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Emanzipation von Armut

London
Millionen tote Kinder pro Jahr durch Mangelernährung

Mangelernährung ist einer neuen Studie zufolge der Grund für fast die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren weltweit.

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Jährlich sterben rund 3,1 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, weil sie nicht ausreichend oder unausgewogenes Essen bekommen, heißt es in der Studie, die in der neuesten Ausgabe des Magazins «Lancet» erscheint. Zu den am stärksten verbreiteten Mangelerscheinungen gehören demnach sowohl bei Kindern als auch bei Müttern Mangel an Vitaminen oder Mineralien wie Zink und Eisen, aber auch schlechte Praktiken beim Stillen.

Die Wissenschaftler um Robert Black (Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore/USA) untersuchten zudem die Auswirkungen von körperlicher Unterentwicklung im Zusammenhang mit Größe, Gewicht und Alter. So waren der Studie zufolge 2011 rund 165 Millionen Kinder weltweit zu klein für ihr Alter. Etwa 50 Millionen waren zu leicht für ihre Größe. 100 Millionen Kinder wogen nicht genug für ihr Alter. Vor allem Afrika und Asien waren betroffen.

Mangelernährung schränke aber nicht nur die körperliche Entwicklung von Kindern ein, betonten die Experten. Die Konsequenzen reichten von schlechten Leistungen in der Schule bis zu höherer Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Die Forscher rufen die G8-Länder auf, beim anstehenden Gipfel in Nordirland Mitte des Monats weitere Maßnahmen gegen Mangelernährung voranzutreiben. Gleichzeitig sehen sie auf die Industrienationen in Zukunft neue Gefahren durch Übergewicht bei werdenden Müttern und Kindern zukommen.

Einkommen in Deutschland: Jeder Vierte bekommt nur Armutslohn

Das dürfte die Debatte über einen allgemeinen Mindestlohn wieder beleben: Fast acht Millionen Menschen in Deutschland müssen mit einem Niedriglohn auskommen – das zeigt eine neue Studie. Das Einkommen von mehr als 23 Prozent aller Beschäftigten liegt demnach unter 9,15 Euro brutto pro Stunde.

Berlin – Seit Jahren diskutieren Gewerkschaften, Parteien und Arbeitgeber über die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns und parallel dazu wächst der Niedriglohnsektor immer weiter. Zwischen 1995 und 2010 ist die Zahl der Menschen in Deutschland, die weniger als 9,15 brutto pro Stunde verdienen, um mehr als 2,3 Millionen gewachsen. Das zeigt

 

eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Der Studie zufolge fiel das Einkommen von gut 23 Prozent aller Beschäftigten unter die Niedriglohnschwelle, die bei zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns angesetzt wird. Die Wissenschaftler berücksichtigten in ihrer Untersuchung erstmals auch Schüler, Studenten und Rentner, obwohl die häufig nur Nebenjobs haben – das erhöht die Gesamtzahl der Niedrigverdiener um knapp 500.000. 

Durchschnittslohn von gut 6,50 Euro

Tatsächlich aber liegen die Durchschnittslöhne im Niedriglohnbereich noch deutlich tiefer: Im Jahr 2010 verdienten Beschäftigte in dem Sektor im Westen 6,68 Euro, im Osten sogar nur 6,52 Euro. In den vergangenen Jahren sind die Stundensätze im Niedriglohnsektor sogar noch weiter gesunken: Die Wissenschaftler listen 2,5 Millionen Beschäftigte auf, die weniger als sechs Euro in der Stunde verdienen, fast 1,4 Millionen bekommen nicht einmal fünf Euro.

Rund die Hälfte der Geringverdiener arbeitet dabei voll und nicht Teilzeit. So gibt es der Studie zufolge allein fast 800.000 Vollzeit-Beschäftigte, die weniger als sechs Euro verdienen – und damit auf einen Monatslohn von unter 1000 Euro brutto kommen. 

Jeder Fünfte würde von 8,50 Euro Mindestlohn profitieren

Stark gestiegen ist die Zahl der Niedrigbezahlten vor allem in Westdeutschland. Der Studie zufolge wuchs sie in 15 Jahren in den alten Bundesländern um 68 Prozent, im Osten dagegen nur um drei Prozent. Die Forscher rechnen in der Studie vor, dass jeder fünfte Beschäftigte von einem gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro profitieren würde.

SPD und Grüne fordern seit längerem einen allgemein verbindlichen Mindestlohn. Die Union hatte sich auf ihrem Parteitag im November erstmals ebenfalls für eine verbindliche Lohnuntergrenze ausgesprochen – allerdings mit Einschränkungen. Die Wirtschaftsverbände lehnen einen Mindestlohn ab. Sie befürchten, dass er massenhaft Jobs vernichtet.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/acht-millionen-beschaeftigte-in-deutschland-bekommen-einen-niedriglohn-a-821196.html

Einkommensentwicklung in Deutschland: Die Mittelschicht verliert

Hosentasche Tasche Taschen

DIW Berlin: „Auch Menschen mit höherem Einkommen sollten zum Sparpaket beitragen“

Arm und Reich driften in Deutschland immer weiter auseinander. Das ist das zentrale Ergebnis einer neuen Studie des DIW Berlin zur Einkommensverteilung in Deutschland auf Basis von Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP). Die Studie zeigt deutlich, dass nicht nur die Anzahl Ärmerer und Reicherer immer weiter wächst – seit zehn Jahren werden ärmere Haushalte auch immer ärmer. Für die DIW-Experten Martin Gornig und Jan Goebel ist das eine besorgniserregende Entwicklung: „Dieser Trend verunsichert die Mittelschicht“, sagen sie. „Eine starke Mittelschicht ist aber wichtig für den Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität.“

 

Nur 60 Prozent der Menschen in Deutschland gehören noch zur Mittelschicht, mit Nettoeinkommen zwischen 860 und 1.844 Euro. 2000 waren es noch mehr als 66 Prozent. Stark gestiegen ist vor allem die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen, von 18 Prozent 2000 auf fast 22 Prozent 2009. Zudem steigt die Zahl der Menschen mit Niedrigeinkommen nicht nur immer mehr an – diese Gruppe verdient auch in absoluten Zahlen immer weniger: Verdiente ein Singlehaushalt der unteren Einkommensgruppe 2000 im Schnitt noch 680 Euro, waren es 2008 nur noch 645 Euro. Gleichzeitig ist auch der mittlere Verdienst höherer Einkommensgruppen gestiegen, von 2.400 auf 2.700 Euro – der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößerte sich also erheblich.

