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Weltethik und Religionsdialog für die Emanzipation

Pakistanische Paramilitärs bei einer Straßenpatrouille im  Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. (Bild: AP) Pakistanische Paramilitärs bei einer Straßenpatrouille im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. (Bild: AP)

Wurzeln des Terrors

Der Sozialforscher und Afrika-Experte Mahmood Mamdani im Gespräch mit Stefan Fuchs

Der renommierter Politikwissenschaftler und Anthropologe, Mahmood Mamdani, schreibt über religiösen Fundamentalismus und seine politischen Auswirkungen. In seinem Buch “Guter Moslem, böser Moslem” verwirft er die These von den “guten” (säkularisierten, westlichen) und den “bösen” (vormodernen, fanatischen) Muslimen. Sein Apell lautet, rasch die islamophobische Sicht der Welt abzulegen, denn sie verstellt den Blick auf die wirklichen Probleme.

Stefan Fuchs: Herr Mamdani, Ihre Analyse des fundamentalistischen Terrors zeichnet sich durch einen entschieden historischen und politologischen Ansatz aus. Für Sie kann das Phänomen des islamischen Fundamentalismus nicht durch theologische Besonderheiten des Islam oder ganz allgemeine kulturelle Eigenschaften der Gesellschaften an der Peripherie erklärt werden.

Der sich jetzt globalisierende Terror ist in Ihren Augen charakteristisch für die letzte Phase des Kalten Krieges, wird bedingt durch die so genannten Stellvertreterkriege oder “Kriege niedriger Intensität”, wie der technische Terminus lautet, als die gängige Form des Konflikts zwischen den beiden konkurrierenden Imperien Sowjet-Union und USA. Das klingt überraschend. Was sind die wichtigsten Argumente, auf die Sie Ihre These stützen?

Mahmood Mamdani: Sucht man nach den historischen und politischen Ursachen des Terrorismus von heute und ganz besonders nach den Wurzeln des 11. September, muss man bis in die Siebziger Jahre zurückgehen. Die Niederlage der USA in Vietnam 1975 stellt außen- wie innenpolitisch einen historischen Wendepunkt dar. Im Land ist eine starke Friedensbewegung entstanden, die bei den Kongresswahlen 1973 beträchtliche Erfolge erzielen kann.

In der Bevölkerung wächst die Überzeugung, dass die amerikanischen Truppen nach Hause zurückgeholt werden müssen. Auf der internationalen Ebene ist der Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreichs bestimmend. Die amerikanische Führung treibt die Angst, dass ihr die Hände gebunden sind. Als Angola zum Schauplatz der Ost-West-Auseinandersetzung wird, sucht Henry Kissinger nach einer Lösung für das Dilemma und verfällt auf die Strategie der indirekten Intervention, die man während des Vietnamkriegs schon einmal in Laos erprobt hatte. Kissinger bedient sich dazu südafrikanischer Truppen, die man als “Weiße Söldner” maskiert.

Die Aktion ist ein Fehlschlag, Südafrika muss seine Truppen zurückziehen. Eine Wende bringt erst die Präsidentschaft Reagans. Er gibt das Prinzip der friedlichen Koexistenz auf. Seine Devise ist das “Rollback”. Die Reagan-Doktrin besagt, dass der eigentliche Schauplatz des Kalten Krieges die ehemaligen Kolonien sind. Dort seien mit den Parolen des militanten Nationalismus Statthalter der Sowjets an die Macht gekommen. Diese müssten nun bekämpft werden. Eine intellektuelle Begründung liefert die Neokonservative Jean Kirkpatrick. Sie unterscheidet zwei Arten von Diktaturen. Linke Diktaturen nennt sie totalitär, rechte dagegen autoritär.

Während die rechten, autoritären Diktaturen organisch aus der Geschichte der Nationen entstanden seien und deshalb früher oder später von innen her abgelöst würden, seien die linken, totalitären Diktaturen von der Sowjetunion aufgezwungen und könnten deshalb nur durch Intervention von außen gestürzt werden. Das ist die moralische Rechtfertigung der Interventionspolitik.

Weil Südafrika die Rolle als amerikanischer Stellvertreter im südlichen Afrika zufällt, stellen die USA das rassistische Regime unter ihren politischen Schutz. In Mosambik werden über diesen Umweg die kontrarevolutionären RENAMO-Rebellen aus der Taufe gehoben. In Angola bedient man sich der UNITA, einer bereits existierenden Oppositionsbewegung zum marxistischen Regime.

In diesen Stellvertreterkriegen versuchen die oppositionellen Kräfte nicht, die Macht zu erobern. Ziel ist die Ausübung von Terror auf die Zivilbevölkerung. Damit soll die Machtbasis der linken Regime getroffen werden. Der Zivilbevölkerung wird nachdrücklich klar gemacht, dass es nur Frieden gibt, wenn das Regime seine Macht mit den Terroristen teilt. Eine Strategie, die die USA auch mit den Kontras in Nikaragua anwenden.

Die frühen Stellvertreterkriege haben keine religiöse Motivation. Ihre Technik wird in Afrika und Lateinamerika entwickelt, lange bevor sie durch die Mudschaheddin in Afghanistan zur Anwendung kommt. In allen Fällen aber versucht man, sie als demokratische Revolution darzustellen, den Terror als eine vom Volk selbst ausgehende Gewalt zu präsentieren. So werden die Mudschaheddin von Reagan auf dem Rasen vor dem Westflügel des Weißen Hauses vor laufenden Fernsehkameras als eine moderne Entsprechung der Gründungsväter der amerikanischen Demokratie bezeichnet.

Fuchs: Sie unterscheiden drei Stufen dieser historischen Entwicklung der Konflikte niedriger Intensität. Das beginnt noch vorsichtig im südlichen Afrika. Zentralamerika, Nikaragua, der nicht erklärte Krieg gegen die Sandinisten ist die zweite Phase. Dann ist es Afghanistan. Die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion wird dort über Kämpfer islamischer Herkunft geführt. Sie nennen diesen Dschihad in Afghanistan sogar den amerikanischen Dschihad. Wie konnte ausgerechnet dieser rechte Flügel des politischen Islam für die Amerikaner zu einem Alliierten werden?

Mamdani: Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Krieg in Afghanistan und den Konflikten in Nikaragua, Mosambik oder Angola. In Nikaragua, Mosambik und Angola wurde der von den USA freigesetzte Terror als Teil einer nationalen Befreiungsbewegung getarnt. In Afghanistan taucht zum ersten Mal eine Art internationale Brigade islamischer Kämpfer auf. Man stellt den afghanischen Freiwilligen die skrupellosesten Extremisten aus dem ganzen Mittleren Osten zur Seite.

Die Regierungen der Region entledigen sich auf diese Weise ihrer radikalen Dissidenten. So hat man eine winzige, extremistische Randgruppe mit großem finanziellem Aufwand organisiert, trainiert und militärisch ausgerüstet. Ohne die besondere Konstellation des Kalten Krieges wäre das niemals möglich gewesen. Die Amerikaner waren überzeugt, dass der politische Islam den unschätzbaren Vorteil habe, sowohl antikommunistisch als auch antinationalistisch zu sein. 1979 erschüttert die Iranische Revolution diese naive Auffassung.

Bald aber hieß es, das sind nur die Schiiten. Der sunnitische Islam ist der gute Islam. Schon lange vor Afghanistan kooperieren die Amerikaner mit den Saudis und schicken sunnitische Missionare in die ganze Welt. In Afghanistan setzt sich diese Kooperation fort. Die Madressa, die traditionelle islamische Schule, wird in eine militärische Einrichtung umgewandelt. Dort werden die Kinder der Afghanischen Flüchtlinge in einer ganz speziellen, totalitären Form des Islam unterwiesen.

Zum Teil wurde der Lehrplan direkt in den USA entwickelt. Die Universität von Nebraska beispielsweise bekam von der amerikanischen Entwicklungsagentur USAID Geld für ein Lehrbuch der Mathematik. Es war für den Unterricht in den Madressas bestimmt. Darin heißt es beispielsweise: die Geschwindigkeit eines Kalaschnikow-Geschosses beträgt 800 Meter pro Sekunde. Wenn der russische Soldat 3200 Meter entfernt ist, wie lange braucht die Kugel, um seinen Kopf zu zerschmettern?

Gewalt wird für Neun- oder Zehnjährige als völlige Normalität dargestellt. Es findet eine totale Instrumentalisierung des Islam durch die Kooperation der saudischen und pakistanischen Geheimdienste statt. Und auch die USA waren daran beteiligt.

Fuchs: Die Konsequenzen sind dramatisch für Afghanistan. Als der amerikanische Dschihad, wie Sie ihn nennen, in Afghanistan vorüber ist, die Sowjetunion sich zurückzieht, werden die Taliban innerhalb von nur zwei Jahren zu einer dominierenden politischen Kraft. Zuvor waren sie eher eine marginale Gruppe in diesem sehr komplexen Mächteparallelogramm Afghanistans. Die Folgen dieses amerikanischen Dschihads sind auch dramatisch in Ägypten und Algerien zum Beispiel. Wie hat sich denn der Mittlere und Nahe Osten entwickelt als Folge dieses Stellvertreterkriegs in Afghanistan?

Mamdani: Wie viele Kämpfer tatsächlich in diesen Lagern ausgebildet wurden, wissen wir nicht. Schätzungen schwanken zwischen zwanzig-, und hunderttausend. Sicher ist nur, dass Veteranen des Afghanistan-Krieges in allen Fällen brutaler Gewaltanwendung wie beispielsweise im Algerischen Bürgerkrieg, in Ägypten und bei den Bombenattentaten in Saudi-Arabien mit im Spiel waren.

Als die Amerikaner nach dem 11. September nach Afghanistan zurückkommen, geschieht dies wieder mit einer kurzsichtigen Strategie. Man arbeitet mit Gruppen zusammen, nur weil sie bewaffnet sind. Die Koalition der Amerikaner war eine Koalition von “Warlords”. Das erklärt die jetzt drohende Rückkehr der Taliban. Denn sie waren für die Menschen eine Alternative, weil sie in der Lage waren, anstelle des Flickenteppichs lokaler Machtdomänen im ganzen Land eine Art Ordnung herzustellen. Wir assoziieren die Taliban mit Gewalt. Aber die Gewalt der Taliban war verschieden von der Willkür der “Warlords”.

