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Emanzipation in den Kulturen

Die Metamorphosen der Kultur(en)

Zum kulturellen Gedächtnis der Welt gehört auch der Atlas Blaeu – Van der Hem (1662-1678) in der Nationalbibliothek, ein barocker 50-Band-Atlas des Amsterdamers Laurens van der Hem.

“Kulturelle Vielfalt” hat einen eigenen Feiertag: am 21. Mai. Welche Kultur und wie viel Vielfalt ist da gemeint? Erkundungen im Spannungsfeld von Identität und Differenz, Selbstbehauptung und Überforderung der Zivilgesellschaft

Leberkässemmeln und Sushi, sri-lankisches Curry und Biogemüse vom lokalen Bauern zu Mittag im Büro? Brasilianische Papayas oder der Lavanttaler Bananenapfel, der die Reise über den Ozean schon in den 1880ern aus Massachusetts (USA) antrat? Der “Anteil mit Migrationshintergrund” in Schulen und im Wohnviertel? Die internationale Kollegenschaft am Arbeitsplatz? Wenn bei Romeo und Julia im Burgtheater die Liebe unterm Balkon multilingual beschworen wird und die Schüler auf der Galerie wissend kichern? Ljubov! Habibi! Die Mühlviertler Theatergruppe, die Felix Mitterers Kein Platz für Idioten aufführt? Prunkobjekte in Museen? Die geerbte Festtagstracht? Oder Omas Rezepte in Kurrentschrift?

Was ist “kulturelle Vielfalt”? Welche Kultur und wie viel Vielfalt wird gefeiert, wenn am 21. Mai der von der Unesco, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, proklamierte “Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung” begangen wird?

Wer “Kultur” zu fassen kriegen will, begibt sich in unwegsames Gelände. Der Begriff ist im Prinzip ein Prozess, permanenter Bedeutungswandel. Dem britischen Literaturtheoretiker Terry Eagleton zufolge ist er heute ” entmutigend weit und quälend eng”.

Die Unesco beantwortete die Frage für sich in der “Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt” (siehe unten) als “Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften, die eine Gesellschaft oder soziale Gruppe kennzeichnen, und dass sie über Kunst und Literatur hinaus auch Lebensformen, Formen des Zusammenlebens, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen umfasst”.

Das Unesco-Kulturprogramm beinhaltet vier Schwerpunkte:
Schutz und Förderung der kulturellen Vielfalt steht schon in Artikel 1 der Unesco-Verfassung von 1945.
Erhaltung des materiellen Welterbes in Natur und Kultur.
Schutz des immateriellen Kulturerbes Es wird als “fundamentaler Bestandteil des kulturellen Erbes” verstanden und umfasst auch Erinnerungsdokumente im “Memory of the World” wie z. B. die historische Kartensammlung “Atlas Blaeu” der Österreichischen Nationalbibliothek (siehe Foto unten).
Förderung des interkulturellen Dialogs Dieser sei angesichts “intra- und interreligiöser Konflikte” ein “Schlüsselaspekt für Frieden”.

Der Dichter T. S. Eliot (1888-1965) definierte Kultur als “a whole way of life” – der Einzelnen und des Kollektivs. Kultur als Lebensstil, gemeinsame Lebensweise. Mit allem Drum und Drin und Dran. Oder, wie der Literaturnobelpreisträger meinte: Kultur ist “das, was das Leben lebenswert macht”, von Essen und Sport bis Bildung und Kunst. Das Leben im Plural. Darum ist für den Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk das Wortpaar “kulturelle Vielfalt” auch “doppelt gemoppelt”, denn wie anders als vielfältig kann Kultur, jede Kultur denn sein? “Kultur ist immer Vielfalt. Sie trägt das Heterogene schon immer in sich – und die Gegenbewegung dazu.”

Diese Gegenbewegung ist das, was auf der Rückseite allzu simpler Multikulturalismus-Projektionen lauert, wenn sie sich auf den harmlos-bunten Verschönerungsaspekt beschränken. “Wer über kulturelle Vielfalt spricht, muss auch über kulturelle Differenzen reden”, rät Wolfgang Müller-Funk im Standard-Gespräch: “Es gibt einen romantischen Diskurs über kulturelle Vielfalt. Aber natürlich kann sie auch Probleme schaffen. Die Koppelung von kultureller Vielfalt und sozialen Differenzen kann mobilisiert werden, um gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu führen.” Denn “das Kulturelle” kann ein Ort der individuellen Freiheit sein, aber auch ein potenziell gefährliches Instrument der Ab- und Ausgrenzung, die im Namen von Identitätspolitik das unverstandene Andere verhindern, schlimmstenfalls zerstören will. Siehe Nationalstaatenkonflikte in der österreichisch-ungarischen Monarchie oder heutige Konfliktzonen multiethnischer und -konfessioneller Gesellschaften, wo es um politische Aushandlungsprozesse geht, wie man mit Differenzen und Heterogenität umgehen will und soll.

