar. Peters legte besonderen Wert darauf, sich dabei nicht einseitig auf die europäische Zivilisation oder auf militärische und politische Ereignisse zu konzentrieren.

Der Überblick umfasst den Zeitraum vom 30. Jahrhundert v. Chr. bis zum 20. Jahrhundert n. Chr. Die Darstellung ist quasi tabellarisch angelegt; jeweils 100 Jahre pro Doppelseite und je ein Jahr pro Spalte werden im Überblick aufgezeigt. Die Darstellung im Zeitatlas ist wie folgt organisiert:

  • Als Überschrift des Jahrhunderts steht eine Angabe über die Grundtendenzen und über die hervorragenden Geschehnisse.
  • In den folgenden beiden Zeilen werden die wichtigsten Ereignisse aus Wirtschaft und Geistesleben dargestellt. Peters differenziert hier weiter:
    • Den Bereich Wirtschaft in Technik, Naturwissenschaften, Entdeckungen, und Gemeinschaftsleben
    • Den Bereich Geistesleben in Kunst, Dichtung, Philosophie, Recht und Städtebau
  • In der Mitte sind Lebenslinien zeitgeschichtlicher Persönlichkeiten aus den Bereichen Wirtschaft, Geistesleben, Religion und Politik dargestellt.
  • In den letzten beiden Zeilen stehen Fakten aus den Bereichen
    • Politik (Staatswesen, Gesellschaftsordnung) und
    • Kriege oder Revolutionen (Aufstände, Bürgerkriege).

Der Grundband (Zeitatlas) wird ergänzt durch den Indexband, ein alphabetisch geordnetes Register. Er vertieft die einzelnen Themen anhand von Begriffen, Orten, Staaten, Personen, Epochen und Ereignissen. Farbige Schrift schafft indirekte Verweise zwischen dem historischen Zusammenhang im Grundband und den Details im Indexband.

Ausgaben

  • Arno Peters, Anneliese Peters: Synchronoptische Weltgeschichte. Universum, Frankfurt am Main 1952
  • Arno Peters: Synchronoptische Weltgeschichte. 2 Bände. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-86150-370-0
  • Hans-Rudolf Behrendt, Thomas Burch, Martin Weinmann: Der Digitale Peters. DVD-ROM. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-386150833-5

Weblinks

http://derdigitalepeters.de/

WELTGESCHICHTE

Aus sozialistischer Sicht

Am Mittwoch vergangener Woche nahm der Skandal um die “Synchronoptische Weltgeschichte” des Ehepaares Arno und Anneliese Peters eine neue Wendung: Das niedersächsische Kultusministerium verkündete, es werde den “Fall Peters” vor ein ordentliches Gericht bringen. Das Ministerium will 5000 Exemplare des neuen Geschichtswerkes wieder zurückgeben und den Universum-Verlag in Frankfurt am Main auf Rückerstattung von 50 000 Mark verklagen, die Niedersachsen für die Herausgabe des Buches aus Stiftungen zur Verfügung gestellt hatte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte”, um die sich in den zwei letzten Wochen der größte Geschichtsbuch-Skandal seit Kriegsende entwickelt hat, erschien auf den ersten Blick als ein hervorragendes Unterrichtswerk: Auf achtfarbigen Tabellen bot sie einen fließbandartigen Überblick über die gleichzeitig abgelaufenen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, unterteilt in sechs Sparten – Wirtschaft, Geistesleben, Religion, Politik, Kriege, Revolutionen.

Das bunte Tafelwerk reicht von 1000 vor Christus (Das Heer des Königs David von Juda besiegt die Philister) bis 1952 nach Christus (Leninkanal zwischen Wolga und Don verbindet fünf Meere) und wurde auf der Frankfurter Buch-Messe als “Schlager” gefeiert.

