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Emanzipation durch politische Kontrolle der Wirtschaft durch die Gesellschaft

Milliarden Dollar fließen aus Afrika in die reichen Länder!

Das rohstoffreiche Nigeria verlor durch illegale Geldtransfers in den letzten dreissig Jahren mindestens 250 Milliarden Dollar (Ölpipelines in Südnigeria).

Das rohstoffreiche Nigeria verlor durch illegale Geldtransfers in den letzten dreissig Jahren mindestens 250 Milliarden Dollar (Ölpipelines in Südnigeria). (Bild: AP/George Osodi)

Laut einer Studie hat Afrika durch illegale Geldabflüsse innert dreissig Jahren über eine Billion Dollar verloren. Rohstoffreiche Länder sind in besonderem Masse betroffen.

Fabian Urech

Die Staaten Afrikas haben in den letzten dreissig Jahren durch illegale Geldabflüsse in andere Kontinente nach konservativen Schätzungen mindestens 1200 Milliarden Dollar verloren. Dies zeigt eine kürzlich erschienene Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank und des Forschungsinstituts Global Financial Integrity. Der Betrag entspricht einem Mehrfachen der in dieser Zeit nach Afrika geflossenen Entwicklungsgelder und Direktinvestitionen. Selbst bei Berücksichtigung der offiziellen Kapitaltransfers ist Afrika damit ein Nettogeldgeber der Welt. Die Resultate der Studie stimmen mit den Annahmen der Uno überein, nach denen Afrika durch illegale Geldabflüsse – also etwa durch Preismanipulation bei Handelsgeschäften, Steuerhinterziehung oder Korruption – jährlich bis zu 50 Milliarden Dollar verliert.

Negativbeispiel Nigeria

Laut der Studie sind die verlorenen Milliarden auch ein Grund, weshalb sich die sozioökonomischen Lebensbedingungen für viele Afrikaner in den vergangenen Jahren kaum verbesserten. Allerdings sind die über fünfzig Staaten des Kontinents in sehr unterschiedlichem Masse vom Phänomen betroffen. Die deutlichsten Abflüsse registrierten mit Algerien, Libyen, Nigeria, Botswana und Ägypten wenig überraschend fünf Staaten mit erheblichen Rohstoffvorkommen. Alleine Nigeria verlor durch illegale Geldtransfers in den letzten dreissig Jahren mindestens 250 Milliarden Dollar – viel Geld für ein Land, in dem noch immer 60 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Auf die Gründe für die Geldabflüsse geht die Studie – auch aufgrund der dünnen Datenlage – kaum ein. Zur Eindämmung des Problems empfehlen die Autoren unter anderem die Implementierung verstärkter Transparenzvorschriften im Rohstoffhandel und bei der Vergabe von Betriebslizenzen sowie einen verbesserten internationalen Austausch von Steuerdaten. Illegale Geldabflüsse sind allerdings kein rein afrikanisches Übel. Laut Global Financial Integrity verloren Entwicklungsländer im Jahr 2010 in dieser Weise weltweit über 850 Milliarden Dollar. In über 60 Prozent der Fälle waren asiatische Länder betroffen.

Die Schweiz als Drehscheibe

Nebst Entwicklungsländern sind aber auch Industriestaaten in erheblichem Masse von Steuerflucht oder Preismanipulationen betroffen. Gleichzeitig gehören laut der Studie einige westliche Staaten zu den Profiteuren solcher Geldtransfers. Zwar lägen zu den Finanzbewegungen keine genauen Daten vor, doch Steueroasen – explizit wird hier auch die Schweiz genannt – gehörten zu den präferierten Destinationen von Schwarzgeldern, halten die Autoren fest. Laut dem Finanzexperten Mark Herkenrathvon Alliance Sud ist die Schweiz aufgrund des Bankgeheimnisses, Mängeln bei der Bekämpfung der Geldwäscherei und fehlender Transparenzvorschriften eine wichtige Destination und Drehscheibe für solche Gelder. Gerade im «enorm intransparenten Rohstoffsektor» der Schweiz besteht nach Herkenrath dringender Handlungsbedarf. Während die EU und die USA bereits entsprechende Transparenzrichtlinien eingeführt hätten, seien die diesbezüglichen Bemühungen der Schweiz sehr zaghaft. Verbesserung verspricht allenfalls ein vom Nationalrat am Dienstag verabschiedetes Postulat, das vom Bundesrat die Prüfung von Transparenzvorschriften für den gesamten Rohstoffsektor fordert.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/milliarden-aus-afrika-1.18099274

Schwarzgeldabflüsse in Milliardenhöhe

«Ein zentrales Entwicklungsproblem Afrikas»

International Heute, 17:05

Für den Finanzexperten Mark Herkenrath liegen die Hauptursachen der Schwarzgeldabflüsse nicht in Afrika. Grosse Teile der illegalen Gelder gingen auf illegale firmeninterne Steueroptimierungstransaktionen zurück. Hier spiele auch die Schweiz als wichtiges Empfängerland eine zentrale Rolle, meint Herkenrath im Gespräch mit der NZZ.

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Interview: Fabian Urech

Über die Form und Destination illegaler Geldabflüsse ist in der Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank und Global Financial Integrity wenig zu erfahren. Herr Herkenrath, worum handelt es sich bei den transferierten Schwarzgeldern genau?

Andere Studien schlüsseln das detaillierter auf. 80 Prozent der illegalen Geldabflüsse aus Entwicklungsländern geschehen über Fehlangaben beim internationalen Handel, der zu rund zwei Dritteln aus firmeninternen Transaktionen besteht. In anderen Worten: Der Löwenanteil der Milliardenverluste geht auf die Bemühungen von multinationalen Konzernen zurück, ihre Gewinne dorthin zu verschieben, wo sie möglichst tief besteuert werden – beispielsweise in die Schweiz. Ein kleinerer Teil der Schwarzgeldflüsse betrifft illegale Transaktionen von Privatpersonen, sehr gering ist der Anteil von Potentatengeldern.

Mark Herkenrath(zvg)

Inwieweit sind die Geldabflüsse aus Afrika selbstverschuldet?

Staatliche Institutionen wie die Steuer- oder Zollbehörden sind in vielen afrikanischen Ländern äusserst schwach. Es fehlen Geld, Personal und Kompetenzen, um problematische Finanzflüsse aufzudecken und nachzuverfolgen. Zugleich ist die Korruption in vielen Staaten Afrikas weiterhin sehr verbreitet. Da schafft die Entwicklungszusammenarbeit Abhilfe. Probleme bei der Eindämmung illegaler Geldflüsse bestehen aber auch in Industrieländern: Selbst gut ausgerüstete Behörden haben mit solchen Problemen – etwa mit Steuerflucht – zu kämpfen. Und gerade die Problematik der firmeninternen Finanztransaktionen multinationaler Konzerne betrifft letztlich alle Länder.

Kofi Annan bezeichnete die illegalen Geldabflüsse jüngst als zentrales Entwicklungshindernis für Afrika. Wie beurteilen Sie die Folgen dieses Phänomens?

Ich kann Annan nur zustimmen. Schwarzgeldabflüsse gehören zu den grössten Entwicklungsproblemen afrikanischer und anderer Entwicklungsländer. Diese Länder brauchen dringend mehr finanzielle Mittel, um weitere Entwicklungsfortschritte zu machen. Die Gelder der Entwicklungszusammenarbeit tragen zwar ihren Teil dazu bei, doch die vorliegende Studie zeigt auch, dass die afrikanischen Länder durch illegale Kapitalabflüsse ungleich mehr Geld verlieren, als sie durch Hilfszahlungen und Direktinvestitionen einnehmen. Es handelt sich um enorme Geldsummen, die ansonsten der Bekämpfung der Armut oder der Folgen des Klimawandels dienen könnten.

Die Studie beschreibt Steueroasen als bevorzugte Destination von Schwarzgeldern. Welche Rolle spielt hier die Schweiz?

Die Schweiz spielt eine wichtige Rolle. Sie bietet sich noch immer als Empfängerin unversteuerter und illegaler Gelder an. Keines der rund vierzig neuen Doppelbesteuerungsabkommen der Schweiz betrifft ein armes Entwicklungsland. Personen aus solchen Ländern können ihr undeklariertes Vermögen weiterhin sorglos auf einer Schweizer Bank anlegen. Zudem bleiben die im Ausland erwirtschafteten Gewinne von multinationalen Unternehmen in gewissen Schweizer Kantonen praktisch unbesteuert. Dies hält mittlerweile auch die EU für ein grosses Problem. Die Schweiz ist zwar nicht das einzige Land, das solche Praktiken ermöglicht. Doch sie wird diesbezüglich auch vonseiten der OECD zunehmend unter Druck geraten.

Welche Bemühungen zur internationalen Regulierung dieser Geldflüsse sind zurzeit im Gang?

In den USA und in der EU sind bereits Regulierungen in Kraft, die auf eine Erhöhung der Transparenz des Rohstoffsektors zielen. Das ist gerade für die rohstoffreichen afrikanischen Länder ein grosser Fortschritt. Trotzdem sind weitere Schritte nötig, denn andere Wirtschaftssektoren sind von ähnlichen Problemen betroffen. Inzwischen hat auch die OECD ein Projekt lanciert, um Steuerkürzungen und die Gewinnverschiebung von Konzernen anzupacken. Dies zeigt, dass das Interesse der Industrieländer an diesem Thema immer grösser wird. Und es besteht durchaus die Chance, dass auf OECD-Ebene Regelungen entwickelt werden, von denen auch Entwicklungsländer profitieren. In der Schweiz ist der Rohstoffsektor hingegen weiterhin enorm intransparent.

In einem Postulat forderte der Nationalrat vom Bundesrat diese Woche die Prüfung von Transparenzvorschriften für die gesamte Rohstoffbranche der Schweiz. Welche Bedeutung ist dem beizumessen?