Die Neokonservativen sehen die Lösung in einer Demokratisierung der Region. Aber ihr Begriff von Demokratie erweist sich als so oberflächlich, dass sie mit dem Widerspruch zwischen dem Prozesscharakter der Demokratie und dem möglichen Ergebnis dieses Prozesses nicht zurechtkommen. Sie verdammen den Prozess, wenn sein Ergebnis nicht ihren Vorstellungen entspricht. Wenn das geschieht, unterbrechen sie ihn. So geschah es in Palästina und im Irak, wo sie eine Verfassung verabschieden ließen, die es faktisch unmöglich macht, dass andere als religiös-sektiererische Parteien, sich zur Wahl stellen. Denn nur in einem bereits säkularisierten Land könnte es einen demokratischen Wettbewerb zwischen einer schiitischen und einer sunnitischen Partei geben. Insofern tragen die Amerikaner unmittelbar Verantwortung für den Verlust des säkularen Erbes Saddam Husseins, da sie an seiner Stelle dieses sektiererische politische System installiert haben.

Fuchs: Ihre Formel, was die Taliban betrifft, ist, dass die Taliban in der politischen Entwicklung Afghanistans nach dem amerikanischen Dschihad den Zusammenprall zwischen einer vormodernen Kultur mit einer modernen imperialen Macht darstellen.

Mamdani: Das Entweder-Oder der Kategorien “vormodern” und “modern” ist als Erklärungsmodell für Politik ungeeignet, weil das gängige Verständnis von “vormodern” eine ahistorische Vorstellung von Kultur bedeutet, die den Menschen gleichsam wie eine Hautfarbe anhaftet. Das wäre eine Kultur, in der die Menschen das Gute nicht vom Bösen unterscheiden könnten, die deshalb keine innere Dynamik hin zu Reformen kennen würde.

Für mich aber ist jede Kultur ohne Ausnahme durch geschichtliche Prozesse geprägt. Der eigentliche Konflikt in Afghanistan ist der Widerspruch zwischen der politischen Kultur, die sich dort historisch entwickelt hat und der politischen Kultur, die dem Land von außen aufgezwungen wurde, zuerst durch die Sowjetunion, danach durch die USA.

Afghanistans eigene politische Kultur zeichnet sich durch extreme Dezentralisierung aus, wodurch die lokale Ebene über große Autonomie verfügt. Jeder Versuch einer Zentralisierung der Macht, wie er von den sowjetischen und danach von den amerikanischen Statthaltern unternommen wurde, ist zum Scheitern verurteilt.

Dezentralisierte Gesellschaften sind immer auch bewaffnete Gesellschaften, in denen das staatliche Gewaltmonopol nicht existiert. Guerillabewegungen können sich sehr schnell entwickeln. Das haben die Briten während der Kolonialzeit feststellen müssen. Sie waren ebenso unfähig, die Afghanische Gesellschaft zu zähmen, wie später die Russen und heute die Amerikaner. Hier liegt die Ursache für den Konflikt: diese angestrengte Suche nach einem Diktator, einem einzelnen Statthalter, den man zentral steuern könnte. Das ist zum Problem geworden.

Fuchs: Würden Sie also sagen, dass die eigentlichen Gründe des Terrorismus zumindest in diesem Bereich der Welt, im größeren Mittleren Osten, aufgrund eines Modernisierungsprozesses, der sich nicht historisch und lokal verwurzelt hat, zu erklären sind?

Mamdani: Ich stimme zu, dass die Ursachen vor allem in einem politischen Prozess zu suchen sind, den man als Zwangsmodernisierung beschreiben kann und der in einer kolonialistischen Form abläuft. Denn nur unter diesen Voraussetzungen kann Modernisierung von außen erzwungen werden. Aber es kommt noch etwas hinzu, dass ich als obsessive Gewaltverliebtheit beschreiben möchte. Kennzeichnend für die politische Moderne ist die Vorstellung, dass Gewalt ein unverzichtbarer Motor des Fortschritts sei. Das lässt sich bis zur Französischen Revolution zurückverfolgen.

Damit einher geht die Neigung, gute von schlechter Gewalt zu unterscheiden. Wobei “gut” jene Gewalt ist, die die Geschichte vorantreibt, “schlecht” jene, die sich dem entgegenstellt. Diese Weltsicht macht blind für die Wahrnehmung von Phänomenen wie Staatsterrorismus, weil der immer mit dem Typus “guter” Gewalt assoziiert wird. Aber man darf den grundsätzlichen Widerspruch zwischen Politik und Gewalt nicht aus den Augen verlieren.

Wenn Politik etwas mit Kommunikation, mit der Herstellung von Konsens zu tun hat, dann ist Gewalt die Antithese zur Politik. Natürlich gibt es das Dilemma, dass Gewalt gelegentlich ein konstituierendes Moment von Gesellschaften darstellt, und die Politik diesen Prozess weiterführt. Aber im Kontext des Kolonialismus, wo dieser Gründungsakt nicht Ergebnis eines internen Prozesses ist, sondern von außen erzwungen wird, wird dieses Dilemma zu einem unlösbaren Problem, das uns nun schon seit geraumer Zeit begleitet.

Fuchs: Das bedeutet, dass die Gewalt ein zentrales Element der westlichen Gesellschaften im Allgemeinen ist? Oder ist es eine Gewalt, die mit dem imperialen Projekt der Vereinigten Staaten zu tun hat?

Mamdani: Ich will nicht sagen, dass Gewalt charakteristisch für die westlichen Gesellschaften ist. Aber sie kennzeichnet eine bestimmte historische Epoche, eine bestimmte geschichtliche Entwicklung, die in den westlichen Gesellschaften ihren Ursprung hat, ohne auf diese begrenzt zu sein. Das beginnt 1491. Aber die Ausfahrt des Kolumbus, und was daraus entstanden ist, kann nur als die säkularisierte Form des christlichen politischen Projekts verstanden werden, das auch die Kreuzzüge hervorbrachte. Dahinter steht eine manichäistische Weltsicht, in der sich Gläubige und Ungläubige, Wir und die Anderen, unversöhnlich gegenüberstehen.

Es findet eine Art Projektion statt, in der man der anderen Seite den Willen zur Vernichtung seiner selbst unterstellt. Das rechtfertigt jede Art von Gewalt, weil sie angeblich immer Selbstverteidigung ist. Ich habe den Genozid in Ruanda untersucht und festgestellt, dass er sich immer mit diesem Argument der Selbstverteidigung rechtfertigt: Wenn wir sie nicht töten, töten sie uns!

Für das Christentum konnten die Muslime nicht bekehrt werden. Man musste sie vernichten. Die Kreuzzüge waren kein Bekehrungs- oder Zivilisierungsprojekt. Das bestimmte auch den Umgang der nordamerikanischen Siedler mit den Ureinwohnern. Die Indianer waren “Wilde” für sie, die man nicht bekehren konnte. Sie mussten unterworfen oder vernichtet werden.

Dahinter steht die Unfähigkeit, das Andere zu tolerieren, die Welt als Lebensraum der Vielfalt zu verstehen. Damit ist auch die Vorstellung verbunden, dass ein zentralistischer Staat unverzichtbar für den Fortschritt sei, dass Gesellschaften wie die der nordamerikanischen Indianer, der Afghanen oder großer Teile Afrikas letztlich über gar keine gesellschaftliche Organisation verfügen, weil man als völlig selbstverständlich voraussetzt, dass nur ein zentralistischer Staat überhaupt Politik, Gesellschaft und Zivilisation ermögliche. Dagegen denke ich, sind wir gerade dabei herauszufinden, dass eher das Gegenteil zutrifft.

Fuchs: Gibt es da einen Zusammenhang mit dieser neokonservativen Sicht der Welt als eine “Hobbsche” Welt, die voller Gewalt ist, die chaotisch ist, in der nur Realpolitik, das heißt Gewalt, eine Ordnungsfunktion einnehmen könne?

Mamdani: Es gibt ganz sicher einen Zusammenhang. Ich erinnere mich an die Leitartikel, die George Kennan in den Neunzigern für die New York Times und das “Foreign Affairs” Magazin schrieb. Der Erfinder des “Containment” betonte immer wieder, dass die Expansion der Sowjetunion nach der Berlin-Krise eigentlich gestoppt war. Der Westen aber war nicht bereit, den Kalten Krieg zu beenden. Er wollte den totalen Sieg. Diese Weigerung, mit dem Anderen irgendeine Form der Koexistenz einzugehen, ist charakteristisch für die Neokonservativen.

Was mich aber am meisten bestürzt, ist ihr Vertrauen auf Gewalt als das gewissermaßen einzig verlässliche Mittel, die Welt unwiderruflich zu verändern, neue unveränderliche Fakten zu schaffen. Unveränderlich einfach deshalb, weil die Anderen tot sind. Das löst Panik bei mir aus, denn wann immer diese Leute sich in die Ecke gedrängt fühlen, ist Krieg ihre Lösung, ein immer noch größerer Krieg. Sie sind wie Spieler, die ihre Einsätze immer weiter erhöhen, um erlittene Verluste wieder hereinzuholen. Das, – befürchte ich -, beschreibt genau unsere gegenwärtige Situation.

Fuchs: Von der Perspektive des Südens aus gesehen, scheint das Hauptproblem zu sein, dass Modernität, die Moderne vor diesem politischen und geschichtlichen Hintergrund mit der imperialen, der neokolonialen Macht des Westens assoziiert wird, dass Modernisierung immer gleich Verwestlichung bedeutet. Ist das der eigentliche Grund, warum sich diese peripheren Gesellschaften so schwer tun, einen eigenständigen Weg zur Moderne zu finden?

Mamdani: Der Kern des Problems ist nicht der Westen als Ganzer, sondern ein Sonderweg innerhalb des Westens. Es war klar, dass sich der Verlierer des Kalten Krieges würde Reformen unterziehen müssen. Aber auch der Sieger braucht dringend Reformen. Die USA haben sich im Verlaufe des Kalten Krieges verändert. Sie sind zu einem Sicherheitsstaat geworden, die imperialen Züge des Präsidentenamts haben sich verstärkt, das Verteidigungsministerium hat begonnen, eine eigene Außenpolitik zu machen.

Aber anstatt sich zu reformieren, hat sich dieser Apparat nach dem Ende des Kalten Krieges noch weiter aufgebläht. Als Vorwand dient dieser völlig ungreifbare, diffuse “Krieg gegen den Terror”. Innerhalb der USA hat er zu einer unübersehbaren Machtverschiebung geführt. Den Sicherheitsbehörden ist eine unglaubliche Machtfülle zugewachsen. Deshalb ist es das zentrale Problem des Westens, wie man die USA unter Kontrolle bringen kann. Wie beherrscht man eine Macht, die gar nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann?