Erst bei näherem Studium erwies sich, daß Rot die eigentliche Grundfarbe der bunten Tabellen ist. Typische Zitate:

* Judas Ischariot “versuchte vergeblich, Christus zur revolutionären Tat zu veranlassen”;

* Paulus “entkleidete die Lehren Christi ihres sozialrevolutionären Charakters”;

* Epiphanes “schuf die Lehre eines christlich-begründeten Kommunismus”;

* Friedrich II. von Hohenstaufen “übernahm die Folterung, Verstümmelung und Verbrennung der Kirchengegner”;

* Iwan der Schreckliche “führte den Buchdruck in Rußland ein”;

* Manko Kapak, König der Inkas, “baute seinen Staat nach kommunistischen Grundsätzen auf”;

* Spanischer Bürgerkrieg: “Faschisten unter Franco beseitigten mit Hilfe Deutschlands und Italiens die von Demokraten (vor allem Kommunisten) aus aller Welt unterstützte republikanische Ordnung.”

* Stalin ist “ein sowjetischer Staatsmann aus Gori”, der die erste sozialistische Verfassung schuf, die Rote Armee als Volksheer ausbaute und “als anerkannter Führer der Sache des Weltkommunismus den Lehren von Marx-Engels-Lenin ihre für die Gegenwart gültige Ausprägung gab.”

Kein Wort von sowjetischen Hungerrevolten, Schauprozessen oder Schweigelagern.

Mit roten Gesichtern standen da:

* führende Historiker, Soziologen und Publizisten der Bundesrepublik, die das Werk im voraus hymnisch gelobt hatten;

* die amerikanische Hohe Kommission und die Kultusorgane westdeutscher Länder und Städte, die das Geld zur Drucklegung gegeben hatten.

Der Skandal brodelte.

Am Donnerstag wollen die Kultusminister und -Senatoren von Niedersachsen, Hessen, Bremen, Hamburg und Berlin beraten, was nun mit der “Synchronoptischen Weltgeschichte” werden soll. Trotz der frühzeitigen niedersächsischen Entscheidung, das Werk zurückzugeben und auf Rückerstattung der Gelder zu klagen, hoffen Arno und Anneliese Peters unverdrossen, daß die Kultus-Konferenz das in 13 Jahren zusammengebastelte Geschichtswerk doch nicht auf den Index für die bundesdeutschen Schulen setzen wird.

Der Optimismus des Ehepaares Peters stützt sich unter anderem auf den beispielhaften Anschauungswandel, den der Dr. H. Heckel in puncto “Synchronoptische Weltgeschichte” durchgemacht hat. Dr. H. Heckel, Professor an der Frankfurter Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung, war bis zum 1. Oktober Ministerialrat im niedersächsischen Kultusministerium.

In dieser Eigenschaft ließ er auf Weisung des SPD-Kultusministers Richard Voigt Ende September den ersten Warnruf an

die Besteller des welthistorischen Tafelwerkes ertönen, nachdem ein Dr. Alfons Nobel in den Dortmunder “Ruhr-Nachrichten” auf die rote Tönung der “Synchronoptischen Weltgeschichte” hingewiesen hatte.

Da Minister Voigts Unterschrift unter einer 5000-Stück-Festbestellung des niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1949 prangte, waren die Herren so aus dem Konzept gebracht, daß Heckel die Warnung ohne nähere Prüfung des Buches herausgehen ließ.

So jedenfalls erklärte der inzwischen auf der Frankfurter Hochschule tätige Dr. Heckel dem in Hessen verantwortlichen Erziehungsmann, Ministerialdirektor Willy Wieweg, die Angelegenheit in einem Schreiben vom 3. Oktober: “… In Hannover war plötzlich an Hand einer Kritik von katholischer Seite eine Panik-Situation entstanden. Niemand sah sich die Sache richtig an, ich selbst kam in den letzten Tagen auch nicht dazu…”

Erst als Synchronoptiker Dr. Peters von dem Warnruf Heckels hörte und den Professor in Frankfurt zur Rede stellte, bekannte der, das Buch nur flüchtig durchgeblättert zu haben. Und erst dann nahm er sich die Mühe, es zu studieren.

Das Ergebnis dieses Studiums schlug sich in einem Brief nieder, den Professor Heckel ebenfalls am 3. Oktober an die rechte Hand seines alten Kultusministers, an den Regierungsdirektor Karl Turn im Hannoverschen Kultusministerium, richtete.

