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Perspektiven und Freiraum zur sozialen Emanzipation

Wir brauchen eine neue Weltwirtschaft, weil in der jetzigen Weltwirtschaft nur eine Milliarde im Wohlstand lebt und fünf Milliarden in Armut! Hunderte Millionen von Menschen sind nach 1945 bereits verhungert. Nur noch ein Prozent des Geldes dient dem Handel, 99 Prozent der Spekulation. Wo bleibt da die Bedarsdeckung, die der Zweck der Wirtschaft sein muss.

Peters Schrift über die Äquivalenz-Ökonomie zum Download: http://www.puk.de/about-warp-en/downloads-en/downloads-deutsch/viewdownload/2-downloads_de/3-das-aequivalenz-prinzip-als-grundlage-der-global-oekonomie.html?lang=de

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Arno Peters

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Arno Peters (* 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein deutscher Historiker und Kartograph.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Peters studierte nach dem Abitur Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften in Berlin.

Er erstellte die Synchronoptische Weltgeschichte, die die europäische Geschichte gleichrangig neben die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerikas stellt.

Gleichfalls strebte Peters in seinen geografischen Arbeiten die Überwindung des nach seiner Ansicht europazentrischen Weltbildes an. 1973 legte er eine Kartenprojektion der Erde vor (Peters-Projektion), die die Basis des 1989 erschienenen Peters-Atlas darstellte. Die darin enthaltenen Karten stellen alle Länder und Regionen der Erde im gleichen Maßstab und flächentreu dar.

Weiterhin beschäftigte sich Peters mit dem Konzept der Äquivalenzökonomie als Wirtschaftssystem, welche er als Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ansah. Der Handel über freie Preisbildung mittels des Marktmechanismus im Kapitalismus soll dem Äquivalenzprinzip entsprechend einem Austausch äquivalenter Werte weichen. Grundlage dieser Werte bildet die in den Produkten materialisierte Arbeitszeit (siehe dazu auch bei Relativlohn). Damit diese Produktionsweise den menschlichen Bedürfnissen entsprechend funktionieren kann, ist weiterhin eine globale Planung der Wirtschaft notwendig, welche inzwischen durch den Einsatz modernster Datenverarbeitungstechnologie realistisch durchführbar sei. Er schuf in diesem Zusammenhang das Modell der Peters-Rose.

Politisch bekannte sich Peters zur Linken und er wurde deshalb auch wiederholt angegriffen. 1994 wurde er mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet. Er wurde mit dem Doktor- und dem Professorentitel ehrenhalber wegen seiner bedeutenden und kritischen wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.

Publikationsauswahl

  • Peters-Weltatlas. Akademische Verlagsanstalt 1990. Vollst. überarb., aktual. Neuausgabe. Ullmann, Potsdam 2010. ISBN 978-3-8331-5559-8
  • Peters Synchronoptische Weltgeschichte, Zeitatlas mit Indexband. 1970, Ersterscheinen 1952, viele weitere Ausgaben bis 2000. ISBN 3-86150-370-0.
    • Digitale Ausgabe als: “Der Digitale Peters”. Aktualisiert von Andreas Kaiser. In einer elektronischen Ausgabe von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann. Büro W. GmbH. Zweitausendeins, Frankfurt 2000. Ausgabe 2012 für PC: XP, Vista, Win 7. Mac: Intel-Prozessor, ab OS 10.5. Mindestbildschirmauflösung: 1280×1024. 1 DVD-ROM. ISBN 978-3-86150-833-5
  • Arno Peters, Konrad Zuse: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus : Gespräche mit Konrad Zuse. Verlag Neues Leben 2000. ISBN 3-35501-510-5

Literatur

  • Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor. Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1996, ISBN 3-905-01907-8.
  • David Kuchenbuch: Arno Peters, die Peterskarte und die Synchronoptische Weltgeschichte. Mediale Repräsentationen der „Einen Welt“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011) no. 10. S. 824-846.
  • Stefan Müller: Equal Representation of Time and Space: Arno Peters’ Universal History. In: History Compass, vol. 8 (2010) no. 7. S. 718-229 (http://dx.doi.org/10.1111/j.1478-0542.2010.00693.x).
  • Stefan Müller: Gerechte Weltkarte. Die Kontroverse um die Peters-Projektion in historiographischer Perspektive, in: Kurt Brunner, Thomas Horst (Hrsg.): 15. Kartographiehistorisches Colloquium. München, 2.-4. September 2010. Vorträge, Berichte, Poster, Bonn: Kirschbaum 2012. S. 189-208.

Weblinks

19.11.1952

Arno Peters

Arno Peters (* 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein deutscherHistoriker und Kartograph.

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Biografie [Bearbeiten]

Peters studierte nach dem Abitur Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften in Berlin.

Er erstellte die Synchronoptische Weltgeschichte, die die europäische Geschichte gleichrangig neben die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerikas stellt.

Gleichfalls strebte Peters in seinen geografischen Arbeiten die Überwindung des nach seiner Ansicht europazentrischen Weltbildes an. 1973 legte er eine Kartenprojektion der Erde vor (Peters-Projektion), die die Basis des 1989 erschienenen Peters-Atlas darstellte. Die darin enthaltenen Karten stellen alle Länder und Regionen der Erde im gleichen Maßstab und flächentreu dar.

Weiterhin beschäftigte sich Peters mit dem Konzept der Äquivalenzökonomie als Wirtschaftssystem, welche er als Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ansah. Der Handel über freie Preisbildung mittels des Marktmechanismus im Kapitalismus soll dem Äquivalenzprinzip entsprechend einem Austausch äquivalenter Werte weichen. Grundlage dieser Werte bildet die in den Produkten materialisierte Arbeitszeit (siehe dazu auch bei Relativlohn). Damit diese Produktionsweise den menschlichen Bedürfnissen entsprechend funktionieren kann, ist weiterhin eine globale Planung der Wirtschaft notwendig, welche inzwischen durch den Einsatz modernster Datenverarbeitungstechnologie realistisch durchführbar sei. Er schuf in diesem Zusammenhang das Modell der Peters-Rose.

Politisch bekannte sich Peters zur Linken und er wurde deshalb auch wiederholt angegriffen. 1994 wurde er mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet. Er wurde mit dem Doktor- und dem Professorentitel ehrenhalber wegen seiner bedeutenden und kritischen wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.

Publikationsauswahl [Bearbeiten]

  • Peters-Weltatlas. Akademische Verlagsanstalt 1990. Vollst. überarb., aktual. Neuausgabe. Ullmann, Potsdam 2010. ISBN 978-3-8331-5559-8
  • Peters Synchronoptische Weltgeschichte, Zeitatlas mit Indexband. 1970, Ersterscheinen 1952, viele weitere Ausgaben bis 2000. ISBN 3-86150-370-0.
    • Digitale Ausgabe als: “Der Digitale Peters”. Aktualisiert von Andreas Kaiser. In einer elektronischen Ausgabe von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann. Büro W. GmbH. Zweitausendeins, Frankfurt 2000. Ausgabe 2012 für PC: XP, Vista, Win 7. Mac: Intel-Prozessor, ab OS 10.5. Mindestbildschirmauflösung: 1280×1024. 1 DVD-ROM. ISBN 978-3-86150-833-5
  • Arno Peters, Konrad Zuse: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus : Gespräche mit Konrad Zuse. Verlag Neues Leben 2000. ISBN 3-35501-510-5

Literatur [Bearbeiten]

  • Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor. Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1996, ISBN 3-905-01907-8.
  • David Kuchenbuch: Arno Peters, die Peterskarte und die Synchronoptische Weltgeschichte. Mediale Repräsentationen der „Einen Welt“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011) no. 10. S. 824-846.
  • Stefan Müller: Equal Representation of Time and Space: Arno Peters’ Universal History. In: History Compass, vol. 8 (2010) no. 7. S. 718-229 (http://dx.doi.org/10.1111/j.1478-0542.2010.00693.x).
  • Stefan Müller: Gerechte Weltkarte. Die Kontroverse um die Peters-Projektion in historiographischer Perspektive, in: Kurt Brunner, Thomas Horst (Hrsg.): 15. Kartographiehistorisches Colloquium. München, 2.-4. September 2010. Vorträge, Berichte, Poster, Bonn: Kirschbaum 2012. S. 189-208.