Das ist ein sehr wichtiger Schritt. Der Bundesrat wollte bisher nur die mögliche Übernahme von Transparenzvorschriften aus den USA und der EU diskutieren. Diese betreffen aber nur Unternehmen, die selbst Rohstoffe abbauen. Das Hauptproblem in der Schweiz ist die Intransparenz der vielen Firmen, die vor allem Handel mit Rohstoffen betreiben. Es gilt dringend zu vermeiden, dass der Rohstoffhandel über die Schweiz Verstösse gegen die Menschenrechte verschleiert und letztlich die Taschen korrupter Diktatorenclans oder Kriegsparteien füllt. Es ist erfreulich zu sehen, dass sich nun auch der Nationalrat für dieses wichtige Anliegen einsetzt.

Zur Person

Mark Herkenrath ist Finanzexperte der Hilfswerkvereinigung Alliance Sud. Er ist Mitglied im Steuerungsausschuss der globalen Allianz für Steuergerechtigkeit (Global Alliance for Tax Justice) und in der beratenden Kommission des Bundesrates für internationale Entwicklung und Zusammenarbeit. Zudem unterrichtet er als Privatdozent für Soziologie an der Universität Zürich.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/schwarzgeldabfluesse-gehoeren-zu-den-groessten-entwicklungsproblemen-afrikas-1.18099276

Afrikanische Entwicklungsbank schätzt Schwarzgeldabflüsse auf über eine Billion

Veröffentlicht am: 29. 05. 2013

Über die letzten dreissig Jahre sind aus den afrikanischen Entwicklungsländern unversteuerte Gelder im Umfang von mindestens 1’200 Milliarden Dollar abgeflossen. Das zeigt eine neue Studie der Afrikanischen Entwicklungsbank und des Forschungsinstituts Global Financial Integrity. Alliance Sud fordert den Schweizer Bundesrat auf, dringend Gegenmassnahmen gegen den Zufluss solcher Gelder in die Schweiz zu ergreifen.

Nicht nur reiche Länder wie die USA und die EU-Staaten leiden unter dem Abfluss unversteuerter Gelder ins Ausland. Betroffen sind auch die afrikanischen Entwicklungsländer. Sie bräuchten die verlorenen Staatseinnahmen ganz besonders dringend, um die Armut und die Folgen des Klimawandels bekämpfen zu können.

Eine heute an der Jahrestagung der Afrikanischen Entwicklungsbank in Marrakesch veröffentlichte Studie zeigt, um welche schwindelerregenden Beträge es geht. Die Untersuchung stammt von der Afrikanischen Entwicklungsbank, die auch von der Schweiz mitfinanziert wird, und dem renommierten Forschungsinstitut Global Financial Integrity (GFI). Sie zeigt, dass die Schwarzgeldabflüsse («illicit financial flows») aus Afrika von 1980 bis 2009 zwischen 1,2 bis 1,3 Billionen Dollar betragen haben.

Dabei sind die Zahlen der Studie eher konservativ geschätzt. Sie beruhen auf der Analyse von Fehlbeträgen in offiziellen Handelsstatistiken und Zahlungsbilanzen. Nicht erfasst werden zum Beispiel konzerninterne Transaktionen, mit denen multinationale Konzerne auf legalem Weg Gewinne in Tiefsteueroasen wie die Schweiz verschieben. Gemeint sind ausschliesslich internationale Transaktionen, die illegalen Formen der Steuerhinterziehung von Privatpersonen und Unternehmen sowie der Geldwäscherei bei Korruption und anderen kriminellen Aktivitäten dienen. Trotzdem übersteigen die geschätzten Schwarzgeldflüsse die Summe aller Hilfsgelder, Direktinvestitionen und weiterer Finanzzuflüsse, von denen der afrikanische Kontinent im untersuchten Zeitraum profitieren konnte. Netto sind von 1980 bis 2009 Gelder im Umfang von mindestens 597 Milliarden Dollar aus den Ländern Afrikas abgeflossen.

Der Bericht fordert klare Gegenmassnahmen in all den Ländern, die vom Schwarzgeld aus Afrika profitieren. Er verlangt unter anderem, dass die natürlichen Personen, die sich hinter Unternehmen, Trusts und Stiftungen verbergen, in öffentlich zugänglichen Handelsregistereinträgen erfasst werden. Zudem sollen multinationale Konzerne in ihren Sitzländern zu einer transparenten Rechnungslegung verpflichtet werden. Sie sollen für den gesamten Konzern nach Ländern und Projekten aufgeschlüsselt sämtliche Umsatzzahlen, Gewinne, Steuerzahlungen und Angaben zur Zahl der Beschäftigten offen legen.

Alliance Sud, die entwicklungspolitische Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Hilfswerke, fordert den Schweizer Bundesrat auf, sich die Empfehlungen dringend zu Herzen zu nehmen. «Leider ist die Schweiz noch weit davon entfernt, Schwarzgeldflüssen aus Entwicklungsländern einen Riegel vorzuschieben», erklärt Mark Herkenrath, Finanzexperte bei Alliance Sud. Bei den Banken brauche es nicht nur eine wesentliche Erweiterung der Sorgfaltspflichten, wenn sie ausländische Gelder annehmen, sondern auch deutlich strengere Kontrollen und Sanktionen. Solche Massnahmen fehlen aber in der geplanten Revision des Geldwäschereigesetzes, so Mark Herkenrath von Alliance Sud. Ausserdem sieht die geplante Revision keine öffentlichen Handelsregistereinträge vor, die Auskunft über die wahren Besitzer von Handelsunternehmen und anderen Firmen geben. Damit bleibt sie weit hinter den jüngsten Empfehlungen der Afrikanischen Entwicklungsbank zurück.

Für weitere Auskünfte: 
Mark Herkenrath, Alliance Sud, Tel. 078 699 58 66

Studie: Illicit Financial Flows and the Problem of Net Resource Transfers from Africa: 1980-2009

– See more at: http://www.alliancesud.ch/de/ep/steuerpolitik/afrikanische-entwicklungsbank-schaetzt-schwarzgeldabfluesse-auf-ueber-eine-billion#sthash.UNeMsuPq.dpuf

http://www.alliancesud.ch/de/ep/steuerpolitik/afrikanische-entwicklungsbank-schaetzt-schwarzgeldabfluesse-auf-ueber-eine-billion

Tun wir nichts, bekommen wir alle ein Problem

INTERVIEW | GÜNTHER STROBL, 10. Juni 2013, 17:40
  • Im Vordergrund fette Stromleitungen, im Hintergrund schwarzer Rauch, der einem Kohlekraftwerk der deutschen RWE entweicht. Der globale CO2- Ausstoß hat 2012 einen Rekordwert erreicht.
    foto: apa/frederico gambarini

    Im Vordergrund fette Stromleitungen, im Hintergrund schwarzer Rauch, der einem Kohlekraftwerk der deutschen RWE entweicht. Der globale CO2- Ausstoß hat 2012 einen Rekordwert erreicht.

  • Fatih Birol: "Ich sehe noch eine Chance, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen."
    foto: standard/matthias cremer

    Fatih Birol: “Ich sehe noch eine Chance, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Der Chefökonom der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, ist alarmiert wegen des fortschreitenden Klimawandels und der CO2-Emissionen

Der Chefökonom der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, ist alarmiert wegen des fortschreitenden Klimawandels und CO2-Emissionen auf Rekordhöhe. Die Agentur fordert Maßnahmen, schmutzige Kraftwerke sollten vom Netz.Günther Strobl hat nachgefragt.

STANDARD: Die Finanzkrise hat den Klimawandel von der Top-Position auf der Polit-Agenda verdrängt?

Birol: Leider – trotz wissenschaftlich erhärteter Erkenntnisse, was die Ursachen betrifft. Der Energiesektor spielt eine entscheidende Rolle. Gut zwei Drittel der Treibhausgasemissionen stammen aus diesem Bereich. Im Vorjahr sind die CO2-Emissionen um 1,4 Prozent auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Die Welt steuert auf eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um 5,3 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu, eine beängstigende Entwicklung.

STANDARD: Sie versuchen, die Bekämpfung des Klimawandels wieder auf die Agenda zu bringen. Doch etwas eigenartig für eine Institution wie die Internationale Energieagentur (IEA), oder?

Birol: Wieso? Wenn wir nichts tun, bekommen wir alle ein Problem.

STANDARD: Die IEA machte sich früher Gedanken über Versorgungssicherheit, teures Rohöl. Und plötzlich ist anderes wichtiger?

Birol: Weil beim Klimawandel der Energiesektor eine Schlüsselrolle spielt. Entweder findet der Sektor eine Lösung …

STANDARD: … oder?

Birol: Wenn nicht, wird es ernsthafte Probleme und Auswirkungen auch auf die Energieinfrastruktur geben. Das ist der Grund, warum wir uns so engagieren. In Europa ist der Kohleverbrauch 2012 mehr als in China gestiegen. Das war das erste Mal in den letzten 13 Jahren – jedenfalls seit es diese Art von Aufzeichnungen gibt. Kein gutes Zeugnis für den europäischen Umweltschutz und das Emissionshandelssystem.

STANDARD: Warum das?

Birol: Das liegt am Preis. Wenn die Verschmutzungsrechte teurer wären, hätten wir wahrscheinlich eine geringere Zunahme des Kohleeinsatzes gesehen, vielleicht sogar einen Rückgang.

STANDARD: So sind Kohlekraftwerke hingegen wieder zu echten Cashcows geworden?

Birol: Genau, und man lässt in Ermangelung richtiger Preissignale Alternativen links liegen.