In diesem Brief heißt es … “Gestern habe ich mir die ”Synchronoptische Weltgeschichte” einmal etwas gründlicher angesehen, und ich muß Ihnen gestehen, daß

ich bedauere, in den letzten Tagen in Hannover nicht dazu gekommen zu sein. Denn nach meinen Feststellungen fallen die Vorwürfe, die gegen das Buch erhoben werden, doch eigentlich in sich selbst zusammen. Gewiß, es bleiben einige ungeschickte und unglückliche Formulierungen, man kann über Auswahl und Darstellungsart sicherlich oft streiten. Aber die Behauptung, das Werk sei aus kommunistischem Geist geschrieben und vom Osten her beeinflußt, hält meiner Überzeugung einer gründlichen Durchsicht nicht stand.”

Weiter: “Das Werk ist sicherlich aus einer sozialistischen Sicht heraus gestaltet, aber dagegen sollte man doch in Hannover nichts einzuwenden haben. Es ist stark bemüht, die östliche Welt gleichberechtigt zum Ausdruck zu bringen…, daß dabei auch einmal ein kleiner Spritzer auf Amerika fällt, schadet doch wirklich nichts…”

Weiter: “Ich möchte also meine persönliche Auffassung jetzt nach eingehendem Studium des Werkes dahin zusammenfassen, daß man es unbedenklich den Schulen, Hochschulen und Büchereien ausliefert, vielleicht in Begleitschreiben jedoch zum Ausdruck bringt, daß das Buch nur für den reiferen und verständigeren Leser seiner ganzen Anlage und Bedeutung nach geeignet ist, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit großen Umfanges und großer Bedeutung handelt, die natürlicherweise mit einigen Mängeln behaftet ist, daß eine solche Auswahl und Sicht der Dinge immer subjektiv bleibt, daß aber im ganzen gesehen sich der Kultusminister vorbehaltlos dahinterstellt und hier den empfangenden Stellen ein Arbeitsmittel ersten Ranges zur Verfügung stellt.”

Arno Peters klammert sich nun an die Hoffnung, daß sich die übrigen Erziehungsleute ebenfalls nur aus zweiter Hand informierten und bei ruhigem eigenem Studium sich der in fünf Nebensätzen verklausulierten 180-Grad-Wendung des Professors Heckel anschließen werden.

Was aber auch immer am Donnerstag entschieden wird: die Vertreter von Niedersachsen und Hessen, von Bremen, Hamburg und Berlin werden an einer klaren und weit über den “Fall Peters” hinausgehenden Stellungnahme nicht vorbeikommen. Sie werden die Frage beantworten müssen, ob eine aus “sozialistischer Sicht” gestaltete Weltgeschichte, die bis zum Jahre 1952 reicht, zwangsläufig das enthalten muß, was jetzt dem Doktor Peters als “kommunistische Tendenz” vorgeworfen wird.

Den Vorwurf der “intellektuellen Unredlichkeit” jedenfalls glaubt der Synchronoptiker” widerlegen zu können. Er ist sicher, den gerichtlichen Wahrheitsbeweis dafür führen zu können, daß er in seinen Verhandlungen mit den Kultusministerien stets zweierlei klar zu erkennen gegeben habe:

* er sei erklärter Sozialist;

* er wolle ein Geschichtswerk schaffen, das in West- und Ostdeutschland akzeptiert werden könne.

“Nur ein Idiot konnte da glauben, daß Stalin in einem solchen Werk als ”größter Verbrecher aller Zeiten” erscheinen werde”, argumentiert Peters heute. Damals schon habe er einem Gremium von hessischen Schulleuten und Historikern eine ähnliche Erklärung gegeben wie jetzt dem NZ-Herausgeber Hans Wallenberg:

“… Außerdem wollten wir mit unserem Werk die sich schon damals andeutende und inzwischen immer weiter aufreißende Kluft im geschichtlichen Denken Deutschlands schließen. Wir wollten ein Werk schaffen, das gleichermaßen im Osten wie im Westen Deutschlands benutzt werden kann, weil es einerseits die für jedes Weltbild erheblichen Tatsachen vermittelt

und andererseits durch Vermittlung auch jener Tatsachen, die im Gegensatz zum eigenen Weltbild stehen, zur Duldsamkeit erzieht. Die Kultusminister haben diesen Plan gekannt und begrüßt oder zumindest gebilligt. Auch die Erziehungsabteilung von HICOG wußte von dieser unserer Absicht …”

Diese Behauptungen müssen erst einmal widerlegt werden, bevor man das Doktoren-Ehepaar der “Erschleichung” von Subventionen zeihen kann, wie es das bayrische Kultusministerium tat.