Weblinks [Bearbeiten]

Arno Peters

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Arno Peters (* 22. Mai 1916 in Berlin-Charlottenburg; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein deutscher Historiker und Kartograph.

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Biografie

Peters studierte nach dem Abitur Geschichte, Kulturgeschichte und Zeitungswissenschaften in Berlin.

Er erstellte die Synchronoptische Weltgeschichte, die die europäische Geschichte gleichrangig neben die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerikas stellt.

Gleichfalls strebte Peters in seinen geografischen Arbeiten die Überwindung des nach seiner Ansicht europazentrischen Weltbildes an. 1973 legte er eine Kartenprojektion der Erde vor (Peters-Projektion), die die Basis des 1989 erschienenen Peters-Atlas darstellte. Die darin enthaltenen Karten stellen alle Länder und Regionen der Erde im gleichen Maßstab und flächentreu dar.

Weiterhin beschäftigte sich Peters mit dem Konzept der Äquivalenzökonomie als Wirtschaftssystem, welche er als Alternative zur herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ansah. Der Handel über freie Preisbildung mittels des Marktmechanismus im Kapitalismus soll dem Äquivalenzprinzip entsprechend einem Austausch äquivalenter Werte weichen. Grundlage dieser Werte bildet die in den Produkten materialisierte Arbeitszeit (siehe dazu auch bei Relativlohn). Damit diese Produktionsweise den menschlichen Bedürfnissen entsprechend funktionieren kann, ist weiterhin eine globale Planung der Wirtschaft notwendig, welche inzwischen durch den Einsatz modernster Datenverarbeitungstechnologie realistisch durchführbar sei. Er schuf in diesem Zusammenhang das Modell der Peters-Rose.

Politisch bekannte sich Peters zur Linken und er wurde deshalb auch wiederholt angegriffen. 1994 wurde er mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet. Er wurde mit dem Doktor- und dem Professorentitel ehrenhalber wegen seiner bedeutenden und kritischen wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet.

Publikationsauswahl

  • Peters-Weltatlas. Akademische Verlagsanstalt 1990. Vollst. überarb., aktual. Neuausgabe. Ullmann, Potsdam 2010. ISBN 978-3-8331-5559-8
  • Peters Synchronoptische Weltgeschichte, Zeitatlas mit Indexband. 1970, Ersterscheinen 1952, viele weitere Ausgaben bis 2000. ISBN 3-86150-370-0.
    • Digitale Ausgabe als: “Der Digitale Peters”. Aktualisiert von Andreas Kaiser. In einer elektronischen Ausgabe von Thomas Burch, Hans Rudolf Behrendt und Martin Weinmann. Büro W. GmbH. Zweitausendeins, Frankfurt 2000. Ausgabe 2012 für PC: XP, Vista, Win 7. Mac: Intel-Prozessor, ab OS 10.5. Mindestbildschirmauflösung: 1280×1024. 1 DVD-ROM. ISBN 978-3-86150-833-5
  • Arno Peters, Konrad Zuse: Was ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus : Gespräche mit Konrad Zuse. Verlag Neues Leben 2000. ISBN 3-35501-510-5

Literatur

  • Fritz Fischer: Der letzte Polyhistor. Akademische Verlagsanstalt, Vaduz 1996, ISBN 3-905-01907-8.
  • David Kuchenbuch: Arno Peters, die Peterskarte und die Synchronoptische Weltgeschichte. Mediale Repräsentationen der „Einen Welt“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011) no. 10. S. 824-846.
  • Stefan Müller: Equal Representation of Time and Space: Arno Peters’ Universal History. In: History Compass, vol. 8 (2010) no. 7. S. 718-229 (http://dx.doi.org/10.1111/j.1478-0542.2010.00693.x).
  • Stefan Müller: Gerechte Weltkarte. Die Kontroverse um die Peters-Projektion in historiographischer Perspektive, in: Kurt Brunner, Thomas Horst (Hrsg.): 15. Kartographiehistorisches Colloquium. München, 2.-4. September 2010. Vorträge, Berichte, Poster, Bonn: Kirschbaum 2012. S. 189-208.

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WELTGESCHICHTE

Aus sozialistischer Sicht

Am Mittwoch vergangener Woche nahm der Skandal um die “Synchronoptische Weltgeschichte” des Ehepaares Arno und Anneliese Peters eine neue Wendung: Das niedersächsische Kultusministerium verkündete, es werde den “Fall Peters” vor ein ordentliches Gericht bringen. Das Ministerium will 5000 Exemplare des neuen Geschichtswerkes wieder zurückgeben und den Universum-Verlag in Frankfurt am Main auf Rückerstattung von 50 000 Mark verklagen, die Niedersachsen für die Herausgabe des Buches aus Stiftungen zur Verfügung gestellt hatte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte”, um die sich in den zwei letzten Wochen der größte Geschichtsbuch-Skandal seit Kriegsende entwickelt hat, erschien auf den ersten Blick als ein hervorragendes Unterrichtswerk: Auf achtfarbigen Tabellen bot sie einen fließbandartigen Überblick über die gleichzeitig abgelaufenen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, unterteilt in sechs Sparten – Wirtschaft, Geistesleben, Religion, Politik, Kriege, Revolutionen.

Das bunte Tafelwerk reicht von 1000 vor Christus (Das Heer des Königs David von Juda besiegt die Philister) bis 1952 nach Christus (Leninkanal zwischen Wolga und Don verbindet fünf Meere) und wurde auf der Frankfurter Buch-Messe als “Schlager” gefeiert.

Erst bei näherem Studium erwies sich, daß Rot die eigentliche Grundfarbe der bunten Tabellen ist. Typische Zitate:

* Judas Ischariot “versuchte vergeblich, Christus zur revolutionären Tat zu veranlassen”;

* Paulus “entkleidete die Lehren Christi ihres sozialrevolutionären Charakters”;

* Epiphanes “schuf die Lehre eines christlich-begründeten Kommunismus”;

* Friedrich II. von Hohenstaufen “übernahm die Folterung, Verstümmelung und Verbrennung der Kirchengegner”;

* Iwan der Schreckliche “führte den Buchdruck in Rußland ein”;

* Manko Kapak, König der Inkas, “baute seinen Staat nach kommunistischen Grundsätzen auf”;

* Spanischer Bürgerkrieg: “Faschisten unter Franco beseitigten mit Hilfe Deutschlands und Italiens die von Demokraten (vor allem Kommunisten) aus aller Welt unterstützte republikanische Ordnung.”

* Stalin ist “ein sowjetischer Staatsmann aus Gori”, der die erste sozialistische Verfassung schuf, die Rote Armee als Volksheer ausbaute und “als anerkannter Führer der Sache des Weltkommunismus den Lehren von Marx-Engels-Lenin ihre für die Gegenwart gültige Ausprägung gab.”

Kein Wort von sowjetischen Hungerrevolten, Schauprozessen oder Schweigelagern.

Mit roten Gesichtern standen da:

* führende Historiker, Soziologen und Publizisten der Bundesrepublik, die das Werk im voraus hymnisch gelobt hatten;

* die amerikanische Hohe Kommission und die Kultusorgane westdeutscher Länder und Städte, die das Geld zur Drucklegung gegeben hatten.