STANDARD: Sie fordern auch verstärkte Anstrengungen in Sachen Energieeffizienz. Ist Energie nicht schlicht zu billig? Andernfalls würde wohl aus Eigeninteresse die effizienteste Technologie eingesetzt?

Birol: Die Leute sind ja interessiert an Energieeffizienz. In China beispielsweise sind die Emissionen 2012 so wenig gestiegen wie noch nie in den letzten Jahrzehnten. Die Energieeffizienz hat sich um 3,8 Prozent erhöht, weil die chinesische Regierung Standards definiert und Ziele vorgegeben hat. In den USA wiederum sind die Emissionen im Vorjahr auf Werte wie in den 1990er-Jahren zurückgegangen, also beträchtlich.

STANDARD: Schiefergas?

Birol: … ist an die Stelle der Kohle getreten.

STANDARD: Die USA setzen auf billige Energie, um ihre Industrie nach vorne zu bringen, die Europäer auf erneuerbare. Was ist besser?

Birol: Energie sollte billig und nachhaltig sein. Auch die Gaspreise in den USA steigen wieder. Lagen sie vor einem Jahr noch bei 2,8 Dollar je Maßeinheit, sind es jetzt 4,2 Dollar. Bei Gaspreisen von fünf Dollar wird Kohle wieder zurückkehren. Außer die Regierung rafft sich zu einem entsprechenden Bann auf. Man arbeitet daran.

STANDARD: US-Gas ist immer noch deutlich günstiger als in Europa?

Birol: Definitiv. Nicht nur Gas, auch Strom. Das bereitet Europa ja auch Probleme, vor allem der energieintensiven Industrie.

STANDARD: Sind Sie noch überzeugt, dass das Zwei-Grad-Ziel und damit halbwegs erträgliche Umweltbedingungen zu schaffen ist?

Birol: Überzeugt nicht, aber ich sehe noch eine Chance. Deshalb schlagen wir ja auch Maßnahmen wie mehr Energieeffizienz vor.

STANDARD: Sollte man nicht dazu übergehen, die absehbaren Folgen der Klimaerwärmung abzumildern?

Birol: Ja, man soll sich mit Anpassungsmaßnahmen beschäftigen. Die Chancen, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, werden immer geringer.

STANDARD: Was machen Sie selbst, um nachhaltig zu leben?

Birol: Verschiedenes. Ich hatte zum Beispiel selbst nie ein Auto, ich fahre mit Öffis. Das ist mein persönlicher kleiner Beitrag. (DER STANDARD, 11.6.2013)

Fatih Birol, 1958 in Ankara geboren, ist Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris. “Forbes” zählt ihn zu den zehn wichtigsten Denkern der Energieszene. Vor seinem Eintritt in die IEA war Birol sechs Jahre bei der Opec in Wien beschäftigt.

http://derstandard.at/1369363246912/Tun-wir-nichts-bekommen-wir-alle-ein-Problem

http://www.avaaz.org/de/g8_tax_havens_p/?bAPSsab&v=25579

In wenigen Tagen beraten unsere Regierungen, ob sie ein riesiges Steuerschlupfloch für Unternehmen schließen, das jährlich 1 Billion Euro verschlingt – genug Geld, um Armut zu beseitigen, jedem Kind einen Schulplatz zu bieten und umweltfreundliche Investitionen zu verdoppeln! Letzte Woche haben wir über 44.000 Nachrichten an Frau Merkel gesendet und gerade haben wir erfahren, dass sie vielleicht dabei ist – doch genau wie US-Präsident Obama zögert sie bislang. Um ein starkes Abkommen sicherzustellen, müssen wir jetzt kräftig auf ihre Unterstützung drängen.

1 Billion Euro sind mehr als die Militärausgaben auf der ganzen Welt zusammengerechnet. Die Summe ist größer als die Staatshaushalte von 176 Nationen. Ganze 1000€ für jede Familie auf der Welt. Und dies ist sage und schreibe die Summe, die unsere größten Unternehmen und die reichsten Menschen der Welt jedes Jahr an Steuern vermeiden.

Es liegt ja eigentlich auf der Hand: In Anbetracht der schmerzhaften Sparmaßnahmen und der Staatsverschuldung, können wir die öffentlichen Finanzen ankurbeln, indem wir dafür sorgen, dass jeder seinen gerechten Steueranteil zahlt. Doch große Firmen betreiben hartnäckige Lobbyarbeit, um ihre zwielichtigen Methoden zu verteidigen. Präsident Obama und Kanzlerin Merkel könnten sich in dieser kritischen Angelegenheit immer noch auf die Seite der Korrupten stellen – doch mit einer gewaltigen öffentlichen Kampagne können wir sie auf unsere Seite holen. Lassen Sie uns eine Million Stimmen sammeln und Avaaz wird unseren Aufruf dann während der Verhandlungen an Politiker und die Medien überreichen.

http://www.avaaz.org/de/g8_tax_havens_p/?bAPSsab&v=25579

Apple, eines der reichsten Unternehmen der Welt, hat auf seinen Profit von 78 Milliarden Dollar aus den letzten Jahren im Grunde 0$ an Steuern gezahlt. Das Unternehmen hat dafür Briefkastenunternehmen in Niedrigsteuerländern eingerichtet und Profite ins Ausland geschickt. Diese Art der globalenSteuervermeidung bietet multinationalen Unternehmen einen riesigen Vorteil gegenüber kleineren, nationalen Firmen. Sie schadet unseren Marktwirtschaften genauso sehr wie unserer Demokratie und der wirtschaftlichen Stabilität.

Doch in wenigen Tagen besprechen Regierungen einen Plan, der es Unternehmen und Einzelpersonen erschweren würde, Steuern zu vermeiden indem sie ihr Geld im Ausland und in Steueroasen verstecken.Unter dem Plan würden Staaten zum Informationsaustausch gezwungen werden, um offenzulegen, wo das Geld versteckt ist. Außerdem müssten “fiktive” Unternehmen angeben, wer hinter ihnen steht. Wenn die Gespräche diese Woche gut laufen, könnten die G8 sich diesen Monat auf die ganze Sache einigen.

In harten Zeiten, in denen Regierungen überall wichtige soziale Ausgaben kürzen, ist es besonders bitter, dass die Reichsten nicht ihren fairen Anteil zahlen müssen. Besonders wenn die harten Zeiten verursacht wurden, weil Regierungen mit massiven Auszahlungen Banken gerettet haben, die genau diesen Personen gehören. Regierungen nehmen die Schließung dieser Finanzlücken endlich ernst. Doch die USA und auch Deutschland stehen unter dem Einfluss mächtiger Firmenlobbies.

Eine große öffentliche Petition, die viel Presse erhält, wird dazu beitragen, die Länder anzuprangern, die das Abkommen blockieren könnten, und dies zu einem politischen Thema machen, mit dem sich Obama und Merkel befassen müssen. Wenn Weltbürger einen starken Aufruf starten, um unseren Planeten zu schützen anstatt korrupte Schlupflöcher zu erhalten, werden sie Entscheidungsträgern helfen, vernünftig und nach bestem Gewissen zu handeln. Wir können nicht zulassen, dass Lobbyisten unbemerkt gewinnen. Lenken wir die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Entscheidung, die für unseren Planeten gewaltige Auswirkungen haben wird:

http://www.avaaz.org/de/g8_tax_havens_p/?bAPSsab&v=25579

 

Britische Ex-Politiker helfen bei Steuertricks

SEBASTIAN BORGER, 2. Juni 2013, 17:30
  • Demonstranten in London machen gegen die von Großkonzernen wie Starbucks praktizierte Steuervermeidung mobil. Auch die Politik hat sich längst dem Kampf gegen Steuerschlupflöcher angenommen.
    foto: reuters/mac gregor luke

    Demonstranten in London machen gegen die von Großkonzernen wie Starbucks praktizierte Steuervermeidung mobil. Auch die Politik hat sich längst dem Kampf gegen Steuerschlupflöcher angenommen.

16 frühere britische Minister oder Spitzenbeamte heuerten in den vergangenen Jahren bei einer der großen Steuerberaterfirmen an

London – Im Streit um die Besteuerung globaler Firmen gerät in Großbritannien das allzu enge Verhältnis zwischen Politik, Finanzamt und großen Rechnungsprüfungsunternehmen ins Gerede. Der frühere Leiter der britischen Steuerbehörde HMRC, David Hartnett, hat jetzt beim Buchprüfer Deloitte angeheuert und damit einen Trend bestätigt: In den vergangenen zehn Jahren verdingten sich 16 frühere Minister und hohe Beamte bei einer der großen Steuerberaterfirmen wie KPMG und PwC. Die Firmen betätigten sich zudem als Großspender der drei wichtigsten Parteien im Unterhaus. Der Fall Hartnett sei “schockierend” und hinterlasse “einen bitteren Geschmack”, empört sich die Labour-Abgeordnete Margaret Hodge, die den Buchprüfungsausschuss im Unterhaus leitet.

Legal, aber illegitim

Wie in Amerika und Kontinentaleuropa sind auch auf der Insel die Steuervermeidungspraktiken bekannter Konzerne wie Google, Apple oder Starbucks ins Zwielicht geraten. “Unternehmen wie Google haben die Pflicht, mehr zu tun als nur gerade eben das Recht einzuhalten”, glaubt Labour-Oppositionsführer Edward Miliband.

Unterstützt werden die Konzerne bei ihrem Drahtseilakt zwischen Steuerbetrug und gerade noch legalen Buchführungstricks häufig von einem der vier weltweit tätigen Buchprüfer. PwC sowie Ernst&Young haben ihre Hauptquartiere auf der Insel, Deloitte ist in den USA ansässig, KPMG in den Niederlanden.