Wenn man in dem Versuch zur Schaffung eines west-östlichen Geschichtsbuch-Diwans schon 1949 die Utopie eines Mannes gesehen hätte, der sich selber als “idealistischen Sozialisten” bezeichnet (“ich weiß, daß dies schon ein Paradoxon ist, da der Sozialismus aus dem Materialismus kommt”), wäre die jetzige Ablehnung gerechtfertigt. Aber damals wurden von keiner Seite Bedenken vorgebracht.

Im Gegenteil: der 36jährige Peters baute sich unter Vorlage eines handgeschriebenen Manuskripts (in dem allerdings die letzten 50 Jahre fehlten) eine Gutachten-Galerie zusammen, in der weder der Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Meinecke, noch der Heidelberger Soziologe Alfred Weber, noch der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, noch der bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Thomas Mann fehlte, der dem Buch “von Herzen” wünschte, daß es “sein hohes völkerversöhnendes Ziel erreichen möge”.

Der Münchner Historiker Schnabel, der sich heute als erster von der “Synchronoptischen Weltgeschichte” distanzierte, borgte sich das Hand-Manuskript sogar über eine Nacht aus und brachte es am nächsten Morgen dem Peters in das Hotel zurück.

Peters: “Mir gegenüber hat er damals behauptet, er habe darin die halbe Nacht studiert. Trotzdem erhielt ich von ihm ein Gutachten, in dem es wörtlich heißt: … ”den wesentlichen Fortschritt darf man aber darin erblicken daß sowohl die einseitig politische als auch die einseitig nationale Geschichtsdarstellung in der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” überwunden wurde”. Die Tendenz aber, die mir heute auch von Schnabel so übelgenommen wird, war in

dem 2900 Jahre umfassenden Manuskript genau dieselbe wie in dem jetzt vorliegenden Buch.”

Aber Hessens damaliger Kultusminister Dr. Erwin Stein (CDU) gab sich mit dem professoralen Gutachten-Katalog nicht zufrieden, als Peters ihn um eine Vorfinanzierung des in Heimarbeit entstandenen Werkes anging. Kultusminister Stein veranlaßte, daß die US-Militärregierung für Hessen das Manuskript acht Tage lang in ihre Testmühle nahm.

Der Bescheid der amerikanischen Education Branch, Office of Military Government, Hesse, vom 15. Juni 1949, schwelgte im Lob: “Die ”Synchronoptische Weltgeschichte” ist einzig in ihrer Art; sie ist das ausgezeichnete Ergebnis eines langwierigen Studiums und einer sorgfältigen Vorbereitung. Die neue Art der Darstellung führt zu unabhängigem Denken und einer objektiven Haltung gegenüber der Weltgeschichte im allgemeinen. Was die Genauigkeit der Daten, die Erleichterung des Verständnisses und die Ausgestaltung des Werkes betrifft, so ist das Buch von höchstem Wert… und kann für den Gebrauch in den Schulen eindringlich empfohlen werden.

“Einwände: Keine.

“Änderungsvorschläge: Keine.”

Minister Stein verschaffte sich aber auch deutsche Rückendeckung. Er ließ Peters vor einem eilig zusammentelegraphierten Gremium von hessischen Historikern und Schulleuten referieren. Das Manuskript wurde gründlich durchgehechelt. Am Ende der Diskussion stand der einstimmige Beschluß, die Regierung möge alles tun, um die Herausgabe der “Synchronoptischen Weltgeschichte” zu ermöglichen.