Die amerikanische Demokratie hat heute nicht mehr die Kraft, die Exekutive zu kontrollieren. Gerade haben Wahlen stattgefunden. Sie haben eine überwältigende Mehrheit gegen den Krieg gebracht. Aber anscheinend gibt es keine Möglichkeit mehr, die destruktiven Kräfte einzudämmen. Dieser Krieg stellt ein völlig falsches Signal dar.

Wir erleben die Endphase einer 500jährigen Herrschaft des Westens. Neue Mächte formieren sich. Ein solcher Umbruch erzeugt Orientierungslosigkeit und Angst. Alle Energien aber werden mit dem “Krieg gegen den Terror” auf ein Problem gelenkt, das gar keines ist. Es wäre für die Politiker im Westen ungeheuer wichtig, sich endlich bewusst zu werden, welchen Bärendienst sie ihren Gesellschaften erweisen, wenn sie sie nicht auf die eigentlichen Probleme vorbereiten, die dieser Umbruch mit sich bringt. Der Terrorismus ist im Wesentlichen ein polizeiliches Problem, aber eben nicht die große globale Problematik, als die er fortwährend hingestellt wird.

Fuchs: Würden Sie sagen, dass diese Fokussierung auf das Problem des islamistischen Terrors nur eine Ablenkung ist, von den eigentlichen Problemen?

Mamdani: Zuallererst ist es ein lokales Problem. Dann resultiert es aus der Unfähigkeit, mit dem politischen Dilemma umzugehen, das durch die Schwäche der amerikanischen Statthalter im Mittleren Osten entstanden ist: diktatorische Regime, die zu keinerlei Reformen fähig sind. Das bedeutet auch, dass die Rolle der Opposition ausschließlich den religiösen Bewegungen zufällt. Und dieser Konflikt wird künstlich geschürt.

Es gibt bei denen, die den “Krieg gegen den Terror” ausgerufen haben, ebensoviel Interesse an der Fortdauer des Terrors wie bei den Terroristen selbst. Aber er ist eben kein globales Phänomen. Die USA versuchen, ihn erst zu einem solchen zu machen. Ich komme aus Afrika und dort herrscht große Angst, dass die Amerikaner den “Krieg gegen den Terror” auch dorthin ausdehnen.

Die USA haben in Djibuti ein afrikanisches Kommando eingerichtet. Sie nutzen ihren Statthalter Äthiopien zur Intervention in Somalia. In Darfur, wo Tag für Tag unzählige Zivilisten getötet werden, ist die Lage durchaus vergleichbar mit dem Desaster im Irak. Auch dort gibt es Rebellen und Kontras, Paramilitärs, die mit dem Militär verbunden sind. Und die Menschen werden wegen ihrer Zugehörigkeit zu verfeindeten Gruppen getötet, die im Wesentlichen den Interessenkonflikt zwischen sesshaften Bauern und nomadisierenden Hirten austragen.

Aber die amerikanischen Medien beschreiben Darfur als einen Genozid, der gleichsam an einem geschichtslosen Ort stattfindet. Sie zeichnen ein moralisierendes Schwarzweißbild von Tätern und Opfern, die unterschiedlichen Ethnien angehören. Wenn man aber den UN-Bericht zu Darfur liest, die 51 Namen, die als Kriegsverbrecher aufgeführt werden, stellt man fest, dass darunter nicht nur Vertreter der mit der Regierung verbundenen Paramilitärs zu finden sind, sondern auch die Rebellenführer auf der Gegenseite.

Anstelle einer notwendigen politischen Lösung, die in der Ausdehnung des im Süden begonnenen Friedensprozesses nach Westen bestünde, rufen amerikanische Lobby-Gruppen nach militärischem Eingreifen von außen, mit anderen Worten nach einer Intervention wie im Irak, die diesen Konflikt nur auf den gesamten Sudan ausdehnen würde. Im östliche Afrika droht die Gefahr, dass den lokalen Konflikten dieses stereotype Schema eines sich ständig ausweitende “Krieges gegen den Terror” einfach übergestülpt wird.

Fuchs: Lassen Sie uns dieses Gespräch mit einem Ausblick beenden, auf die nächsten vierzig, fünfzig Jahre eines jetzt drohenden neuen großen Krieges, des “Krieges gegen den Terror”. Wo ist denn das Rettende zu finden? Welche gesellschaftlichen, intellektuellen Kräfte könnten die globale Friedensbewegung tragen, die Sie fordern?

Mamdani: Wir müssen zuallererst zwei miteinander verbundene aber dennoch ganz unterschiedliche Dinge unterscheiden. Die Frage des Terrorismus und Al Quaida ist etwas anderes als die amerikanische Besetzung von Gesellschaften und Staaten im Namen des “Krieges gegen den Terror”. Dann muss man feststellen, dass es vor allem diese amerikanische Besatzung ist, die den Nährboden für die Terrorgruppen bereitet, weil diese sich immer auf den Widerstand gegen die Fremdherrschaft berufen können. Daraus folgt, der Kampf gegen den Terrorismus muss mit der Beendigung aller Besatzungsregime beginnen. Stattdessen müssen die lokalen Reformbestrebungen mit aller Kraft unterstützt werden.

Wir haben sicher keine fünfzig Jahre mehr. Diese Leute werden eine Intervention nach der anderen betreiben. Die Kosten der Irak-Besatzung sind enorm, aber die Kosten der nächsten Intervention werden noch sehr viel höher sein. Wir müssen also schnell handeln, einen Schritt zurücktreten und erkennen, dass diese islamophobische Sicht der Welt den Blick auf die wirklichen Probleme verstellt. Es geht nicht um den Mittleren Osten. Das ist ein vordergründiges Problem. Die wirklichen Herausforderungen kommen mit den Entwicklungen in China, Indien, vielleicht Lateinamerika. Dort findet der wirkliche Umbruch statt. Über diese Veränderungen in der Welt wird nicht gesprochen. Und genau dieses Thema müssen wir in den Mittelpunkt rücken.

Mahmood Mamdani

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Mamdani

Mahmood Mamdani (* 1946 in Bombay, Indien) ist Anthropologe und Politikwissenschaftler. Mamdani lehrt als Inhaber der Herbert-Lehman-Professur am Institut für Anthropologie an der Columbia University in New York City.

Mahmood Mamdani ist als Sohn indischer Einwanderer in der ugandischen Hauptstadt Kampala aufgewachsen. Er lebt mit seiner Frau, der Filmregisseurin Mira Nair und ihrem gemeinsamen Sohn in New York City und Kampala.[1]

Der Anthropologe und Politikwissenschaftler schreibt über den religiösen Fundamentalismus und seine politischen Auswirkungen. 1998 gewann er in den USA für das Buch „Citizen and Subject: Contemporary Africa and the Legacy of Late Colonialism“ den renommierten „Herskovits Award“ der African Studies Association.[1]

In seinem 2006 veröffentlichten Buch „Guter Moslem, böser Moslem“ verwirft er die These von den säkularisierten, westlichen und den vormodernen, fanatischen Muslimen.[1]

Das US-Magazin Foreign Policy führte ihn im April 2008 als einen von 100 bedeutenden Intellektuellen in der Öffentlichkeit („Top 100 Public Intellectuals“) auf der Welt.[2]

Schriften

  • Mahmood Mamdani, Joe Oloka-Onyango (Hrsg.): Uganda: Studies in living conditions, popular movements, and constitutionalism. Journal für Entwicklungspolitik, Wien 1994, ISBN 3-901-40302-7.
  • Citizen and subject: Contemporary Africa and the legacy of late colonialism. Princeton University Press, Princeton 1996, ISBN 0-691-01107-9.
  • When victims become killers: Colonialism, nativism, and the genocide in Rwanda. Princeton University Press, Princeton 2002, ISBN 0-691-05821-0.
  • Good Muslim, bad Muslim: America, the Cold War, and the roots of terror. Pantheon, New York 2004, ISBN 0-375-42285-4.
    • Übersetzung: Guter Moslem, böser Moslem: Amerika und die Wurzeln des Terrors Nautilus, Hamburg 2006, ISBN 3-89401-475-X.
  • Saviors and Survivors: Darfur, politics, and the War on terror. Pantheon, New York 2009, ISBN 978-0-307-37723-4.
    • Übersetzung: Blinde Retter: Über Darfur, Geopolitik und den Krieg gegen den Terror. Nautilus, Hamburg 2011, 978-3-89401-736-1

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c Guter Moslem, böser Moslem: Amerika und die Wurzeln des Terrors Nautilus, Hamburg 2006, ISBN 3-89401-475-X.
  2. Foreign Policy The Top 100 Public Intellectuals: Bios (Gesichtet 28.Juni 2008)

Normdaten (Person): GND: 130812846 | LCCN: n84021809 | VIAF: 34581220 |

Wikipedia-Personen

PRÄAMBEL

Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet,

da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, daß einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not genießen, das höchste Streben des Menschen gilt,

da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen,

da es notwendig ist, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen zu fördern,

da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern,

da die Mitgliedstaaten sich verpflichtet haben, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auf die allgemeine Achtung und Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten hinzuwirken,

da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist,

verkündet die Generalversammlung

diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich diese Erklärung stets gegenwärtig halten und sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedstaaten selbst wie auch durch die Bevölkerung der ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Gebiete zu gewährleisten.

Artikel 1

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Artikel 2

Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Des weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebietes, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.

Artikel 3

Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

(…)

Artikel 28

Jeder hat Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können.

Artikel 29

1. Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist.

http://www.un.org/depts/german/grunddok/ar217a3.html

Was ist Weltethos?


Weltethos,
das ist die Vision eines globalen Bewusstseinswandels im Ethos: Menschen – ob weltweit, national oder lokal – sind für ein friedliches Zusammenleben auf gemeinsame elementare ethische Werte, Maßstäbe und Haltungen angewiesen.

Solche Werte finden sich in allen großen religiösen und philosophischen Traditionen der Menschheit. Sie müssen nicht neu erfunden, wohl aber den Menschen neu bewusst gemacht, sie müssen gelebt und weitergegeben werden.

Dafür braucht es:
Dialog der Religionen und Kulturen, besonders das Wissen um Gemeinsamkeiten im Ethos.
Kulturübergreifende Werteerziehung. Schon Kinder müssen lernen, dass friedliches Zusammenleben auf allen Ebenen vom Einhalten elementarer Regeln abhängt. Keine Gesellschaft kann ohne ein verbindendes Wertefundament funktionieren.
Ethische und interkulturelle Kompetenz in Wirtschaftsunternehmen. Akteure im internationalen Wettbewerb sind mehr denn je auf kulturübergreifende Normen angewiesen.
In Recht und Ethos verankerte internationale Politik: statt militärischer Konfrontation, Kooperation, Integration.