Arbeitsmarkt entscheidend für die Einkommensverteilung

Hauptursache für die zunehmende Entfernung der Einkommensgruppen voneinander sei vor allem die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt: „Wenn die Zahl der Beschäftigten zurückgeht, steigt die Zahl der Menschen in unteren Einkommensgruppen.“ Deshalb habe die Wirtschaftskrise 2009 dank des „deutschen Jobwunders“ auch keine massiven Auswirkungen auf die Einkommensverteilung gehabt. Bei steigenden Beschäftigtenzahlen würde diese Entwicklung aber nicht umgekehrt, sondern nur gestoppt. „Wir sehen hier einen langfristigen, relativ gleichmäßigen Trend“, sagt Jan Goebel. „Und dieser Trend ist besorgniserregend.“

Steigende Einkommenspolarisierung bedroht gesellschaftliche Stabilität

Besorgniserregend sei der Trend zur Einkommenspolarisierung besonders im Hinblick auf die schrumpfende Mittelschicht. „Mittlere Schichten begründen ihren Status nicht auf Vermögen, sondern auf Einkommen“, sagt Martin Gornig. „Eine Entwicklung wie die hier beobachtete kann unter Umständen Verunsicherungen in diesen Schichten auslösen.“ Problematisch sei das vor allem dann, wenn andere Bevölkerungsgruppen für den drohenden Statusverlust verantwortlich gemacht würden. Und auch in anderen Bereichen drohen mit dem Verschwinden der Mittelschicht Probleme, etwa bei der Stadtentwicklung: „Mit einer steigenden Anzahl von Ärmeren wächst auch die Gefahr des Entstehens von Armenvierteln.“

Auch das geplante Sparpaket der Bundesregierung hält Jan Goebel vor dem Hintergrund der beobachteten Entwicklung für zu einseitig: „Die bisher gemachten konkreten Vorschläge betreffen nur die unteren Einkommen. Der Anteil der Reichen aber steigt stetig und die Reicheren verdienen auch immer besser. Da stellt sich schon die Frage, ob diese Gruppe nicht auch einen Sparbeitrag leisten sollte.“

http://www.diw.de/de/diw_01.c.357516.de/themen_nachrichten/einkommensentwicklung_in_deutschland_die_mittelschicht_verliert.html

 

Problem Wasser: #Wasser ist ein #Menschenrecht?
Wasser ist entscheidend für das Leben auf der Erde und der Zugang zu sauberem Trinkwasser gilt als Menschenrecht.
Mehr als ein Drittel der Menschen weltweit leidet an Wassermangel, der Hälfte von ihnen steht kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung, was Krankheiten, Seuchen und Todesfälle zur Folge hat. Täglich sterben weltweit fast 5.000 Kinder, weil ihnen sauberes Wasser fehlt.
Als Folge des Klimawandels wird befürchtet, dass in Zukunft auch Länder, in denen zurzeit noch genügend Trinkwasser zur Verfügung steht, von Wassermangel betroffen sein werden.

Oft sind in von Wassermangel betroffenen Regionen Mädchen und Frauen für die Beschaffung des Trinkwassers zuständig und müssen täglich viele Kilometer zu Fuß zurücklegen, um für die Familie Trinkwasser aus den Brunnen zu holen. Sie können dann in dieser Zeit weder die Schule besuchen noch andere Tätigkeiten verrichten und sind deshalb zusätzlich von großen Benachteiligungen in der Bildung betroffen, was schlechte Zukunftschancen für sie zur Folge hat.

Obwohl der Zugang zu sauberem Wasser zum grundlegenden Menschenrecht erklärt wurde, spielen bei der Wasserversorgung immer häufiger wirtschaftliche Interessen eine Rolle und über das wertvolle Wasser verfügen zunehmend nicht mehr öffentliche Einrichtungen, sondern private Konzerne, die damit hohe Gewinne erzielen wollen. Deshalb spricht man oft auch von einer “Privatisierung” des Wassers. In der Folge wird die Wasserversorgung nicht nur in den ärmeren Ländern, sondern auch in den Industrieländern mehr und mehr zum Problem.

Auch bei uns wird Wasser immer mehr zur Ware

Sauberes Wasser gilt als Menschenrecht. Doch bei der Wasserversorgung spielen wirtschaftliche Interessen eine große Rolle und zunehmend verfügen nicht mehr öffentliche Einrichtungen, sondern private Konzerne über das Wasser, die hohe Gewinne erzielen wollen.

Die zwei größten Wasserkonzerne weltweit haben ihren Hauptsitz in Frankreich und heißen Veolia und Suez. In Staaten wie Deutschland wird die Versorgung der Haushalte mit fließendem Wasser durch die Kommunen, so nennt man die örtlichen Gemeinden der verschiedenen Gebiete und Städte, geregelt. Doch auch hier gehen finanziell schwache Kommunen immer häufiger Partnerschaften mit diesen mächtigen Firmen ein.

In Frankreich versorgen Veolia und Suez bereits die überwiegende Mehrheit, nämlich 80 Prozent der Bevölkerung, mit Wasser und auch in anderen Ländern wächst ihr Einfluss. Veolia versorgt in Deutschland bereits über viereinhalb Millionen Menschen mit Wasser und ist für die Abwasserentsorgung von fast fünf Millionen Einwohnern zuständig, daneben macht ebenso der deutsche Konzern RWE Geschäfte mit dem Wasser. Auch in den europäischen Ländern schreitet die Privatisierung des Wassers also weiter voran.

