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Emanzipation von der notwendigen Arbeit und der Schaffung von Raum für die freie Entwicklung aller

Konflikt um Rohstoffausbeutung in Australien

Fluch und Segen

International Heute, 12:00

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Das bereits fertiggestellte LNG-Projekt «Pluto» von Woodside in der Pilbara (in der Nähe von Karratha), Westaustralien.
Das bereits fertiggestellte LNG-Projekt «Pluto» von Woodside in der Pilbara (in der Nähe von Karratha), Westaustralien. (Bild: Simon Tanner / NZZ)
Die Pläne für ein gigantisches Gasprojekt in der Region Kimberley sind vorerst vom Tisch. Darüber sind viele Aktivisten glücklich. Doch der Konflikt zwischen der Rohstoffindustrie und Ureinwohnern verläuft nicht mehr entlang klarer Linien.
Heidi Gmür, Broome

Hin und wieder beugt sich einer der Männer nach vorne, streckt die Hand aus, öffnet den Deckel der Kühlbox und holt ein Bier heraus. Sie sitzen vor einem einfachen Haus, zehn Kilometer nördlich von Broome, im Busch hinter den Dünen. Ein Mangobaum spendet Schatten. Links sitzt Brian Roe, in der Mitte sein Onkel John, der die Bierflasche routiniert mit den Zähnen öffnet, und rechts ein junger Mann. Er lässt sich «Craig» nennen, ein «white fella», der seit Jahren hier lebt und dessen Haut von der intensiven Sonne im Norden Westaustraliens inzwischen fast so dunkel ist wie jene der Roes.

«Looking after country»

Westaustralien feiert den Tag der Arbeit. «Ein Tag zum Biertrinken», sagt der 34-jährige Brian Roe lachend. Die Roes haben sich einen Namen in ganz Australien gemacht. Sie gehören zum Goolarabooloo-Clan, der seit Jahren gegen den Bau einer Flüssiggasanlage des australischen Öl- und Gaskonzerns Woodside kämpft. Eine gigantische Anlage sollte es werden, eine der grössten der Welt. Das Gas lagert in einem Reservoir ein paar hundert Kilometer weit vor der Küste Broomes, dem Hauptort der Region Kimberley, in 20 bis 2000 Metern Tiefe, im sogenannten Browse Basin. Mit Pipelines sollte es in die Anlage an der Küste gepumpt, gereinigt, verflüssigt und schliesslich verschifft werden.

Während der Konstruktionsphase an Land hätte das Projekt, dessen Kosten auf über 40 Milliarden Franken geschätzt werden, zeitweise bis zu 6000 Personen beschäftigt – und dies bei einer Bevölkerung von rund 30 000 Personen im Kimberley, einer Region, die flächenmässig fast so gross ist wie Schweden. Über ein Drittel der Bewohner sind Aborigines.

BILDSTRECKE

Blick auf das Gebiet des «James Price Point», wo der australische Öl- und Gaskonzern «Woodside» die Anlage hat bauen wollen. Die Küste ist schroff, der Fels leuchtend rot.
Blick auf das Gebiet des «James Price Point», wo der australische Öl- und Gaskonzern «Woodside» die Anlage hat bauen wollen. Die Küste ist schroff, der Fels leuchtend rot. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Doch das Projekt wird es in dieser Form nie geben. Woodside hat im April, nach Jahren der Evaluation und Planung, die Notbremse gezogen. Als Grund gab das Unternehmen die Kostenexplosion an, es wäre wirtschaftlich nicht mehr durchführbar; jetzt sucht es nach günstigeren Alternativen. Die Goolarabooloo jubilierten. «Wir haben gewonnen, das Projekt ist tot», schrieben sie. Nun könnten sie weiterhin Sorge tragen zu diesem Land. «Looking after country» – so, wie es ihre Vorfahren während Tausenden von Jahren getan hatten und wie es ihnen übertragen worden war.

«Dieses Projekt», hatte Brian Roe unter dem Mangobaum gesagt, «wäre ein Todesstoss direkt in unser Herz.» Es wäre laut ihm, wie wenn man eine Schlange in zwei Stücke zerhacken würde. Er spielt damit auf die «Songline» an, den «Traumpfad», der Orte mit Liedern verbindet, anhand deren die Gesetze der Aborigines seit Urzeiten von Generation zu Generation weitergegeben werden. James Price Point, dort, wo Woodside die Anlage hätte bauen wollen, ein Ort, der den Aborigines einst als Grabstätte gedient hatte, ist Teil dieser «Songline». «Wenn wir diesen Ort verlieren», sagte Roe, «verlieren wir mit ihm unser Gesetz und unsere Kultur.»

Millionen werden Makulatur

Eine breite, holprige Sandstrasse führt zum James Price Point, 60 Kilometer nördlich von Broome. In den Tagen zuvor hatte der Zyklon «Rusty» Regen gebracht, der sich auf der Strasse zu kleinen Seen gesammelt hat. Man fährt vorbei an Termitenhügeln, einem Wetterturm, den Woodside erstellen liess, am Camp der Umweltaktivisten, die an der Seite der Goolarabooloo gegen das Projekt kämpfen – und steht schliesslich auf einem Felsvorsprung hoch über dem Wasser. Die Küste ist schroff, der Fels leuchtet rot, seine Sedimente färben das Meer bis weit hinaus, am Horizont schimmert es türkisblau. Landeinwärts so weit das Auge reicht unberührtes grünes Buschland. Für die Goolarabooloo ist dies ein magischer Ort. «Sie werden wissen, wovon wir reden, wenn Sie den Ort sehen», hatte Roe gesagt.