Der Skandal brodelte.

Am Donnerstag wollen die Kultusminister und -Senatoren von Niedersachsen, Hessen, Bremen, Hamburg und Berlin beraten, was nun mit der “Synchronoptischen Weltgeschichte” werden soll. Trotz der frühzeitigen niedersächsischen Entscheidung, das Werk zurückzugeben und auf Rückerstattung der Gelder zu klagen, hoffen Arno und Anneliese Peters unverdrossen, daß die Kultus-Konferenz das in 13 Jahren zusammengebastelte Geschichtswerk doch nicht auf den Index für die bundesdeutschen Schulen setzen wird.

Der Optimismus des Ehepaares Peters stützt sich unter anderem auf den beispielhaften Anschauungswandel, den der Dr. H. Heckel in puncto “Synchronoptische Weltgeschichte” durchgemacht hat. Dr. H. Heckel, Professor an der Frankfurter Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung, war bis zum 1. Oktober Ministerialrat im niedersächsischen Kultusministerium.

In dieser Eigenschaft ließ er auf Weisung des SPD-Kultusministers Richard Voigt Ende September den ersten Warnruf an

die Besteller des welthistorischen Tafelwerkes ertönen, nachdem ein Dr. Alfons Nobel in den Dortmunder “Ruhr-Nachrichten” auf die rote Tönung der “Synchronoptischen Weltgeschichte” hingewiesen hatte.

Da Minister Voigts Unterschrift unter einer 5000-Stück-Festbestellung des niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1949 prangte, waren die Herren so aus dem Konzept gebracht, daß Heckel die Warnung ohne nähere Prüfung des Buches herausgehen ließ.

So jedenfalls erklärte der inzwischen auf der Frankfurter Hochschule tätige Dr. Heckel dem in Hessen verantwortlichen Erziehungsmann, Ministerialdirektor Willy Wieweg, die Angelegenheit in einem Schreiben vom 3. Oktober: “… In Hannover war plötzlich an Hand einer Kritik von katholischer Seite eine Panik-Situation entstanden. Niemand sah sich die Sache richtig an, ich selbst kam in den letzten Tagen auch nicht dazu…”

Erst als Synchronoptiker Dr. Peters von dem Warnruf Heckels hörte und den Professor in Frankfurt zur Rede stellte, bekannte der, das Buch nur flüchtig durchgeblättert zu haben. Und erst dann nahm er sich die Mühe, es zu studieren.

Das Ergebnis dieses Studiums schlug sich in einem Brief nieder, den Professor Heckel ebenfalls am 3. Oktober an die rechte Hand seines alten Kultusministers, an den Regierungsdirektor Karl Turn im Hannoverschen Kultusministerium, richtete.

In diesem Brief heißt es … “Gestern habe ich mir die ”Synchronoptische Weltgeschichte” einmal etwas gründlicher angesehen, und ich muß Ihnen gestehen, daß

ich bedauere, in den letzten Tagen in Hannover nicht dazu gekommen zu sein. Denn nach meinen Feststellungen fallen die Vorwürfe, die gegen das Buch erhoben werden, doch eigentlich in sich selbst zusammen. Gewiß, es bleiben einige ungeschickte und unglückliche Formulierungen, man kann über Auswahl und Darstellungsart sicherlich oft streiten. Aber die Behauptung, das Werk sei aus kommunistischem Geist geschrieben und vom Osten her beeinflußt, hält meiner Überzeugung einer gründlichen Durchsicht nicht stand.”

Weiter: “Das Werk ist sicherlich aus einer sozialistischen Sicht heraus gestaltet, aber dagegen sollte man doch in Hannover nichts einzuwenden haben. Es ist stark bemüht, die östliche Welt gleichberechtigt zum Ausdruck zu bringen…, daß dabei auch einmal ein kleiner Spritzer auf Amerika fällt, schadet doch wirklich nichts…”

Weiter: “Ich möchte also meine persönliche Auffassung jetzt nach eingehendem Studium des Werkes dahin zusammenfassen, daß man es unbedenklich den Schulen, Hochschulen und Büchereien ausliefert, vielleicht in Begleitschreiben jedoch zum Ausdruck bringt, daß das Buch nur für den reiferen und verständigeren Leser seiner ganzen Anlage und Bedeutung nach geeignet ist, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit großen Umfanges und großer Bedeutung handelt, die natürlicherweise mit einigen Mängeln behaftet ist, daß eine solche Auswahl und Sicht der Dinge immer subjektiv bleibt, daß aber im ganzen gesehen sich der Kultusminister vorbehaltlos dahinterstellt und hier den empfangenden Stellen ein Arbeitsmittel ersten Ranges zur Verfügung stellt.”

Arno Peters klammert sich nun an die Hoffnung, daß sich die übrigen Erziehungsleute ebenfalls nur aus zweiter Hand informierten und bei ruhigem eigenem Studium sich der in fünf Nebensätzen verklausulierten 180-Grad-Wendung des Professors Heckel anschließen werden.

Was aber auch immer am Donnerstag entschieden wird: die Vertreter von Niedersachsen und Hessen, von Bremen, Hamburg und Berlin werden an einer klaren und weit über den “Fall Peters” hinausgehenden Stellungnahme nicht vorbeikommen. Sie werden die Frage beantworten müssen, ob eine aus “sozialistischer Sicht” gestaltete Weltgeschichte, die bis zum Jahre 1952 reicht, zwangsläufig das enthalten muß, was jetzt dem Doktor Peters als “kommunistische Tendenz” vorgeworfen wird.

Den Vorwurf der “intellektuellen Unredlichkeit” jedenfalls glaubt der Synchronoptiker” widerlegen zu können. Er ist sicher, den gerichtlichen Wahrheitsbeweis dafür führen zu können, daß er in seinen Verhandlungen mit den Kultusministerien stets zweierlei klar zu erkennen gegeben habe:

* er sei erklärter Sozialist;

* er wolle ein Geschichtswerk schaffen, das in West- und Ostdeutschland akzeptiert werden könne.

“Nur ein Idiot konnte da glauben, daß Stalin in einem solchen Werk als ”größter Verbrecher aller Zeiten” erscheinen werde”, argumentiert Peters heute. Damals schon habe er einem Gremium von hessischen Schulleuten und Historikern eine ähnliche Erklärung gegeben wie jetzt dem NZ-Herausgeber Hans Wallenberg:

“… Außerdem wollten wir mit unserem Werk die sich schon damals andeutende und inzwischen immer weiter aufreißende Kluft im geschichtlichen Denken Deutschlands schließen. Wir wollten ein Werk schaffen, das gleichermaßen im Osten wie im Westen Deutschlands benutzt werden kann, weil es einerseits die für jedes Weltbild erheblichen Tatsachen vermittelt

und andererseits durch Vermittlung auch jener Tatsachen, die im Gegensatz zum eigenen Weltbild stehen, zur Duldsamkeit erzieht. Die Kultusminister haben diesen Plan gekannt und begrüßt oder zumindest gebilligt. Auch die Erziehungsabteilung von HICOG wußte von dieser unserer Absicht …”

Diese Behauptungen müssen erst einmal widerlegt werden, bevor man das Doktoren-Ehepaar der “Erschleichung” von Subventionen zeihen kann, wie es das bayrische Kultusministerium tat.

Wenn man in dem Versuch zur Schaffung eines west-östlichen Geschichtsbuch-Diwans schon 1949 die Utopie eines Mannes gesehen hätte, der sich selber als “idealistischen Sozialisten” bezeichnet (“ich weiß, daß dies schon ein Paradoxon ist, da der Sozialismus aus dem Materialismus kommt”), wäre die jetzige Ablehnung gerechtfertigt. Aber damals wurden von keiner Seite Bedenken vorgebracht.