Hier einige Dokus:
Water makes money – arte Dokumentation über die Privatisierung von Trinkwasser
http://www.youtube.com/watch?v=DZ4vy6MPR94

Nestle – Das dreckige Geschäft mit dem Wasser der 3. Welt
http://www.youtube.com/watch?v=GpH3Oph2XbU

“Guerra del Agua” – als der Regen privatisiert wurde
http://www.youtube.com/watch?v=B2v6Ad-Vuug

Die Geldquelle – Das Milliardengeschäft mit dem Wasser
http://www.youtube.com/watch?v=omF6BEkg5f8

30. April 2013 12:28

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern “Schäbiges Raubgesindel”

Jean Ziegler ist Soziologe, ehemaliger Abgeordneter im Schweizer Parlament, ehemaliger Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Nahrung, ehemaliges Mitglied der UN-Task-Force für humanitäre Hilfe im Irak. Heute ist er Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Profit über alles: Für Jean Ziegler ist der Hunger in der Welt die Folge grenzenloser Habsucht räuberischer Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals und der Weltwirtschaftsordnung. Alles nicht neu. Doch bemerkenswert in seinem aktuellen Buch über “die Massenvernichtung in der Dritten Welt” beschrieben.

Von Karin Steinberger

Nein, ein feinfühliger Philosoph ist Jean Ziegler nicht. Er argumentiert brachial, er peitscht die Truppen immer in eine Richtung, mit viel Tamtam und unkomplizierten Parolen. Dem Feind entgegen.

Faszinierend bei all dem ist seine über Jahre anhaltende Wut. Faszinierend ist auch, wie einfach die Dinge sein können: Da ist das Gute, dort das Böse, da ist der Fehler, da der Auslöser, da der Hebel, an dem man den Lauf der Dinge umlegen könnte. Alles ist erklärbar, vieles bekannt: die Ausgangslage, die These, die Schuldigen, die Fakten.

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren – in einer Welt, die einen irrwitzigen Überfluss produziert und eigentlich viel mehr Menschen ernähren könnte. Für Jean Ziegler ist Welt-Hunger vor allem ein Verteilungsproblem, ein Systemfehler, eine Schande, ein Skandal, ein organisiertes Verbrechen, ein Massenmord, den es augenblicklich zu beenden gilt. Wer wollte da widersprechen?

Lange braucht Ziegler auch in diesem Buch nicht, um die Schuldigen zu benennen. Auf Seite 17 ist es so weit: Schuld am Hunger ist die grenzenlose Habsucht der räuberischen Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals. Schuld ist die erdumspannende Macht der transkontinentalen Agrokonzerne und Hedgefonds, die auf Lebensmittelpreise spekulieren. Schuld ist die Wirtschaftsordnung, die den Profit über das Wohlergehen der Menschen stellt. Schuld sind Freihandel und Biotreibstoff und Landgrabbing. Schuld ist: die Gier.

Das alles ist nicht überraschend. Zieglers Feindbilder sind bekannt: Der Neoliberalismus ist für ihn ein unzähmbares Monster, der Humus für jene CEOs, die in ihren durchgestylten Führungsetagen über Leben und Tod entscheiden.

Natürlich kann einer wie er über Hunger unendlich viel erzählen. Er kennt den Kalorienbedarf der Menschen in jeder Altersklasse, er kennt die Hirnschäden und Behinderungen, mit denen Kinder auf die Welt kommen, deren Mütter unterernährt sind. Er weiß, was Hunger anrichten kann: die Auszehrungen, die Mundparasiten, die infizierten Atemwege, die sich selbst aufzehrenden Muskeln, die Schmerzen. Und schlimmer noch: Er weiß, wie wenig es braucht, um all das zu verhindern.

Genug Einblicke, um fassungslos zu sein

Jean Ziegler, Bürger der Republik Genf, Soziologe, emeritierter Professor, ehemaliger Abgeordneter im Eidgenössischen Parlament, ehemaliger Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Nahrung, ehemaliges Mitglied der UN-Task-Force für humanitäre Hilfe im Irak, ist heute Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats. Er hat genug Einblicke, um fassungslos zu sein.

Er beobachtet das große Geschacher lange genug von innen, er hat gesehen, wie schmierige Deals immer zugunsten der Reichen ausgehandelt werden, wie sich Länder vor ihrer Verantwortung drücken, wie Politiker lieber die Hände aufhalten, als sie zu benutzen, wie Staaten willenlos herumlavieren. Er hat die Ministererklärung zur Aufhebung der Exportsubventionen gelesen und dann beobachtet, wie die Verhandlungen nie über das Stadium von Absichtserklärungen hinausgingen.

Während in Dritte-Welt-Ländern wie Haiti oder Sambia unter dem Diktat des Internationalen Währungsfonds den dortigen Bauern die Subventionen schon vor Jahren gestrichen wurden. In Haiti müssen die ruinierten Reisbauern jetzt den Reis der Amerikaner kaufen, zum Weltmarktpreis. In Sambia ist die Kindersterblichkeit seitdem explodiert.

Gerechtigkeit? Ziegler hat Weltgipfel für Ernährungssicherheit miterlebt, bei denen sich die westlichen Staatschefs nicht mal die Mühe machten, so zu tun, als interessiere sie der Welthunger. Er kennt all die Oxfam-Studien und FAO-Grafiken – Zahlenkolonnen, die alles beziffern, aber nichts bewirken. Warum sollte er diplomatisch sein, ausgewogen oder gar gerecht?

Jean Ziegler stand in der Hitze Nigerias und musste mit ansehen, wie Schwestern der Mutter Teresa in einem Ambulatorium verhungernde Mütter mit ihren sterbenden Kindern zurück in die Savanne schickten, weil sie nicht genug Mittel hatten, um alle zu retten. Er hat gesehen, wie sich die Hungerkrankheit “Noma” durch Kindergesichter frisst, und auch, mit welcher Gleichgültigkeit World Health Organisation und Staatschefs darauf reagierten. Ziegler sagt: Hunger ist Politik, kein Schicksal.

Hedgefondsmanager betrachtet er als “schäbiges Raubgesindel”, transkontinentale Privatkonzerne als “Kreuzritter des Neoliberalismus”. Die G-8/G-20-Länder seien “fulminante Heuchler”, World Trade Organisation, Internationaler Währungsfonds und Weltbank die “drei apokalyptischen Reiter des Hungers”. Und die Vereinten Nationen seien ein “bürokratischer Dinosaurier”, angeführt von einem “untätigen und farblosen” Südkoreaner.