Das Weltethos-Programm geht zurück auf den in Tübingen wirkenden Schweizer Theologen Prof. Hans Küng und sein Buch »Projekt Weltethos« (1990).
»Kein Friede zwischen den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen« – dieser Satz bildet die Leitidee von Hans Küngs Arbeit.

Inspiriert vom »Projekt Weltethos« verabschiedete 1993 das Parlament der Weltreligionen in Chicago die »Erklärung zum Weltethos«. Erstmals in der neueren Geschichte der Religionen verständigen sich Repräsentanten aller Weltreligionen auf Kernelemente eines gemeinsamen Ethos:
• das Prinzip Menschlichkeit,
• die »Goldene Regel« der Gegenseitigkeit,
• die Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und die Partnerschaft von Mann und Frau.

http://www.weltethos.de/data-ge/c-10-stiftung/10a-definition.php

Deklaration des Parlaments der Weltreligionen
 
Die Weltethos-Erklärung

Die 16-seitige Broschüre mit dem Text der Weltethos-Erklärung kann
im Online-Shop auf Deutsch, Englisch und Französisch bestellt werden.
-›› Zum Online-Shop

A. Vorwort
Niemand dürfte heute noch ernsthaft bestreiten: Eine Weltepoche, die anders als jede frühere geprägt ist durch Weltpolitik, Welttechnologie, Weltwirtschaft und Weltzivilisation, bedarf eines Weltethos. Das heißt: eines Grundkonsenses bezüglich verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen. Ohne einen Grundkonsens im Ethos droht jeder Gemeinschaft früher oder später das Chaos oder eine Diktatur. Keine bessere Weltordnung ohne ein Weltethos!

Ein Weltethos meint dabei weder eine Weltideologie noch eine einheitliche Weltreligion jenseits aller bestehenden Religionen noch eine Mischung aus allen Religionen. Die Menschheit ist der Einheitsideologien müde, und die Religionen der Welt sind in ihren Glaubensauffassungen und »Dogmen«, ihren Symbolen und Riten ohnehin so verschieden, daß eine »Vereinigung« sinnlos, ein synkretistischer Cocktail ungenießbar wäre.

Ein Weltethos will auch nicht die Hochethik der einzelnen Religionen durch einen ethischen Minimalismus ersetzen. Die Tora der Juden, die Bergpredigt der Christen, der Koran der Muslime, die Bhagavadgita der Hindus, die Reden des Buddha, die Sprüche des Konfuzius: Sie alle bleiben die Grundlage für Glauben und Leben, Denken und Handeln für Hunderte von Millionen von Menschen. Was dann?

Ein Weltethos will das, was den Religionen der Welt trotz aller Verschiedenheiten jetzt schon gemeinsam ist, herausarbeiten und zwar in bezug auf menschliches Verhalten, sittliche Werte und moralische Grundüberzeugungen. Anders gesagt: Das Weltethos reduziert die Religionen nicht auf einen ethischen Minimalismus, wohl aber stellt es das Minimum dessen heraus, was den Religionen der Welt schon jetzt im Ethos gemeinsam ist. Es ist gegen niemanden gerichtet, sondern lädt alle ein, Gläubige wie Nichtgläubige, sich dieses Ethos zu eigen zu machen und entsprechend zu handeln.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Religionen hat es der Council des Parlaments der Weltreligionen, das vom 28. August bis zum 4. September 1993 in Chicago unter Beteiligung von 6500 Menschen aus allen möglichen Religionen tagte, gewagt, eine Erklärung zu einem Weltethos ausarbeiten zu lassen und vorzulegen. Und wie nicht anders zu erwarten war, hat diese Erklärung denn auch während des Parlaments heftige Diskussionen ausgelöst. Aber das Erfreuliche ist: In einer Zeit, wo so viele Religionen in politische Konflikte, ja, blutige Kriege mitverwickelt sind, haben Repräsentanten höchst unterschiedlicher großer und kleiner Religionen diese Erklärung mit ihrer Unterschrift sich zu eigen gemacht, stellvertretend für ungezählte Gläubige auf dieser Erde.

Diese Erklärung bildet nun die Basis für einen umfangreichen Diskussions- und Akzeptanzprozeß, der in allen Religionen – so hoffen wir – ausgelöst werden wird. Denn selbstverständlich ist diese Erklärung zu einem Weltethos – ähnlich wie die erste Erklärung für die Menschenrechte 1776 im Zusammenhang der amerikanischen Revolution – nicht ein Endpunkt, sondern ein Anfangspunkt. Das war von vornherein klar und wurde am Ende des Parlaments dadurch noch einmal eigens zum Ausdruck gebracht, daß man diese Erklärung als eine »initial declaration toward a global ethic« bezeichnete. Damit ist die Hoffnung verbunden, daß dieses Dokument einen Prozeß auslösen möge, der das Verhalten der Menschen in den Religionen im Blick auf Verständigung, Respekt und Zusammenarbeit verändert. Und wenn alles gut geht, werden wir in nicht allzu ferner Zeit weitere Erklärungen haben, die das Weltethos der Religionen weiter präzisieren, konkretisieren und illustrieren, und vielleicht auch einmal eine Weltethos-Erklärung der Vereinten Nationen, welche deren Menschenrechtserklärung, die so oft ignoriert und grausam verletzt wird, moralisch vom Gewissen her abstützt.

Ist aber eine solche Erwartung nicht schier illusionär? Ist die Akzeptanz einer solchen Erklärung in den Religionen zu erwarten? Sind solche Hoffnungen realistisch? Den ewigen Skeptikern und Pessimisten halten wir entgegen: Niemand wird leugnen, daß es innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten möglich wurde, weltweit einen allgemeinen Bewußtseinswandel in bezug auf Ökonomie und Ökologie, in bezug auf Weltfrieden und Abrüstung sowie in bezug auf die Partnerschaft zwischen Mann und Frau einzuleiten. Unser Dokument hier wurde geschrieben und verabschiedet in der Hoffnung, daß sich ein ähnlicher Bewußtseinswandel abzeichnen möge in bezug auf ein der ganzen Menschheit gemeinsames Grundethos, ein Weltethos. Es ist an den Religionen dieser Erde, es ist an den Menschen überall ganz konkret vor Ort, daß diese Erklärung mehr bleibt als Papier, daß sie mit Leben erfüllt wird, daß sie die Menschen inspiriert zu einem Leben in gegenseitiger Achtung, Verständigung und Zusammenarbeit.
Gleichzeitig mit diesem Bändchen erscheint in derselben Serie unser Buch »Weltfrieden durch Religionsfrieden. Antworten aus den Weltreligionen«; es bietet entscheidende Hilfen zum Verständnis des Prozesses, der zur Weltethos-Erklärung geführt hat. Im nächsten Jahr soll, wiederum in dieser Serie, ein weiterer Band folgen; er wird Reaktionen und Kommentare zur Weltethos-Erklärung enthalten von Persönlichkeiten aus den verschiedenen Religionen, aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.

Dieses Vorwort soll jedoch nicht abgeschlossen werden ohne ein herzliches Wort des Dankes an die Organisatoren des Parlaments der Weltreligionen in Chicago, besonders Dr. David Ramage, Vorsitzender des Board of Trustees, Dr. Daniel Gomez-Ibanez, Executive Director, und all die vielen selbstlosen, effizienten und liebenswürdigen Helfer und Helferinnen, die bei der Vorbereitung und Durchführung des Parlaments der Weltreligionen ein ungeheures Arbeitspensum auf bewundernswerte Weise bewältigt haben.
Chicago/Tübingen im September 1993
Hans Küng Karl-Josef Kuschel

B. Einführung

Der als »Einführung« bezeichnete Text wurde auf der Grundlage der in Tübingen verfaßten Erklärung von einem Redaktionskomitee des »Council« des Parlaments der Weltreligionen in Chicago erstellt. Er wollte – zu publizistischen Zwecken – eine knappe Zusammenfassung der Erklärung bieten. Zugleich sollte er der öffentlichen Verlesung dienen. So wurde dieser Text denn auch bei der feierlichen öffentlichen Abschlußversammlung am 4. September 1993 im Grant Park von Chicago vor Tausenden von Zuhörern öffentlich verlesen, wobei mehrere Passagen von spontanem Beifall begleitet wurden.

Der eigentliche Text der Erklärung beginnt mit:
»C. Die Prinzipien eines Weltethos«

Die Welt liegt in Agonie. Diese Agonie ist so durchdringend und bedrängend, daß wir uns herausgefordert fühlen, ihre Erscheinungsformen zu benennen, so daß die Tiefe unserer Besorgnis deutlich werden mag.
Der Friede entzieht sich uns – der Planet wird zerstört – Nachbarn leben in Angst – Frauen und Männer sind entfremdet voneinander – Kinder sterben!
Das ist abscheulich!

Wir verurteilen den Mißbrauch der Ökosysteme unserer Erde.

Wir verurteilen die Armut, die Lebenschancen erstickt; den Hunger, der den menschlichen Körper schwächt; die wirtschaftlichen Ungleichheiten, die so viele Familien mit Ruin bedrohen.

Wir verurteilen die soziale Unordnung der Nationen; die Mißachtung der Gerechtigkeit, welche Bürger an den Rand drängt; die Anarchie, welche in unseren Gemeinden Platz greift; und den sinnlosen Tod von Kindern durch Gewalt. Insbesondere verurteilen wir Aggression und Haß im Namen der Religion.

Diese Agonie muß nicht sein.
Sie muß nicht sein, weil die Grundlage für ein Ethos bereits existiert. Dieses Ethos bietet die Möglichkeit zu einer besseren individuellen und globalen Ordnung und führt die Menschen weg von Verzweiflung und die Gesellschaften weg vom Chaos.

Wir sind Frauen und Männer, welche sich zu den Geboten und Praktiken der Religionen der Welt bekennen:

Wir bekräftigen, daß sich in den Lehren der Religionen ein gemeinsamer Bestand von Kernwerten findet und daß diese die Grundlage für ein Weltethos bilden.

Wir bekräftigen, daß diese Wahrheit bereits bekannt ist, aber noch mit Herz und Tat gelebt werden muß.