Im Gegenteil: der 36jährige Peters baute sich unter Vorlage eines handgeschriebenen Manuskripts (in dem allerdings die letzten 50 Jahre fehlten) eine Gutachten-Galerie zusammen, in der weder der Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Meinecke, noch der Heidelberger Soziologe Alfred Weber, noch der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, noch der bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Thomas Mann fehlte, der dem Buch “von Herzen” wünschte, daß es “sein hohes völkerversöhnendes Ziel erreichen möge”.

Der Münchner Historiker Schnabel, der sich heute als erster von der “Synchronoptischen Weltgeschichte” distanzierte, borgte sich das Hand-Manuskript sogar über eine Nacht aus und brachte es am nächsten Morgen dem Peters in das Hotel zurück.

Peters: “Mir gegenüber hat er damals behauptet, er habe darin die halbe Nacht studiert. Trotzdem erhielt ich von ihm ein Gutachten, in dem es wörtlich heißt: … ”den wesentlichen Fortschritt darf man aber darin erblicken daß sowohl die einseitig politische als auch die einseitig nationale Geschichtsdarstellung in der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” überwunden wurde”. Die Tendenz aber, die mir heute auch von Schnabel so übelgenommen wird, war in

dem 2900 Jahre umfassenden Manuskript genau dieselbe wie in dem jetzt vorliegenden Buch.”

Aber Hessens damaliger Kultusminister Dr. Erwin Stein (CDU) gab sich mit dem professoralen Gutachten-Katalog nicht zufrieden, als Peters ihn um eine Vorfinanzierung des in Heimarbeit entstandenen Werkes anging. Kultusminister Stein veranlaßte, daß die US-Militärregierung für Hessen das Manuskript acht Tage lang in ihre Testmühle nahm.

Der Bescheid der amerikanischen Education Branch, Office of Military Government, Hesse, vom 15. Juni 1949, schwelgte im Lob: “Die ”Synchronoptische Weltgeschichte” ist einzig in ihrer Art; sie ist das ausgezeichnete Ergebnis eines langwierigen Studiums und einer sorgfältigen Vorbereitung. Die neue Art der Darstellung führt zu unabhängigem Denken und einer objektiven Haltung gegenüber der Weltgeschichte im allgemeinen. Was die Genauigkeit der Daten, die Erleichterung des Verständnisses und die Ausgestaltung des Werkes betrifft, so ist das Buch von höchstem Wert… und kann für den Gebrauch in den Schulen eindringlich empfohlen werden.

“Einwände: Keine.

“Änderungsvorschläge: Keine.”

Minister Stein verschaffte sich aber auch deutsche Rückendeckung. Er ließ Peters vor einem eilig zusammentelegraphierten Gremium von hessischen Historikern und Schulleuten referieren. Das Manuskript wurde gründlich durchgehechelt. Am Ende der Diskussion stand der einstimmige Beschluß, die Regierung möge alles tun, um die Herausgabe der “Synchronoptischen Weltgeschichte” zu ermöglichen.

Auch vor dem Hauptschulausschuß des Landes mußte Peters Rede und Antwort stehen. Ein Ausschußmitglied stellte an ihn die ganz konkrete Frage: “Herr Peters, Sie sagen, Sie seien Sozialist. Zu welcher Form von Sozialismus bekennen Sie sich?” Darauf Peters: “Ich glaube, daß es nur einen Sozialismus gibt.”

Nachdem Peters und sein Manuskript von Deutschen und Amerikanern, von Lehrern und Historikern so gründlich durchgetestet und ausgehorcht waren, ging man an die Finanzierung. Vorher allerdings reiste Peters – mit Wissen des hessischen Kultusministeriums – nach Leipzig, um am dortigen Bibliographischen Institut Material locker zu machen und die Ostveröffentlichung vorzubereiten.

Die hessische Begeisterung gegenüber dem erklärten Sozialisten nahm zwar bald etwas ab, und die bevorschußte Bestellung des Landes wurde von 12 000 auf 25000 Stück gedrosselt. Aber sonst ging es herrlich voran. Minister Voigt bestellte für Niedersachsen beim Universum-Verlag*) 5000 Exemplare zum Preise von 12 DM das Stück und schoß auch die 60 000 DM vor.

Bremen zahlte 18 000 DM, Hamburg 14 600, Berlin 12 000, Hessen war mit 30 000 DM dabei. Es handelte sich also fast ausschließlich um Länder mit SPD-Regierungen, die

sich gar nicht darüber im unklaren sein konnten, daß ihnen Peters für ihre Schulen ein sozialistisches Werk liefern würde.

Die sozialistische Geisteshaltung, die Peters nie geleugnet hat und auch gar nicht leugnen kann, mußte seine Geschichtsdarstellung

* anti-dynastisch,

* anti-kapitalistisch und

* anti-klerikal

ausfallen lassen.

Trotzdem nennt Peters seine Weltgeschichte “apolitisch und unmarxistisch”. Letzteres bescheinigte ihm dann auch das Ost-Berliner “Amt für Literatur” in lakonischer Kürze, als es die ostzonale Veröffentlichung mit der zutreffenden Begründung “abweichend vom wissenschaftlichen Sozialismus” ablehnte.

Die “Synchronoptische Weltgeschichte” löckt nämlich in zwei entscheidenden Punkten wider den Stachel des Marxismus-Leninismus-Stalinismus:

* sie leugnet den Primat des Ökonomischen;

* sie entwickelt ihr Geschichtsbild aus Persönlichkeiten, wogegen die Menschheitsentwicklung nach allen marxistischen Dogmen gerade mit “außermenschlicher naturwissenschaftlicher Gesetzlichkeit abrollt”.

In seiner (nur bei einem deutschen Wissenschaftler begreiflichen) Naivität kann Peters bis heute nicht verstehen, warum nicht Ost und West brüderlich sein Tafelwerk verbreiten. Er sträubt sich immer noch, einzugestehen, daß er sich mit seinem Geschichts-Diwan genau zwischen alle Stühle gebettet hat.

In der sinnlosen Spekulation, das Buch hüben und drüben gesellschaftsfähig zu machen, sind dem Doktor Peters denn auch in der Darstellung der letzten 52 Jahre

Dinge unterlaufen, die jetzt von den Kultusministern mit Recht attackiert werden können, da sie ihnen ja im Gegensatz zu den 2900 vorhergehenden Jahren nicht zur Begutachtung vorlagen.

Und bei diesen 52 Jahren kann man ihm den Vorwurf einer in Liebedienerei ausartenden Überloyalität gegenüber dem Osten nicht ersparen. So, wenn er als eins der drei wesentlichen Kulturereignisse des Jahres 1936 Muchinas Plastik “Arbeiter und Kolchosbäuerin” zitiert – neben Picassos “Guernica” und Honeggers Oratorium “Johanna auf dem Scheiterhaufen”.

Als die amerikanische “Neue Zeitung” nach dem großen Erwachen eine voreilige Lobeshymne ihres Feuilleton-Chefs Bruno E. Werner*) auf die “Synchronoptische Weltgeschichte” in einer Art Selbstkritik widerrief, hätte sie sich besser den Schlußsatz verkniffen. Der lautete: “Aufklärung verlangt die Frage, wie es zu der ersten Auflage von 50 000 Exemplaren gekommen ist, und wer zu ihrer Finanzierung beigetragen hat.”