Der liberale Premier von Westaustralien, Colin Barnett, der sich all die Jahre vehement für das Grossprojekt eingesetzt und – in den Augen auch von Befürwortern – bisweilen unnötig viel Druck aufgesetzt hatte, nannte James Price Point einmal einen «nicht weiter bemerkenswerten» Küstenstrich. Damit trug er nicht zur Beruhigung der ohnehin aufgebrachten Gemüter bei. Die Kontroverse in Broome lässt sich allerdings nicht auf einen Kampf «mächtige Weisse gegen unterdrückte Ureinwohner» reduzieren. Es gab auch etliche Aborigines, die grosse Hoffnungen in das Gasprojekt gesetzt hatten. Sie sahen darin eine Chance auf ein besseres Leben für ihr Volk – auf Jobs, auf Unabhängigkeit, einen Weg aus der Armut.

Als Woodside Mitte April bekanntgab, aus Kostengründen auf das Projekt zu verzichten, herrschte daher nicht nur im westaustralischen Regierungssitz in Perth Katerstimmung. Mit Tränen in den Augen habe, so berichteten Zeitungen, die 78-jährige Rita Augustine, eine Elder des Jabirr-Jabirr-Volkes, auf die Neuigkeit reagiert. Sie sei enttäuscht und traurig, fühle sich im Stich gelassen von Woodside, von den Umweltaktivisten und von den eigenen Leuten. Augustine war eine der Traditional Owners, die 2011 ein Abkommen mit Woodside und der westaustralischen Regierung zur Nutzung einer Fläche von 2500 Hektaren beim James Price Point unterzeichnet hatten – es hätte Entschädigungen an die Ureinwohner des Kimberley im Wert von 1,5 Milliarden Franken während 30 Jahren vorgesehen. Nun ist das Abkommen grösstenteils Makulatur. Das Gasprojekt bei Broome ist nur das jüngste Beispiel für das nach wie vor gespannte Verhältnis von Rohstoffindustrie und Ureinwohnern in Australien. Seit Jahrzehnten ist die Entwicklung von Grossprojekten in abgelegenen Winkeln Australiens immer wieder von Konflikten begleitet. Vor zwanzig Jahren trat der Native Title Act in Kraft, ein Gesetz, das Aborigines und Torres Strait Islander erstmals gewisse traditionelle Landrechte zugestand und die Bergbauunternehmen an den Verhandlungstisch zwang. Davor hatte in Australien die Doktrin der Terra Nullius gegolten. Sie war 1835 von der britischen Krone proklamiert worden und besagt, dass das Land vor der Besiedlung durch die Europäer unbewohnt war.

Die nachhaltige Kränkung

Die Landrechtsbewegung ausgelöst hatte in den sechziger Jahren der Konflikt um eine Bauxitmine der Firma Nabalco, die sich mehrheitlich im Besitz des damaligen Schweizer Unternehmens Alusuisse befand. Die australische Regierung hatte Nabalco die Rechte zur Förderung des Aluminiumerzes in den Northern Territories ohne vorherige Konsultation der Ureinwohner verkauft und den Bau einer Tonerdefabrik bewilligt. Erstmals machten die Ureinwohner daraufhin ihren traditionellen Besitzanspruch juristisch geltend. 1971 verloren sie vor Gericht, zwei Jahre später fuhren die Maschinen der Nabalco vor.

Die renommierte indigene Professorin Marcia Langton, die den Lehrstuhl für Australian Indigenous Studies an der Universität Melbourne innehat, bezeichnete den damaligen Gerichtsentscheid im Rahmen einer öffentlichen Vorlesungsreihe unlängst als Tragödie. Im konkreten Fall hatte das Urteil die Zerstörung der Landschaft und heiliger Stätten zur Folge, was die Traditionen und Gesetze des nunmehr im eigenen Land marginalisierten Yolngu-Volkes noch immer diskreditiert. Langton nennt es eine «Kränkung, die nie vergessen wurde». Mit der Mine kam aber auch der Alkohol – und schliesslich sei, sagte Langton, ein neues Phänomen aufgetreten: Armut. Erst 1992 hob ein Gericht die Doktrin der Terra Nullius auf. «Alkohol ist verboten in dieser Gemeinschaft» – das Verbotsschild steht gut sichtbar vor einer Siedlung mit heruntergekommenen Häusern in Broome. Es ist das Mallingbar Town Reserve, ein Art Ghetto, unmittelbar hinter dem gepflegten Zentrum des Touristen- und Perlenstädtchens. Gleich gegenüber stehen neue, moderne Mehrfamilienhäuser. Aus einem der Häuser im Town Reserve dröhnt die Stimme von Mariah Carey. Zwischen den Häusern liegen Abfall und Flaschen herum, ein Einkaufswagen ist bis oben gefüllt mit leeren Bierdosen. Eine Frau, die zu Besuch bei ihrer Nichte ist, zeigt auf die verlotterten Gebäude: «Hier wird nichts renoviert.» Es sei, sagt sie, wie in der dritten Welt, mitten in Australien.

Die soziale Kluft zwischen weissen Australiern und Aborigines ist nach wie vor gross. Noch heute leben indigene Männer im Schnitt 11,5 Jahre weniger lang als die übrigen Australier, bei Frauen beträgt die Differenz knapp zehn Jahre. Viele Gemeinschaften sind in einem Teufelskreis von Ohnmachtsgefühlen, Arbeitslosigkeit, Alkoholmissbrauch und Gewalt gefangen, und die Suizidrate der Aborigines ist doppelt so hoch wie bei der restlichen Bevölkerung. Die Ureinwohner in der Region Kimberley gehören laut einem Bericht der Australian National University zu den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten im ganzen Land.