Wir bekräftigen, daß es eine unwiderrufbare, unbedingte Norm für alle Bereiche des Lebens gibt, für Familien und Gemeinden, für Rassen, Nationen und Religionen. Es gibt bereits uralte Richtlinien für menschliches Verhalten, die in den Lehren der Religionen der Welt gefunden werden können und welche die Bedingung für eine dauerhafte Weltordnung sind.

Wir erklären:
Wir sind alle voneinander abhängig. Jeder von uns hängt vom Wohlergehen des Ganzen ab. Deshalb haben wir Achtung vor der Gemeinschaft der Lebewesen, der Menschen, Tiere und Pflanzen, und haben Sorge für die Erhaltung der Erde, der Luft, des Wassers und des Bodens.

Wir tragen die individuelle Verantwortung für alles, was wir tun. All unsere Entscheidungen, Handlungen und Unterlassungen haben Konsequenzen.

Wir müssen andere behandeln, wie wir von anderen behandelt werden wollen. Wir verpflichten uns, Leben und Würde, Individualität und Verschiedenheit zu achten, so daß jede Person menschlich behandelt wird – und zwar ohne Ausnahme. Wir müssen Geduld und Akzeptanz üben.

Wir müssen fähig sein zu vergeben, indem wir von der Vergangenheit lernen, aber es niemals zulassen, daß wir selber Gefangene der Erinnerungen des Hasses bleiben. Indem wir unsere Herzen einander öffnen, müssen wir unsere engstirnigen Streitigkeiten um der Sache der Weltgemeinschaft willen begraben und so eine Kultur der Solidarität und gegenseitigen Verbundenheit praktizieren.

Wir betrachten die Menschheit als unsere Familie. Wir müssen danach streben, freundlich und großzügig zu sein. Wir dürfen nicht allein für uns selber leben, müssen vielmehr auch anderen dienen und niemals die Kinder, die Alten, die Armen, die Leidenden, die Behinderten, die Flüchtlinge und die Einsamen vergessen. Niemand soll jemals als Bürger zweiter Klasse betrachtet oder behandelt oder, in welcher Weise auch immer, ausgebeutet werden. Es sollte eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau geben. Wir dürfen keinerlei sexuelle Unmoral begehen. Wir müssen alle Formen der Herrschaft oder des Mißbrauchs hinter uns lassen.

Wir verpflichten uns auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, des Respekts, der Gerechtigkeit und des Friedens. Wir werden keine anderen Menschen unterdrücken, schädigen, foltern, gar töten und auf Gewalt als Mittel zum Austrag von Differenzen verzichten.

Wir müssen nach einer gerechten sozialen und ökonomischen Ordnung streben, in der jeder die gleiche Chance erhält, seine vollen Möglichkeiten als Mensch auszuschöpfen. Wir müssen in Wahrhaftigkeit sprechen und handeln sowie mit Mitgefühl, indem wir mit allen in fairer Weise umgehen und Vorurteile und Haß vermeiden. Wir dürfen nicht stehlen. Wir müssen vielmehr die Herrschaft der Sucht nach Macht, Prestige, Geld und Konsum überwinden, um eine gerechte und friedvolle Welt zu schaffen.

Die Erde kann nicht zum besseren verändert werden, wenn sich nicht das Bewußtsein der Einzelnen zuerst ändert. Wir versprechen, unsere Wahrnehmungsfähigkeit zu erweitern, indem wir unseren Geist disziplinieren durch Meditation, Gebet oder positives Denken. Ohne Risiko und ohne Opferbereitschaft kann es keine grundlegende Veränderung in unserer Situation geben. Deshalb verpflichten wir uns auf dieses Weltethos, auf Verständnis füreinander und auf sozialverträgliche, friedensfördernde und naturfreundliche Lebensformen.

Wir laden alle Menschen, ob religiös oder nicht, dazu ein, dasselbe zu tun.

C. Die Prinzipien eines Weltethos

Unsere Welt geht durch eine fundamentale Krise: eine Krise der Weltwirtschaft, der Weltökologie, der Weltpolitik. Überall beklagt man die Abwesenheit einer großen Vision, den erschreckenden Stau ungelöster Probleme, die politische Lähmung, nur mittelmäßige politische Führung ohne viel Einsicht und Voraussicht und allgemein zu wenig Sinn für das Gemeinwohl. Zu viele alte Antworten auf neue Herausforderungen.
Hunderte Millionen von Menschen auf unserem Planeten leiden zunehmend unter Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger und Zerstörung der Familien. Die Hoffnung auf dauerhaften Frieden unter den Völkern schwindet wieder. Spannungen zwischen den Geschlechtern und Generationen haben ein beängstigendes Ausmaß erreicht. Kinder sterben, töten und werden getötet. Immer mehr Staaten werden durch Korruptionsaffären in Politik und Wirtschaft erschüttert. Das friedliche Zusammenleben in unseren Städten wird immer schwieriger durch soziale, rassische und ethnische Konflikte, durch Drogenmißbrauch, organisiertes Verbrechen, ja Anarchie. Selbst Nachbarn leben oft in Angst. Unser Planet wird nach wie vor rücksichtslos ausgeplündert. Ein Zusammenbruch der Ökosysteme droht.
Immer wieder neu beobachten wir, wie an nicht wenigen Orten dieser Welt Führer und Anhänger von Religionen Aggression, Fanatismus, Haß und Fremdenfeindlichkeit schüren, ja sogar gewaltsame und blutige Auseinandersetzungen inspirieren und legitimieren. Religion wird oft für rein machtpolitische Zwecke bis hin zum Krieg mißbraucht. Das erfüllt uns mit Abscheu.

Wir verurteilen all diese Entwicklungen und erklären, daß dies nicht sein muß. Es existiert bereits ein Ethos, das diesen verhängnisvollen globalen Entwicklungen entgegenzusteuern vermag. Dieses Ethos bietet zwar keine direkten Lösungen für all die immensen Weltprobleme, wohl aber die moralische Grundlage für eine bessere individuelle und globale Ordnung: eine Vision, welche Frauen und Männer von der Verzweiflung und der Gewaltbereitschaft und die Gesellschaften weg vom Chaos zu führen vermag.

Wir sind Männer und Frauen, welche sich zu den Geboten und Praktiken der Religionen der Welt bekennen. Wir bekräftigen, daß es bereits einen Konsens unter den Religionen gibt, der die Grundlage für ein Weltethos bilden kann: einen minimalen Grundkonsens bezüglich verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und moralischer Grundhaltungen.

I. Keine neue Weltordnung ohne eine Weltethos
Wir, Männer und Frauen aus verschiedenen Religionen und Regionen dieser Erde, wenden uns deshalb an alle Menschen, religiöse und nichtreligiöse. Wir wollen unserer gemeinsamen Überzeugung Ausdruck verleihen:
• Wir alle haben eine Verantwortung für eine bessere Weltordnung.
• Unser Einsatz für die Menschenrechte, für Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Erde ist unbedingt geboten.
• Unsere sehr verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen dürfen uns nicht hindern, uns gemeinsam aktiv einzusetzen gegen alle Formen der Unmenschlichkeit und für mehr Menschlichkeit.
• Die in dieser Erklärung ausgesprochenen Prinzipien können von allen Menschen mit ethischen Überzeugungen, religiös begründet oder nicht, mitgetragen werden.
• Wir aber als religiöse und spirituell orientierte Menschen, die ihr Leben auf eine Letzte Wirklichkeit gründen und aus ihr in Vertrauen, in Gebet oder Meditation, in Wort oder Schweigen spirituelle Kraft und Hoffnung schöpfen, haben eine ganz besondere Verpflichtung für das Wohl der gesamten Menschheit und die Sorge um den Planeten Erde. Wir halten uns nicht für besser als andere Menschen, aber wir vertrauen darauf, daß uns die uralte Weisheit unserer Religionen Wege auch für die Zukunft zu weisen vermag.
Nach zwei Weltkriegen und dem Ende des kalten Krieges, nach dem Zusammenbruch von Faschismus und Nazismus und der Erschütterung von Kommunismus und Kolonialismus ist die Menschheit in eine neue Phase ihrer Geschichte eingetreten. Die Menschheit besäße heute genügend ökonomische, kulturelle und geistige Ressourcen, um eine bessere Weltordnung heraufzuführen. Doch alte und neue ethnische, nationale, soziale, wirtschaftliche und religiöse Spannungen bedrohen den friedlichen Aufbau einer besseren Welt. Unsere Zeit erlebte zwar größere wissenschaftliche und technische Fortschritte denn je. Und doch stehen wir vor der Tatsache, daß weltweit Armut, Hunger, Kindersterben, Arbeitslosigkeit, Verelendung und Naturzerstörung nicht geringer geworden sind, ja zugenommen haben. Vielen Völkern droht der wirtschaftliche Ruin, die soziale Demontage, die politische Marginalisierung, die ökologische Katastrophe, der nationale Zusammenbruch.

In einer solch dramatischen Weltlage braucht die Menschheit nicht nur politische Programme und Aktionen. Sie bedarf einer Vision des friedlichen Zusammenlebens der Völker, der ethnischen und ethischen Gruppierungen und der Religionen in gemeinsamer Verantwortung für unseren Planeten Erde. Eine Vision beruht auf Hoffnungen, auf Zielen, Idealen, Maßstäben. Diese aber sind vielen Menschen überall auf der Welt abhanden gekommen. Und doch sind wir davon überzeugt: Gerade die Religionen tragen trotz ihres Mißbrauchs und häufigen historischen Versagens die Verantwortung dafür, daß solche Hoffnungen, Ziele, Ideale und Maßstäbe wachgehalten, begründet und gelebt werden können. Das gilt insbesondere für moderne Staatswesen: Garantien für Gewissens- und Religionsfreiheit sind notwendig, aber sie ersetzen nicht verbindende Werte, Überzeugungen und Normen, die für alle Menschen gelten, gleich welcher sozialen Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, Sprache oder Religion.

Wir sind überzeugt von der fundamentalen Einheit der menschlichen Familie auf unserem Planeten Erde. Wir rufen deshalb die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 in Erinnerung. Was sie auf der Ebene des Rechts feierlich proklamierte, das wollen wir hier vom Ethos her bestätigen und vertiefen: die volle Realisierung der Unverfügbarkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und der notwendigen Solidarität und gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen voneinander.