Oft sind Gesellschaften in der Geschichte daran furchtbar gescheitert, und es kam zur Zerstörung von kultureller Vielfalt, etwa im Faschismus oder durch Nationalismus.

Vor diesem Hintergrund sei es interessant, “dass kulturelle Vielfalt heute so positiv konnotiert ist”, sagt Müller-Funk: “Sie wurde immer gelobt, wenn sie nicht mehr da war. Man findet sie erst schön, wenn sie weg ist.”

Um diese historischen Verluste wissend, plädiert er für ein “Lob der Vielfalt als Eigenschaft unserer Programmatik einer Zivilgesellschaft, aber nicht als Lob einer Vielfalt, die die Zivilgesellschaft unterwandert oder die gefährliche Kippbewegung des Andersseins, die irgendwann zur Exklusion führt, unterschätzt. Es gilt, eine Spannung der Mitte zu erreichen. Aber wenn eine Gesellschaft mit kultureller Vielfalt als Herausforderung und Zugewinn umgehen kann – pragmatisch und nicht rührselig -, dann ist das auch ein Gewinn für die Zivilgesellschaft.”

Im Unesco-Übereinkommen heißt es dazu: “Nur eine Politik der Einbeziehung und Mitwirkung aller Bürger kann den sozialen Zusammenhalt, die Vitalität der Zivilgesellschaft und den Frieden sichern. Ein so definierter kultureller Pluralismus ist die politische Antwort auf die Realität kultureller Vielfalt.”

Es sind also die Metamorphosen der Kultur/en, die nervigen und staunen machenden, die anstrengenden und bereichernden, die alltäglichen und die besonderen, die gefährlich-eskapistischen und die zugewandt-neugierigen, die das Wesen “kultureller Vielfalt” ausmachen. Manchmal ist sie ein Nebeneinander, oft ein Gegeneinander, dann wieder ein Ineinander – oder, wie auf den Fotos der Künstlerin Susanne Bisovsky in dieser Schwerpunktausgabe, ein inspirierendes und irritierendes Durch- und Übereinander, das neue Interpretations- und Möglichkeitsräume jenseits des Eindeutigen eröffnet.   (Lisa Nimmervoll,  DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Schützen und fördern
Die Unesco-Erklärung

Die Unesco (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) mit derzeit 195 Mitgliedsstaaten verabschiedete 2001 die “Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt” – und rief den “Welttag für kulturelle Entwicklung” am 21. Mai aus. Im Jahr 2005 folgte das “Unesco-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen”, das 2007 als erstes völkerrechtlich bindendes Instrument seiner Art in Kraft trat. Österreich hat es 2006 ratifiziert.

Dessen Kernstück ist das “Recht jedes Staats, regulatorische und finanzielle Maßnahmen zu ergreifen, die darauf abzielen, förderliche Rahmenbedingungen für eine Vielfalt kultureller Aktivitäten, Waren und Dienstleistungen zu schaffen”.

In der Österreichischen Unesco-Kommission unter Präsidentin Eva Nowotny kümmert sich u. a. die Nationale Kontaktstelle um “kulturelle Vielfalt”. (nim, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

http://derstandard.at/1363711447417/Die-Metamorphosen-der-Kulturen

“Vielfalt ist ein ethischer Imperativ”
Interview | Stefan Brändle, 17. Mai 2013, 18:00

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foto: unesco world heritage centre

Francesco Bandarin will “Dialog über Unterschiede hinweg fördern”.

Francesco Bandarin, Unesco-Direktor für Kultur, über Kultur als Vehikel der Solidarität, Religion und Identität sowie das Bemühen, der Globalisierung ein “humanistisches und demokratisches Gesicht” zu geben

STANDARD:  Warum hat die Unesco, die Uno-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur, einen Tag der kulturellen Vielfalt ausgerufen, der am 21. Mai begangen wird?

Bandarin: Jeder internationale Tag bietet einen Rahmen, das heißt eine Gelegenheit, um an ein Anliegen im internationalen Interesse zu erinnern oder es voranzubringen. Die kulturelle Vielfalt für Dialog und Entwicklung, von der Uno-Generalversammlung beschlossen, ist für die Unesco ein ethischer Imperativ. Sie wird deshalb in der universellen Deklaration der Organisation zum “gemeinsamen Welterbe” gezählt.

STANDARD:  Und was soll dieser Tag bewirken?

Bandarin:  Der ihr gewidmete Tag soll uns veranlassen, vertieft über die Bedeutung dieser Vielfalt nachzudenken. Wir müssen lernen, besser miteinander zu leben. Die Welt ist derzeit voller Spannungen, Konflikte und Verständigungsprobleme. Deshalb ist es bitter nötig, den Dialog über die Unterschiede hinweg zu fördern. Im Mittelpunkt dieses Tages steht letztlich die Solidarität, mit der Kultur als Vehikel.