«Das Geld ist der Grund»

Das positive Potenzial von Rohstoffprojekten für Ureinwohner ist umstritten. Sie stellen massive Eingriffe dar, bieten zugleich aber geografisch isolierten Gemeinden oft auch die einzige Möglichkeit zur sozialen und wirtschaftlichen Partizipation als Ausweg aus der Wohlfahrtsabhängigkeit. Professorin Langton beurteilt den Wandel, der in den vergangenen zwanzig Jahren dank dem «Native Title Act» stattgefunden hat, insgesamt positiv. Sie verweist dabei unter anderem auf die Argyle-Diamantenmine des anglo-australischen Rohstoffkonzerns Rio Tinto im Osten des Kimberley, etwa 1000 Autokilometer von Broome entfernt. Hatten hier im Jahr 2000 nur gerade vier Ureinwohner für die Mine gearbeitet, stellen sie heute einen Viertel der insgesamt rund 500 Angestellten. Der Wandel kam mit einem neuen, umfassenden Abkommen, das Rio Tinto und die Traditional Owners 2004 abgeschlossen haben. Es ersetzte eine äusserst dürftige Vereinbarung aus den achtziger Jahren.

Das Abkommen, das die Traditional Owners von James Price Point mit Woodside und der westaustralischen Regierung ausgehandelt hatten, galt mit einem geschätzten Wert von rund 1,5 Milliarden Franken als eines der umfangreichsten, das im Rahmen der Native Title Act je verhandelt wurde. Es umfasste Kompensationszahlungen des Unternehmens und des Gliedstaates an die Traditional Owners sowie Millioneninvestitionen in die Bildung, das Gesundheitswesen, in Wohnungen und wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für die gesamte indigene Bevölkerung des Kimberley. Woodside hatte sich ausserdem zur Einstellung von 300 Aborigines während der Konstruktionsphase der Anlage verpflichtet.

Nach der Meinung der Jabirr-Jabirr-Elder Rita Augustine wären das Investitionen gewesen, die Leben hätten retten können. In einem offenen Brief warf sie im August 2012 Bob Brown, dem früheren Präsidenten der Grünen und prominenten Gegner des Projekts, letztlich vor, sich mehr um das Wohlbefinden der Wale und die Fussabdrücke von Dinosauriern bei James Price Point zu kümmern als um das Schicksal der Ureinwohner. Den naheliegenden Einwand, dass es Aufgabe des Staates wäre, die Grundversorgung der Ureinwohner sicherzustellen, nahm sie im Brief vorweg: «Schauen Sie, was in den letzten 200 Jahren passiert ist, und sagen Sie mir, ob es funktioniert hat.»

In Broome, wenige Meter vom Mallingbar Town Reserve entfernt, liegt eine Beratungsstelle für Aborigines, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Hier arbeitet Patrick George, ein Enkel von Rita Augustine – und er widerspricht seiner Grossmutter dezidiert. Ein derart gigantisches Projekt, sagt der 27-Jährige, würde letztlich zur weiteren Verelendung der Ureinwohner beitragen: Tausende Arbeiter aus aller Welt würden eingeflogen, Bordelle eröffnet, der Alkohol- und Drogenkonsum würde zunehmen und mit ihm die häusliche Gewalt. Natürlich würde das Projekt auch Arbeitsplätze bringen – aber es sei ja nicht so, sagt er, dass es in Broome nicht jetzt schon Jobs gäbe. Arbeit sei nicht der Grund, weshalb viele Ureinwohner, auch in seiner Familie, das Projekt wollten. Das Geld sei der Grund. «Sie können es kaum erwarten, ein neues Haus oder ein neues Auto zu kaufen», sagt er – aber welchen Anreiz hätten sie dann noch, Arbeit zu suchen, sich ein Leben aufzubauen, sich selber zu helfen?

Das Recht auf Fehler

Die kontroverse Beurteilung innerhalb der Traditional Owners hatte auch den Kimberley Land Council (KLC) in eine delikate Position gebracht. Er hatte die vierjährigen Verhandlungen mit Woodside und der westaustralischen Regierung geführt und sah sich insbesondere seitens der Goolarabooloo scharfer Kritik ausgesetzt. Zu Unrecht, glaubt Nolan Hunter, CEO des KLC. Er betont, dass das Konsultationsverfahren sehr sorgfältig und umfassend gewesen sei. Im Mai 2011 hatte schliesslich eine Mehrheit der anwesenden Traditional Owners mit 164 gegen 108 Stimmen den Deal gutgeheissen. «Ein sehr deutliches Resultat», sagt Hunter. Ob es ein guter oder schlechter Entscheid war, das sei, sagt Hunter, letztlich nicht der zentrale Punkt. Viel entscheidender sei, dass die Ureinwohner überhaupt ein Mitspracherecht gehabt hätten. Die Möglichkeit, selber über ihr Leben zu bestimmen – und auch die Konsequenzen zu tragen. Schliesslich hätten auch Aborigines das Recht, Fehler zu machen.

Mängel im Gesetz

1993 hatte das australische Parlament den «Native Title Act» verabschiedet. Es war ein historischer Sieg für die Ureinwohner, denn das Gesetz gesteht den australischen Ureinwohnern seit 1994 erstmals gewisse traditionelle Landrechte zu. Staat und Private setzten sich seither an den Verhandlungstisch, wenn sie Land nutzen wollen, das mit einem «Native Title» belegt ist.