Fakten, Anekdoten und ein paar Indiskretionen

All das schreibt Jean Ziegler, unterlegt mit Fakten und Anekdoten und ein paar Indiskretionen. Er wurde so oft von so vielen verklagt, und ein bisschen Gepolter verkauft sich einfach besser. Diesmal sind vor allem die Nahrungsmittelspekulanten dran, die er “Tigerhaie” nennt, weil Spekulant und Hai die Opfer über viele Kilometer aufspüren und dann vernichten.

Für Verfechter der Totalliberalisierung des Marktes ist das Kinderkram. Für Jean Ziegler, den alten Kämpfer, ist es eine Frage des Anstands, sich aufzulehnen gegen ein System, das der Mehrheit keine Chance gibt.

Er betritt eine brasilianische Zuckerrohrfarm nicht von vorne, durch die protzigen Büros der Zuckerbarone, sondern von hinten, durch die ärmlichen Siedlungen der Zuckerrohrschnitter, die selber mal Bauern waren, nicht reich, aber satt. Jetzt kaufen sie, was sie früher selbst angebaut haben. Sie sind der Menschenschrott, der übrig bleibt, wenn riesige Agrobetriebe und Zuckerrohrbarone ehemaliges Staatsland unter sich aufteilen, um abzusahnen bei der gigantischen Agrotreibstoff-Zockerei – von der Regierung abgesegneter Landraub.

Jean Ziegler tingelt schon so lange als Globalisierungsgegner durch die Welt, dass sein Spekulanten-Bashing fast schon zu erwartbar ist. Andererseits: Wenn nicht einmal mehr Leute wie er aufschreien würden, wer dann?

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. C. Bertelsmann Verlag, München 2012. 319 Seiten, 19,99 Euro.

http://www.sueddeutsche.de/wissen/jean-ziegler-wir-lassen-sie-verhungern-schaebiges-raubgesindel-1.1662004

Hungerwinter 1609: Erste Siedler in Amerika waren Kannibalen

New York (dpa) – Die ersten dauerhaften englischen Siedler in Amerika sind aus der Not heraus zu Kannibalen geworden. Das berichtet das renommierte US-Forschungsinstitut Smithsonian nach der kriminaltechnischen Untersuchung von Knochen aus dem 17. Jahrhundert.

Sie wurden im heutigen Bundesstaat Virginia gefunden. Nach der Analyse aßen die frühen Kolonisten im Hungerwinter 1609/1610 ein 14 Jahre altes Mädchen auf. Axt- und Werkzeugspuren an ihrem Schädel und an ihrem Schienbein ließen keinen anderen Schluss zu, sagen die Forscher. Die Knochen wurden im vergangenen Jahr in Jamestown ausgegraben, der ersten dauerhaft besiedelten Kolonie Nordamerikas.

Die genaue Todesursache des “Jane” genannten Mädchens habe nicht mehr festgestellt werden können, weil nur ein Zehntel ihrer Knochen gefunden wurde, heißt es im Bericht. Mord komme jedoch nicht infrage. Vielleicht sei das Mädchen eines natürlichen Todes gestorben.

Jamestown war 1607 von 104 englischen Siedlern gegründet worden – 13 Jahre bevor die Pilgerväter im heutigen Massachusetts landeten. Doch nur 38 der frühen Kolonisten in Virginia überlebten die ersten neun Monate in der neuen Welt. Die übrigen starben an Krankheiten und vergifteten sich möglicherweise auch durch ihr Trinkwasser. Vor allem aber hungerten sie, weil sie mitten in einer der schwersten Dürren seit Jahrhunderten ankamen. Ohne die Hilfe der Indianer wäre die Kolonie wohl sofort untergegangen.

Der harte Winter 1609/1610 raffte dann noch einmal fast alle übrigen Kolonisten dahin. Die Siedler hatten kaum Vorräte durch die Dürre, dazu kamen Feindseligkeiten mit den Indianern. Einer der Anführer der Kolonie, George Percy, überlebte. Neue Siedler aus England kamen an und füllten die Lücken.

Promotion

16 Jahre später erinnerte sich Percy, dass die verzweifelten Menschen im Hungerwinter 1609/1610 erst die Pferde, dann Hunde, Ratten und Mäuse und letztlich selbst ihre Stiefel gegessen hätten. Ob es auch Kannibalismus gab, wird seit Jahrzehnten unter Wissenschaftlern diskutiert. Nach Ansicht des Smithsonians ist die Frage durch die Untersuchung der Funde nun eindeutig beantwortet.

“Die freigelegten Knochen haben ungewöhnliche Spuren von Schnitten und Hieben, die Versuche, Unsicherheit und den völligen Mangel an Erfahrung beim Schlachten von Tieren zeigen”, sagte Anthropologe Douglas Owsley. “Der klare Vorsatz war aber, den Körper zu zerlegen, das Gehirn zu entnehmen und das Fleisch vom Gesicht zu entfernen und zu essen.” Die Menschen seien verzweifelt gewesen. “Jedes verfügbare Fleisch wurde gebraucht.”

“Es gab vier Schläge auf den Hinterkopf, der stärkste von ihnen spaltete den Schädel”, ergänzte Owsley. Dann sei vermutlich mit einem Messer ein Loch gebohrt worden, um das Hirn zu entnehmen. Anscheinend wurden Gehirn, Zunge, Wangen und Beinmuskeln gegessen. “Das Gehirn vermutlich als erstes, weil es sich so schnell nach dem Tode zersetzt.” Es gebe aber keinen Hinweis auf Mord: “Ich glaube nicht, dass sie das Mädchen getötet haben”, sagte der Wissenschaftler. “Sie waren einfach so verzweifelt, so in Not, dass sie keine Alternative sahen.”