Big four

Die Niederlassungen dieser “vier Großen” waren in den vergangenen Jahren häufig Anlaufstelle für frühere Regierungsinsider auf Jobsuche. Zwei frühere Labour-Innenminister verdingten sich bei KPMG, wohin auch der Leiter von Premierminister David Camerons Grundsatzabteilung zurückkehrte. Ein früherer Berater des liberalen Vizepremiers Nick Clegg arbeitet jetzt für PwC.

Der Austausch zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Sektor sei für alle Beteiligten vorteilhaft und fruchtbar, argumentieren Befürworter dieses sogenannten Drehtürverfahrens. Sie verweisen zudem auf Einschränkungen, die den Betroffenen vom zuständigen Regierungsausschuss auferlegt werden können. So erhielt Hartnett die Genehmigung für den Deloitte-Job nur unter zwei Auflagen: Der 62-Jährige darf ein Jahr lang nicht direkt bei der Regierung lobbyieren und den Steuerbehörden anderer Staaten gegenüber keine Geheimnisse britischer Politik verraten.

Kritikern geht dies nicht weit genug. Hodge spricht von Arroganz und einem Mangel an Verständnis für mögliche Interessenkonflikte: “Es muss doch bessere Möglichkeiten geben, wie man ehrlich sein Geld verdient.”

Fragliche Google-Praktiken

Hodge und ihr Ausschuss prangern das enge Interessengeflecht schon seit Jahren an. Zuletzt kritisierten sie Google für dessen Steuervermeidung. Lukrative Milliardendeals mit britischen Firmen wurden nominell im Niedrigsteuerland Irland verbucht; die britische Unternehmenssteuer lag deshalb 2011 bei lächerlichen 3,96 Millionen Euro. Das sei “unredlich und unethisch”, finden die Parlamentarier.

Ähnlich stellte sich der Fall der Investmentbank Goldman Sachs dar. Lohnnebenkosten-Zahlungen wurden zwar nach langem Hin und Her beglichen, die damals noch von Hartnett geleitete HMRC machte aber keine Zinszahlungen geltend, wie bei jedem säumigen Steuerzahler üblich. ” Unserem Eindruck nach werden große Unternehmen von der Behörde besser behandelt als andere Steuerzahler”, meint Hodge. HMRC habe “übermäßig engen Kontakt” mit großen Unternehmen gepflegt und dadurch Rechtsbewusstsein und Steuergerechtigkeit gefährdet. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 3.6.2013)

http://derstandard.at/1369362363649/Britische-Ex-Politiker-helfen-bei-der-Steuervermeidung

 

Gauck (hier weitgehend von der Öffentlichkeit unbeachtet): “Noch immer leiden fast eine Milliarde Menschen weltweit unter Hunger und Mangelernährung. Jeden Tag sterben 6.000 Kinder an Hunger.”

http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2012/10/121014-Welthungerhilfe.html

Schloss Bellevue, 14. Oktober 2012

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

wenn Sie die Nachrichten sehen, wird Ihnen oft von Krisen berichtet: Finanzkrisen, Energiekrisen, immer wieder auch von humanitären Krisen. Ganz selten hören Sie von den Krisen, die nicht in Katastrophen enden.

So zum Beispiel in Westafrika: In diesem Jahr sind in der Sahelzone fast 20 Millionen Menschen von einer schweren Hungersnot bedroht. Bisher ist die befürchtete große Katastrophe nicht eingetreten, weil rechtzeitig gehandelt wurde. Das ist ein Erfolg – aber keiner, der uns ruhen lassen darf. Noch immer leiden fast eine Milliarde Menschen weltweit unter Hunger und Mangelernährung. Jeden Tag sterben 6.000 Kinder an Hunger.

Die Welthungerhilfe arbeitet seit 50 Jahren mit vielen anderen daran, dass alle Menschen auf unserer Erde genug zu essen haben. Sie tut dies nicht nur durch Hilfe in akuten Notlagen, sondern auch indem sie die Ursachen von Hunger und Armut bekämpft.

Wir können mit unserem Einsatz keine perfekte Welt schaffen – aber für eine bessere Welt arbeiten, das können wir sehr wohl. Ich bitte Sie: Unterstützen Sie die Welthungerhilfe.

Weitere Informationen:

Die Ansprache des Bundespräsidenten wurde am Sonntag, 14.10.2012 um 18.55 Uhr im ZDF sowie um 19.56 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Seit Gründung der Welthungerhilfe 1962 ist der jeweils amtierende Bundespräsident Schirmherr der Organisation. Bundespräsident Gustav Heinemann hatte 1971 die erste Fernsehansprache zur „Woche der Welthungerhilfe“ gehalten.

Wir brauchen eine neue Weltwirtschaft, weil in der jetzigen Weltwirtschaft nur eine Milliarde im Wohlstand lebt und fünf Milliarden in Armut! Hunderte Millionen von Menschen sind nach 1945 bereits verhungert. Nur noch ein Prozent des Geldes dient dem Handel, 99 Prozent der Spekulation. Wo bleibt da die Bedarsdeckung, die der Zweck der Wirtschaft sein muss.

Peters Schrift über die Äquivalenz-Ökonomie zum Download: http://www.puk.de/about-warp-en/downloads-en/downloads-deutsch/viewdownload/2-downloads_de/3-das-aequivalenz-prinzip-als-grundlage-der-global-oekonomie.html?lang=de

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Arno Peters

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Arno Peters (* 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein deutscher Historiker und Kartograph.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Peters studierte nach dem Abitur Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften in Berlin.

Er erstellte die Synchronoptische Weltgeschichte, die die europäische Geschichte gleichrangig neben die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerikas stellt.

Gleichfalls strebte Peters in seinen geografischen Arbeiten die Überwindung des nach seiner Ansicht europazentrischen Weltbildes an. 1973 legte er eine Kartenprojektion der Erde vor (Peters-Projektion), die die Basis des 1989 erschienenen Peters-Atlas darstellte. Die darin enthaltenen Karten stellen alle Länder und Regionen der Erde im gleichen Maßstab und flächentreu dar.

Weiterhin beschäftigte sich Peters mit dem Konzept der Äquivalenzökonomie als Wirtschaftssystem, welche er als Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ansah. Der Handel über freie Preisbildung mittels des Marktmechanismus im Kapitalismus soll dem Äquivalenzprinzip entsprechend einem Austausch äquivalenter Werte weichen. Grundlage dieser Werte bildet die in den Produkten materialisierte Arbeitszeit (siehe dazu auch bei Relativlohn). Damit diese Produktionsweise den menschlichen Bedürfnissen entsprechend funktionieren kann, ist weiterhin eine globale Planung der Wirtschaft notwendig, welche inzwischen durch den Einsatz modernster Datenverarbeitungstechnologie realistisch durchführbar sei. Er schuf in diesem Zusammenhang das Modell der Peters-Rose.

Politisch bekannte sich Peters zur Linken und er wurde deshalb auch wiederholt angegriffen. 1994 wurde er mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet. Er wurde mit dem Doktor- und dem Professorentitel ehrenhalber wegen seiner bedeutenden und kritischen wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.

Publikationsauswahl

  • Peters-Weltatlas. Akademische Verlagsanstalt 1990. Vollst. überarb., aktual. Neuausgabe. Ullmann, Potsdam 2010. ISBN 978-3-8331-5559-8
  • Peters Synchronoptische Weltgeschichte, Zeitatlas mit Indexband. 1970, Ersterscheinen 1952, viele weitere Ausgaben bis 2000. ISBN 3-86150-370-0.
    • Digitale Ausgabe als: “Der Digitale Peters”. Aktualisiert von Andreas Kaiser. In einer elektronischen Ausgabe von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann. Büro W. GmbH. Zweitausendeins, Frankfurt 2000. Ausgabe 2012 für PC: XP, Vista, Win 7. Mac: Intel-Prozessor, ab OS 10.5. Mindestbildschirmauflösung: 1280×1024. 1 DVD-ROM. ISBN 978-3-86150-833-5
  • Arno Peters, Konrad Zuse: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus : Gespräche mit Konrad Zuse. Verlag Neues Leben 2000. ISBN 3-35501-510-5

Literatur

  • Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor. Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1996, ISBN 3-905-01907-8.
  • David Kuchenbuch: Arno Peters, die Peterskarte und die Synchronoptische Weltgeschichte. Mediale Repräsentationen der „Einen Welt“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011) no. 10. S. 824-846.
  • Stefan Müller: Equal Representation of Time and Space: Arno Peters’ Universal History. In: History Compass, vol. 8 (2010) no. 7. S. 718-229 (http://dx.doi.org/10.1111/j.1478-0542.2010.00693.x).
  • Stefan Müller: Gerechte Weltkarte. Die Kontroverse um die Peters-Projektion in historiographischer Perspektive, in: Kurt Brunner, Thomas Horst (Hrsg.): 15. Kartographiehistorisches Colloquium. München, 2.-4. September 2010. Vorträge, Berichte, Poster, Bonn: Kirschbaum 2012. S. 189-208.

Weblinks

19.11.1952

Arno Peters

Arno Peters (* 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein deutscherHistoriker und Kartograph.

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Biografie [Bearbeiten]

Peters studierte nach dem Abitur Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften in Berlin.

Er erstellte die Synchronoptische Weltgeschichte, die die europäische Geschichte gleichrangig neben die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerikas stellt.

Gleichfalls strebte Peters in seinen geografischen Arbeiten die Überwindung des nach seiner Ansicht europazentrischen Weltbildes an. 1973 legte er eine Kartenprojektion der Erde vor (Peters-Projektion), die die Basis des 1989 erschienenen Peters-Atlas darstellte. Die darin enthaltenen Karten stellen alle Länder und Regionen der Erde im gleichen Maßstab und flächentreu dar.