STANDARD:  Das sind schöne Worte, doch welche konkrete Wirkung kann ein solcher Tag auf die weltweite Entwicklung haben?

Bandarin:  Die gleiche, für die sich die Unesco seit Jahren einsetzt: Ein solcher Tag kann die Bedeutung der Kultur für die Entwicklung und eine Globalisierung im guten Sinn unterstreichen. Dieser Tag kann ein Bewusstsein schaffen, damit Politiker und Sozialakteure nach dem Prinzip der Vielfalt handeln, damit Regierungen die Kultur in ihre Entwicklungspolitik einbeziehen.

STANDARD:  Tragen die verschiedenen Religionen – oder die Religion als solches – zur kulturellen Vielfalt bei?

Bandarin:  Die zahllosen Weltreligionen und spirituellen Traditionen bereichern eindeutig die kulturelle Vielfalt unserer Welt. Multikonfessionelle Gesellschaften bringen viele Vorteile mit sich. Aber sie können auch, wie vielerorts zu sehen ist, Misstrauen schaffen und zum Rückzug auf die eigene Identität führen.

STANDARD:  Und was kann die Politik gegen solche Entwicklungen machen?

Bandarin:  Unerlässlich ist vor allem der Einsatz der religiösen Führer für Frieden, Versöhnung und Vermittlung. Jüngere Generationen müssen mit “interkulturellen Kompetenzen”, das heißt über die Grenzen der einzelnen Kulturen hinweg, ausgestattet werden. So lernen sie, zusammenzuleben und die Vielfalt der Gesellschaften in all ihren Ausprägungen zu bewahren. Aus diesem Grund bemüht sich die Unesco zum Beispiel im kriegsversehrten Südosteuropa, den gegenseitigen Respekt, die Wertschätzung des Kulturerbes sowie die Traditionen der verschiedenen Gemeinschaften zu stärken.

STANDARD:  Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf kulturelle Vielfalt? Ist sie eine Chance oder vielleicht auch Bedrohung?

Bandarin:  Dank der neuen Technologien und einer verstärkten Urbanisierung eröffnet die Globalisierung neue Möglichkeiten für den kulturellen Austausch. Die Kulturen können zusammenfinden wie nie zuvor, und das kann eine Quelle der Bereicherung sein – aber es kann auch zur Vereinheitlichung und zu Missverständnissen, damit zu politischer und sozialer Instabilität führen. Deshalb legt die Unesco so viel Wert auf die Vermittlung der kulturellen Vielfalt. Ich bin überzeugt, dass unser Einsatz mithelfen kann, der Globalisierung ein humanistisches und demokratisches Gesicht zu geben.

STANDARD: Und wie können die einzelnen Künstlerinnen und Künstler zu diesem globalen Dialog einen Beitrag leisten?

Bandarin:  Kunst ist an sich schon eine universelle, grenzüberschreitende Sprache, allen Schriftstellern, Musikern, Tänzern oder anderen Kreateuren eigen. Um zur Vielfalt unserer Welt beitragen zu können, müssen die Künstlerinnen und Künstler aber auch in der Lage sein, ihren Beruf frei auszuüben. Sie müssen sich engagieren können, und zwar nicht zuletzt für den Dialog der Kulturen. Alle sind eingeladen, am Welttag nach ihren Möglichkeiten, Ressourcen und Prioritäten mitzumachen.     (Stefan Braendle, DER STANDARD, 18./19.5.2013)

Francesco Bandarin (63) ist seit 2010 Beigeordneter Generaldirektor für Kultur in der Unesco in Paris. Der in Venedig geborene Italiener ist ausgebildeter Architekt und amtierte in der Lagunenstadt als Professor für Architektur und urbane Planung. Ab dem Jahr 2000 war Bandarin Direktor des Weltkulturerbezentrums der Unesco. Dabei setzte er sich für öffentlich-private Partnerschaften zur Erhaltung bedrohter Kulturstätten in aller Welt ein.

http://derstandard.at/1363711439926/Vielfalt-ist-ein-ethischer-Imperativ

Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt

Die Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt wurde von der 31. UNESCO-Generalkonferenz im November 2001 in Paris verabschiedet.