 Interview

„Langfristig wird die Arbeit verschwinden“

stz, veröffentlicht am 29.04.2005
US-Ökonom Jeremy Rifkin: Deutschland führt Scheindiskussion

Jeremy Rifkin (* 26. Januar 1945 in Denver,Colorado) ist ein US-amerikanischer Soziologe, Ökonom, Publizist sowie Gründer und Vorsitzender derFoundation on Economic Trends

Stuttgart – Es gibt kein größeres Problem in Deutschland und Europa als die Massenarbeitslosigkeit. Politiker aller Parteien versprechen Abhilfe, doch die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung nimmt seit Jahren immer nur zu. Wo soll das enden? Der US-Professor Jeremy Rifkin befasst sich seit Jahrzehnten mit dieser Frage und ist gesuchter Ratgeber von Regierungen und Konzernen. Sönke Iwersen fragte ihn nach der Zukunft der Arbeit.Herr Rifkin, eines Ihrer Bücher heißt: „Das Ende der Arbeit“. Das meinen Sie doch nicht wörtlich, oder?Allerdings meinte ich das wörtlich. Als ich dieses Buch
1995 schrieb, waren weltweit 800 Millionen Menschen arbeitslos oder unterbeschäftigt. 2001 waren es schon mehr als eine Milliarde. Die Entwicklung ist eindeutig.

Aber es gibt doch Gewinner. In Europa gilt England als Vorbild. China wächst in irrem Tempo. Und in Ihrem Land läuft es auch gut. Die amerikanische Arbeitslosenquote ist doch traumhaft niedrig.

Das können Sie alles vergessen. Unsere Quote ist niedriger als Ihre, das stimmt. Aber zu welchem Preis? Das schmutzige Geheimnis hinter dem US-Wirtschaftsboom in den 90er Jahren ist die wahnsinnige Verschuldung der privaten Haushalte. Die Verbraucherkredite haben jedes Jahr um neun Prozent zugenommen. Die Mehrzahl der Amerikaner hat heute nicht mal 1000 Dollar an Rücklagen. 2005 wird die Zahl der Privatinsolvenzen die Zahl der Ehescheidungen übertreffen.

Wenn die USA nicht als Vorbild taugen, dann aber England? Dort gibt es so wenig Arbeitslose wie seit 30 Jahren nicht mehr.

England ist dasselbe in grün. Der durchschnittliche Engländer gibt heute 120 bis 130 Prozent seines Jahreseinkommens aus. Das ist Wirtschaftswachstum per Kreditkarte.

Bleibt China. Keine Wirtschaft wächst so stark wie die der Chinesen.

China ist faszinierend, ja. Aber schauen Sie mal genau hin. In den letzten sieben Jahren sind 15 Prozent aller chinesischen Jobs verschwunden. Auch der chinesische Boom kann an der Wahrheit nichts ändern.

Welche Wahrheit meinen Sie?

Die Wahrheit über die Unumkehrbarkeit dieser Entwicklung. Langfristig wird die Arbeit verschwinden.

Warum?

Schauen Sie in die Vergangenheit. Zehntausend Jahre haben sich Menschen andere Menschen als Sklaven gehalten. Nun reden wir uns gern ein, dass die Sklaverei abgeschafft wurde, weil wir so human geworden sind. Aber die Wahrheit ist: Durch die industrielle Revolution ist die Sklaverei überflüssig geworden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war es billiger, den Ofen eines Kohleofens zu füllen, als den Mund eines Sklaven.

Und da sehen Sie Parallelen zu heute?

Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft. Durch die ersten Mechanisierungsschübe verloren Millionen von Menschen ihre Jobs und wanderten vom Land in die Städte, um dort mit den Maschinen zusammen zu arbeiten. Aber die Computer und Informationstechnik von heute machen immer mehr Menschen ganz überflüssig. Selbst die billigste menschliche Arbeitskraft ist teurer als die Maschine.

Aber entstehen durch die neue Technik nicht auch neue Arbeitsplätze?

Das ist die Hoffnung, an die wir uns seit Jahrzehnten geklammert haben. Die kapitalistische Logik sagt, dass technologischer Fortschritt und gesteigerte Produktivität alte Jobs vernichtet, dafür aber mindestens genauso viele schaffen. Aber die Zeiten sind vorbei.

Sind Sie da sicher?

Ganz sicher. Sehen Sie, ich verdiene einen Teil meines Einkommens damit, die Chefs großer Konzerne zu beraten. Wenn ich die frage, ob sie in Zukunft noch Zehntausende von Mitarbeiter haben werden, dann lachen die laut los. Die Wirtschaftsführer wissen längst, wo die Reise hingeht.

Wohin geht sie denn?

Wir vollziehen gerade einen Wandel hin zu einem Markt, der zum allergrößten Teil ohne menschliche Arbeitskraft funktioniert.
Bis 2010 werden nur noch zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Fabriken gebraucht. Bis 2020 werden es weltweit nur noch zwei Prozent sein.

Das klingt unglaublich.

Nicht unglaublicher, als was wir schon erlebt haben.
Von 1982 bis 2002 stieg die amerikanische Stahlproduktion von 75 auf 102 Millionen Tonnen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Stahlarbeiter von 289.000 auf 74.000 ab. In den 20 größten Volkswirtschaften der Erde sind zwischen 1995 und 2002 mehr als 30 Millionen Arbeitsplätze abgebaut worden. Wohin sie schauen, dasselbe Bild: Die Produktion steigt, die Produktivität steigt, aber die Arbeitsplätze nehmen ab.

Aber was ist mit Service, mit Dienstleistungen, mit hochqualifizierten Jobs?

Die haben längst dasselbe Problem. Die amerikanische Telefongesellschaft Sprint ist seit Jahren dabei, menschliche Vermittler durch Spracherkennungsprogramme zu ersetzen. 2002 sprang die Produktivitätsrate bei Sprint um 15 Prozent nach oben, der Gewinn stieg um 4,3 Prozent, und 11.500 Jobs wurden abgebaut. Die Net-Bank in Australien hat 2,4 Milliarden Dollar Einlagen. Eine herkömmliche Bank dieser Größe hätte um die 2000 Angestellte. Aber die Net-Bank benötigt nur 180 Mitarbeiter.

Wie kann so etwas funktionieren?
Dank Internet, Satellitentechnik und Breitbandleitungen kann die Information heute praktisch mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus rasen. Es gibt da eine nette Formulierung von Paul Saffo vom Institute für die Zukunft in Kalifornien. Er sagt, dass sich das Geschäft in den 80ern darum drehte, dass Menschen mit Menschen reden.

Jetzt geht es um Maschinen, die mit Maschinen reden. Der Mensch wird überflüssig.

Sie beraten doch Regierungen. Was sagen Politiker eigentlich, wenn Sie denen von Ihren Thesen erzählen?