Weiterhin beschäftigte sich Peters mit dem Konzept der Äquivalenzökonomie als Wirtschaftssystem, welche er als Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ansah. Der Handel über freie Preisbildung mittels des Marktmechanismus im Kapitalismus soll dem Äquivalenzprinzip entsprechend einem Austausch äquivalenter Werte weichen. Grundlage dieser Werte bildet die in den Produkten materialisierte Arbeitszeit (siehe dazu auch bei Relativlohn). Damit diese Produktionsweise den menschlichen Bedürfnissen entsprechend funktionieren kann, ist weiterhin eine globale Planung der Wirtschaft notwendig, welche inzwischen durch den Einsatz modernster Datenverarbeitungstechnologie realistisch durchführbar sei. Er schuf in diesem Zusammenhang das Modell der Peters-Rose.

Politisch bekannte sich Peters zur Linken und er wurde deshalb auch wiederholt angegriffen. 1994 wurde er mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet. Er wurde mit dem Doktor- und dem Professorentitel ehrenhalber wegen seiner bedeutenden und kritischen wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.

Publikationsauswahl [Bearbeiten]

  • Peters-Weltatlas. Akademische Verlagsanstalt 1990. Vollst. überarb., aktual. Neuausgabe. Ullmann, Potsdam 2010. ISBN 978-3-8331-5559-8
  • Peters Synchronoptische Weltgeschichte, Zeitatlas mit Indexband. 1970, Ersterscheinen 1952, viele weitere Ausgaben bis 2000. ISBN 3-86150-370-0.
    • Digitale Ausgabe als: “Der Digitale Peters”. Aktualisiert von Andreas Kaiser. In einer elektronischen Ausgabe von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann. Büro W. GmbH. Zweitausendeins, Frankfurt 2000. Ausgabe 2012 für PC: XP, Vista, Win 7. Mac: Intel-Prozessor, ab OS 10.5. Mindestbildschirmauflösung: 1280×1024. 1 DVD-ROM. ISBN 978-3-86150-833-5
  • Arno Peters, Konrad Zuse: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus : Gespräche mit Konrad Zuse. Verlag Neues Leben 2000. ISBN 3-35501-510-5

Literatur [Bearbeiten]

  • Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor. Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1996, ISBN 3-905-01907-8.
  • David Kuchenbuch: Arno Peters, die Peterskarte und die Synchronoptische Weltgeschichte. Mediale Repräsentationen der „Einen Welt“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011) no. 10. S. 824-846.
  • Stefan Müller: Equal Representation of Time and Space: Arno Peters’ Universal History. In: History Compass, vol. 8 (2010) no. 7. S. 718-229 (http://dx.doi.org/10.1111/j.1478-0542.2010.00693.x).
  • Stefan Müller: Gerechte Weltkarte. Die Kontroverse um die Peters-Projektion in historiographischer Perspektive, in: Kurt Brunner, Thomas Horst (Hrsg.): 15. Kartographiehistorisches Colloquium. München, 2.-4. September 2010. Vorträge, Berichte, Poster, Bonn: Kirschbaum 2012. S. 189-208.

Weblinks [Bearbeiten]

Arno Peters

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Arno Peters (* 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein deutscher Historiker und Kartograph.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Peters studierte nach dem Abitur Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften in Berlin.

Er erstellte die Synchronoptische Weltgeschichte, die die europäische Geschichte gleichrangig neben die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerikas stellt.

Gleichfalls strebte Peters in seinen geografischen Arbeiten die Überwindung des nach seiner Ansicht europazentrischen Weltbildes an. 1973 legte er eine Kartenprojektion der Erde vor (Peters-Projektion), die die Basis des 1989 erschienenen Peters-Atlas darstellte. Die darin enthaltenen Karten stellen alle Länder und Regionen der Erde im gleichen Maßstab und flächentreu dar.

Weiterhin beschäftigte sich Peters mit dem Konzept der Äquivalenzökonomie als Wirtschaftssystem, welche er als Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ansah. Der Handel über freie Preisbildung mittels des Marktmechanismus im Kapitalismus soll dem Äquivalenzprinzip entsprechend einem Austausch äquivalenter Werte weichen. Grundlage dieser Werte bildet die in den Produkten materialisierte Arbeitszeit (siehe dazu auch bei Relativlohn). Damit diese Produktionsweise den menschlichen Bedürfnissen entsprechend funktionieren kann, ist weiterhin eine globale Planung der Wirtschaft notwendig, welche inzwischen durch den Einsatz modernster Datenverarbeitungstechnologie realistisch durchführbar sei. Er schuf in diesem Zusammenhang das Modell der Peters-Rose.

Politisch bekannte sich Peters zur Linken und er wurde deshalb auch wiederholt angegriffen. 1994 wurde er mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet. Er wurde mit dem Doktor- und dem Professorentitel ehrenhalber wegen seiner bedeutenden und kritischen wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.

Publikationsauswahl

  • Peters-Weltatlas. Akademische Verlagsanstalt 1990. Vollst. überarb., aktual. Neuausgabe. Ullmann, Potsdam 2010. ISBN 978-3-8331-5559-8
  • Peters Synchronoptische Weltgeschichte, Zeitatlas mit Indexband. 1970, Ersterscheinen 1952, viele weitere Ausgaben bis 2000. ISBN 3-86150-370-0.
    • Digitale Ausgabe als: “Der Digitale Peters”. Aktualisiert von Andreas Kaiser. In einer elektronischen Ausgabe von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann. Büro W. GmbH. Zweitausendeins, Frankfurt 2000. Ausgabe 2012 für PC: XP, Vista, Win 7. Mac: Intel-Prozessor, ab OS 10.5. Mindestbildschirmauflösung: 1280×1024. 1 DVD-ROM. ISBN 978-3-86150-833-5
  • Arno Peters, Konrad Zuse: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus : Gespräche mit Konrad Zuse. Verlag Neues Leben 2000. ISBN 3-35501-510-5

Literatur

  • Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor. Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1996, ISBN 3-905-01907-8.
  • David Kuchenbuch: Arno Peters, die Peterskarte und die Synchronoptische Weltgeschichte. Mediale Repräsentationen der „Einen Welt“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011) no. 10. S. 824-846.
  • Stefan Müller: Equal Representation of Time and Space: Arno Peters’ Universal History. In: History Compass, vol. 8 (2010) no. 7. S. 718-229 (http://dx.doi.org/10.1111/j.1478-0542.2010.00693.x).
  • Stefan Müller: Gerechte Weltkarte. Die Kontroverse um die Peters-Projektion in historiographischer Perspektive, in: Kurt Brunner, Thomas Horst (Hrsg.): 15. Kartographiehistorisches Colloquium. München, 2.-4. September 2010. Vorträge, Berichte, Poster, Bonn: Kirschbaum 2012. S. 189-208.

Weblinks

WELTGESCHICHTE

Aus sozialistischer Sicht

Am Mittwoch vergangener Woche nahm der Skandal um die “Synchronoptische Weltgeschichte” des Ehepaares Arno und Anneliese Peters eine neue Wendung: Das niedersächsische Kultusministerium verkündete, es werde den “Fall Peters” vor ein ordentliches Gericht bringen. Das Ministerium will 5000 Exemplare des neuen Geschichtswerkes wieder zurückgeben und den Universum-Verlag in Frankfurt am Main auf Rückerstattung von 50 000 Mark verklagen, die Niedersachsen für die Herausgabe des Buches aus Stiftungen zur Verfügung gestellt hatte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte”, um die sich in den zwei letzten Wochen der größte Geschichtsbuch-Skandal seit Kriegsende entwickelt hat, erschien auf den ersten Blick als ein hervorragendes Unterrichtswerk: Auf achtfarbigen Tabellen bot sie einen fließbandartigen Überblick über die gleichzeitig abgelaufenen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, unterteilt in sechs Sparten – Wirtschaft, Geistesleben, Religion, Politik, Kriege, Revolutionen.

Das bunte Tafelwerk reicht von 1000 vor Christus (Das Heer des Königs David von Juda besiegt die Philister) bis 1952 nach Christus (Leninkanal zwischen Wolga und Don verbindet fünf Meere) und wurde auf der Frankfurter Buch-Messe als “Schlager” gefeiert.

Erst bei näherem Studium erwies sich, daß Rot die eigentliche Grundfarbe der bunten Tabellen ist. Typische Zitate:

* Judas Ischariot “versuchte vergeblich, Christus zur revolutionären Tat zu veranlassen”;

* Paulus “entkleidete die Lehren Christi ihres sozialrevolutionären Charakters”;

* Epiphanes “schuf die Lehre eines christlich-begründeten Kommunismus”;

* Friedrich II. von Hohenstaufen “übernahm die Folterung, Verstümmelung und Verbrennung der Kirchengegner”;

* Iwan der Schreckliche “führte den Buchdruck in Rußland ein”;

* Manko Kapak, König der Inkas, “baute seinen Staat nach kommunistischen Grundsätzen auf”;

* Spanischer Bürgerkrieg: “Faschisten unter Franco beseitigten mit Hilfe Deutschlands und Italiens die von Demokraten (vor allem Kommunisten) aus aller Welt unterstützte republikanische Ordnung.”

* Stalin ist “ein sowjetischer Staatsmann aus Gori”, der die erste sozialistische Verfassung schuf, die Rote Armee als Volksheer ausbaute und “als anerkannter Führer der Sache des Weltkommunismus den Lehren von Marx-Engels-Lenin ihre für die Gegenwart gültige Ausprägung gab.”

Kein Wort von sowjetischen Hungerrevolten, Schauprozessen oder Schweigelagern.

Mit roten Gesichtern standen da:

* führende Historiker, Soziologen und Publizisten der Bundesrepublik, die das Werk im voraus hymnisch gelobt hatten;

* die amerikanische Hohe Kommission und die Kultusorgane westdeutscher Länder und Städte, die das Geld zur Drucklegung gegeben hatten.

Der Skandal brodelte.