In der Praxis zeigen sich allerdings auch die Schwächen des Gesetzes. Nicht nur dauern die juristischen Verfahren zur Anerkennung von Landansprüchen der Ureinwohner mitunter Jahre, sie führen immer wieder auch zu Konflikten innerhalb der indigenen Gemeinschaften. Die Ereignisse im westaustralischen Broome sind dafür nur das jüngste Beispiel. Mick Gooda von der Australischen Menschenrechtskommission bezeichnet dieses Phänomen als «laterale Gewalt». Solche Konflikt könnten die einzigartige Chance unterminieren, die das Gesetz den Ureinwohnern biete, die Benachteiligungen zu überwinden, sagt er.

Kritiker sehen die Ureinwohner zudem in einer schwächeren Position in den Verhandlungen mit Privaten oder dem Staat. Die Verhandlungen müssen zwar nach dem Grundsatz von Treu und Glauben geführt werden, ein Veto haben die Ureinwohner aber nicht. Scheitern die Verhandlungen, entscheidet ein Schiedsgericht. Seit dem Jahr 2000 sind gemäss Zahlen der Rohstoffindustrie die Verhandlungen in weniger als 2 Prozent der Fälle gescheitert. In 31 Fällen wurde dabei ein Verstoss gegen den Grundsatz von Treu und Glauben geltend gemacht; in nur 10 Prozent dieser Fälle wurde zugunsten der Ureinwohner entschieden.

Für Vertreter der Rohstoffindustrie sind diese tiefen Fallzahlen der Beweis, dass das System funktioniert. Für die Kritiker hingegen sind sie Ausdruck davon, dass die Ureinwohner letztlich keine andere Wahl hätten, als mit der Gegenpartei ein Abkommen auszuhandeln, zumal sie im Schiedsverfahren mit grosser Wahrscheinlichkeit unterlägen. Das Parlament berät derzeit eine Gesetzesrevision, mit der einige der Mängel behoben werden sollen.

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Freizeit

Es versteht sich von selbst, dass die Arbeitszeit … Basis der frei verfügbaren Zeit (ist) … K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 253.

Arbeitszeit … bleibt immer die schaffende Substanz des Reichtums und das Maß des Aufwandes, der seine Produktion verlangt. Aber freie Zeit, verfügbare Zeit, ist der Reichtum selbst teils zum Genuss der Produkte, teils zur freien Tätigkeit, die nicht wie die Arbeit durch den Zwang eines äußeren Zwecks bestimmt ist, der erfüllt werden muss … K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 253.

 

1. Die Kapitalisten verwandeln möglichst alle Lebenszeit der Lohnarbeiter in Arbeitszeit

Tatsache ist, dass der Mensch nicht seine ganze Zeit braucht zur Produktion seiner Lebensbedürfnisse, dass er über die zum Lebensunterhalt notwendige Arbeitszeit hinaus freie Zeit zur Verfügung hat, also auch zur Mehrarbeit anwenden kann. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 535.

Aber: Es ist keineswegs der Entwicklungsgang der Gesellschaft, dass, weil ein Individuum seine Not befriedigt hat, es nun seinen Überfluss schafft; sondern weil ein Individuum oder eine Klasse von Individuen gezwungen wird, mehr zu arbeiten als zur Befriedigung seiner Not nötig weil Mehrarbeit auf der einen Seite geschaffen wird wird Nichtarbeit und Überflussreichtum auf der anderen geschaffen.

Der Wirklichkeit nach existiert die Entwicklung des Reichtums nur in diesen Gegensätzen. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 305 Anm.

In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 552.

Die Schöpfung von viel freier Zeit außer der notwendigen Arbeitszeit für die Gesellschaft überhaupt und jedes Glied derselben … diese Schöpfung von Nicht-Arbeitszeit erscheint auf dem Standpunkt des Kapitals, wie aller früheren Stufen, als Nicht-Arbeitszeit, freie Zeit für einige. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 595.

Der Arbeiter braucht nur einen halben Arbeitstag z. B. zu arbeiten, um einen ganzen zu leben; … Der Kapitalist, indem er … den ganzen Arbeitstag sich aneignet, … schafft so den Mehrwert seines Kapitals im vorausgesetzten Fall einen halben Tag vergegenständlichte Arbeit. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 239.

Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten, dem Ar­beiter, abgepresst wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformatio­nen, z. B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 231.

Die Summe der notwendigen Arbeit und der Mehrarbeit, der Zeitabschnitte, worin der Arbeiter den Ersatzwert seiner Arbeitskraft und den Mehrwert produ­ziert, bildet die absolute Größe seiner Arbeitszeit den Arbeitstag (…). K. Marx, Kapital I, MEW 23, 244.

Der Arbeitstag ist also keine konstante, sondern eine variable Größe. Einer sei­ner Teile ist zwar bestimmt durch die zur beständigen Reproduktion des Arbeiters selbst nötige Arbeitszeit, aber seine Gesamtgröße wechselt mit der Länge oder Dauer der Mehrarbeit. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 246.

Obgleich nun der Arbeitstag keine feste, sondern eine fließende Größe ist, kann er andererseits nur innerhalb gewisser Schranken variieren. Seine Minimal­schranke ist jedoch unbestimmbar. Allerdings, setzen wir die … Mehrarbeit … = 0, so erhalten wir eine Minimalschranke, nämlich den Teil des Tags, den der Ar­beiter notwendig zu seiner Selbsterhaltung arbeiten muss.

Auf Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise kann die notwendige Arbeit aber immer nur einen Teil seines Arbeitstages bilden, der Arbeitstag sich also nie auf dies Minimum verkürzen. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 246.