Mit den Politikern ist das so eine Sache. Im Jahr 2000 haben sie die Europäischen Regierungschef getroffen und beschlossen, Europa bis 2010 zum leistungsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Und was ist geschehen? Nicht viel.

Und das liegt daran, dass die Politiker ihnen nicht zugehört haben?

Es liegt daran, dass viele Politiker Europa lieber als Sündenbock missbrauchen, anstatt sich dem Grundproblem zu stellen: Die Arbeit verschwindet. Das will kein Politiker seinen Wählern erzählen.
Statt dessen betet man immer wieder dieselben drei Pseudotheorien herunter.

Drei Pseudotheorien?

Immer dieselben drei, ja. Erstens: Wir verlieren in unserem Land Jobs, weil die bösen Unternehmer Stellen ins Ausland verlagern. Zweitens: Wir haben genug Jobs, die Leute sind nur nicht richtig ausgebildet. Und drittens: Wir haben zu wenig Jobs, weil die Sozialabgaben zu teuer sind. Alle drei Argumente sind absurd.

Wissen Sie, dass genau diese Argumente gerade in Deutschland diskutiert werden?

Natürlich weiß ich das. Ihre Regierung hat mich ja gerade erst wieder zu einem Vortrag eingeladen. Aber der Reihe nach.
Erstens: Die Zahl der Jobs die in Deutschland verschwinden weil sie zum Beispiel nach Osteuropa oder China verlagert wird, ist verschwindend gering. Sie macht gerade mal ein Prozent der abgebauten Stellen aus. Der wirkliche Jobkiller ist der technologische Fortschritt. Aber davon hören Sie von den Politikern kein Wort. Maschinen machen sich als Buhmann eben schlechter als Chinesen oder Polen.

Was ist das zweite Pseudoargument?

Das ist auch so eins für die Wahlreden: Wir müssen die Leute nur richtig ausbilden oder weiterbilden und schon ist das Beschäftigungsproblem gelöst. Nehmen wir mal an, man könnte tatsächlich alle fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland so fortbilden, wie sich die Politiker das vorstellen. Was wäre denn dann? Es gebe immer noch nicht genug Jobs. Die Zeiten der Massenarbeit ist vorbei. Wir werden nie wieder Tausende von Leuten sehen, die aus den Fabriktoren strömen. In Zukunft wird Arbeit etwas für die Eliten sein. Für besondere Aufgaben wird man immer noch die Top-Ärzte, Top-Anwälte oder Top-Designer brauchen. Aber Durchschnittsqualität kann ein Computer oder ein Roboter billiger liefern.

Wo liegt der dritte Fehler?

Ah, die sozialen Systeme. Darüber sprechen Sie hier schon seit Jahren, nicht wahr? Nun, ich will nicht sagen, dass es in Deutschland keinen Reformbedarf gibt. Aber wenn jemand daran denkt, den Weg der USA einzuschlagen, dann kann ich davor nur warnen. Je härter sie die Sozialsysteme beschneiden, desto eher tauchen die Probleme an anderer Stelle wieder auf. Schlechtere Gesundheit, größere Armut, weniger Sicherheit, mehr Kriminalität. Natürlich ist die US-Arbeitslosenquote niedriger als die deutsche. Aber bei uns sitzen allein zwei Millionen Leute in den Gefängnissen. Meinen Sie, das ist keine versteckte Arbeitslosigkeit? Glauben Sie mir, sie sind hier immer noch besser dran.

An den Problemen ändert das aber nichts – und Sie sagen, dass alles noch schlimmer wird. Sehen Sie sich eigentlich als Apokalyptiker?

Weil ich das Ende der Arbeit vorhersage? Nein. Erstens: Ich ziehe nur logische Schlüsse aus Dingen, die ich in der Wirtschaft jeden Tag beobachten kann. Und zweitens: Ich halte das Ende der Arbeit durchaus für eine positive Sache.

Aber was sollen all die Leute denn machen, wenn sie keine Arbeit mehr haben?

Sehen Sie, so verbogen sind wir heute. Ich sage, die Menschen werden für den Produktionsprozess nicht mehr gebracht und Sie fragen, was sie dann bloß machen sollen. Als ob es die Erfüllung des Menschen wäre, Tag für Tag dieselbe stupide Tätigkeit auszuführen.
Dasselbe Blech zu formen oder dieselben Fragen am Telefon zu beantworten. So eng definieren wir uns. Ich sage: Lasst die Maschinen das übernehmen. Aber viele Leute können sich einfach nicht vorstellen, was sie ohne Arbeit anfangen sollen. Das ist traurig.

Entschuldigen Sie, aber die Frage ist doch nicht, was die Menschen mit ihrer freien Zeit anfangen, sondern mit welchem Geld Sie ihre Miete und ihr Essen bezahlen, wenn alle Jobs verschwinden.

Sie haben ja Recht. Also, es gibt verschiedene Ansätze. Besonders wichtig ist der so genannte Nonprofitsektor. Gemeint sind hier Aktivitäten von der Sozialarbeit über die Wissenschaft, Kunst, Religion bis hin zum Sport. In den Niederlanden sind heute bereits 12,6 Prozent aller Vollzeitstellen im Nonprofitsektor angesiedelt. In Deutschland sind es erst 4,9 Prozent. ier gibt es ein Potenzial für Millionen von Arbeitsplätzen.

Aber wie soll dieser Nonprofitsektor finanziert werden?

Durch Steuerumschichtung. 90 Prozent der Regierungseinnahmen weltweit stammen aus der Besteuerung von Arbeit und Kapital. Wir müssen viel stärker zur Besteuerung von natürlichen Ressourcen kommen. Warum sollen sich die Unternehmen einfach frei bedienen? Eine Besteuerung von Ressourcen würde sowohl zur Schonung der Umwelt führen wie zur Senkung von Unternehmensgewinnen. Die Steuereinnahmen könnten dann in den Nonprofitsektor fließen und dort Mehrbeschäftigung stimulieren. Man könnte auch über etwas anderes nachdenken. Wenn Maschinen immer mehr Menschen ersetzen, warum sollte es in Zukunft nicht genau so eine Maschinensteuer geben, wie es heute eine Einkommenssteuer gibt?