Die UNESCO-Generalkonferenz,

Steht zur Verpflichtung, die Menschenrechte und Grundfreiheiten in vollem Umfang zu verwirklichen, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und anderen weltweit gültigen Vereinbarungen verankert sind – wie die beiden internationalen Menschenrechts-Pakte von 1966 über bürgerliche und politische sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte;

Erinnert daran, dass die Präambel der Verfassung der UNESCO bekräftigt, “dass die weite Verbreitung von Kultur und die Erziehung zu Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden für die Würde des Menschen unerlässlich und für alle Völker eine heilige Verpflichtung sind, die im Geiste gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Anteilnahme erfüllt werden muss”;

Erinnert darüber hinaus an Artikel 1 der Verfassung, in dem der UNESCO u.a. die Aufgabe übertragen wird, “internationale Vereinbarungen zu empfehlen, die den freien Austausch von Ideen durch Wort und Bild erleichtern”;

Nimmt Bezug auf die Bestimmungen zur kulturellen Vielfalt und zur Ausübung kultureller Rechte, die in den internationalen Vereinbarungen im Rahmen der UNESCO aufgeführt werden;1

Bekräftigt, dass Kultur als Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften angesehen werden sollte, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen, und dass sie über Kunst und Literatur hinaus auch Lebensformen, Formen des Zusammenlebens, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen umfasst;2

Stellt fest, dass Kultur im Mittelpunkt aktueller Debatten über Identität, sozialen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Entwicklung einer Wissensgesellschaft steht;

Bekräftigt, dass Respekt vor der Vielfalt der Kulturen, Toleranz, Dialog und Zusammenarbeit in einem Klima gegenseitigen Vertrauens und Verstehens zu den besten Garanten für internationalen Frieden und Sicherheit gehören;

Strebt eine umfassendere Solidarität auf der Grundlage der Anerkennung kultureller Vielfalt, in dem Bewusstsein der Einheit der Menschheit, und in der Entwicklung interkulturellen Austausches an;

Vertritt die Auffassung, dass der Prozess der Globalisierung, der durch die rasche Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien erleichtert wird, zwar eine Herausforderung für die kulturelle Vielfalt darstellt, zugleich aber Voraussetzungen für einen neuen Dialog zwischen Kulturen und Zivilisationen schafft;

In dem Bewusstsein des speziellen Mandats, das der UNESCO im System der Vereinten Nationen erteilt wurde, und um die Erhaltung und Förderung der fruchtbaren Vielfalt der Kulturen sicher zu stellen,

Verkündet die UNESCO-Generalkonferenz die nachstehenden Grundsätze und nimmt die vorliegende Erklärung an:

IDENTITÄT, VIELFALT UND PLURALISMUS

Artikel 1 – Kulturelle Vielfalt: das gemeinsame Erbe der Menschheit

Im Laufe von Zeit und Raum nimmt die Kultur verschiedene Formen an. Diese Vielfalt spiegelt sich wieder in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.

Artikel 2 – Von kultureller Vielfalt zu kulturellem Pluralismus

In unseren zunehmend vielgestaltigen Gesellschaften ist es wichtig, eine harmonische Interaktion und die Bereitschaft zum Zusammenleben von Menschen und Gruppen mit zugleich mehrfachen, vielfältigen und dynamischen kulturellen Identitäten sicher zu stellen. Nur eine Politik der Einbeziehung und Mitwirkung aller Bürger kann den sozialen Zusammenhalt, die Vitalität der Zivilgesellschaft und den Frieden sichern. Ein so definierter kultureller Pluralismus ist die politische Antwort auf die Realität kultureller Vielfalt. Untrennbar vom demokratischen Rahmen führt kultureller Pluralismus zum kulturellen Austausch und zur Entfaltung kreativer Kapazitäten, die das öffentliche Leben nachhaltig beeinflussen.

Artikel 3 – Kulturelle Vielfalt als Entwicklungsfaktor

Kulturelle Vielfalt erweitert die Freiheitsspielräume jedes Einzelnen; sie ist eine der Wurzeln von Entwicklung, wobei diese nicht allein im Sinne des wirtschaftlichen Wachstums gefasst werden darf, sondern als Weg zu einer erfüllteren intellektuellen, emotionalen, moralischen und geistigen Existenz.

KULTURELLE VIELFALT UND MENSCHENRECHTE

Artikel 4 – Menschenrechte als Garantien für kulturelle Vielfalt

Die Verteidigung kultureller Vielfalt ist ein ethischer Imperativ, der untrennbar mit der Achtung der Menschenwürde verknüpft ist. Sie erfordert die Verpflichtung auf Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, insbesondere der Rechte von Personen, die Minderheiten oder indigenen Volksgruppen angehören. Niemand darf unter Berufung auf die kulturelle Vielfalt die Menschenrechte und Grundfreiheiten verletzen, wie sie in allgemein anerkannten internationalen Vereinbarungen festgeschrieben sind, noch ihren Umfang einschränken.

Artikel 5 – Kulturelle Rechte zur Schaffung eines Umfeldes für kulturelle Vielfalt

Kulturelle Rechte sind integraler Bestandteil der Menschenrechte, die universell gültig, unteilbar und aufeinander bezogen sind. Die Entwicklung kreativer Vielfalt erfordert die vollständige Umsetzung der kulturellen Rechte, die in Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in den Artikeln 13 und 15 des Internationalen Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte aufgeführt werden. Deshalb sollte jeder die Möglichkeit haben, sich selbst in der Sprache seiner Wahl auszudrücken und seine Arbeiten zu erstellen und zu verbreiten, insbesondere in seiner Muttersprache; jeder hat Anspruch auf eine qualitativ hochwertige Bildung und Ausbildung unter voller Achtung seiner kulturellen Identität; jeder sollte sich am kulturellen Leben beteiligen und unter Achtung der Menschenrechte und Grundrechte Anderer seine eigenen kulturellen Praktiken ausüben können.