Dagegen besitzt der Arbeitstag eine Maximalschranke. Er ist über eine gewisse Grenze hinaus nicht verlängerbar. Diese Maximalschranke ist doppelt bestimmt. Einmal durch die physische Schranke der Arbeitskraft. Ein Mensch kann während des natürlichen Tags von 24 Stunden nur eine bestimmte Menge Lebenskraft verausgaben. … Während eines Teils des Tags muss die Kraft ruhen, schlafen, während eines anderen Teils hat der Mensch andere physische Bedürfnisse zu be­friedigen, sich zu nähren, reinigen, kleiden usw.

Außer dieser rein physischen Schranke stößt die Verlängerung des Arbeitstags auf moralische Schranken. Der Arbeiter braucht Zeit zur Befriedigung geistiger und sozialer Bedürfnisse, deren Umfang und Zahl durch den allgemeinen Kultur­zustand bestimmt sind.

Die Variation des Arbeitstags bewegt sich daher innerhalb physischer und sozia­ler Schranken. Beide Schranken sind aber sehr elastischer Natur und erlauben den größten Spielraum. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 246f.

Der Kapitalist beruft sich … auf das Gesetz des Warenaustausches. Er, wie jeder andere Käufer, sucht den größtmöglichen Nutzen aus dem Gebrauchswert seiner Ware herauszuschlagen. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 247.

Der Kapitalist behauptet sein Recht als Käufer, wenn er den Arbeitstag so lang als möglich und womöglich aus einem Arbeitstag zwei zu machen sucht.

Andererseits schließt die spezifische Natur der verkauften Ware eine Schranke ih­res Konsums durch den Käufer ein, und der Arbeiter behauptet sein Recht als Verkäufer, wenn er den Arbeitstag auf eine bestimmte Normalgröße beschränken will.

Es findet hier also ein unversöhnlicher Gegensatz statt, Recht wider Recht, beide gleichmäßig durch das Gesetz des Warenaustausches besiegelt. Zwischen glei­chen Rechten entscheidet die Gewalt.

Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion die Normie­rung des Arbeitstags als Kampf um die Schranken des Arbeitstags dar ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d. h. der Klasse der Kapitalisten, und dem Gesamtarbeiter, oder der Arbeiterklasse. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 249.

 

2. Arbeitsproduktivität und Arbeitszeit

Es liegt in der Natur des Kapitals, einen Teil der Arbeiterbevölkerung zu überarbeiten und einen anderen (durch Arbeitslosigkeit) zu verarmen. K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 300.

Durch Anwendung arbeitssparender Technologie wird in der Tat die Menge zur Produktion eines gewissen Gegenstandes nötige Arbeit auf ein Minimum reduziert, aber nur, damit ein Maximum von Arbeit in dem Maximum solcher Gegenstände verwertet werde.

Die erste Seite ist wichtig, weil das Kapital hier ganz unabsichtlich die menschliche Arbeit auf ein Minimum reduziert, die Kraftausgabe. Dies wird der emanzipierten Arbeit zugute kommen und ist die Bedingung ihrer Emanzipation. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 589.

Das Kapital … ist so… Instrument zur Schaffung der Möglichkeiten von gesellschaftlich verfügbarer Zeit, um die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzieren, und so die Zeit aller frei für ihre eigene Entwicklung zu machen.

Seine Tendenz ist aber immer, einerseits verfügbare Zeit zu schaffen, andererseits diese in Mehrwertproduktion zu verwandeln. Gelingt ihm das … zu gut, so leidet es an Überproduktion und dann wird die notwendige Arbeit unterbrochen, weil keine Mehrarbeit vom Kapital verwertet werden kann.

Je mehr dieser Widerspruch sich entwickelt, umso mehr stellt sich heraus, dass das Wachstum der Produktivkräfte nicht mehr gebannt sein kann an die Aneignung fremder Mehrarbeit, sondern die Arbeitermasse selbst ihre Mehrarbeit sich aneignen muss. Hat sie das getan, und hört damit die verfügbare Zeit auf, gegensätzliche Existenz zu haben so wird einerseits die notwendige Arbeitszeit ihr Maß an den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Individuums haben, andererseits die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft so rasch wachsen, dass… die verfügbare Zeit aller wächst. Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die verfügbare Zeit das Maß des Reichtums. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 595f.

 

3. In einer selbstverwalteten Wirtschaft selbstbestimmter Individuen kann die Arbeitszeit maximal verkürzt werden

Maximale Verkürzung der Arbeitszeit erfordert sowohl Steigerung der Produktivität als auch Verteilung der Arbeit auf alle Arbeitsfähigen.

Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, dass für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft theoretischen wie praktischen zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Entwicklung geworden … F. Engels, Anti-Dühring, MEW 20, 169.

Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt, den Arbeitstag auf die notwendige Arbeit zu beschränken. Jedoch würde die letztere, unter sonst gleich bleibenden Umständen, ihren Raum ausdehnen. Einerseits weil die Lebens­bedingungen des Arbeiters reicher und seine Lebensansprüche größer. Anderer­seits würde ein Teil der jetzigen Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit zählen, näm­lich die zur Erzielung eines gesellschaftlichen Reserve- und Akkumulationsfonds nötige Arbeit. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 552.

Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produk­tion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags umso kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftlicher Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also umso größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Ge­sellschaft verteilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschicht die Naturnotwen­digkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer anderen Schicht zuwälzen kann.

Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. K. Marx, Kapital I, MEW 23, 552.

Wenn alle arbeiten müssen, der Gegensatz von Überarbeiteten und Müßiggängern wegfällt und dies wäre jedenfalls die Konsequenz davon, dass das Kapital aufhörte zu existieren, … und außerdem die Entwicklung der Produktivkräfte, wie das Kapital sie hervorgebracht hat, in Betracht gezogen wird, so wird die Gesellschaft den nötigen Überfluss in 6 Stunden produzieren, mehr als jetzt in 12, und zugleich werden alle 6 Stunden Freizeit, den wahren Reichtum haben; Zeit, die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, sondern zum Genuss, zur Muße, so dass sie zur freien Tätigkeit und Entwicklung Raum gibt. K. Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 252.