Haben Sie noch mehr Anregungen?

In meinem Land gibt es 250 Zeitdollar-Projekte. Es handelt sich dabei um eine Parallelwährung, die ganz auf der Zeit basiert. Für jede Stunde Arbeit erhält man einen Zeitdollar, für den man wiederum Waren oder Dienstleistungen kaufen kann. Die Idee dahinter ist, das in einer sozialen Gemeinschaft jenseits von Gewinnmaximierung die Zeit eines jeden von uns gleich wertvoll ist – sei er nun Arzt, Müllmann oder Taxifahrer.

Und das soll im großen Stil klappen? Das klingt sehr utopisch.

Wir brauchen ja gerade Utopien. Generationen von Ökonomen haben sich damit beschäftigt, die Marktwirtschaft zu analysieren und Vorschläge zu machen, wie sie besser funktionieren könnte. Dabei ist der Mensch aus dem Blickpunkt geraten. Es ist doch so: Die Globalisierung hat versagt.

Warum hat sie versagt?

Weil sie zu viel Geld von unten nach oben verteilt hat. Die 356 reichsten Familien besitzen heute 40 Prozent des Reichtums der Menschheit. Diese Entwicklung führt uns in den Abgrund. Wenn die Unternehmen die Löhne immer weiter drücken, wird irgendwann niemand mehr ihre Produkte kaufen. Das ist so logisch, dass es eigentlich jeder verstehen müsste. Was wir brauchen, ist eine Reglobalisierung, bei der die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund stehen, nicht die Gewinnspannen einer kleinen Minderheit.  zu viel Geld von unten nach oben verteilt hat. Die 356 reichsten Familien besitzen heute 40 Prozent des Reichtums der Menschheit. Diese Entwicklung führt uns in den Abgrund. Wenn die Unternehmen die Löhne immer weiter drücken, wird irgendwann niemand mehr ihre Produkte kaufen.

Das Ende der Arbeit kann für die Menschheit einen großen Sprung nach vorn bedeuten. Wir müssen ihn aber auch wagen.

http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/916564_0_9223_-interview-langfristig-wird-die-arbeit-verschwinden-.html

Christoph Butterwegge: Vorwärts in die Vergangenheit – Gerhard Schröders „Agenda 2010“ – Blaupause für eine unsolidarische Gesellschaft

Christoph Butterwegge

Seit der “Ruck”-Rede, die der damalige Bundespräsident Roman Herzog am 26. April 1997 im Berliner Hotel Adlon hielt, hat wahrscheinlich kein deutscher Politiker mehr so große Wirkung mit Worten erzielt wie Gerhard Schröder, als er vor zehn Jahren, am 14. März 2003, im Bundestag die Regierungserklärung mit dem Namen “Agenda 2010″ abgab.

Während Herzog einen “Reformstau” beklagt und zum Teil sehr blumig mehr Entschlossenheit bei der Stärkung von Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit gefordert hatte, lieferte Schröder nicht bloß eine pointiertere Begründung für den Sozialabbau, sondern benannte vielmehr darüber hinaus ein ganzes Maßnahmenbündel, mit dem dieser bewerkstelligt und zur Mutprobe für rastlose Reformer wie ihn emporstilisiert werden konnte.

Analysiert man die Argumentationsfiguren und die rhetorischen Mittel der kurz vor Beginn des Zweiten Irakkrieges gehaltenen “Agenda”-Rede, fällt auf, dass sie mit der Globalisierung und dem demografischen Wandel die zwei Großen Erzählungen unserer Zeit fortführt. Beide erzwingen, so wird suggeriert, gesellschaftliche und politische Anpassungsmaßnahmen. Hiermit zwangsläufig verbundene Opfer, behauptet Schröder, hätten alle Bevölkerungsgruppen zu bringen. Schon im Titel “Mut zum Frieden und Mut zur Veränderung” klingt die Verklammerung von innenpolitischen Reformen mit Deutschlands Stellung in der Welt an. Auch die beiden Schlüsselbegriffe “Wettbewerbsfähigkeit” (der Volkswirtschaft) sowie “Eigenverantwortung” (der Arbeitnehmer und der Erwerbslosen) sind aufeinander bezogen. Letztere wäre ein würdiges Unwort des Jahres, weil kaschiert wird, dass sich die Gesellschaft und der Staat immer mehr aus ihrer sozialen Verantwortung zurückziehen. Andere neoliberale Modevokabeln wie “Flexibilität”, “Generationengerechtigkeit” und “Entbürokratisierung” finden sich ebenfalls in der “Agenda”-Rede.

Schröder erklärt seine Reformkonzeption für das kleinere Übel, ja für im Grunde alternativlos: “Entweder wir modernisieren, und zwar als soziale Marktwirtschaft, oder wir werden modernisiert, und zwar von den ungebremsten Kräften des Marktes, die das Soziale beiseite drängen würden.” Selbst vor Paradoxien schreckt Schröder nicht zurück, wenn er den “Um-” bzw. Abbau des Sozialstaates nicht bloß für “unabweisbar” erklärt, sondern seine Demontage vielmehr auch noch zu einem in bester Absicht erfolgenden Rettungsmanöver uminterpretiert: “Dabei geht es nicht darum, ihm den Todesstoß zu geben, sondern ausschließlich darum, die Substanz des Sozialstaates zu erhalten.” Unter diesem Vorwand könnte man in einer weltwirtschaftlichen Krisensituation selbst die radikalsten Leistungskürzungen rechtfertigen, ohne Rücksicht auf davon Betroffene nehmen zu müssen.