Auch vor dem Hauptschulausschuß des Landes mußte Peters Rede und Antwort stehen. Ein Ausschußmitglied stellte an ihn die ganz konkrete Frage: “Herr Peters, Sie sagen, Sie seien Sozialist. Zu welcher Form von Sozialismus bekennen Sie sich?” Darauf Peters: “Ich glaube, daß es nur einen Sozialismus gibt.”

Nachdem Peters und sein Manuskript von Deutschen und Amerikanern, von Lehrern und Historikern so gründlich durchgetestet und ausgehorcht waren, ging man an die Finanzierung. Vorher allerdings reiste Peters – mit Wissen des hessischen Kultusministeriums – nach Leipzig, um am dortigen Bibliographischen Institut Material locker zu machen und die Ostveröffentlichung vorzubereiten.

Die hessische Begeisterung gegenüber dem erklärten Sozialisten nahm zwar bald etwas ab, und die bevorschußte Bestellung des Landes wurde von 12 000 auf 25000 Stück gedrosselt. Aber sonst ging es herrlich voran. Minister Voigt bestellte für Niedersachsen beim Universum-Verlag*) 5000 Exemplare zum Preise von 12 DM das Stück und schoß auch die 60 000 DM vor.

Bremen zahlte 18 000 DM, Hamburg 14 600, Berlin 12 000, Hessen war mit 30 000 DM dabei. Es handelte sich also fast ausschließlich um Länder mit SPD-Regierungen, die

sich gar nicht darüber im unklaren sein konnten, daß ihnen Peters für ihre Schulen ein sozialistisches Werk liefern würde.

Die sozialistische Geisteshaltung, die Peters nie geleugnet hat und auch gar nicht leugnen kann, mußte seine Geschichtsdarstellung

* anti-dynastisch,

* anti-kapitalistisch und

* anti-klerikal

ausfallen lassen.

Trotzdem nennt Peters seine Weltgeschichte “apolitisch und unmarxistisch”. Letzteres bescheinigte ihm dann auch das Ost-Berliner “Amt für Literatur” in lakonischer Kürze, als es die ostzonale Veröffentlichung mit der zutreffenden Begründung “abweichend vom wissenschaftlichen Sozialismus” ablehnte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte” löckt nämlich in zwei entscheidenden Punkten wider den Stachel des Marxismus-Leninismus-Stalinismus:

* sie leugnet den Primat des Ökonomischen;

* sie entwickelt ihr Geschichtsbild aus Persönlichkeiten, wogegen die Menschheitsentwicklung nach allen marxistischen Dogmen gerade mit “außermenschlicher naturwissenschaftlicher Gesetzlichkeit abrollt”.

In seiner (nur bei einem deutschen Wissenschaftler begreiflichen) Naivität kann Peters bis heute nicht verstehen, warum nicht Ost und West brüderlich sein Tafelwerk verbreiten. Er sträubt sich immer noch, einzugestehen, daß er sich mit seinem Geschichts-Diwan genau zwischen alle Stühle gebettet hat.

In der sinnlosen Spekulation, das Buch hüben und drüben gesellschaftsfähig zu machen, sind dem Doktor Peters denn auch in der Darstellung der letzten 52 Jahre

Dinge unterlaufen, die jetzt von den Kultusministern mit Recht attackiert werden können, da sie ihnen ja im Gegensatz zu den 2900 vorhergehenden Jahren nicht zur Begutachtung vorlagen.

Und bei diesen 52 Jahren kann man ihm den Vorwurf einer in Liebedienerei ausartenden Überloyalität gegenüber dem Osten nicht ersparen. So, wenn er als eins der drei wesentlichen Kulturereignisse des Jahres 1936 Muchinas Plastik “Arbeiter und Kolchosbäuerin” zitiert – neben Picassos “Guernica” und Honeggers Oratorium “Johanna auf dem Scheiterhaufen”.

Als die amerikanische “Neue Zeitung” nach dem großen Erwachen eine voreilige Lobeshymne ihres Feuilleton-Chefs Bruno E. Werner*) auf die “Synchronoptische Weltgeschichte” in einer Art Selbstkritik widerrief, hätte sie sich besser den Schlußsatz verkniffen. Der lautete: “Aufklärung verlangt die Frage, wie es zu der ersten Auflage von 50 000 Exemplaren gekommen ist, und wer zu ihrer Finanzierung beigetragen hat.”