Seitdem Karl Marx diese Gedanken niedergeschrieben hat, ist die Arbeitsproduktivität unter der Kapitalherrschaft um rund das 30fache gesteigert worden. Wären wir selbst Herr über unsere Arbeitszeit und wären wir mit dem Lebensstandard von 1850 zufrieden , dann müsste jeder von uns rund zwei Stunden in der Woche arbeiten.

Die wirkliche Ökonomie Ersparung besteht in Ersparung von Arbeitszeit; …

diese Ersparung ist aber identisch mit Entwicklung der Produktivkraft.

Also keineswegs Entsagen vom Genuss, sondern Entwickeln von … Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten, wie der Mittel des Genusses. Die Fähigkeit des Genusses ist Bedingung für die Entwicklung der Fähigkeit zur Produktion 

Die Ersparung von Arbeitszeit ist gleich Vermehren der freien Zeit, d. h. Zeit für die volle Entwicklung des Individuums…

Die freie Zeit die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit ist hat ihren Besitzer natürlich in ein anderes Subjekt verwandelt und als dies andere Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozess. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 599.

Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher … die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordene Zeit und geschaffenen Mittel entspricht. K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 593.

Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Er­weite­rung ihres Reproduktionsprozesses hängt … nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reich­haltigen Produktions­bedingungen, worin sie sich vollzieht.

Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sa­che nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.

Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktions­weisen.

Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnot-wendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern, aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoff­wechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen.

Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit.

Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbst­zweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Not­wendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung. K. Marx, Kapital III, MEW 25, 828.

Siehe auch die Artikel:

Arbeitszeit

Arbeitsproduktivität

http://www.marx-forum.de/marx-lexikon/lexikon_f/freizeit.html

Zum Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bei Marx und heute

Vortrag in der Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin am 13. März 2008

. . . Damit hat sich die von Marx konstatierte Beziehung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ins Gegenteil verkehrt. . .

Die Wahl dieses Themas ergab sich daraus, dass aus dem Verhältnis dieser beiden Faktoren von Marx einige Schlussfolgerungen gezogen wurden, die m. E. heute auf ihren Bestand hin zu prüfen sind.

Erstens bestimmen die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse in ihrer Einheit den Charakter der jeweiligen Produktionsweise. Im „Kapital“ brachte Marx dies auf die bekannte Formel: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“

Im Kommunistischen Manifest heißt es:
„Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprechen … die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion statt sie zu fördern. Sie mussten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.“ 1

Damit ging Marx dazu über, aus der Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ihren Widerspruch zu entwickeln. Am ausdrucksvollsten ist dies wohl formuliert im Vorwort von „Zur Kritik der politischen Ökonomie“: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen … Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ 2 Dieser Kerngedanke kehrt in vielen Schriften von Marx und Engels wieder.

Aber damit entsteht sogleich die entscheidende Frage: Wann erreicht denn dieser Widerspruch zwischen Produktivkräften und den Eigentumsverhältnissen diesen Höhepunkt, wo die Fesseln gesprengt werden müssen und können? – Wann ist diese „gewisse Stufe“ erreicht, wo eine Epoche „sozialer Revolution“ eintritt? Woran erkennt man diese erreichte Notwendigkeit und Möglichkeit ?

Marx und Engels haben diesen Zeitpunkt so beschrieben: „Die Produktivkräfte die ihr (der Bourgeoisie) zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Zivilisation und der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse … sie gefährden die Existenz des bürgerlichen Eigentums.“ 3 Oder: „Es tritt hiermit offen hervor, dass die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben …“ 4 Oder weil ,,… die kapitalistische Produktionsweise ihrem Wesen nach über einen gewissen Punkt hinaus jede rationelle Verbesserung ausschließt.“ 5

Und Engels ging in seinem Vorwort zur englischen Ausgabe des „Kapital“ sogar so weit, zu sagen: „… wir können den Zeitpunkt beinahe berechnen, wo die Arbeitslosen die Geduld verlieren und ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen werden.“ 6

Diese und ähnliche Formulierungen wurden von Marx und Engels aus ihrem weitsichtigen historischen Blickwinkel getroffen und waren nicht – oder nicht in erster Linie – auf die damalige Gegenwart zugeschnitten, obwohl auch diesbezügliche Erwartungen eine gewisse Rolle spielten. Aber 150 Jahre danach ist die Frage angemessen, ob der Geschichtsverlauf seitdem diese Thesen bestätigt hat, ob sie modifiziert oder gar widerlegt wurden.

Da sich die entsprechenden Aussagen auf das Verhältnis der hochentwickelten Produktivkräfte zu den sie fesselnden kapitalistischen Eigentumsverhältnissen beziehen, woraus dann eine Epoche sozialer Revolution folge, ist es gerechtfertigt, die heute hochentwickelten kapitalistischen Industrieländer zur Prüfung dieser Fragen heranzuziehen.

Dabei zeigt sich, dass in den imperialistischen Staaten die Entwicklung von Wissenschaft und Technik, von industrieller Forschung und moderner Maschinerie ungehemmt vorangeht. Das geht von der Vollautomatisierung über die moderne Kommunikationstechnik und Informatik zur Atomenergie und Weltraumforschung und nicht zuletzt zur Militärtechnik.