Artikel 6 – Für einen Zugang Aller zur kulturellen Vielfalt

Während der freie Fluss von Ideen in Wort und Bild garantiert werden sollte, sollte gleichzeitig sichergestellt werden, dass alle Kulturen sich ausdrücken und bekannt machen können. Meinungsfreiheit, Medienpluralismus, Mehrsprachigkeit, gleicher Zugang zu Kunst und wissenschaftlichen und technologischen Kenntnissen, auch in digitaler Form, und die Zugangsmöglichkeiten aller Kulturen zu den Ausdrucks- und Verbreitungsmitteln sind Garanten kultureller Vielfalt.

KULTURELLE VIELFALT UND KREATIVITÄT

Artikel 7 – Kulturelles Erbe als Quelle der Kreativität

Kreativität ergibt sich aus den Wurzeln kultureller Tradition, aber sie kann sich nur im Kontakt mit anderen Kulturen entfalten. Aus diesem Grunde muss das Kulturerbe in all seinen Formen erhalten, gefördert und als Zeugnis menschlicher Erfahrung und menschlichen Strebens an künftige Generationen weitergegeben werden, um die Kreativität in ihrer gesamten Vielfalt zu fördern und einen wahrhaften interkulturellen Dialog anzuregen.

Artikel 8 – Kulturgüter und kulturelle Dienstleistungen: einzigartige Güter

Angesichts des aktuellen wirtschaftlichen und technologischen Wandels, der umfassende Möglichkeiten für Kreation und Innovation eröffnet, muss der Vielfalt des Angebots an kreativer Arbeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, gleichzeitig müssen auch die Urheberrechte von Autoren und Künstlern sowie die Besonderheit kultureller Güter und Dienstleistungen anerkannt werden, die als Träger von Identitäten, Wertvorstellungen und Sinn nicht als einfache Waren oder Konsumgüter betrachtet werden können.

Artikel 9 – Kulturpolitik als Katalysator der Kreativität

Kulturpolitik muss, ohne den freien Fluss von Ideen und Arbeiten zu behindern, Bedingungen schaffen, die die Produktion und die Verbreitung von unterschiedlichen Kulturgütern und kulturellen Dienstleistungen durch Kulturindustrien fördern, die über die Mittel verfügen, sich auf lokaler und globaler Ebene zu behaupten. Es obliegt jedem Staat selbst, unter Berücksichtigung seiner internationalen Verpflichtungen, seine Kulturpolitik zu definieren und sie durch Maßnahmen umzusetzen, die ihm dafür sinnvoll erscheinen, sei es durch operationelle Unterstützung oder entsprechende geeignete Regelungen.

KULTURELLE VIELFALT UND INTERNATIONALE SOLIDARITÄT

Artikel 10 – Weltweiter Ausbau der Kapazitäten für kulturelles Schaffen und Austausch

Angesichts des gegenwärtigen Ungleichgewichts im Transfer und im Austausch von kulturellen Gütern und Dienstleistungen auf globaler Ebene ist es notwendig, die internationale Zusammenarbeit und Solidarität zu verstärken. Dadurch sollen alle Länder, insbesondere die Entwicklungsländer und Schwellenländer, die Möglichkeit erhalten, Kulturindustrien zu entwickeln, die auf nationaler und internationaler Ebene lebens- und wettbewerbsfähig sind.

Artikel 11 – Aufbau von Partnerschaften zwischen dem öffentlichen Sektor, dem privaten Sektor und der Zivilgesellschaft

Die Marktkräfte allein können die Erhaltung und Förderung der kulturellen Vielfalt, die den Schlüssel zu einer nachhaltigen menschlichen Entwicklung darstellt, nicht gewährleisten. Daher muss der Vorrang der öffentlichen Politik, in Partnerschaft mit dem privaten Sektor und der Zivilgesellschaft, bekräftigt werden.

Artikel 12 – Die Rolle der UNESCO

Der UNESCO fällt aufgrund ihres Mandats und ihrer Aufgaben die Verantwortung zu:

a. sich für eine verstärkte Einbeziehung der Grundsätze der vorliegenden Erklärung in die Entwicklungsstrategien, die in den verschiedenen zwischenstaatlichen Organisationen entwickelt werden, einzusetzen;

b. als Referenzstelle und Forum zu dienen, in dem Staaten, internationale, staatliche und nichtstaatliche Organisationen, die Zivilgesellschaft und der private Sektor gemeinsam Konzepte, Zielsetzungen und Politiken zur Förderung der kulturellen Vielfalt ausarbeiten können;

c. ihre Aktivitäten im Bereich der Normenbildung, der Bewusstseinsbildung und der Unterstützung bei der Entwicklung institutioneller Ressourcen in den Bereichen fortzusetzen, die sich im Rahmen ihrer Zuständigkeit auf die vorliegende Erklärung beziehen;

d. bei der Umsetzung des Aktionsplans mitzuwirken, der der vorliegenden Erklärung angehängt ist.