Am Donnerstag wollen die Kultusminister und -Senatoren von Niedersachsen, Hessen, Bremen, Hamburg und Berlin beraten, was nun mit der “Synchronoptischen Weltgeschichte” werden soll. Trotz der frühzeitigen niedersächsischen Entscheidung, das Werk zurückzugeben und auf Rückerstattung der Gelder zu klagen, hoffen Arno und Anneliese Peters unverdrossen, daß die Kultus-Konferenz das in 13 Jahren zusammengebastelte Geschichtswerk doch nicht auf den Index für die bundesdeutschen Schulen setzen wird.

Der Optimismus des Ehepaares Peters stützt sich unter anderem auf den beispielhaften Anschauungswandel, den der Dr. H. Heckel in puncto “Synchronoptische Weltgeschichte” durchgemacht hat. Dr. H. Heckel, Professor an der Frankfurter Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung, war bis zum 1. Oktober Ministerialrat im niedersächsischen Kultusministerium.

In dieser Eigenschaft ließ er auf Weisung des SPD-Kultusministers Richard Voigt Ende September den ersten Warnruf an

die Besteller des welthistorischen Tafelwerkes ertönen, nachdem ein Dr. Alfons Nobel in den Dortmunder “Ruhr-Nachrichten” auf die rote Tönung der “Synchronoptischen Weltgeschichte” hingewiesen hatte.

Da Minister Voigts Unterschrift unter einer 5000-Stück-Festbestellung des niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1949 prangte, waren die Herren so aus dem Konzept gebracht, daß Heckel die Warnung ohne nähere Prüfung des Buches herausgehen ließ.

So jedenfalls erklärte der inzwischen auf der Frankfurter Hochschule tätige Dr. Heckel dem in Hessen verantwortlichen Erziehungsmann, Ministerialdirektor Willy Wieweg, die Angelegenheit in einem Schreiben vom 3. Oktober: “… In Hannover war plötzlich an Hand einer Kritik von katholischer Seite eine Panik-Situation entstanden. Niemand sah sich die Sache richtig an, ich selbst kam in den letzten Tagen auch nicht dazu…”

Erst als Synchronoptiker Dr. Peters von dem Warnruf Heckels hörte und den Professor in Frankfurt zur Rede stellte, bekannte der, das Buch nur flüchtig durchgeblättert zu haben. Und erst dann nahm er sich die Mühe, es zu studieren.

Das Ergebnis dieses Studiums schlug sich in einem Brief nieder, den Professor Heckel ebenfalls am 3. Oktober an die rechte Hand seines alten Kultusministers, an den Regierungsdirektor Karl Turn im Hannoverschen Kultusministerium, richtete.

In diesem Brief heißt es … “Gestern habe ich mir die ”Synchronoptische Weltgeschichte” einmal etwas gründlicher angesehen, und ich muß Ihnen gestehen, daß

ich bedauere, in den letzten Tagen in Hannover nicht dazu gekommen zu sein. Denn nach meinen Feststellungen fallen die Vorwürfe, die gegen das Buch erhoben werden, doch eigentlich in sich selbst zusammen. Gewiß, es bleiben einige ungeschickte und unglückliche Formulierungen, man kann über Auswahl und Darstellungsart sicherlich oft streiten. Aber die Behauptung, das Werk sei aus kommunistischem Geist geschrieben und vom Osten her beeinflußt, hält meiner Überzeugung einer gründlichen Durchsicht nicht stand.”

Weiter: “Das Werk ist sicherlich aus einer sozialistischen Sicht heraus gestaltet, aber dagegen sollte man doch in Hannover nichts einzuwenden haben. Es ist stark bemüht, die östliche Welt gleichberechtigt zum Ausdruck zu bringen…, daß dabei auch einmal ein kleiner Spritzer auf Amerika fällt, schadet doch wirklich nichts…”

Weiter: “Ich möchte also meine persönliche Auffassung jetzt nach eingehendem Studium des Werkes dahin zusammenfassen, daß man es unbedenklich den Schulen, Hochschulen und Büchereien ausliefert, vielleicht in Begleitschreiben jedoch zum Ausdruck bringt, daß das Buch nur für den reiferen und verständigeren Leser seiner ganzen Anlage und Bedeutung nach geeignet ist, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit großen Umfanges und großer Bedeutung handelt, die natürlicherweise mit einigen Mängeln behaftet ist, daß eine solche Auswahl und Sicht der Dinge immer subjektiv bleibt, daß aber im ganzen gesehen sich der Kultusminister vorbehaltlos dahinterstellt und hier den empfangenden Stellen ein Arbeitsmittel ersten Ranges zur Verfügung stellt.”

Arno Peters klammert sich nun an die Hoffnung, daß sich die übrigen Erziehungsleute ebenfalls nur aus zweiter Hand informierten und bei ruhigem eigenem Studium sich der in fünf Nebensätzen verklausulierten 180-Grad-Wendung des Professors Heckel anschließen werden.

Was aber auch immer am Donnerstag entschieden wird: die Vertreter von Niedersachsen und Hessen, von Bremen, Hamburg und Berlin werden an einer klaren und weit über den “Fall Peters” hinausgehenden Stellungnahme nicht vorbeikommen. Sie werden die Frage beantworten müssen, ob eine aus “sozialistischer Sicht” gestaltete Weltgeschichte, die bis zum Jahre 1952 reicht, zwangsläufig das enthalten muß, was jetzt dem Doktor Peters als “kommunistische Tendenz” vorgeworfen wird.

Den Vorwurf der “intellektuellen Unredlichkeit” jedenfalls glaubt der Synchronoptiker” widerlegen zu können. Er ist sicher, den gerichtlichen Wahrheitsbeweis dafür führen zu können, daß er in seinen Verhandlungen mit den Kultusministerien stets zweierlei klar zu erkennen gegeben habe:

* er sei erklärter Sozialist;

* er wolle ein Geschichtswerk schaffen, das in West- und Ostdeutschland akzeptiert werden könne.

“Nur ein Idiot konnte da glauben, daß Stalin in einem solchen Werk als ”größter Verbrecher aller Zeiten” erscheinen werde”, argumentiert Peters heute. Damals schon habe er einem Gremium von hessischen Schulleuten und Historikern eine ähnliche Erklärung gegeben wie jetzt dem NZ-Herausgeber Hans Wallenberg:

“… Außerdem wollten wir mit unserem Werk die sich schon damals andeutende und inzwischen immer weiter aufreißende Kluft im geschichtlichen Denken Deutschlands schließen. Wir wollten ein Werk schaffen, das gleichermaßen im Osten wie im Westen Deutschlands benutzt werden kann, weil es einerseits die für jedes Weltbild erheblichen Tatsachen vermittelt

und andererseits durch Vermittlung auch jener Tatsachen, die im Gegensatz zum eigenen Weltbild stehen, zur Duldsamkeit erzieht. Die Kultusminister haben diesen Plan gekannt und begrüßt oder zumindest gebilligt. Auch die Erziehungsabteilung von HICOG wußte von dieser unserer Absicht …”

Diese Behauptungen müssen erst einmal widerlegt werden, bevor man das Doktoren-Ehepaar der “Erschleichung” von Subventionen zeihen kann, wie es das bayrische Kultusministerium tat.

Wenn man in dem Versuch zur Schaffung eines west-östlichen Geschichtsbuch-Diwans schon 1949 die Utopie eines Mannes gesehen hätte, der sich selber als “idealistischen Sozialisten” bezeichnet (“ich weiß, daß dies schon ein Paradoxon ist, da der Sozialismus aus dem Materialismus kommt”), wäre die jetzige Ablehnung gerechtfertigt. Aber damals wurden von keiner Seite Bedenken vorgebracht.

Im Gegenteil: der 36jährige Peters baute sich unter Vorlage eines handgeschriebenen Manuskripts (in dem allerdings die letzten 50 Jahre fehlten) eine Gutachten-Galerie zusammen, in der weder der Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Meinecke, noch der Heidelberger Soziologe Alfred Weber, noch der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, noch der bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Thomas Mann fehlte, der dem Buch “von Herzen” wünschte, daß es “sein hohes völkerversöhnendes Ziel erreichen möge”.

Der Münchner Historiker Schnabel, der sich heute als erster von der “Synchronoptischen Weltgeschichte” distanzierte, borgte sich das Hand-Manuskript sogar über eine Nacht aus und brachte es am nächsten Morgen dem Peters in das Hotel zurück.

Peters: “Mir gegenüber hat er damals behauptet, er habe darin die halbe Nacht studiert. Trotzdem erhielt ich von ihm ein Gutachten, in dem es wörtlich heißt: … ”den wesentlichen Fortschritt darf man aber darin erblicken daß sowohl die einseitig politische als auch die einseitig nationale Geschichtsdarstellung in der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” überwunden wurde”. Die Tendenz aber, die mir heute auch von Schnabel so übelgenommen wird, war in

dem 2900 Jahre umfassenden Manuskript genau dieselbe wie in dem jetzt vorliegenden Buch.”

Aber Hessens damaliger Kultusminister Dr. Erwin Stein (CDU) gab sich mit dem professoralen Gutachten-Katalog nicht zufrieden, als Peters ihn um eine Vorfinanzierung des in Heimarbeit entstandenen Werkes anging. Kultusminister Stein veranlaßte, daß die US-Militärregierung für Hessen das Manuskript acht Tage lang in ihre Testmühle nahm.

Der Bescheid der amerikanischen Education Branch, Office of Military Government, Hesse, vom 15. Juni 1949, schwelgte im Lob: “Die ”Synchronoptische Weltgeschichte” ist einzig in ihrer Art; sie ist das ausgezeichnete Ergebnis eines langwierigen Studiums und einer sorgfältigen Vorbereitung. Die neue Art der Darstellung führt zu unabhängigem Denken und einer objektiven Haltung gegenüber der Weltgeschichte im allgemeinen. Was die Genauigkeit der Daten, die Erleichterung des Verständnisses und die Ausgestaltung des Werkes betrifft, so ist das Buch von höchstem Wert… und kann für den Gebrauch in den Schulen eindringlich empfohlen werden.