Aufgrund von persönlichen Lebenserfahrungen und der notvollen Geschichte unseres Planeten haben wir gelernt,
• daß mit Gesetzen, Verordnungen und Konventionen allein eine bessere Weltordnung nicht geschaffen oder gar erzwungen werden kann;
• daß die Verwirklichung von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Erde abhängt von der Einsicht und Bereitschaft der Menschen, dem Recht Geltung zu verschaffen;
• daß der Einsatz für Recht und Freiheit ein Bewußtsein für Verantwortung und Pflichten voraussetzt und deshalb Kopf und Herz der Menschen angesprochen werden müssen;
• daß das Recht ohne Sittlichkeit auf Dauer keinen Bestand hat und daß es deshalb keine neue Weltordnung geben wird ohne ein Weltethos.

Mit Weltethos meinen wir keine neue Weltideologie, auch keine einheitliche Weltreligion jenseits aller bestehenden Religionen, erst recht nicht die Herrschaft einer Religion über alle anderen. Mit Weltethos meinen wir einen Grundkonsens bezüglich bestehender verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen. Ohne einen Grundkonsens im Ethos droht jeder Gemeinschaft früher oder später das Chaos oder eine Diktatur, und einzelne Menschen werden verzweifeln.

II. Grundforderung:
Jeder Mensch muß menschlich behandelt werden
Wir sind allesamt fehlbare, unvollkommene Menschen mit Grenzen und Mängeln. Wir wissen um die Wirklichkeit des Bösen. Gerade deshalb aber fühlen wir uns um des Wohles der Menschheit willen verpflichtet, das auszusprechen, was Grundelemente eines gemeinsamen Ethos für die Menschheit sein sollten – für die einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaften und Organisationen, für die Staaten ebenso wie für die Religionen selbst. Denn wir vertrauen darauf: Unsere oft schon jahrtausendealten religiösen und ethischen Traditionen enthalten genügend Elemente eines Ethos, die für alle Menschen guten Willens, religiöse und nicht religiöse, einsichtig und lebbar sind.

Dabei ist uns bewußt: Unsere verschiedenen religiösen und ethischen Traditionen begründen in oft sehr verschiedener Weise, was dem Menschen nützt oder schadet, was recht oder was unrecht, was gut oder was böse ist. Die tiefgreifenden Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen wollen wir nicht verwischen oder ignorieren. Aber sie sollen uns nicht hindern, öffentlich zu proklamieren, was uns bereits jetzt gemeinsam ist und wozu wir uns aufgrund unserer je eigenen religiösen oder ethischen Grundlagen schon jetzt gemeinsam verpflichtet fühlen.

Uns ist bewußt: Religionen können die ökologischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Probleme dieser Erde nicht lösen. Wohl aber können sie das erreichen, was allein mit ökonomischen Plänen, politischen Programmen oder juristischen Regelungen offensichtlich nicht erreichbar ist: die innere Einstellung, die ganze Mentalität, eben das »Herz« des Menschen zu verändern und ihn zu einer »Umkehr« von einem falschen Weg zu einer neuen Lebenseinstellung zu bewegen. Die Menschheit bedarf der sozialen und ökologischen Reformen, gewiß, aber nicht weniger bedarf sie der spirituellen Erneuerung. Wir als religiös oder spirituell orientierte Menschen wollen uns besonders dazu verpflichten – im Bewußtsein, daß es gerade die spirituellen Kräfte der Religionen sein können, die Menschen für ihr Leben ein Grundvertrauen, einen Sinnhorizont, letzte Maßstäbe und eine geistige Heimat vermitteln. Dies freilich können Religionen nur dann glaubwürdig tun, wenn sie selbst jene Konflikte beseitigen, deren Quelle sie selber sind, wenn sie wechselseitig Überheblichkeit, Mißtrauen, Vorurteile, ja Feindbilder abbauen und den Traditionen, Heiligtümern, Festen und Riten der jeweils Andersgläubigen Respekt entgegenbringen.

Wir alle wissen: Nach wie vor werden überall auf der Welt Menschen unmenschlich behandelt. Sie werden ihrer Lebenschancen und ihrer Freiheit beraubt, ihre Menschenrechte werden mit Füßen getreten, ihre menschliche Würde wird mißachtet. Aber Macht ist nicht gleich Recht! Angesichts aller Unmenschlichkeit fordern unsere religiösen und ethischen Überzeugungen: Jeder Mensch muß menschlich behandelt werden!

Das heißt: Jeder Mensch – ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft – besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde. Alle, der Einzelne wie der Staat, sind deshalb verpflichtet, diese Würde zu achten und ihnen wirksamen Schutz zu garantieren. Auch in Wirtschaft, Politik und Medien, in Forschungsinstituten und Industrieunternehmungen soll der Mensch immer Rechtssubjekt und Ziel sein, nie bloßes Mittel, nie Objekt der Kommerzialisierung und der Industrialisierung. Niemand steht »jenseits von Gut und Böse«: kein Mensch und keine soziale Schicht, keine einflußreiche Interessengruppe und kein Machtkartell, kein Polizeiapparat, keine Armee und auch kein Staat. Im Gegenteil: Als ein mit Vernunft und Gewissen ausgestattetes Wesen ist jeder Mensch dazu verpflichtet, sich wahrhaft menschlich und nicht unmenschlich zu verhalten, Gutes zu tun und Böses zu lassen!

Was dies konkret heißt, will unsere Erklärung verdeutlichen. Wir wollen im Blick auf eine neue Weltordnung unverrückbare, unbedingte ethische Normen in Erinnerung rufen. Sie sollen für den Menschen nicht Fesseln und Ketten sein, sondern Hilfen und Stützen, um Lebensrichtung und Lebenswerte, Lebenshaltungen und Lebenssinn immer wieder neu zu finden und zu verwirklichen.

Es gibt ein Prinzip, die Goldene Regel, die seit Jahrtausenden in vielen religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit zu finden ist und sich bewährt hat: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. Oder positiv: Was du willst, das man dir tut, das tue auch den anderen! Dies sollte die unverrückbare, unbedingte Norm für alle Lebensbereiche sein, für Familie und Gemeinschaften, für Rassen, Nationen und Religionen.

Egoismen jeder Art – jede Selbstsucht, sie sei individuell oder kollektiv, sie trete auf in Form von Klassendenken, Rassismus, Nationalismus oder Sexismus – sind verwerflich. Wir verurteilen sie, weil sie den Menschen daran hindern, wahrhaft Mensch zu sein. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sind durchaus legitim – solange sie nicht von der Selbstverantwortung und Weltverantwortung des Menschen, von der Verantwortung für die Mitmenschen und den Planeten Erde losgelöst sind.
Dieses Prinzip schließt ganz konkrete Maßstäbe ein, an die wir Menschen uns halten sollen. Aus ihm ergeben sich vier umfassende uralte Richtlinien, die sich in den meisten Religionen dieser Welt finden.

III. Vier unverrückbare Weisungen

1. Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben
Ungezählte Menschen bemühen sich in allen Regionen und Religionen um ein Leben, das nicht von Egoismus bestimmt ist, sondern vom Einsatz für die Mitmenschen und die Mitwelt. Und doch gibt es in der Welt von heute unendlich viel Haß, Neid, Eifersucht und Gewalt: nicht nur zwischen den einzelnen Menschen, sondern auch zwischen sozialen und ethnischen Gruppen, zwischen Klassen und Rassen, Nationen und Religionen. Gewaltanwendung, der Drogenhandel und das organisierte Verbrechen, ausgestattet oft mit neuesten technischen Möglichkeiten, haben globale Ausmaße erreicht. Vielerorts wird noch mit Terror »von oben« regiert; Diktatoren vergewaltigen ihre eigenen Völker, und institutionelle Gewalt ist weit verbreitet. Selbst in manchen Ländern, wo es Gesetze zum Schutz individueller Freiheiten gibt, werden Gefangene gefoltert, Menschen verstümmelt, Geiseln getötet.

A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht töten! Oder positiv: Hab Ehrfurcht vor dem Leben!

Besinnen wir uns also neu auf die Konsequenzen dieser uralten Weisung: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen physisch oder psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten. Und kein Volk, kein Staat, keine Rasse, keine Religion hat das Recht, eine andersartige oder andersgläubige Minderheit zu diskriminieren, zu »säubern«, zu exilieren, gar zu liquidieren.

B. Gewiß, wo es Menschen gibt, wird es Konflikte geben. Solche Konflikte aber sollten grundsätzlich ohne Gewalt im Rahmen einer Rechtsordnung gelöst werden. Das gilt für den Einzelnen wie für die Staaten. Gerade die politischen Machthaber sind aufgefordert, sich an die Rechtsordnung zu halten und sich für möglichst gewaltlose, friedliche Lösungen einzusetzen. Sie sollten sich engagieren für eine internationale Friedensordnung, die ihrerseits des Schutzes und der Verteidigung gegen Gewalttäter bedarf. Aufrüstung ist ein Irrweg, Abrüstung ein Gebot der Stunde. Niemand täusche sich: Es gibt kein Überleben der Menschheit ohne Weltfrieden!

C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, daß Gewalt kein Mittel der Auseinandersetzung mit anderen sein darf. Nur so kann eine Kultur der Gewaltlosigkeit geschaffen werden.

D. Die menschliche Person ist unendlich kostbar und unbedingt zu schützen. Aber auch das Leben der Tiere und der Pflanzen, die mit uns diesen Planeten bewohnen, verdient Schutz, Schonung und Pflege. Hemmungslose Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen, rücksichtslose Zerstörung der Biosphäre, Militarisierung des Kosmos sind ein Frevel. Als Menschen haben wir – gerade auch im Blick auf künftige Generationen – eine besondere Verantwortung für den Planeten Erde und den Kosmos, für Luft, Wasser und Boden. Wir alle sind in diesem Kosmos miteinander verflochten und voneinander abhängig. Jeder von uns hängt ab vom Wohl des Ganzen. Deshalb gilt: Nicht die Herrschaft des Menschen über Natur und Kosmos ist zu propagieren, sondern die Gemeinschaft mit Natur und Kosmos zu kultivieren.

E. Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist unserer großen religiösen und ethischen Traditionen, schonungsvoll und hilfsbereit zu sein, und zwar im privaten wie im öffentlichen Leben. Niemals sollten wir rücksichtslos und brutal sein. Jedes Volk soll dem anderen, jede Rasse soll der anderen, jede Religion soll der anderen Toleranz, Respekt, gar Hochschätzung entgegenbringen. Minderheiten – sie seien rassischer, ethnischer oder religiöser Art – bedürfen unseres Schutzes und unserer Förderung.

2. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
Ungezählte Menschen bemühen sich in allen Regionen und Religionen um Solidarität füreinander und um ein Leben in Arbeit und treuer Berufserfüllung. Und doch gibt es in der Welt von heute unendlich viel Hunger, Armut und Not. Schuld daran trägt nicht bloß der Einzelne. Schuld daran sind oft auch ungerechte gesellschaftliche Strukturen: Millionen von Menschen sind ohne Arbeit, Millionen werden durch schlecht bezahlte Arbeit ausgebeutet, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und um ihre Lebenschancen gebracht. Ungeheuer sind in vielen Ländern die Unterschiede zwischen Armen und Reichen, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen. In einer Welt, in welcher sowohl ein ungezügelter Kapitalismus als auch ein totalitärer Staatssozialismus viele ethische und spirituelle Werte ausgehöhlt und zerstört hat, konnten sich Profitgier ohne Grenzen und Raffgier ohne Hemmungen ausbreiten, aber auch ein materialistisches Anspruchsdenken, welches ständig mehr vom Staat fordert, ohne sich selber zu mehr zu verpflichten. Nicht nur in den Entwicklungsländern, auch in den Industrieländern hat sich die Korruption zu einem Krebsübel der Gesellschaft entwickelt.

A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht stehlen! Oder positiv: Handle gerecht und fair!

Besinnen wir uns also wieder neu auf die Konsequenzen dieser uralten Weisung: Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen – in welcher Form auch immer – zu bestehlen oder sich an dessen Eigentum oder am Gemeinschaftseigentum zu vergreifen. Umgekehrt aber hat auch kein Mensch das Recht, sein Eigentum ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Erde zu gebrauchen.

B. Wo äußerste Armut herrscht, da machen sich Hilflosigkeit und Verzweiflung breit, da wird um des Überlebens willen auch immer wieder gestohlen werden. Wo Macht und Reichtum rücksichtslos angehäuft werden, da werden bei den Benachteiligten und Marginalisierten unvermeidlich Gefühle des Neides, des Ressentiments, ja, des tödlichen Hasses und der Rebellion geweckt. Dies aber führt zu einem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt. Niemand täusche sich: Es gibt keinen Weltfrieden ohne Weltgerechtigkeit!

C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, daß Eigentum, es sei noch so wenig, verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Nur so kann eine gerechte Wirtschaftsordnung aufgebaut werden.

D. Doch wenn sich die Lage der ärmsten Milliarde Menschen auf diesem Planeten, darunter besonders die der Frauen und Kinder, entscheidend verändern soll, so müssen die Strukturen der Weltwirtschaft gerechter gestaltet werden. Individuelle Wohltätigkeit und einzelne Hilfsprojekte, so unverzichtbar sie sind, reichen nicht aus. Es braucht die Partizipation aller Staaten und die Autorität der internationalen Organisationen, um zu einem gerechten Ausgleich zu kommen.
Die Schuldenkrise und die Armut der sich auflösenden Zweiten und erst recht der Dritten Welt müssen einer für alle Seiten tragbaren Lösung entgegengeführt werden. Gewiß: Interessenkonflikte sind auch künftig unvermeidlich. In den entwickelten Ländern ist jedenfalls zu unterscheiden zwischen einem notwendigen und einem hemmungslosen Konsum, zwischen einem sozialen und einem unsozialen Gebrauch des Eigentums, zwischen einer gerechtfertigten und einer ungerechtfertigten Nutzung der natürlichen Ressourcen, zwischen einer rein kapitalistischen und einer sozial wie ökologisch orientierten Marktwirtschaft. Auch die Entwicklungsländer bedürfen der nationalen Gewissenserforschung.
Überall gilt: Wo die Herrschenden die Beherrschten, die Institutionen die Personen, die Macht das Recht erdrücken, ist Widerstand – wo immer möglich gewaltlos – angebracht.

E. Wahrhaft menschlich sein heißt im Geist unserer großen religiösen und ethischen Traditionen das Folgende:
• Statt die wirtschaftliche und politische Macht in rücksichtslosem Kampf zur Herrschaft zu mißbrauchen, ist sie zum Dienst an den Menschen zu gebrauchen. Wir müssen einen Geist des Mitleids mit den Leidenden entwickeln und besondere Sorge tragen für die Armen, Behinderten, Alten, Flüchtlinge, Einsamen.
• Statt eines puren Machtdenkens und einer hemmungslosen Machtpolitik soll im unvermeidlichen Wettbewerb der gegenseitige Respekt, der vernünftige Interessenausgleich, der Wille zur Vermittlung und zur Rücksichtnahme herrschen.
• Statt einer unstillbaren Gier nach Geld, Prestige und Konsum ist wieder neu der Sinn für Maß und Bescheidenheit zu finden! Denn der Mensch der Gier verliert seine »Seele«, seine Freiheit, seine Gelassenheit, seinen inneren Frieden und somit das, was ihn zum Menschen macht.

3. Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
Ungezählte Menschen in allen Regionen und Religionen bemühen sich auch in unserer Zeit um ein Leben in Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und doch gibt es in der Welt von heute unendlich viel Lug und Trug, Schwindel und Heuchelei, Ideologie und Demagogie:
• Politiker und Geschäftsleute, welche die Lüge als Mittel der Politik und des Erfolges benützen;
• Massenmedien, die statt wahrhaftiger Berichterstattung ideologische Propaganda, die statt Information Desinformation verbreiten, die statt der Wahrheitstreue ein zynisches Verkaufsinteresse verfolgen;
• Wissenschaftler und Forscher, die sich moralisch fragwürdigen ideologischen oder politischen Programmen oder auch wirtschaftlichen Interessengruppen ausliefern sowie Forschungen rechtfertigen, welche die sittlichen Grundwerte verletzen;
• Repräsentanten von Religionen, die Menschen anderer Religionen als minderwertig abqualifizieren und die Fanatismus und Intoleranz statt Respekt, Verständigung und Toleranz verkünden.

A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht lügen! Oder positiv: Rede und handle wahrhaftig!

Besinnen wir uns also wieder neu auf die Konsequenzen dieser uralten Weisung: Kein Mensch und keine Institution, kein Staat und auch keine Kirche oder Religionsgemeinschaft haben das Recht, den Menschen die Unwahrheit zu sagen.

B. Dies gilt besonders:
• Für die Massenmedien, denen zu Recht die Freiheit der Berichterstattung zur Wahrheitsfindung garantiert ist und denen damit in jeder Gesellschaft ein Wächteramt zukommt: Sie stehen nicht über der Moral, sondern bleiben in Sachlichkeit und Fairneß der Menschenwürde, den Menschenrechten und den Grundwerten verpflichtet. Sie haben kein Recht auf Verletzung der Privatsphäre von Menschen, auf Verzerrung der Wirklichkeit und auf Manipulation der öffentlichen Meinung.
• Für Kunst, Literatur und Wissenschaft, denen zu Recht künstlerische und akademische Freiheit garantiert sind: Sie sind nicht entbunden von allgemeinen ethischen Maßstäben, sondern sollen der Wahrheit dienen.
• Für die Politiker und die politischen Parteien: Wenn sie ihr Volk ins Angesicht belügen, wenn sie sich der Manipulation von Wahrheit, der Bestechlichkeit oder einer rücksichtslosen Machtpolitik im Inneren wie im Äußeren schuldig machen, haben sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt und verdienen den Verlust ihrer Ämter und ihrer Wähler. Umgekehrt sollte die öffentliche Meinung diejenigen Politiker unterstützen, die es wagen, dem Volk jederzeit die Wahrheit zu sagen.
• Für die Repräsentanten von Religionen schließlich: Wenn sie Vorurteile, Haß und Feindschaft gegenüber Andersgläubigen schüren, wenn sie Fanatismus predigen oder gar Glaubenskriege initiieren oder legitimieren, verdienen sie die Verurteilung der Menschen und den Verlust ihrer Gefolgschaft.
Niemand täusche sich: Es gibt keine Weltgerechtigkeit ohne Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit!

C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, Wahrhaftigkeit in Denken, Reden und Tun einzuüben. Jeder Mensch hat ein Recht auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Er hat das Recht auf die notwendige Information und Bildung, um die für sein Leben grundlegenden Entscheidungen treffen zu können. Ohne eine ethische Grundorientierung freilich vermag er kaum das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Bei der heutigen täglichen Flut von Informationen sind ethische Maßstäbe eine Hilfe, wenn Tatsachen verdreht, Interessen verschleiert, Tendenzen hofiert und Meinungen verabsolutiert werden.

D. Wahrhaft Mensch sein heißt im Geist unserer großen religiösen und ethischen Traditionen das Folgende:
• Statt Freiheit mit Willkür und Pluralismus mit Beliebigkeit zu verwechseln, der Wahrheit Geltung zu verschaffen;
• statt in Unehrlichkeit, Verstellung und opportunistischer Anpassung zu leben, den Geist der Wahrhaftigkeit auch in den alltäglichen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch zu pflegen;
• statt ideologische oder parteiische Halbwahrheiten zu verbreiten, in unbestechlicher Wahrhaftigkeit die Wahrheit immer neu zu suchen;
• statt einem Opportunismus zu huldigen, in Verläßlichkeit und Stetigkeit der einmal erkannten Wahrheit zu dienen.

4. Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau
Ungezählte Menschen bemühen sich in allen Regionen und Religionen um ein Leben im Geiste der Partnerschaft von Mann und Frau, um ein verantwortliches Handeln im Bereich von Liebe, Sexualität und Familie. Dennoch gibt es überall auf der Welt verdammenswerte Formen des Patriarchalismus, der Vorherrschaft des einen Geschlechtes über das andere, der Ausbeutung von Frauen, des sexuellen Mißbrauchs von Kindern sowie der erzwungenen Prostitution. Die sozialen Unterschiede auf dieser Erde führen nicht selten dazu, daß insbesondere Frauen und sogar Kinder aus den weniger entwickelten Ländern sich gezwungen sehen, Prostitution als Mittel des Überlebenskampfes einzusetzen.

A. Aus den großen alten religiösen und ethischen Traditionen der Menschheit aber vernehmen wir die Weisung: Du sollst nicht Unzucht treiben! Oder positiv: Achtet und liebet einander!

Besinnen wir uns also wieder neu auf die Konsequenzen dieser uralten Weisung: Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zum bloßen Objekt seiner Sexualität zu erniedrigen, ihn in sexuelle Abhängigkeit zu bringen oder zu halten.

B. Wir verurteilen sexuelle Ausbeutung und Geschlechterdiskriminierung als eine der schlimmsten Formen der Entwürdigung des Menschen. Wo immer – gar im Namen einer religiösen Überzeugung – die Herrschaft eines Geschlechts über das andere gepredigt und sexuelle Ausbeutung toleriert, wo immer Prostitution gefördert oder Kinder mißbraucht werden, da ist Widerstand geboten. Niemand täusche sich: Es gibt keine wahre Menschlichkeit ohne partnerschaftliches Zusammenleben!