Die Antwort darauf wollte Dr. Peters den Lesern der NZ in einer schriftlichen Erwiderung geben, aber Chefredakteur Hans Wallenberg ließ den von ihm Angegriffenen nicht zu Worte kommen. Sonst hätten die NZ-Leser folgendes gelesen:

“Die Finanzierung der Herausgabe unseres Werkes wurde allein aus Mitteln bestritten, die uns als Vorauszahlungen für bestellte Exemplare der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” von öffentlicher Seite zugeflossen sind. Wir haben von 1949 bis heute von den nachfolgend genannten Stellen eine Gesamtsumme von 183 660 DM in bar sowie Papier und Bindematerial im Werte von 146 967 DM erhalten:

* Kultursenat der Stadt Bremen;

* Kultursenat der Stadt Hamburg;

* Kultusministerium des Landes Niedersachsen;

* Kultusministerium des Landes Hessen;

* Erziehungsabteilung der HICOG;

* Kultursenat der Stadt Berlin;

* Hauptschulamt der Stadt Frankfurt.

Obige Stellen haben durch diese Anzahlung das Anrecht auf Lieferung von 25 820 Exemplaren der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” erworben und so zugleich die Herausgabe des Werkes ermöglicht.”

Peters hatte dabei noch verschwiegen, daß die amerikanische Hohe Kommission mit 55 000 DM in bar, einer großen Papierlieferung und der Festbestellung von 14 000 Exemplaren (gegenüber 11 820 von deutschen Stellen) den Bärenanteil übernommen hatte.

Bei seinen Bemühungen um die Drucklegung der Weltgeschichte nämlich hatte der Doktor Arno Peters erfahren, daß die Amerikaner größere Papiermengen für gemeinnützige pädagogische Publikationen verteilten. Am Verteilerkopf saß Mr. John

Riedel, Chef der HICOG-Erziehungsabteilung. Die Unterredung, rekapituliert Peters, sei überraschend erfolgreich verlaufen. Riedel habe sein Muster-Exemplar und die amerikanischen Zeugnisse aus Wiesbaden betrachtet und ihn dann gefragt: “Wieviel wollen Sie denn zunächst drucken?”

Peters: “Zwanzigtausend.”

Riedel: “Warum drucken Sie nicht das Doppelte?”

Die Verhandlungen endeten damit, daß John Riedel 55 000 DM in bar und Papier- und Bindematerial im Werte von etwa 147 000 DM als Anzahlung auf eine Lieferung von 14 000 Exemplaren der “Synchronoptischen Weltgeschichte” à 12 DM herausrückte.

Daß ihre Blamage nicht noch größer wurde, verdanken die Amerikaner einzig und allein dem deutschen Nationalempfinden und den Ost-Rücksichten des Dr. Peters. Wenn es nach dem Willen der US-Erziehungsabteilung gegangen wäre, würden die von den Amerikanern bestellten Bände jetzt sogar einen Eindruck mit zwei US-Flaggen-Emblemen und der Widmung “Presented by the people oft the United States” aufweisen.

So aber blieb es bei einem eingeklebten Begrüßungsschreiben, unterzeichnet von George A. Selke, Chief, Division of Cultural Affairs, Bad Godesberg, Mehlemer Aue. Datum: August 1952. Nach diesem Schreiben erfolgt die Überreichung des Bandes “in der Absicht, deutschen Bildungsinstituten wertvolle Literatur zugänglich zu machen und die Verständigung der Nationen untereinander zu fördern”.

*) Der Universum-Verlag, der als Familien G. m. b. H. mit der Einzelprokura von Frau Anneliese und dem Ziel “der Herstellung und des Vertriebes der ”Synchronoptischen Weltgeschichte” auf gemeinnütziger Grundlage” am 30. Juni 1952 in das Handelsregister des Frankfurter Amtsgerichtes eingetragen wurde, weist nur ein Stammkapital von 20 000 DM auf.*) Bruno E. Werner wurde inzwischen zum Kultur-Attaché beim deutschen Geschäftsträger in Washington ernannt. – Aber nicht nur die “Neue Zeitung” lobte die “Synchronoptische Weltgeschichte”, auch 42 andere Blätter brachten positive Besprechungen des Geschichtswerkes, offenbar ohne es gründlich gelesen zu haben. So Erik Reger im “Tagesspiegel” am 27. September 1952: “Das Werk empfiehlt sich als eine der brauchbarsten Waffen im Kampfe gegen die Unwissenheit.”

DER SPIEGEL 47/1952
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http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21978081.html

 Interview

„Langfristig wird die Arbeit verschwinden“

stz, veröffentlicht am 29.04.2005
US-Ökonom Jeremy Rifkin: Deutschland führt Scheindiskussion

Jeremy Rifkin (* 26. Januar 1945 in Denver,Colorado) ist ein US-amerikanischer Soziologe, Ökonom, Publizist sowie Gründer und Vorsitzender derFoundation on Economic Trends

Stuttgart – Es gibt kein größeres Problem in Deutschland und Europa als die Massenarbeitslosigkeit. Politiker aller Parteien versprechen Abhilfe, doch die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung nimmt seit Jahren immer nur zu. Wo soll das enden? Der US-Professor Jeremy Rifkin befasst sich seit Jahrzehnten mit dieser Frage und ist gesuchter Ratgeber von Regierungen und Konzernen. Sönke Iwersen fragte ihn nach der Zukunft der Arbeit.Herr Rifkin, eines Ihrer Bücher heißt: „Das Ende der Arbeit“. Das meinen Sie doch nicht wörtlich, oder?Allerdings meinte ich das wörtlich. Als ich dieses Buch
1995 schrieb, waren weltweit 800 Millionen Menschen arbeitslos oder unterbeschäftigt. 2001 waren es schon mehr als eine Milliarde. Die Entwicklung ist eindeutig.

Aber es gibt doch Gewinner. In Europa gilt England als Vorbild. China wächst in irrem Tempo. Und in Ihrem Land läuft es auch gut. Die amerikanische Arbeitslosenquote ist doch traumhaft niedrig.

Das können Sie alles vergessen. Unsere Quote ist niedriger als Ihre, das stimmt. Aber zu welchem Preis? Das schmutzige Geheimnis hinter dem US-Wirtschaftsboom in den 90er Jahren ist die wahnsinnige Verschuldung der privaten Haushalte. Die Verbraucherkredite haben jedes Jahr um neun Prozent zugenommen. Die Mehrzahl der Amerikaner hat heute nicht mal 1000 Dollar an Rücklagen. 2005 wird die Zahl der Privatinsolvenzen die Zahl der Ehescheidungen übertreffen.

Wenn die USA nicht als Vorbild taugen, dann aber England? Dort gibt es so wenig Arbeitslose wie seit 30 Jahren nicht mehr.

England ist dasselbe in grün. Der durchschnittliche Engländer gibt heute 120 bis 130 Prozent seines Jahreseinkommens aus. Das ist Wirtschaftswachstum per Kreditkarte.

Bleibt China. Keine Wirtschaft wächst so stark wie die der Chinesen.

China ist faszinierend, ja. Aber schauen Sie mal genau hin. In den letzten sieben Jahren sind 15 Prozent aller chinesischen Jobs verschwunden. Auch der chinesische Boom kann an der Wahrheit nichts ändern.

Welche Wahrheit meinen Sie?

Die Wahrheit über die Unumkehrbarkeit dieser Entwicklung. Langfristig wird die Arbeit verschwinden.

Warum?

Schauen Sie in die Vergangenheit. Zehntausend Jahre haben sich Menschen andere Menschen als Sklaven gehalten. Nun reden wir uns gern ein, dass die Sklaverei abgeschafft wurde, weil wir so human geworden sind. Aber die Wahrheit ist: Durch die industrielle Revolution ist die Sklaverei überflüssig geworden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war es billiger, den Ofen eines Kohleofens zu füllen, als den Mund eines Sklaven.