Mit diesen technischen Entwicklungen gehen einher eine ständig zunehmende Kapitalkonzentration und -zentralisation, Profitsteigerungen in früher ungekanntem Ausmaß, eine konstante Massenarbeitslosigkeit, eine zunehmende Verarmung großer Bevölkerungsteile bei Ausdehnung der Herrschaft des Finanzkapitals über Kontinente hinweg in globalem Maßstab. Eine Hemmung oder Fesselung dieser Entwicklung ist nicht erkennbar.

Die durch die Wirtschafts- und Technikentwicklung hervorgerufenen Probleme des Klimawandels, der Erderwärmung, der Erschöpfung der Naturressourcen u.s.w. stoßen zwar an die „Grenzen des Wachstums“, wie das seinerzeit der Club of Rome formulierte, rufen auch in zunehmendem Maße Warnungen und Vorschläge progressiver Wissenschaftler und Politiker hervor. Neuartige Widersprüche des Systems werden sichtbar gemacht. Neue Bedingungen der ökonomischen und sozialen Reproduktion, also des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, treten auf und werden untersucht. Aber es gibt bei alledem keine Anzeichen dafür, dass diese Problematik die Existenz des kapitalistischen Systems als Ganzes gefährdet. Auch wenn dabei neue ökonomische und soziale Widersprüche aufbrechen, entsteht keine Fesselung der Produktivkräfte durch die Eigentumsverhältnisse.

Aber obwohl die imperialistischen Metropolen auf diesem gefährlichen Entwicklungsweg fast ungebremst weiterschreiten, entsteht kein politisch wirksamer Widerstand.

Dafür gibt es m. E. vier Hauptursachen:

1. Die herrschende Klasse – und dazu gehören die ökonomischen und politischen Eliten –verfügt mittels modernster Technik über hochentwickelte Herrschaftsmethoden, die sie mit Erfahrung und Herrschaftswissen verbindet. Das geht von der subtilen Massenmanipulation durch die Medien über die bürokratische Beherrschung des Alltags bis zur rücksichtslosen Anwendung des staatlichen Gewaltmonopols im Bedarfsfall.

2. Im Falle systemgefährdender ökonomischer oder politischer Krisen verfügen die herrschenden Eliten über hinreichende Intelligenz und Flexibilität, um Auswege zu finden, die möglicherweise ihren zeitweiligen Interessen widersprechen, aber langfristig die Systemerhaltung sichern. Marx wies zu Recht darauf hin, dass der Kapitalismus aus ökonomischen Gründen nicht zusammenbrechen wird, sondern stets Auswege findet. Genau deshalb hielt er ja die revolutionäre Überwindung des Systems für unabdingbar.

Bei dieser sehr differenzierten Systemerhaltungsstrategie wird den herrschenden Kräften durch jene sozialreformistischen Strömungen assistiert, die lediglich auf eine erträglichere Gestaltung des Alltags aus sind.

Bereits im März 1850 haben Marx und Engels in der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“ festgestellt: „Die demokratischen Kleinbürger … erstreben eine Änderung der gesellschaftlichen Zustände, wodurch ihnen die bestehende Gesellschaft möglichst erträglich und bequem gemacht wird.“ 7

Die dabei zur Debatte stehenden sozialen Reformen, die vielen Menschen das Leben erleichtern, sind natürlich anzustreben und durchzusetzen. Viele progressive Sozialwissenschaftler machen dafür praktikable Vorschläge. Das sollte aber nicht mit der Illusion verbunden sein, dass bei unangetastetem Eigentum von Großindustrie und Hochfinanz soziale Reformen „transformatorische Potenziale“ besitzen und dass darin „entscheidende Ansätze für eine Transformation zu einer gerechten Gesellschaft zu finden“ seien, 8 wie Dieter Klein meint.

Zu welchen Konsequenzen dieser reformtheoretische Ansatz führt, sagt Dieter Klein an gleicher Stelle (S. 105): „In diesem Sinne kann Sozialismus auch als Menschenrechtsideologie moderner Gesellschaften bezeichnet werden“ und die sozialistische Linke kann „für Freiheit und Menschenrechte als sozialistische Bürgerrechtspartei“ wirken (S. 103). Den Sozialismus zu einer allgemeinen Menschenrechtsideologie zurechtzustutzen und die Linke zu einer Bürgerrechtspartei zu deformieren ist umso überraschender, als genügend Erfahrungen damit vorliegen, auf welchen gegenwärtigen Positionen frühere Bürgerrechtler und Menschenrechtsfetischisten gelandet sind.

So notwendig der Kampf für soziale Reformen im Interesse der Bevölkerung ist – sie vollziehen sich im Rahmen des bestehenden Herrschaftssystems. Dabei wirkt auch die Dialektik, dass durchgesetzte Reformen die soziale Lage der Bevölkerung verbessern, damit aber gleichzeitig das System erträglicher gestalten und keineswegs automatisch zu einer Stärkung des Widerstands dagegen führen.

3. Das Scheitern des geschichtlich ersten Versuchs, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, hat in großen Bevölkerungsteilen ernsthafte Zweifel daran aufkommen lassen, dass es eine Alternative zum Kapitalismus geben kann. Diese Zweifel werden durch eine systematische Entstellung der Geschichte der sozialistischen Länder durch massenhafte Diskriminierung, Delegitimierung und Kriminalisierung aller gesellschaftlichen Einrichtungen der früher sozialistischen Länder geschürt, vertieft und gefestigt.

Da auch unter antikapitalistischen Linken die Bewertung sozialistischer Vergangenheiten durchaus unterschiedlich ausfällt, verstärkt dies. die Unsicherheit über die Möglichkeit einer sozialistischen Alternative.