Leitlinien für einen Aktionsplan zur Umsetzung der Erklärung der UNESCO über kulturelle Vielfalt

Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, geeignete Maßnahmen einzuleiten, um die “Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt” umfassend zu verbreiten, insbesondere durch Zusammenarbeit zur Erreichung der nachstehend aufgeführten Zielsetzungen:

1. Vertiefung der internationalen Debatte über Fragen zur kulturellen Vielfalt, insbesondere im Hinblick auf ihre Verbindungen zur Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die politische Entscheidungsfindung sowohl auf nationaler als auf internationaler Ebene; besonders Befassung mit der Zweckmäßigkeit eines internationalen juristischen Instruments zur kulturellen Vielfalt;

2. Fortführung der Definition von Grundsätzen, Standards und Praktiken auf nationaler und internationaler Ebene, sowie von Möglichkeiten zur Bewusstseinsbildung und Formen der Kooperation, die zur Bewahrung und Förderung kultureller Vielfalt führen.

3. Förderung des Austauschs von Wissen und “best practices” im Hinblick auf kulturellen Pluralismus, um in diversifizierten Gesellschaften die Einbeziehung und Mitwirkung von Personen und Gruppen mit vielfältigem kulturellen Hintergrund zu erleichtern.

4. Erzielung von weiteren Fortschritten im Verständnis und der inhaltlichen Klärung von kulturellen Rechten als integraler Bestandteil der Menschenrechte.

5. Erhaltung des sprachlichen Kulturerbes der Menschheit und Unterstützung der Ausdrucksformen, des Schaffens und der Verbreitung in einer höchstmöglichen Anzahl von Sprachen.

6. Förderung der sprachlichen Vielfalt – bei Respektierung der Muttersprache – auf allen Bildungsebenen, wenn immer dies möglich ist, und Förderung des Erlernens von verschiedenen Sprachen vom frühesten Kindesalter an.

7. Förderung eines Bewusstseins für den positiven Wert kultureller Vielfalt durch Bildung und Verbesserung des Curriculums und der Lehrerbildung zu diesem Ziel.

8. Einbeziehung traditioneller pädagogischer Ansätze in den Bildungsprozess, wenn immer dies möglich ist, um kulturell geeignete Methoden der Kommunikation und der Wissensvermittlung zu bewahren und vollständig auszuschöpfen.

9. Förderung der “digitalen Alphabetisierung” und Sicherstellung einer besseren Beherrschung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, die sowohl als Fachdisziplin, als auch als pädagogische Hilfsmittel angesehen werden sollten, durch die die Effizienz der Bildungsdienstleistungen verbessert werden kann.

10. Förderung der sprachlichen Vielfalt im Cyberspace und Förderung des freien allgemeinen Zugangs zu allen Informationen im öffentlichen Bereich über das globale Netzwerk.

11. Überbrückung der digitalen Kluft in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Organisationen der Vereinten Nationen, durch Förderung des Zugangs der Entwicklungsländer zu neuen Technologien, indem ihnen geholfen wird, die Informationstechnologien zu beherrschen und die digitale Verbreitung von endogenen Kulturprodukten erleichtert wird, sowie Zugang dieser Länder zu den digitalen pädagogischen, kulturellen und wissenschaftlichen Ressourcen, die weltweit zur Verfügung stehen.

12. Förderung der Produktion, Erhaltung, Verbreitung von vielfältigen Inhalten in Medien und in globalen Informationsnetzwerken, d.h. Förderung der Rolle von öffentlichen Funk- und Fernsehdienstleistungen bei der Entwicklung von qualitativ hochwertigen audiovisuellen Produktionen, insbesondere durch Förderung der Entwicklung von Kooperationsmechanismen, die ihre Verbreitung erleichtern sollen.

13. Formulierung von Politiken zur Bewahrung und Förderung des Kultur- und Naturerbes, insbesondere in seinen mündlichen und immateriellen Ausdrucksformen, und zur Bekämpfung des illegalen Handels mit kulturellen Gütern und Dienstleistungen.

14.  Achtung und Schutz traditioneller Kenntnisse, insbesondere derjenigen indigener Volksgruppen, Anerkennung des Beitrags traditioneller Kenntnisse, insbesondere im Hinblick auf Umweltschutz und das Management natürlicher Ressourcen sowie die Förderung der Synergien zwischen modernen Wissenschaften und lokalem Wissen.