Hartz IV als Herzstück der Agenda 2010

Schröders “Agenda”-Rede flankierte das für seine Regierung zentrale Gesetzgebungsverfahren zur Reform des Arbeitsmarktes. “Hartz IV” ist neben der “Agend” 2010″ die bekannteste Chiffre für den tiefsten Einschnitt in das deutsche Sozialmodell seit 1945. Während die nach dem damaligen VW-Manager Peter Hartz benannte Kommission “Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt” in ihrem Abschlussbericht die Höhe des geplanten Arbeitslosengeldes II offen gelassen hatte, legte sich Bundeskanzler Schröder in seiner “Agenda”-Rede erstmals fest. Er sagte, man müsse die Zuständigkeiten und Leistungen für Erwerbslose in einer Hand vereinigen, um die Chancen derjenigen zu erhöhen, die nicht nur arbeiten könnten, sondern auch wirklich wollten: “Das ist der Grund, warum wir die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenlegen werden, und zwar einheitlich auf einer Höhe – auch das gilt es auszusprechen –, die in der Regel dem Niveau der Sozialhilfe entsprechen wird.” Hiermit schob der Bundeskanzler den Erwerbslosen die Schuld an ihrem Schicksal zu und machte sich offenbar die Stammtischweisheit zu Eigen, wonach man die Arbeitslosenunterstützung nur auf das soziokulturelle Existenzminimum senken muss, um die Betroffenen zur Annahme einer Stelle zu zwingen. Gleichzeitig brach er das Wahlversprechen der SPD, die Arbeitslosenunterstützung nicht auf die Höhe der Fürsorgeleistung herabzudrücken.

Die von Schröder in seiner “Agenda”-Rede hoffähig gemachte Sprachregelung, es handle sich bei Hartz IV um eine “Zusammenlegung” von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, ist verharmlosend, beschönigend und beschwichtigend. Mit der Arbeitslosenhilfe wurde nämlich zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eine für Millionen Menschen existenziell wichtige Sozialleistung abgeschafft. Das als Ersatz eingeführte Arbeitslosengeld II orientiert sich nicht mehr am früheren Nettoverdienst eines Langzeitarbeitslosen, sondern lässt selbst Facharbeiter und Ingenieure, die nicht sofort eine neue Stelle finden, nach einer kurzen Schonfrist auf das Fürsorgeniveau abstürzen.

Armut, in der Bundesrepublik lange Zeit eher ein Rand(gruppen)phänomen, drang durch Hartz IV zur gesellschaftlichen Mitte vor, weil dieses Gesetz mit dem Prinzip der Lebensstandardsicherung brach, das den deutschen Sozialstaat bis dahin ausgezeichnet hatte. Die teils drastischen Leistungskürzungen sowie verschärfte Zumutbarkeitsklauseln nötigen Menschen, ihre Arbeitskraft zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Was Gerhard Schröder euphemistisch als “gesellschaftliche Modernisierung” bezeichnete, lief auf einen Rückfall in mittelalterliche Frondienste (Einführung der sog. 1-Euro-Jobs) und eine Refeudalisierung der Arbeitswelt (Lockerung des Kündigungsschutzes und Liberalisierung der Leiharbeit als moderner Form der Sklaverei) hinaus. Fast unerträglicher Leistungsdruck, Terminhetze und Dauerstress, die heute an der Tagesordnung sind, machen viele Menschen krank, sind aber nicht vom Himmel gefallen, sondern durch die Hartz-Gesetze mit herbeigeführt worden.

Wer glaubt, das Konzept der Agenda 2010 sei überholt, irrt gewaltig. Heute wird es den Ländern im Euro-Raum, die am schwersten von der Banken-, Währungs- und Schuldenkrise betroffen sind, als wirtschafts-, arbeitsmarkt- und finanzpolitisches Patentrezept empfohlen oder per “Fiskalpakt” oktroyiert. Ebenso wie die Absenkung des Rentenniveaus à la Riester (Teilprivatisierung der Altersvorsorge), Rürup (Einführung des “Nachhaltigkeitsfaktors”) und Müntefering (Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch Erhöhung des Renteneintrittsalters) sind Leistungskürzungen im Gesundheitswesen und Lohndumping à la Hartz zu Exportschlagern der Bundesregierung geworden.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, 62, lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Zuletzt ist eine überarbeitete und erweiterte Auflage seines Buches „Krise und Zukunft des Sozialstaates“ bei Springer VS erschienen.

http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/2013/03/13/christoph-butterwegge-vorwarts-in-die-vergangenheit-%E2%80%93-gerhard-schroders-%E2%80%9Eagenda-2010%E2%80%9C-%E2%80%93-blaupause-fur-eine-unsolidarische-gesellschaft/

 Wirtschafts- und Sozialpolitik

Gerhard Schröders Agenda 2010

Zehn Jahre unsoziale Politik. Von Christoph Butterwegge. Reihe «Analysen».

Rund um das 10. Agenda-2010-Jubiläum ist eine richtige Schlacht um die Deutungshoheit im Hinblick darauf entbrannt, ob die Agenda-Politik ein Segen für Deutschland und seinen Arbeitsmarkt oder ein umfassendes Regierungsprogramm zur Pauperisierung, Prekarisierung und sozialen Polarisierung war. Die sozialdemokratischen Hauptrepräsentanten der Agenda 2010, etwa Gerhard Schröder, von manchen als «Gazprom-Gerd» verhöhnt, und Wolfgang Clement, mittlerweile zum FDP-Wahlkämpfer herabgesunken, tourten quer durch die Bundesrepublik und deren Medienlandschaft, um sich dafür selbst zu loben und ihre angeblichen Erfolge im Rahmen des Agenda-2010-Jubiläums noch einmal gemeinsam mit den mächtigsten und feinsten Kreisen der Gesellschaft, die von ihren Reformen teilweise in barer Münze profitiert haben, zu feiern.

Um die Agenda 2010 fundierter als ihre unkritischen Gratulanten beurteilen zu können, muss man ihre Entstehungsgeschichte, ihre zentralen Inhalte und ihre Auswirkungen daraufhin untersuchen, welche Ziele damit verfolgt und wessen Interessen bedient wurden, was im Folgenden geschehen soll.

Inhalt:

  • Gerhard Schröders Agenda 2010
  • Hintergrund und Entstehungszusammenhang der Agenda 2010
  • Aussagen und Argumentationslinien der Agenda-Rede
  • Die rot-grüne Arbeitsmarktreform als Kern der Agenda 2010
  • Auf dem Weg zum Fürsorge-, Almosen- und Suppenküchenstaat
  • Gesundheits-, Renten- und Steuerreformen
  • Die verheerenden Folgen der Reformagenda

Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Zuletzt sind seine Bücher «Armut in einem reichen Land», «Krise und Zukunft des Sozialstaates» und «Armut im Alter» erschienen.