4. Letztlich ergibt sich aus all dem, dass die Mehrheit der sozial benachteiligten Bevölkerung erfasst ist von Hoffnungslosigkeit, Lethargie und Depression. Der in Gesprächen am meisten zu hörende Satz lautet: es hat ja doch alles keinen Zweck, man kann ohnehin nichts ändern. Die täglichen Erfahrungen der Menschen mit Politik und Wirtschaft, mit Sozial- und Gesundheitswesen, mit Justiz und Verwaltung scheinen diesen Satz zu bestätigen.

Natürlich gibt es zwischenzeitlich aufflammenden Widerstand gegen staatlichen Sozialabbau, gegen Militäreinsätze im Ausland, gegen Lohndumping und gegen den ständigen Abbau von Arbeitsplätzen. Aber die Träger solchen Widerstandes, die sich in Sozialforen und Netzwerken organisieren, machen stets zwei Erfahrungen. Zum einen ist die Beteiligung – verglichen mit der Bevölkerungsmehrheit und der Stärke des Systems – deutlich zu gering. Zum anderen aber wird durch geschickte Kompromisse zwischen den politischen Parteien, durch Absprachen mit den Gewerkschaften und andere Winkelzüge immer wieder erreicht, dass der Widerstand abflaut oder ins Leere läuft. Dadurch wird die allgemeine Hoffnungslosigkeit genährt.

Auch unter linksorientierten und alternativen Ökonomen gibt es ernsthafte Auseinandersetzungen mit der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Dabei wird in zunehmendem Maße auf „Keynes als Alternative “ zurückgegriffen. In dem von Günter Krause herausgegebenen Sammelband mit diesem Titel versuchen 18 Autoren unterschiedlicher Prägung, „Argumente für eine gerechtere Wirtschaft“ (Untertitel des o. g. Buches) zu finden. Die Vielfältigkeit dieser ökonomisch-konzeptionellen Vorstellungen macht deutlich, wie weit die antikapitalistischen Kräfte noch von einer klar strukturierten wirtschaftspolitischen Strategie entfernt sind. Außerdem bewegen sich diese Überlegungen vornehmlich im theoretischen Bereich und klammern die Frage nach den praktischen Möglichkeiten der wirtschaftspolitischen Realisierung weitgehend aus. Auch aus dieser Sicht einschließlich des voran Dargelegten ist also im Hinblick auf die künftige Entwicklung in den imperialistischen Metropolen kaum ernsthafter Optimismus angesagt. Es geht hier jedoch nicht um kaum begründbaren Optimismus oder um demotivierenden Pessimismus, sondern um theoretisch sauber analysierenden Realismus.

Aus all dem ergeben sich zwei für die marxistische Gesellschaftstheorie bedeutsame Schlussfolgerungen. Die erste bezieht sich auf die Frage, ob in der Tat die hochentwickelten Produktivkräfte von den Produktionsverhältnissen gehemmt und gefesselt werden und dass aus diesem Konflikt die Überwindung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse folgt.

• Ist es so, dass – wie nach Marx – die heutigen Produktivkräfte „nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Zivilisation und der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse“ dienen?

• Ist es so, dass diese Produktivkräfte „die Existenz des bürgerlichen Eigentums“ gefährden?

• Ist es so, dass „die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben“?

• Ist es so, dass „ihr (der Bourgeoisie) Leben nicht mehr verträglich ist mit der Gesellschaft“?

Offensichtlich gilt für alle diese Fragen ein klares Nein!

Stattdessen hat die stetige Entwicklung von Wissenschaft und Technik zur Festigung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse beigetragen, werden die modernen technischen Möglichkeiten zu immer besserer Beherrschung der Gesellschaft eingesetzt, wird auch die ständig weiterentwickelte Militärtechnik und die dazugehörige Militärstrategie zur internationalen Herrschaftssicherung genutzt und auch im Inneren bei ernsthafter Systemgefährdung rücksichtslos angewendet.

Damit hat sich die von Marx konstatierte Beziehung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ins Gegenteil verkehrt. Es gibt nicht nur keinen Konflikt zwischen beiden oder dieser Konfliktpunkt ist nur noch nicht erreicht, sondern genau umgekehrt trägt die Entwicklung der Produktivkräfte deutlich zur Festigung und Sicherung der bestehenden Eigentumsverhältnisse bei. Das ist m. E. eine sehr bedeutsame Schlussfolgerung aus diesen Betrachtungen über Marx’ Analyse der Beziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.

Die zweite Konsequenz aus diesen Überlegungen bezieht sich auf die Feststellung von Marx im Vorwort von „Zur Kritik der politischen Ökonomie“: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“ 9

Nun sind zwar alle Produktivkräfte entwickelt, die für die Existenz der monopolkapitalistischen Gesellschaft erforderlich sind und sie entwickeln sich ungehemmt weiter, und sie sind auch durchaus hinreichend für die Existenz einer nichtkapitalistischen Ordnung und dennoch geht diese Gesellschaftsformation nicht unter und höhere Produktionsverhältnisse treten in diesen Ländern nicht an ihre Stelle.

Aber gleichzeitig hat Marx auch stets den „nur historischen, vorübergehenden Charakter der kapitalistischen Produktionsweise“ 10 betont. Wenn das richtig bleibt und diese Ordnung nicht das Ende der Geschichte ist, dann muss sich – und das ist die zweite bedeutsame Konsequenz aus diesen Überlegungen – im weltgeschichtlichen Prozess diese Veränderung der Produktionsweise an anderem Ort, als in hochentwickelten Industrieländern, und unter anderen Bedingungen als bei höchstentwickelter Technik, vollziehen.

MEHR.