Die Antwort darauf wollte Dr. Peters den Lesern der NZ in einer schriftlichen Erwiderung geben, aber Chefredakteur Hans Wallenberg ließ den von ihm Angegriffenen nicht zu Worte kommen. Sonst hätten die NZ-Leser folgendes gelesen:

“Die Finanzierung der Herausgabe unseres Werkes wurde allein aus Mitteln bestritten, die uns als Vorauszahlungen für bestellte Exemplare der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” von öffentlicher Seite zugeflossen sind. Wir haben von 1949 bis heute von den nachfolgend genannten Stellen eine Gesamtsumme von 183 660 DM in bar sowie Papier und Bindematerial im Werte von 146 967 DM erhalten:

* Kultursenat der Stadt Bremen;

* Kultursenat der Stadt Hamburg;

* Kultusministerium des Landes Niedersachsen;

* Kultusministerium des Landes Hessen;

* Erziehungsabteilung der HICOG;

* Kultursenat der Stadt Berlin;

* Hauptschulamt der Stadt Frankfurt.

Obige Stellen haben durch diese Anzahlung das Anrecht auf Lieferung von 25 820 Exemplaren der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” erworben und so zugleich die Herausgabe des Werkes ermöglicht.”

Peters hatte dabei noch verschwiegen, daß die amerikanische Hohe Kommission mit 55 000 DM in bar, einer großen Papierlieferung und der Festbestellung von 14 000 Exemplaren (gegenüber 11 820 von deutschen Stellen) den Bärenanteil übernommen hatte.

Bei seinen Bemühungen um die Drucklegung der Weltgeschichte nämlich hatte der Doktor Arno Peters erfahren, daß die Amerikaner größere Papiermengen für gemeinnützige pädagogische Publikationen verteilten. Am Verteilerkopf saß Mr. John

Riedel, Chef der HICOG-Erziehungsabteilung. Die Unterredung, rekapituliert Peters, sei überraschend erfolgreich verlaufen. Riedel habe sein Muster-Exemplar und die amerikanischen Zeugnisse aus Wiesbaden betrachtet und ihn dann gefragt: “Wieviel wollen Sie denn zunächst drucken?”

Peters: “Zwanzigtausend.”

Riedel: “Warum drucken Sie nicht das Doppelte?”

Die Verhandlungen endeten damit, daß John Riedel 55 000 DM in bar und Papier- und Bindematerial im Werte von etwa 147 000 DM als Anzahlung auf eine Lieferung von 14 000 Exemplaren der “Synchronoptischen Weltgeschichte” à 12 DM herausrückte.

Daß ihre Blamage nicht noch größer wurde, verdanken die Amerikaner einzig und allein dem deutschen Nationalempfinden und den Ost-Rücksichten des Dr. Peters. Wenn es nach dem Willen der US-Erziehungsabteilung gegangen wäre, würden die von den Amerikanern bestellten Bände jetzt sogar einen Eindruck mit zwei US-Flaggen-Emblemen und der Widmung “Presented by the people oft the United States” aufweisen.

So aber blieb es bei einem eingeklebten Begrüßungsschreiben, unterzeichnet von George A. Selke, Chief, Division of Cultural Affairs, Bad Godesberg, Mehlemer Aue. Datum: August 1952. Nach diesem Schreiben erfolgt die Überreichung des Bandes “in der Absicht, deutschen Bildungsinstituten wertvolle Literatur zugänglich zu machen und die Verständigung der Nationen untereinander zu fördern”.

*) Der Universum-Verlag, der als Familien G. m. b. H. mit der Einzelprokura von Frau Anneliese und dem Ziel “der Herstellung und des Vertriebes der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” auf gemeinnütziger Grundlage” am 30. Juni 1952 in das Handelsregister des Frankfurter Amtsgerichtes eingetragen wurde, weist nur ein Stammkapital von 20 000 DM auf.*) Bruno E. Werner wurde inzwischen zum Kultur-Attaché beim deutschen Geschäftsträger in Washington ernannt. – Aber nicht nur die “Neue Zeitung” lobte die “Synchronoptische Weltgeschichte”, auch 42 andere Blätter brachten positive Besprechungen des Geschichtswerkes, offenbar ohne es gründlich gelesen zu haben. So Erik Reger im “Tagesspiegel” am 27. September 1952: “Das Werk empfiehlt sich als eine der brauchbarsten Waffen im Kampfe gegen die Unwissenheit.” 