Und da sehen Sie Parallelen zu heute?

Wir sind mitten in einer Umwälzung, die die industrielle Revolution noch übertrifft. Durch die ersten Mechanisierungsschübe verloren Millionen von Menschen ihre Jobs und wanderten vom Land in die Städte, um dort mit den Maschinen zusammen zu arbeiten. Aber die Computer und Informationstechnik von heute machen immer mehr Menschen ganz überflüssig. Selbst die billigste menschliche Arbeitskraft ist teurer als die Maschine.

Aber entstehen durch die neue Technik nicht auch neue Arbeitsplätze?

Das ist die Hoffnung, an die wir uns seit Jahrzehnten geklammert haben. Die kapitalistische Logik sagt, dass technologischer Fortschritt und gesteigerte Produktivität alte Jobs vernichtet, dafür aber mindestens genauso viele schaffen. Aber die Zeiten sind vorbei.

Sind Sie da sicher?

Ganz sicher. Sehen Sie, ich verdiene einen Teil meines Einkommens damit, die Chefs großer Konzerne zu beraten. Wenn ich die frage, ob sie in Zukunft noch Zehntausende von Mitarbeiter haben werden, dann lachen die laut los. Die Wirtschaftsführer wissen längst, wo die Reise hingeht.

Wohin geht sie denn?

Wir vollziehen gerade einen Wandel hin zu einem Markt, der zum allergrößten Teil ohne menschliche Arbeitskraft funktioniert.
Bis 2010 werden nur noch zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Fabriken gebraucht. Bis 2020 werden es weltweit nur noch zwei Prozent sein.

Das klingt unglaublich.

Nicht unglaublicher, als was wir schon erlebt haben.
Von 1982 bis 2002 stieg die amerikanische Stahlproduktion von 75 auf 102 Millionen Tonnen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Stahlarbeiter von 289.000 auf 74.000 ab. In den 20 größten Volkswirtschaften der Erde sind zwischen 1995 und 2002 mehr als 30 Millionen Arbeitsplätze abgebaut worden. Wohin sie schauen, dasselbe Bild: Die Produktion steigt, die Produktivität steigt, aber die Arbeitsplätze nehmen ab.

Aber was ist mit Service, mit Dienstleistungen, mit hochqualifizierten Jobs?

Die haben längst dasselbe Problem. Die amerikanische Telefongesellschaft Sprint ist seit Jahren dabei, menschliche Vermittler durch Spracherkennungsprogramme zu ersetzen. 2002 sprang die Produktivitätsrate bei Sprint um 15 Prozent nach oben, der Gewinn stieg um 4,3 Prozent, und 11.500 Jobs wurden abgebaut. Die Net-Bank in Australien hat 2,4 Milliarden Dollar Einlagen. Eine herkömmliche Bank dieser Größe hätte um die 2000 Angestellte. Aber die Net-Bank benötigt nur 180 Mitarbeiter.

Wie kann so etwas funktionieren?
Dank Internet, Satellitentechnik und Breitbandleitungen kann die Information heute praktisch mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus rasen. Es gibt da eine nette Formulierung von Paul Saffo vom Institute für die Zukunft in Kalifornien. Er sagt, dass sich das Geschäft in den 80ern darum drehte, dass Menschen mit Menschen reden.

Jetzt geht es um Maschinen, die mit Maschinen reden. Der Mensch wird überflüssig.

Sie beraten doch Regierungen. Was sagen Politiker eigentlich, wenn Sie denen von Ihren Thesen erzählen?

Mit den Politikern ist das so eine Sache. Im Jahr 2000 haben sie die Europäischen Regierungschef getroffen und beschlossen, Europa bis 2010 zum leistungsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Und was ist geschehen? Nicht viel.

Und das liegt daran, dass die Politiker ihnen nicht zugehört haben?

Es liegt daran, dass viele Politiker Europa lieber als Sündenbock missbrauchen, anstatt sich dem Grundproblem zu stellen: Die Arbeit verschwindet. Das will kein Politiker seinen Wählern erzählen.
Statt dessen betet man immer wieder dieselben drei Pseudotheorien herunter.

Drei Pseudotheorien?

Immer dieselben drei, ja. Erstens: Wir verlieren in unserem Land Jobs, weil die bösen Unternehmer Stellen ins Ausland verlagern. Zweitens: Wir haben genug Jobs, die Leute sind nur nicht richtig ausgebildet. Und drittens: Wir haben zu wenig Jobs, weil die Sozialabgaben zu teuer sind. Alle drei Argumente sind absurd.

Wissen Sie, dass genau diese Argumente gerade in Deutschland diskutiert werden?

Natürlich weiß ich das. Ihre Regierung hat mich ja gerade erst wieder zu einem Vortrag eingeladen. Aber der Reihe nach.
Erstens: Die Zahl der Jobs die in Deutschland verschwinden weil sie zum Beispiel nach Osteuropa oder China verlagert wird, ist verschwindend gering. Sie macht gerade mal ein Prozent der abgebauten Stellen aus. Der wirkliche Jobkiller ist der technologische Fortschritt. Aber davon hören Sie von den Politikern kein Wort. Maschinen machen sich als Buhmann eben schlechter als Chinesen oder Polen.

Was ist das zweite Pseudoargument?

Das ist auch so eins für die Wahlreden: Wir müssen die Leute nur richtig ausbilden oder weiterbilden und schon ist das Beschäftigungsproblem gelöst. Nehmen wir mal an, man könnte tatsächlich alle fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland so fortbilden, wie sich die Politiker das vorstellen. Was wäre denn dann? Es gebe immer noch nicht genug Jobs. Die Zeiten der Massenarbeit ist vorbei. Wir werden nie wieder Tausende von Leuten sehen, die aus den Fabriktoren strömen. In Zukunft wird Arbeit etwas für die Eliten sein. Für besondere Aufgaben wird man immer noch die Top-Ärzte, Top-Anwälte oder Top-Designer brauchen. Aber Durchschnittsqualität kann ein Computer oder ein Roboter billiger liefern.

Wo liegt der dritte Fehler?

Ah, die sozialen Systeme. Darüber sprechen Sie hier schon seit Jahren, nicht wahr? Nun, ich will nicht sagen, dass es in Deutschland keinen Reformbedarf gibt. Aber wenn jemand daran denkt, den Weg der USA einzuschlagen, dann kann ich davor nur warnen. Je härter sie die Sozialsysteme beschneiden, desto eher tauchen die Probleme an anderer Stelle wieder auf. Schlechtere Gesundheit, größere Armut, weniger Sicherheit, mehr Kriminalität. Natürlich ist die US-Arbeitslosenquote niedriger als die deutsche. Aber bei uns sitzen allein zwei Millionen Leute in den Gefängnissen. Meinen Sie, das ist keine versteckte Arbeitslosigkeit? Glauben Sie mir, sie sind hier immer noch besser dran.

An den Problemen ändert das aber nichts – und Sie sagen, dass alles noch schlimmer wird. Sehen Sie sich eigentlich als Apokalyptiker?

Weil ich das Ende der Arbeit vorhersage? Nein. Erstens: Ich ziehe nur logische Schlüsse aus Dingen, die ich in der Wirtschaft jeden Tag beobachten kann. Und zweitens: Ich halte das Ende der Arbeit durchaus für eine positive Sache.

Aber was sollen all die Leute denn machen, wenn sie keine Arbeit mehr haben?