“Einwände: Keine.

“Änderungsvorschläge: Keine.”

Minister Stein verschaffte sich aber auch deutsche Rückendeckung. Er ließ Peters vor einem eilig zusammentelegraphierten Gremium von hessischen Historikern und Schulleuten referieren. Das Manuskript wurde gründlich durchgehechelt. Am Ende der Diskussion stand der einstimmige Beschluß, die Regierung möge alles tun, um die Herausgabe der “Synchronoptischen Weltgeschichte” zu ermöglichen.

Auch vor dem Hauptschulausschuß des Landes mußte Peters Rede und Antwort stehen. Ein Ausschußmitglied stellte an ihn die ganz konkrete Frage: “Herr Peters, Sie sagen, Sie seien Sozialist. Zu welcher Form von Sozialismus bekennen Sie sich?” Darauf Peters: “Ich glaube, daß es nur einen Sozialismus gibt.”

Nachdem Peters und sein Manuskript von Deutschen und Amerikanern, von Lehrern und Historikern so gründlich durchgetestet und ausgehorcht waren, ging man an die Finanzierung. Vorher allerdings reiste Peters – mit Wissen des hessischen Kultusministeriums – nach Leipzig, um am dortigen Bibliographischen Institut Material locker zu machen und die Ostveröffentlichung vorzubereiten.

Die hessische Begeisterung gegenüber dem erklärten Sozialisten nahm zwar bald etwas ab, und die bevorschußte Bestellung des Landes wurde von 12 000 auf 25000 Stück gedrosselt. Aber sonst ging es herrlich voran. Minister Voigt bestellte für Niedersachsen beim Universum-Verlag*) 5000 Exemplare zum Preise von 12 DM das Stück und schoß auch die 60 000 DM vor.

Bremen zahlte 18 000 DM, Hamburg 14 600, Berlin 12 000, Hessen war mit 30 000 DM dabei. Es handelte sich also fast ausschließlich um Länder mit SPD-Regierungen, die

sich gar nicht darüber im unklaren sein konnten, daß ihnen Peters für ihre Schulen ein sozialistisches Werk liefern würde.

Die sozialistische Geisteshaltung, die Peters nie geleugnet hat und auch gar nicht leugnen kann, mußte seine Geschichtsdarstellung

* anti-dynastisch,

* anti-kapitalistisch und

* anti-klerikal

ausfallen lassen.

Trotzdem nennt Peters seine Weltgeschichte “apolitisch und unmarxistisch”. Letzteres bescheinigte ihm dann auch das Ost-Berliner “Amt für Literatur” in lakonischer Kürze, als es die ostzonale Veröffentlichung mit der zutreffenden Begründung “abweichend vom wissenschaftlichen Sozialismus” ablehnte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte” löckt nämlich in zwei entscheidenden Punkten wider den Stachel des Marxismus-Leninismus-Stalinismus:

* sie leugnet den Primat des Ökonomischen;

* sie entwickelt ihr Geschichtsbild aus Persönlichkeiten, wogegen die Menschheitsentwicklung nach allen marxistischen Dogmen gerade mit “außermenschlicher naturwissenschaftlicher Gesetzlichkeit abrollt”.

In seiner (nur bei einem deutschen Wissenschaftler begreiflichen) Naivität kann Peters bis heute nicht verstehen, warum nicht Ost und West brüderlich sein Tafelwerk verbreiten. Er sträubt sich immer noch, einzugestehen, daß er sich mit seinem Geschichts-Diwan genau zwischen alle Stühle gebettet hat.

In der sinnlosen Spekulation, das Buch hüben und drüben gesellschaftsfähig zu machen, sind dem Doktor Peters denn auch in der Darstellung der letzten 52 Jahre

Dinge unterlaufen, die jetzt von den Kultusministern mit Recht attackiert werden können, da sie ihnen ja im Gegensatz zu den 2900 vorhergehenden Jahren nicht zur Begutachtung vorlagen.

Und bei diesen 52 Jahren kann man ihm den Vorwurf einer in Liebedienerei ausartenden Überloyalität gegenüber dem Osten nicht ersparen. So, wenn er als eins der drei wesentlichen Kulturereignisse des Jahres 1936 Muchinas Plastik “Arbeiter und Kolchosbäuerin” zitiert – neben Picassos “Guernica” und Honeggers Oratorium “Johanna auf dem Scheiterhaufen”.

Als die amerikanische “Neue Zeitung” nach dem großen Erwachen eine voreilige Lobeshymne ihres Feuilleton-Chefs Bruno E. Werner*) auf die “Synchronoptische Weltgeschichte” in einer Art Selbstkritik widerrief, hätte sie sich besser den Schlußsatz verkniffen. Der lautete: “Aufklärung verlangt die Frage, wie es zu der ersten Auflage von 50 000 Exemplaren gekommen ist, und wer zu ihrer Finanzierung beigetragen hat.”

Die Antwort darauf wollte Dr. Peters den Lesern der NZ in einer schriftlichen Erwiderung geben, aber Chefredakteur Hans Wallenberg ließ den von ihm Angegriffenen nicht zu Worte kommen. Sonst hätten die NZ-Leser folgendes gelesen:

“Die Finanzierung der Herausgabe unseres Werkes wurde allein aus Mitteln bestritten, die uns als Vorauszahlungen für bestellte Exemplare der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” von öffentlicher Seite zugeflossen sind. Wir haben von 1949 bis heute von den nachfolgend genannten Stellen eine Gesamtsumme von 183 660 DM in bar sowie Papier und Bindematerial im Werte von 146 967 DM erhalten:

* Kultursenat der Stadt Bremen;

* Kultursenat der Stadt Hamburg;

* Kultusministerium des Landes Niedersachsen;

* Kultusministerium des Landes Hessen;

* Erziehungsabteilung der HICOG;

* Kultursenat der Stadt Berlin;

* Hauptschulamt der Stadt Frankfurt.

Obige Stellen haben durch diese Anzahlung das Anrecht auf Lieferung von 25 820 Exemplaren der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” erworben und so zugleich die Herausgabe des Werkes ermöglicht.”

Peters hatte dabei noch verschwiegen, daß die amerikanische Hohe Kommission mit 55 000 DM in bar, einer großen Papierlieferung und der Festbestellung von 14 000 Exemplaren (gegenüber 11 820 von deutschen Stellen) den Bärenanteil übernommen hatte.

Bei seinen Bemühungen um die Drucklegung der Weltgeschichte nämlich hatte der Doktor Arno Peters erfahren, daß die Amerikaner größere Papiermengen für gemeinnützige pädagogische Publikationen verteilten. Am Verteilerkopf saß Mr. John

Riedel, Chef der HICOG-Erziehungsabteilung. Die Unterredung, rekapituliert Peters, sei überraschend erfolgreich verlaufen. Riedel habe sein Muster-Exemplar und die amerikanischen Zeugnisse aus Wiesbaden betrachtet und ihn dann gefragt: “Wieviel wollen Sie denn zunächst drucken?”

Peters: “Zwanzigtausend.”

Riedel: “Warum drucken Sie nicht das Doppelte?”

Die Verhandlungen endeten damit, daß John Riedel 55 000 DM in bar und Papier- und Bindematerial im Werte von etwa 147 000 DM als Anzahlung auf eine Lieferung von 14 000 Exemplaren der “Synchronoptischen Weltgeschichte” à 12 DM herausrückte.

Daß ihre Blamage nicht noch größer wurde, verdanken die Amerikaner einzig und allein dem deutschen Nationalempfinden und den Ost-Rücksichten des Dr. Peters. Wenn es nach dem Willen der US-Erziehungsabteilung gegangen wäre, würden die von den Amerikanern bestellten Bände jetzt sogar einen Eindruck mit zwei US-Flaggen-Emblemen und der Widmung “Presented by the people oft the United States” aufweisen.

So aber blieb es bei einem eingeklebten Begrüßungsschreiben, unterzeichnet von George A. Selke, Chief, Division of Cultural Affairs, Bad Godesberg, Mehlemer Aue. Datum: August 1952. Nach diesem Schreiben erfolgt die Überreichung des Bandes “in der Absicht, deutschen Bildungsinstituten wertvolle Literatur zugänglich zu machen und die Verständigung der Nationen untereinander zu fördern”.

*) Der Universum-Verlag, der als Familien G. m. b. H. mit der Einzelprokura von Frau Anneliese und dem Ziel “der Herstellung und des Vertriebes der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” auf gemeinnütziger Grundlage” am 30. Juni 1952 in das Handelsregister des Frankfurter Amtsgerichtes eingetragen wurde, weist nur ein Stammkapital von 20 000 DM auf.*) Bruno E. Werner wurde inzwischen zum Kultur-Attaché beim deutschen Geschäftsträger in Washington ernannt. – Aber nicht nur die “Neue Zeitung” lobte die “Synchronoptische Weltgeschichte”, auch 42 andere Blätter brachten positive Besprechungen des Geschichtswerkes, offenbar ohne es gründlich gelesen zu haben. So Erik Reger im “Tagesspiegel” am 27. September 1952: “Das Werk empfiehlt sich als eine der brauchbarsten Waffen im Kampfe gegen die Unwissenheit.”