Medienfreiheit in Gefahr
Hochrisiko-Branche Journalismus

Noch nie wurden weltweit so viele Journalisten getötet wie im letzten Jahr. (Bild: Keystone / AP)
Am Jahreskongress des Internationalen Presseinstituts in Jordanien hat sich den Teilnehmern ein düsteres Bild präsentiert: Noch nie wurden weltweit so viele Journalisten getötet wie im letzten Jahr.
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Markus Spillmann, Amman

Der Beschuss der syrischen Artillerie war zielgerichtet, präzise und für Marie Colvin tödlich. Die erfahrene Kriegsberichterstatterin der britischen «Sunday Times» wurde im Februar 2012 im belagerten Homs mutmasslich dank den verräterischen Signalen ihrer Mobil- und Satellitentelefone lokalisiert und gezielt getötet. Ein ähnliches Schicksal ereilte Mika Yamamoto in Aleppo im August 2012, von wo sie für «Japan Press» über den Bürgerkrieg berichtete. Es sind zwei Schicksale unter mehreren Dutzend allein im letzten Jahr; kein anderer Konflikt fordert derzeit auch unter Journalisten einen derart hohen Blutzoll wie der syrische. Bei den meisten Opfern handelt es sich allerdings um lokale Medienvertreter, die fern jeder internationalen Aufmerksamkeit zu Tode kommen.
Ehrung für zwei Getötete

Mit 133 bei der Ausübung ihres Berufes getöteten Journalistinnen und Journalisten innerhalb von zwölf Monaten ist 2012 das opferreichste Jahr, seit das Internationale Presseinstitut in Wien (IPI) seine Todesstatistik führt. An der 62. Jahreskonferenz in Amman wurde stellvertretend auch für die vielen unbekannten Berufskollegen den zwei Frauen postum die Ehrung des World Press Freedom Hero erteilt, ein Preis, den das IPI seit mehreren Jahren für herausragende und unter schwierigsten Umständen erwirkte journalistische Leistungen vergibt. Die Liste der bisher 65 Geehrten ist lang und umfasst sehr bekannte Namen: Anna Politkovskaya, Hrant Dink, David S. Rhode, Daniel Pearl oder Nedim Sener, um nur einige wenige zu nennen.

Im Fokus der Jahreskonferenz stand die Entwicklung der Medienfreiheit im Nahen Osten zwei Jahre nach Ausbruch des «arabischen Frühlings». Es ist ein durchmischtes Bild, das sich dem Beobachter bietet; Fortschritte etwa im Gastland Jordanien auf der einen Seite, eine Verschlechterung der Lage in Ägypten auf der anderen Seite, die offensichtlichen Problemzonen wie Syrien, Iran, Saudiarabien oder Libyen einmal ausklammernd. In einer generellen Bilanz wurde festgehalten, dass die derzeitigen Regierungen – teilweise auch demokratisch gewählt – eher repressiver gegen Medienvertreter vorgehen als ihre Vorgänger. Allein in Ägypten sollen laut Aussagen des Arabic Network for Human Rights Information in den achtzehn Monaten unter der Herrschaft des Oberkommandos der Streitkräfte 12 000 Gerichtsverfahren gegen Journalisten oder Medien registriert worden sein. In den dreissig Jahren der Herrschaft Mubaraks sollen es laut dieser Quelle 1200 gewesen sein.