15.  Förderung der Mobilität von Kulturschaffenden, Künstlern, Forschern, Wissenschaftlern und Intellektuellen und Entwicklung von internationalen Forschungsprogrammen und Partnerschaften sowie gleichzeitiges Streben nach Erhaltung der kreativen Kapazität von Entwicklungsländern und Schwellenländern.

16. Sicherstellung des Schutzes des Urheberrechts und benachbarter Rechte im Interesse der Entwicklung der zeitgenössischen Kreativität und gerechte Bezahlung kreativer Arbeit; gleichzeitig sollte das öffentliche Recht auf Zugang zu Kultur in Übereinstimmung mit Art. 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sichergestellt werden.

17. Unterstützung bei der Schaffung oder der Konsolidierung von Kulturindustrien in den Entwicklungsländern und Schwellenländern, Zusammenarbeit bei der Entwicklung der notwendigen Infrastrukturen und Fähigkeiten, Förderung des Entstehens von tragfähigen lokalen Märkten und Erleichterung des Zugangs von Kulturprodukten dieser Staaten zu globalen Märkten und internationalen Verbreitungsnetzwerken.

18. Entwicklung von Kulturpolitiken unter Einbeziehung operationaler Unterstützungsvereinbarungen und/oder geeigneter regulatorischer Rahmenwerke, durch die die Grundsätze, die in dieser Erklärung aufgeführt werden, gefördert werden, in Übereinstimmung mit den internationalen Verpflichtungen, die jedem Staat obliegen.

19. Enge Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Gestaltung von öffentlichen politischen Maßnahmen zur Bewahrung und Förderung der kulturellen Vielfalt.

20. Anerkennung und Förderung des Beitrags des privaten Sektors zur Förderung der kulturellen Vielfalt und zu diesem Zweck Erleichterung der Einrichtung von Foren für den Dialog zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor.

Die Mitgliedstaaten empfehlen, dass der Generaldirektor diesen Aktionsplan bei der Umsetzung der UNESCO-Programme berücksichtigt und ihn an Institutionen des Systems der Vereinten Nationen und andere betroffene zwischenstaatliche und nichtstaatliche Organisationen weiterleitet, um die Synergie von Aktionen zugunsten der kulturellen Vielfalt zu fördern.

1 Unter ihnen insbesondere das Abkommen von Florenz von 1950 und sein Protokoll von Nairobi von 1976, die Universelle Urheberrechtskonvention von 1952, die Erklärung über die Grundsätze der internationalen Zusammenarbeit von 1966, die Konvention über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhinderung von illegalem Import/Export und Transfer von Kulturgütern von 1970, die Konvention zum Schutz des Weltkultur- und -naturerbes von 1972, die Empfehlung zu den Arbeitsbedingungen von Künstlern von 1980 und die Empfehlung über die Erhaltung traditioneller und populärer Kultur von 1989.

2 Diese Definition stimmt mit den Beschlüssen der Weltkonferenz über Kulturpolitik (MONDIACULT, Mexiko City, 1982), der Weltkommission über Kultur und Entwicklung (Unsere kreative Vielfalt, 1995) und der Zwischenstaatlichen Konferenz über Kulturpolitik zur Entwicklung (Stockholm 1998) überein.

http://www.unesco.de/443.html

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Zores um Gleichberechtigung an der Klagemauer

10. Mai 2013, 12:17
  • Wer als Frau eine Bar Mitzwa an der Klagemauer mitverfolgen will, muss auf einen Sessel steigen.
    foto: ap/armangue

    Wer als Frau eine Bar Mitzwa an der Klagemauer mitverfolgen will, muss auf einen Sessel steigen.

  • Die Polizei versuchte die ultraorthodoxen Demonstranten in Zaum zu halten.
    foto: apa/epa/hollander

    Die Polizei versuchte die ultraorthodoxen Demonstranten in Zaum zu halten.


  • Unterstützerinnen von "Women of the Wall".
    foto: apa/epa/sultan

    Unterstützerinnen von “Women of the Wall”.

Aktivisten von “Women of the Wall” werden an der heiligen Stätte von ultraorthodoxen Gegendemonstranten angegriffen

Freitagmorgen haben an der Klagemauer in der Altstadt Jerusalems die Aktivistinnen der Organisation “Women of the Wall” zum Gebet gerufen und damit einen Protest der Ultraorthodoxen ausgelöst. Auf die Frauen wurden Wasserflaschen, Müll, Plastiksessel und sogar Steine geworfen. Zwei Polizisten wurden bei dem Versuch die beiden Gruppen zu trennen leicht verletzt. Drei der ultraorthodoxen Demonstranten wurden anschließend verhaftet.

Laut Angaben von “Women of the Wall” befanden sich zum Zeitpunkt der Aktion ungefähr 500 der Aktivistinnen sowie 5000 Gegendemonstranten vor der Klagemauer. Zwei Rabbis hatten im Vorfeld junge ultraorthodoxe Mädchen dazu aufgerufen, die Versammlung von “Women of the Wall” zu verhindern.