DER SPIEGEL 47/1952
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http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21978081.html

Kirgistan

Goldmine besetzt

 

(ap) Rund 2000 Demonstranten haben die Verwaltung einer Goldmine im nördlichen Kirgistan gestürmt. Sie verlangten die Verstaatlichung des von der kanadischen Firma Centerra Gold betriebenen Bergwerks Kumtor und bessere Sozialleistungen, zudem den Bau von Strassen und Wasserleitungen und Investitionen für einen Kindergarten und einen Gesundheitsposten. Die Stromversorgung der Goldmine war stundenlang unterbrochen. Die Firma bezeichnete die Proteste als illegal. Man arbeite mit den lokalen Behörden zusammen, um eine Lösung zu finden.

Die Polizei nahm am Donnerstagabend 80 Protestierende fest, und am Freitag räumte sie eine Blockade auf der Zufahrtsstrasse zu der Mine. Die Polizei erklärte, man habe später auch Tränengas und Blendgranaten gegen Dorfbewohner eingesetzt, die die Stromversorgung des Bergwerkes hätten kappen wollen. Dabei wurden mehrere Demonstranten verletzt. Insgesamt gab es laut offiziellen Angaben 92 Festnahmen. Die Regierung verhängte in der betroffenen Region um Barskun am Südufer des Issyk-Sees den Ausnahmezustand. (Karte hier.)

Die Goldmine ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der verarmten früheren Sowjetrepublik mit rund fünf Millionen Einwohnern. Sie trägt bis zu zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung des zentralasiatischen Landes bei.

http://www.nzz.ch/aktuell/newsticker/kirgistan-goldmine-besetzt-1.18090812

 

Kirgisistan: Das schmutzige Gold aus den Bergen

Kirgisistan beherbergt eines der größten Goldvorkommen der Welt, das jedoch von einer kanadischen Firma ausgebeutet wird. In der zentralasiatischen Republik sieht man die ausländischen Investoren mit gemischten Gefühlen.

Goldene Kuppel in Bischkek - im Hintergrund das Tianshan-GebirgeWeit weg von der Hauptstadt liegt das Gold – in 4000 Metern Höhe

Kumtor ist eines der zehn größten Goldfelder weltweit. Es liegt 4000 Meter hoch in den kirgisischen Bergen, etwa 350 Kilometer von der Hauptstadt Bischkek entfernt, nur 60 Kilometer von der Grenze zu China. Kumtor ist nicht die einzige Goldmine in Kirgisistan, aber sie ist von immenser Bedeutung: In den zehn Jahren seit ihrer Erschließung wurden hier mehr als 170 Tonnen Gold gefördert.

Leonid Oseledko, Leiter der Geologie-Abteilung der Staatlichen Agentur für Geologie und Bodenschätze, spricht von etwa 40 Gold-Lagerstätten, die wirtschaftlich interessant sein könnten, und deren Gesamtreserven auf 352 Tonnen zu schätzen seien. Fast das gesamte Gold, das in Kirgisistan gefördert wird, gelangt in den Export. Und das meiste davon, etwa 90 Prozent der Produktion, stammt aus Kumtor.

Es glänzt auch nicht alles was Gold ist

 

Kumtor liegt im mittleren Bereich des Tianshan-GebirgesKumtor liegt im mittleren Bereich des Tianshan-Gebirges

Trotz dieser wertvollen Ressourcen ist Kirgisistan mit seinen fünf Millionen Einwohnern ein armes Land. Seine Schulden sind fast so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt. Es ist auf ausländische Investitionen angewiesen. 

So ist die Kumtor-Goldmine die größte von einer westlichen Firma betriebene Goldmine in Zentralasien. Das kanadische Unternehmen “Cameco” begann Ende 1996 mit dem Goldabbau in Kumtor. Mittlerweile hat “Centerra Gold” das Geschäft übernommen, eine Firma, die 2004 aus dem Mutterunternehmen Cameco ausgegliedert wurde. Die Kumtor-Mine ist ihr Filetstück, inzwischen fördert sie dort etwa 20 Tonnen Gold jährlich – unter extremen Bedingungen. Um an den begehrten Rohstoff zu gelangen, werden bei Durchschnittstemperaturen von minus acht Grad Celsius und Schnee, der selbst im Sommer nicht schmilzt, täglich viele Tausend Tonnen Erz und Gestein gefördert.

Weil das Gold in Kumtor im Erz enthalten ist, verwendet man zur Gewinnung des Metalls eine giftige chemische Lösung. Eine Grundkomponente dieser Lösung ist Zyanid, ein Salz der Blausäure, das wasserlöslich und sehr giftig ist – aber angeblich nicht gefährlich für Mensch und Umwelt, betont Rodin Stuparek, Direktor der Umweltschutz-Abteilung in Kumtor. “Wir gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Zyanid um.” Überall dort, wo Zyanid benutzt wird, gebe es Kontrollmonitore, die die Konzentration in der Luft überwachen. Internationale Standards erlauben einen Zyanid-Gehalt in der Luft von 5 zu 1.000.000.

Kein Gold besticht ein empörtes Gewissen

Dennoch bleibt bei vielen Kirgisen ein ungutes Gefühl. Den Beteuerungen des Unternehmens glauben die meisten schon seit einem Unfall im Mai 1998 nicht mehr. Damals stürzte in der Nähe der Ortschaft Barskoon ein LKW mit einer Ladung von mehr als 20 Tonnen Zyanid für die Goldmine Kumtor in einen Fluss, aus dem sich die Bevölkerung mit Wasser versorgt. Die Folgen sind äußerst umstritten und schwer zu belegen. Unklar blieb bis heute, wie viele Menschen durch die Zyanid-Vergiftung starben. Nicht nur Umweltschützer glauben, dass der Unfall in Barskoon zu nicht wieder gut zu machenden Schäden geführt hat.

 

Goldförderung in Kumtor: Das 360-Millionen-Dollar-Projekt Goldförderung in Kumtor: Das 360-Millionen-Dollar-Projekt

 

Menschenrechtler kritisieren vor allem das damalige Krisenmanagement. Tolekan Ismailowa ist die Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation “Bürger gegen Korruption”. Sie erinnert sich an die Panik, die damals um sich griff. Die Regierung habe die Menschen jedoch nicht über die Gefahren informiert, im Gegenteil, sie habe alles dafür getan, dass die Menschen so wenig wie möglich erfuhren. “Alle taten so, als sei rein gar nichts passiert. Trotzdem wurden die Leute plötzlich umgesiedelt, auf die andere Seite des Sees, ans nördliche Ufer. Sie haben gar nicht verstanden, wohin man sie bringt, und warum.”

In der Verwaltung von Kumtor sieht man die Dinge anders. Die Evakuierung der Region sei unnötig gewesen, es habe zu keiner Zeit Gefahr bestanden, heißt es in einer Pressemitteilung aus der damaligen Zeit, die sich auf internationale Untersuchungsberichte bezieht.

Der gelbe Kern der Erde …

Seit dem Unfall in Barskoon sind viele Jahre vergangen, aber das Image der ausländischen Investoren hat einen großen Kratzer bekommen. Viele Kritiker meinen, die kirgisische Regierung habe zu Beginn der 90er-Jahre vorschnell eine Generalvereinbarung mit den Geldgebern aus Kanada unterschrieben. Selbst im Parlament regte sich schon früh Protest, der bis heute nicht abgeklungen ist. Der damalige Parlamentsabgeordnete Schergazy Mambetalijew erinnert sich an die Untersuchungen einer Parlamentskommission, deren Vorsitzender er 1993 war. Diese so genannte Goldkommission stellte fest, dass der damalige Präsident Akaev die Kumtor-Mine ganz offensichtlich der kanadischen Firma Cameco überlassen hatte. “In einer Regierungssitzung habe ich gesagt, dass man es so nicht machen kann. Wir hatten doch gar keine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit ausländischen Firmen!”

 

Der Biss in die Erde erbringt 3,57 Gramm Gold wird pro Tonne GesteinDer Biss in die Erde erbringt 3,57 Gramm Gold pro Tonne

Man hätte lieber klein anfangen sollen und nicht das wichtigste Goldvorkommen des Landes aus der Hand geben dürfen, meinen viele. Doch da war das Generalabkommen der Regierung mit Cameco bereits unterzeichnet. Heute sehen viele Kirgisen die Präsenz westlicher Investoren mit Skepsis. 

Aber ob willkommen oder nicht – die ausländischen Geldgeber sind für die kirgisische Wirtschaft überlebenswichtig. Fast zwei Milliarden Dollar beträgt die Summe der Auslandsschulden, sie entsprechen fast der Höhe des Bruttoinlandsproduktes.

… das Gold, hat alle Macht

Finanzminister Akylbek Schaparow sieht sein Land in einer schwierigen Lage, aber auf dem richtigen Weg. Investitionen seien Voraussetzung, um ein hohes Maß an Entwicklung zu erreichen. “Natürlich gibt es die Gefahr, dass irgendein Milliardär gleich das ganze Land kaufen will.” Trotzdem, es komme darauf an, Bedingungen für Investoren zu schaffen, die sicherstellen, dass deren Aktivitäten auch den Interessen Kirgisistans entsprechen – indem sie Arbeitsplätze schaffen, die Rechte der Einwohner und die Gesetze des Landes respektieren, und auf Umweltschutz achten.

Schon lange ist man in dem kleinen Land zwischen Kasachstan und China auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um die vorhandenen wirtschaftlichen Potenziale besser auszuschöpfen. Eine Alternative ist die Nutzung von Wasserkraft. An den Ufern der kirgisischen Flüsse, die über viele Hundert Kilometer durch Berge und Schluchten strömen, stehen schon heute zahlreiche Wasserkraftwerke. Jährlich exportiert Kirgisistan etwa zwei Milliarden Kilowattstunden Energie. Dennoch wird das Land auf absehbare Zeit nicht vom Gold loskommen – sorgt doch der Handel mit dem begehrten Rohstoff immerhin für 40 Prozent der Export-Einnahmen des Staates.

DW.DE