Sehen Sie, so verbogen sind wir heute. Ich sage, die Menschen werden für den Produktionsprozess nicht mehr gebracht und Sie fragen, was sie dann bloß machen sollen. Als ob es die Erfüllung des Menschen wäre, Tag für Tag dieselbe stupide Tätigkeit auszuführen.
Dasselbe Blech zu formen oder dieselben Fragen am Telefon zu beantworten. So eng definieren wir uns. Ich sage: Lasst die Maschinen das übernehmen. Aber viele Leute können sich einfach nicht vorstellen, was sie ohne Arbeit anfangen sollen. Das ist traurig.

Entschuldigen Sie, aber die Frage ist doch nicht, was die Menschen mit ihrer freien Zeit anfangen, sondern mit welchem Geld Sie ihre Miete und ihr Essen bezahlen, wenn alle Jobs verschwinden.

Sie haben ja Recht. Also, es gibt verschiedene Ansätze. Besonders wichtig ist der so genannte Nonprofitsektor. Gemeint sind hier Aktivitäten von der Sozialarbeit über die Wissenschaft, Kunst, Religion bis hin zum Sport. In den Niederlanden sind heute bereits 12,6 Prozent aller Vollzeitstellen im Nonprofitsektor angesiedelt. In Deutschland sind es erst 4,9 Prozent. ier gibt es ein Potenzial für Millionen von Arbeitsplätzen.

Aber wie soll dieser Nonprofitsektor finanziert werden?

Durch Steuerumschichtung. 90 Prozent der Regierungseinnahmen weltweit stammen aus der Besteuerung von Arbeit und Kapital. Wir müssen viel stärker zur Besteuerung von natürlichen Ressourcen kommen. Warum sollen sich die Unternehmen einfach frei bedienen? Eine Besteuerung von Ressourcen würde sowohl zur Schonung der Umwelt führen wie zur Senkung von Unternehmensgewinnen. Die Steuereinnahmen könnten dann in den Nonprofitsektor fließen und dort Mehrbeschäftigung stimulieren. Man könnte auch über etwas anderes nachdenken. Wenn Maschinen immer mehr Menschen ersetzen, warum sollte es in Zukunft nicht genau so eine Maschinensteuer geben, wie es heute eine Einkommenssteuer gibt?

Haben Sie noch mehr Anregungen?

In meinem Land gibt es 250 Zeitdollar-Projekte. Es handelt sich dabei um eine Parallelwährung, die ganz auf der Zeit basiert. Für jede Stunde Arbeit erhält man einen Zeitdollar, für den man wiederum Waren oder Dienstleistungen kaufen kann. Die Idee dahinter ist, das in einer sozialen Gemeinschaft jenseits von Gewinnmaximierung die Zeit eines jeden von uns gleich wertvoll ist – sei er nun Arzt, Müllmann oder Taxifahrer.

Und das soll im großen Stil klappen? Das klingt sehr utopisch.

Wir brauchen ja gerade Utopien. Generationen von Ökonomen haben sich damit beschäftigt, die Marktwirtschaft zu analysieren und Vorschläge zu machen, wie sie besser funktionieren könnte. Dabei ist der Mensch aus dem Blickpunkt geraten. Es ist doch so: Die Globalisierung hat versagt.

Warum hat sie versagt?

Weil sie zu viel Geld von unten nach oben verteilt hat. Die 356 reichsten Familien besitzen heute 40 Prozent des Reichtums der Menschheit. Diese Entwicklung führt uns in den Abgrund. Wenn die Unternehmen die Löhne immer weiter drücken, wird irgendwann niemand mehr ihre Produkte kaufen. Das ist so logisch, dass es eigentlich jeder verstehen müsste. Was wir brauchen, ist eine Reglobalisierung, bei der die Bedürfnisse der Mehrheit im Vordergrund stehen, nicht die Gewinnspannen einer kleinen Minderheit.  zu viel Geld von unten nach oben verteilt hat. Die 356 reichsten Familien besitzen heute 40 Prozent des Reichtums der Menschheit. Diese Entwicklung führt uns in den Abgrund. Wenn die Unternehmen die Löhne immer weiter drücken, wird irgendwann niemand mehr ihre Produkte kaufen.

Das Ende der Arbeit kann für die Menschheit einen großen Sprung nach vorn bedeuten. Wir müssen ihn aber auch wagen.

http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/916564_0_9223_-interview-langfristig-wird-die-arbeit-verschwinden-.html

Ohne Job, ohne Ziel, einsam

Schlafende Jugendliche

Fit in Politik (286): Armut betrifft 21,1 Prozent aller 18- bis 24-Jährigen

„Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander“, erfahren wir regelmäßig in den Nachrichten. Laut des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland 13 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. 21,1 Prozent davon sind von Armut betroffen. Das ist jeder fünfte junge Mensch. „Aber bei uns muss doch niemand verhungern“, argumentieren trotzdem diejenigen, die das Thema Armut in unserer Gesellschaft herunterspielen wollen.

So ganz falsch ist der Einwurf ja nicht: Verhungern muss hier wirklich niemand, Deutschland hat in Sachen Sozialstaat im Vergleich mit anderen Industrieländern wie zum Beispiel den USA immer noch die Nase vorne. Aber Hunger allein ist kein Maßstab in unserer Gesellschaft. Denn unsere Politiker haben es sich zur Pflicht gemacht, allen Menschen eine ungehinderte Entfaltung der Persönlichkeit und relative Chancengleichheit zu garantieren.
Deshalb geben unsere Bundesregierungen – unabhängig davon, welche Parteien die Nase vorne haben – seit dem Jahr 2001 regelmäßig Armutsberichte in Auftrag. Danach gilt als von Armut gefährdet, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommens (NÄE) zur Verfügung hat. Das NÄE entsprach zum Beispiel im Jahr 2004 einem monatlichen Betrag von 856 Euro. Als absolut arm werden Menschen mit einem NÄE von 40 Prozent bezeichnet, im Jahr 2004 entsprach dieses NÄE monatlich 571 Euro. Die Armutsberichte sollen gesellschaftliche Milieus und Strukturen aufdecken und den Politikern helfen, zu erkennen, wo und wie sie etwas gegen die Armut tun können.
Armut ist allerdings auch relativ. Wahrscheinlich würden es die meisten Jugendlichen nicht furchtbar finden, wenn sie einmal in der Woche ohne Abendessen schlafen gehen müssten. Wesentlich fataler ist es laut der aktuellen „Shell Jugendstudie“ für junge Leute, wenn sie mit Gleichaltrigen in ihrem Lebensumfeld nicht mithalten können: Wer beispielsweise nicht mit ins Kino, in die Disco oder einfach mit der Mode gehen kann, wird schon bald aus der Gemeinschaft ausgegrenzt oder sogar gemobbt. Die Folgen sind laut „Shell Studie“ Depressionen und psychische Belastung, die oft auch in gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Jugendlichen oder Schlimmerem münden.