Bahnbrechendes Gerichtsurteil

“Women of the Wall” hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Gleichberechtigung von Frauen an der heiligsten Stätte des Judentums zu kämpfen. Bisher dürfen Frauen nur in einem abgetrennten Bereich beten und außerdem keinen Gebetsschal und schwarzen Gebetsriemen tragen, da an der Klagemauer dieselben Regeln gelten wie in einer ultraorthodoxen Synagoge. Im vergangenen Monat wurden fünf Frauen der Organisation von der Polizei festgenommen, nachdem sie sich diesen Vorschriften widersetzten. Ein lokales Gericht urteilte aber im Nachhinein, dass die Festnahme unrechtmäßig gewesen war und Frauen das Tragen des Gebetsschleiers gestattet ist. Damit gibt es in den zwanzig Jahren, die “Women of the Wall” schon aktiv sind, zum ersten Mal die Hoffnung einer weitreichenden Änderung.

Segregation im Bus

Natan Scharanski, Leiter der Jewish Agency, der jüdischen Einwanderungsorganisation, schlug einen Kompromiss für die beiden Konfliktparteien vor: An der Klagemauer könnte innerhalb weniger Monate ein dritter Gebetsbereich eingerichtet werden, an dem Männer und Frauen miteinander beten können. Die ultraorthodoxe Gemeinde lehnt diesen Vorschlag mit der Begründung, dass jede Veränderung der heiligen Stätte verboten ist.

Die Spannungen zwischen ultraorthodoxen Juden, Anhängern des Reformjudentums sowie säkularen Israelis haben in der jüngsten Vergangenheit stark zugenommen. In öffentlichen Bussen, die durch Jerusalems religiöse Viertel fahren, werden Frauen dazu angehalten nur auf den hinteren Sitzen Platz zu nehmen. Justizministerin Tzipi Livni hat nun angekündigt, der Segregation durch ein neues Gesetz ein Ende bereiten zu wollen. (ted/derStandard.at, 10.5.2013)

Dieter Senghaas
Zivilisierung wider Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst

Frankfurt/M. 1998

español  


Frankfurt/M.: Suhrkamp,
1998.
187 Seiten
ISBN 3-518-12081-6

Suhrkamp Verlag:
external linkWebsite

  Es geht Dieter Senghaas in diesem Buch um das Verhältnis traditioneller Denkweisen zu Gegenwart und Zukunft. In drei Kapiteln untersucht er Spannungen, Konstrukte und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben: Pluralität und Politisierung – Herausforderungen für Kulturen, weiter Zusammenprall der Kulturen? und Kommunikation über Kulturen.
Das erste Kapitel wird mit einem Abschnitt über Interkulturelle Philosophie in der Welt von heute eröffnet, dem sich vier Fallstudien anschließen: über die Relevanz der klassischen chinesischen Philosophie für das moderne China, über reformatorische Möglichkeiten des Islam, über Gesellschaftsvorstellungen des Buddhismus und über den Hinduismus zwischen »spiritueller« und »moderner Pluralität«.
Das zweite Kapitel setzt sich kritisch mit der These von einem “Kampf der Kulturen” auseinander. Die wirklichen Konflikte sind nach Senghaas »durch sozio-ökonomische Probleme vorgezeichnet«; es sind »Verteilungskonflikte«, nicht etwa Konflikte »um Art oder Intensität und schon gar nicht um den jeweiligen Inhalt von Gläubigkeit« (144f). Die Debatte um sogenannte “asiatische Werte” bildet hier die entsprechende Fallstudie, wobei die These ist: Es gibt sie nicht. Was damit benannt wird, sind Wertvorstellungen traditionaler Gesellschaften im allgemeinen.
Das Abschlusskapitel bringt ein Plädoyer für eine Reorientierung des interkulturellen Dialogs, wobei der Dialog zwischen Christen und Muslimen bzw. westlicher Moderne und Islam als Anlass dient. Diese Dialoge sieht Senghaas als defizient an: Sie gehen von stereotypen Fremd- und Selbstbildern aus und sie werden nicht über die tatsächlichen Probleme geführt.
Philosophen und Philosophinnen, die sich in ihrem Philosophieren der Herausforderung der Interkulturalität stellen wollen, werden gut daran tun, über Senghaas These nachzudenken, »daß alle Kulturen mehr als je in der Vergangenheit wirklich mit sich selbst in Konflikt geraten und darüber selbstreflexiv werden. Erst auf solcher Grundlage wird ein zeitgemäßes fruchtbares interkulturelles Gespräch beginnen können: allerdings weniger von Kultur zu Kultur, sondern zwischen kulturellen Segmenten quer durch die Welt.« (48) Es wird um Sachfragen gehen müssen.

Franz Martin Wimmer, Wien