Ob nun in Tunesien oder im Irak, in der ganzen Region sind ähnliche Entwicklungen festzustellen. Es ist demnach nicht einfach nur Gewalt, die gegen Journalisten ausgeübt wird, sondern subtiler auch die Einengung ihrer Freiheitsgrade auf juristischem Weg. Viele Gesetzesnovellen zielen auf die Verschärfung und Kriminalisierung unabhängiger Medienarbeit ab, oft mit dem Argument, damit Chaos und Aufruhr vermeiden zu wollen. Dabei sind es nicht mehr nur Regierungsstellen und Politiker, sondern zunehmend auch private Organisationen und parastaatliche Interessengruppierungen, die alles daransetzen, eine unabhängige und kritische Berichterstattung zu verhindern.
Schwindende Solidarität

Das IPI durchlebt schwierige Zeiten. Vor allem der anhaltende Mitgliederschwund in Europa und den USA sowie die als Folge der generellen Krise in vielen Medienmärkten schwindende Bereitschaft vieler Verlagshäuser zur solidarischen Unterstützung des Kampfes für Medienfreiheit und journalistische Sicherheit hinterlassen in der Bilanz tiefe Spuren. Angesichts der dramatischen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für Journalisten in vielen Ländern ist diese Entwicklung paradox; selten zuvor war Engagement für mehr Sicherheit, mehr Transparenz und mehr Medienfreiheit so wichtig wie derzeit. Als älteste unabhängige und sich auf höchster Regierungsebene für die Anliegen freier Medien einsetzende Organisation wird das IPI massgeblich von Spenden und Mitgliederbeiträgen finanziert. Das österreichische Aussenministerium leistet seit Jahren einen signifikanten Beitrag. Die nach Schweizer Recht geführte Organisation unterhält ihr Sekretariat in Wien.

Wie jedes Jahr ruft das IPI in spezifischen Resolutionen zu mehr Respekt für die Arbeit von Journalisten auf. 2013 wird dabei einstimmig der Beschluss des Panafrikanischen Parlaments begrüsst, sich auf dem Kontinent für die Stärkung und Durchsetzung der Rechte freier Medien einzusetzen und vor allem der gesetzlichen Kriminalisierung einen Riegel zu schieben. Die in Südafrika gefällte Deklaration ist allerdings erst von Liberia und Niger unterzeichnet worden. Zum Zweiten fordert das IPI im Einklang mit einer Resolution des Uno-Menschenrechtsrates vom letzten September die weltweite Ächtung von Gewalt gegen Journalisten und die konsequente Ahndung solcher Verbrechen auf nationaler Ebene angesichts der weitverbreiteten Straflosigkeit.

Zum Dritten verlangt das IPI von der israelischen und palästinensischen Regierung die volle Bewegungsfreiheit für alle Journalisten sowohl in Israel und in den von Israel besetzten als auch in den von der palästinensischen Regierung kontrollierten Gebieten. Und viertens fordert das IPI die jemenitische Regierung dazu auf, unverzüglich den Journalisten Abdulelah Haider Shaia freizulassen, der ohne jeglichen Beweis für terroristische Aktivitäten seit August 2010 inhaftiert ist. Diese Resolution, die wie die anderen drei einstimmig verabschiedet wurde, ist politisch die heikelste, da im Hintergrund offenbar auch die amerikanische Regierung bei der Inhaftierung involviert war. Haider Shaias Fall ist für die Schwierigkeit journalistischer Arbeit in Krisenregionen deshalb exemplarisch, weil er als Mitarbeiter der staatlichen Nachrichtenagentur Saba über Sicherheitsfragen und Terrorismus berichtet hat und über ein weit gespanntes Netzwerk an Informanten auch im Dunstkreis des Terrorismus verfügt.
Auszeichnung für Exil-Radio

Der diesjährige IPI Free Media Pioneer Award wurde dem regierungskritischen Radio Free Sarawak verliehen, einem Kurzwellensender, der von London aus der indigenen Bevölkerung auf Borneo in Malaysia auch dank modernster Informationstechnologie Gehör und Stimme verschafft. Für das IPI ist die Station exemplarisch dafür, wie wichtig unabhängiger Journalismus für eine Gesellschaft ist. Die vorwiegend im Dschungel lebende Bevölkerung von Sarawak hatte bisher faktisch keinen Zugang zu unabhängigen Informationen, sondern war auf die offiziellen Verlautbarungen einer hochkorrupten Provinzregierung angewiesen.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/hochrisiko-branche-journalismus-1.18084953