In einem reichen Land im gesellschaftlichen Abseits
Als Experte zum Thema Jugendarmut in Deutschland hat sich der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Butterwegge mit seinem Buch „Armut in einem reichen Land“ hervorgetan. Er kritisiert, dass keine Regierung seit den 1970er Jahren mit umfassenden Reformen in der Sozialgesetzgebung angemessen auf die wachsende Jugendarmut reagiert habe. Butterwegge verweist darauf, laut Armutsbericht würden derzeit in Deutschland neben Kindern aus kinderreichen Familien insbesondere Kinder von Alleinerziehenden ein erhöhtes Armutsrisiko tragen. Verschärft werde die Lage durch steigende Scheidungsraten und die anhaltend gedrückte wirtschaftliche Situation, die es vielen Jugendlichen schwer mache, Arbeit zu finden. Außerdem kritisiert Butterwegge den Abbau von sozialen Leistungen im Zuge einer Art staatlichen „Sparprogramms“. Dabei verweist er unter anderem auf die Hartz-Reformen, die sich auf die neoliberale Annahme gründen, dass Staaten durch niedrige Steuern und Löhne versuchen müssen, als Standort für Unternehmen besonders attraktiv zu wirken, um dadurch mehr Menschen einen Arbeitsplatz zu verschaffen.
Mittlerweile ist die Zahl der Arbeitslosen laut Statistiken tatsächlich gesunken. Allerdings wird es laut Butterwegge zunehmend ein Problem für viele Jugendliche, eine ordentlich bezahlte Tätigkeit zu finden. Schon jetzt müsse sich eine große Anzahl junger Leute mit mies bezahlten Minijobs oder in Leiharbeit durchschlagen und sich gleichzeitig am laufenden Band mit Weiterbildungen und Praktika auf eine der wenigen echten Arbeitsstellen vorbereiten. In den meisten EU-Ländern gehe es ähnlich zu. In vielen sei die Lage sogar noch viel schlimmer. In Portugal mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 38,6 Prozent beispielsweise finden laut EU-Statistiken selbst gut ausgebildete junge Menschen keine Arbeitsstelle mehr.
Die aktuelle Jugendstudie des Sinus-Instituts in Heidelberg unterstreicht diese Einschätzungen. „Sinus“ weist darauf hin, dass sich etwa sieben Prozent der 14-bis 17-Jährigen in Deutschland weitgehend damit abgefunden haben, von Hartz IV zu leben – ohne Perspektiven. Diese Jugendlichen zeigen laut „Sinus“ deutliche Rückzugs- und Vereinsamungstendenzen. Sie werden in Resignation, Wohnungslosigkeit, Illegalität und damit in das gesellschaftliche Abseits gedrängt.

Kinder- und JugendberichtDie Jugendarmut wächst

Die Politik investiert große Summen in Kinderbetreuung und Beratungsangebote. Dennoch steigt die Zahl der sozial und finanziell abgehängten Jugendlichen.

© Arco Images/dpa

Schlafende JugendlicheSchlafende Jugendliche

Familienministerin Kristina Schröder sieht es als ihre zentrale Verantwortung an, faire Chancen für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen. Das schreibt sie im Vorwort des kürzlich erschienenen 14. Kinder- und Jugendberichts. Doch die von der Regierung beauftragte Expertenkommission kommt zu dem Schluss, dass sich die Lebenssituation vieler Jugendlicher verschlechtert statt verbessert hat. Der aktuelle Bericht soll eine Gesamtbeurteilung der Lebenssituation junger Menschen bieten. Eine solche Bestandsaufnahme gab es zuletzt im Jahr 2002.

Zwar heißt es in dem Bericht, die große Mehrheit habe eine gute Kindheit und Jugend. Aber eine keinesfalls kleine Minderheit sei von “sozialer Ungleichheit, sozialen Benachteiligungen und individuellen Beeinträchtigungen, ungünstigen Bildungs- und Entwicklungschancen und Armut” betroffen. Die Rede ist unter anderem von “einer erheblichen Kinder- und Jugendarmut“.

Die Statistiken zeigen, dass die Armutsrisikoquote der Elf- bis Zwanzigjährigen zwischen 1996 und 2010 von 15 Prozent auf über 18 Prozent gestiegen ist. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als in der Gesamtbevölkerung. Im Osten der Republik sind sogar 29,6 Prozent der Elf- bis Zwanzigjährigen armutsgefährdet. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schrieb im Oktober 2012 in einem Bericht, dass weiterhin überdurchschnittlich viele Jugendliche und junge Erwachsene arm seien. Die Armutsgefährdung der unter Zehnjährigen hat sich dagegen in den letzten Jahren dem Gesamtniveau angeglichen.

Die Politik muss Jugendliche besser fördern

In finanziell prekären Verhältnissen lässt die Perspektivlosigkeit Eltern und Kinder schnell verzweifeln. Erziehung und Bildung leiden darunter. Doch während Familienpolitik und die prognostizierte Altersarmut im öffentlichen Diskurs bereits allgegenwärtig sind, sind die Probleme von Jugendlichen “von der politischen Agenda verschwunden”, heißt es im Bericht.

“Die Zahl von schlichtweg erziehungsunfähigen Eltern in der nur als abgehängt zu bezeichnenden Unterschicht wächst kontinuierlich”, sagt Georg Ehrmann. Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe bemängelt, dass die Jugendhilfe  “vielerorts systematisch ausgeblendet” werde. Unterstützung und Beratung erhielten sozial benachteiligte Jugendliche oft erst, wenn sie delinquent oder missbraucht würden. Prävention kommt zu kurz.

“So hängen die Überlebenschancen vom Wohnort ab”

Allerdings ist die Zahl der Inobhutnahmen durch die Jugendämter seit 2005 um fast 50 Prozent auf 38.456 im Jahr 2011 gestiegen. Im Bericht der Bundesregierung heißt es dazu, die Kinder- und Jugendhilfe agiere wieder stärker als intervenierende und kontrollierende Instanz.

Ist das gut, weil konsequenter eingegriffen wird oder schlecht, weil immer mehr Kinder und Jugendliche ihren familiären Halt verlieren? Ehrmann glaubt, beides treffe zu. Doch nach wie vor blieben manche Kinder aus Kostengründen und fehlenden Unterbringungen “eher zu lange in Risikofamilien”. Außerdem arbeite jedes der rund 600 Jugendämter in Deutschland anders. “So hängen die Überlebenschancen eines Kindes vom Wohnort ab”, sagt Ehrmann.

Die Gefahr, wirtschaftlich abgehängt zu werden, ist für Migranten besonders hoch. Laut Kinder- und Jugendbericht sind 25,7 Prozent der Elf- bis Zwanzigjährigen mit Migrationshintergrund von Armut betroffen, gegenüber 15,2 Prozent der Jugendlichen ohne.

In Migrantenfamilien helfen häufiger die Verwandten

Barbara Winter arbeitet im SOS-Kinderdorf in Berlin-Moabit, einem Stadtteil, in dem mehr als 40 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Doch obwohl die Armutsquote der Migranten so viel höher ist, kommen die meisten Pflegekinder in den Berliner SOS-Kinderdorffamilien aus zumindest teilweise deutschen Familien. Winter führt das auf die traditionellen Strukturen zurück, die in vielen türkischen und arabischen Familien stärker ausgeprägt seien. Probleme könnten deshalb eher in der Verwandtschaft aufgefangen werden. Gleichzeitig falle es dadurch aber auch tendenziell später auf, wenn ein Kind gefährdet sei.

Die Bundesregierung verweist in einer Stellungnahme zum Kinder- und Jugendbericht auf eine Initiative des Familienministeriums, die Jugendpolitik als eigenständigen Themenkomplex etablieren soll. Einen Schwerpunkt sollen dabei Lern- und Bildungsorte bilden, unter anderem durch den Ausbau von Ganztagsschulen.

Die Kosten bleiben an den Kommunen hängen

Die Expertenkommission fordert jedoch darüber hinaus ein stärkeres finanzielles Engagement des Bundes. Aktuell trägt der Bund nur etwas mehr als ein Prozent der jährlichen Kosten von fast 29 Milliarden Euro, die Länder knapp 29 Prozent. Für den Löwenanteil von rund 70 Prozent müssen die Kommunen aufkommen.

Damit sind viele Gemeinden überfordert. Diese Erfahrung macht auch das Kinderdorf in Berlin-Moabit: “Die finanziellen Mittel vom Senat und vom Bezirk sind erschöpft, aber der Bedarf an Kinder- und Jugendhilfe wächst”, sagt Winter. “Ich habe den Eindruck, dass die Politik die Fähigkeit verliert, die Dinge in die richtige Richtung zu steuern.”

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-03/jugendpolitik-armut-kinderhilfe/seite-2