C. Deshalb sollten schon junge Menschen in Familie und Schule lernen, daß Sexualität grundsätzlich keine negativ-zerstörende oder ausbeuterische, sondern eine schöpferisch-gestaltende Kraft ist. Sie hat die Funktion einer lebensbejahenden Gemeinschaftsbildung und kann sich nur entfalten, wenn sie in Verantwortung für das Glück auch des Partners gelebt wird.

D. Die Beziehung zwischen Mann und Frau sollte nicht durch Bevormundung oder Ausbeutung bestimmt sein, sondern durch Liebe, Partnerschaftlichkeit und Verläßlichkeit. Menschliche Erfüllung ist nicht mit sexueller Lust identisch. Sexualität soll Ausdruck und Bestätigung einer partnerschaftlich gelebten Liebesbeziehung sein.
Manche religiöse Traditionen kennen auch das Ideal des freiwilligen Verzichts auf die Entfaltung der Sexualität. Auch freiwilliger Verzicht kann Ausdruck von Identität und Sinnerfüllung sein.

E. Die gesellschaftliche Institution Ehe ist bei allen kulturellen und religiösen Verschiedenheiten durch Liebe, Treue und Dauerhaftigkeit gekennzeichnet. Sie will und soll Männern, Frauen und Kindern Geborgenheit und gegenseitige Unterstützung garantieren sowie ihre Rechte sichern. In allen Ländern und Kulturen soll auf ökonomische und gesellschaftliche Verhältnisse hingearbeitet werden, die eine menschenwürdige Existenz von Ehe und Familie und vor allem auch der alten Menschen ermöglichen. Kinder haben ein Recht auf Bildung. Weder sollen die Eltern die Kinder noch die Kinder die Eltern ausnützen; ihr Verhältnis soll vielmehr von gegenseitiger Achtung, Anerkennung und Fürsorge getragen sein.

F. Wahrhaft Mensch sein heißt im Geiste unserer großen religiösen und ethischen Traditionen das Folgende:
• statt patriarchaler Beherrschung oder Entwürdigung, die Ausdruck von Gewalt sind und oft Gegengewalt erzeugen, gegenseitige Achtung, Verständnis, Partnerschaftlichkeit;
• statt jeglicher Form von sexueller Besitzgier oder sexuellem Mißbrauch gegenseitige Rücksicht, Toleranz, Versöhnungsbereitschaft, Liebe.
• Auf der Ebene der Nationen und Religionen kann nur praktiziert werden, was auf der Ebene der persönlichen und familiären Beziehungen bereits gelebt wird.

IV. Wandel des Bewußtseins
Alle geschichtlichen Erfahrungen zeigen es: Unsere Erde kann nicht verändert werden, ohne daß ein Wandel des Bewußtseins beim Einzelnen und der Öffentlichkeit erreicht wird. Dies hat sich in Fragen wie Krieg und Frieden, Ökonomie oder Ökologie bereits gezeigt, wo in den letzten Jahrzehnten grundlegende Veränderungen erreicht wurden. Diese muß auch im Hinblick auf das Ethos erreicht werden! Jeder Einzelne hat nicht nur eine unverletzliche Würde und unveräußerliche Rechte; er hat auch eine unabweisbare Verantwortung für das, was er tut und nicht tut. Alle unsere Entscheidungen und Taten, auch unser Versagen und Scheitern haben Konsequenzen.

Diese Verantwortung wachzuhalten, zu vertiefen und an künftige Generationen weiterzugeben ist die besondere Aufgabe der Religionen. Dabei bleiben wir realistisch in bezug auf das in diesem Konsens Erreichte und dringen darauf, das Folgende zu beachten:

1. Ein universaler Konsens für viele umstrittene ethische Einzelfragen (von der Bio- und Sexualethik über die Medien- und Wissenschaftsethik bis zur Wirtschafts- und Staatsethik) ist schwierig. Doch im Geist der hier entwickelten gemeinsamen Grundsätze sollten sich auch für viele bisher umstrittene Fragen sachgerechte Lösungen finden lassen.
2. In vielen Lebensbereichen ist bereits ein neues Bewußtsein für ethische Verantwortung erwacht. Wir begrüßen es deshalb, wenn für möglichst viele Berufsklassen wie zum Beispiel Ärzte, Wissenschaftler, Geschäftsleute, Journalisten, Politiker zeitgemäße Ethikcodes ausgearbeitet werden, die konkretere Richtlinien bieten für die brisanten Fragen ihres jeweiligen Berufsstandes.
3. Vor allem drängen wir die einzelnen Glaubensgemeinschaften, ihr ganz spezifisches Ethos zu formulieren: Was hat jede Glaubenstradition zu sagen etwa über den Sinn von Leben und Sterben, über das Durchstehen von Leid und die Vergebung von Schuld, über die selbstlose Hingabe und die Notwendigkeit von Verzicht, über Mitleid und Freude. Dies alles wird das schon jetzt erkennbare Weltethos vertiefen, spezifizieren und konkretisieren.

Zum Schluß appellieren wir an alle Bewohner dieses Planeten: Unsere Erde kann nicht zum Besseren verändert werden, ohne daß das Bewußtsein des Einzelnen geändert wird. Wir plädieren für einen individuellen und kollektiven Bewußtseinswandel, für ein Erwecken unserer spirituellen Kräfte durch Reflexion, Meditation, Gebet und positives Denken, für eine Umkehr der Herzen. Gemeinsam können wir Berge versetzen! Ohne Risiko und Opferbereitschaft gibt es keine grundlegende Veränderung unserer Situation! Deshalb verpflichten wir uns auf ein gemeinsames Weltethos: auf ein besseres gegenseitiges Verstehen sowie auf sozialverträgliche, friedensfördernde und naturfreundliche Lebensformen.
Wir laden alle Menschen, ob religiös oder nicht, ein, dasselbe zu tun!

Es unterschrieben:

Bahai
Juana Conrad, Jacqueline Delahunt, Dr. Wilma Ellis, Charles Nolley, R. Leilani Smith, Yael Wurmfeld.

Brahma Kumaris
B. K. Jagdish Chander Hassija, B. K. Dadi Prakashmani.

Buddhismus
Rev. Koshin Ogui, Sensei. Mahayana: Rev. Chung Ok Lee. Theravada: Dr. A. T. Ariyaratne, Preah Maha Ghosananda, Ajahn Phra Maha Surasak Jivanando, Dr. Chatsumarn Kabilsingh, Luang Poh Panyananda, Ven. Achahn Dr. Chuen Phangcham, Ven. Dr. Havanpola Ratanasara, Ven. Dr. Mapalagama Wipulasara Maha Thero. Vajrayana: S. H. Der XIV. Dalai Lama. Zen: Prof. Masao Abe, Zen Master Seung Sahn, Rev. Samu Sunim.

Christentum
Blouke Carus, Dr. Yvonne Delk. Anglikanisch: Rev. Marcus Braybrooke, James Parks Morton. Orthodox: Maria Svolos Gebhard. Protestantisch: Dr. Thelma Adair, Martti Ahtisaari, Rev. Wesley Ariarajah, Dr. Gerald O. Barney, Dr. Nelvia M. Brady, Dr. David Breed, Rev. John Buchanan, Bischof R. Sheldon Duecker, Prof. Diana L. Eck, Dr. Leon D. Finney, Jr., Dr. James A. Forbes, Jr., Bischof Frederick C. James, Erzbischof Mikko Juva, Prof. James Nelson, Dr. David Ramage, Jr., Robert Reneker, Rev. Dr. Syngman Rhee, Rev. Margaret Orr Thomas, Prof. Carl Friedrich v. Weizsäcker, Prof. Henry Wilson, Rev. Addie Wyatt. Römisch-katholisch: Rev. Thomas A. Baima, Kardinal Joseph Bernardin, Pere Pierre- Francois de Bethune, Schwester Joan M. Chatfield MM, Rev. Theodore M. Hesburgh CSC, Abbot Timothy Kelly OSB, Jim Kenney, Prof. Hans Küng, Dolores Leakey, Schwester Joan Monica McGuire OP, Rev. Maximilian Mizzi, Dr. Robert Muller, Rev. Albert Nambiaparambil, Bischof Placido Rodriguez, Bischof Willy Romelus, Dorothy Savage, Bruder David Steindl-Rast OSB, Bruder Wayne Teasdale.

Eingeborenen-Religionen
H. I. G. Bambi Baaba. Akuapim: Nana Apeadu. Yoruba: S. K. H. Oseijeman Adefunmi I, Baba Metahochi Kofi Zannu. Amerikanische Eingeborene: Archie Mosay, Burton Pretty On Top, Peter V. Catches.

Hinduismus
Dr. M. Aram, Jayashree Athavale-Talwarkar, S. H. Swami Chidananda Saraswati, Swami Chidananda Saraswati Muniji, Swami Dayananda Saraswati, Sadguru Sant Keshavadas, P. V. Krishnayya, Dr. Lakshmi Kumari, Amrish Mahajan, Dr. Krishna Reddy, Prof. V. Madhusudan Reddy, Swami Satchidananda, S. H. Satguru Sivaya Subramuniyaswami, S. H. Dr. Bala Siva Yogindra Maharaj. Vedanta: Pravrajika Amalaprana, Pravrajika Prabuddhaprana, Pravrajika Vivekaprana.

Jainismus
Dr. Rashmikant Gardi. Digambar: Narendra P. Jain. Shwetambar: S. H. Shri Atmanandji, Dipchand S. Gardi, S. E. Dr. L. M. Singhvi, S. H. Acharya Sushil Kumarji Maharaj.

Judentum
Helen Spector. Konservativ: Prof. Susannah Heschel. Reformerisch: Rabbi Herbert Bronstein, Norma U. Levitt, Rabbi Herman Schaalman, Dr. Howard A. Sulkin. Orthodox: Prof. Ephraim Isaac.

Islam
Tan Sri Dato Seri Ahmad Sarji bin Abdul-Hamid, Dr. Qazi Ashfaq Ahmed, Hamid Ahmed, Mazhar Ahmed, Hon. Louis Farrakhan, Dr. Hamid Abdul Hai, Mohammed A. Hai, Dr. Mohammad Hamidullah, Dr. Aziza al-Hibri, Dr. Asad Husain, Dato Dr. Haji Ismail bin Ibrahim, Dr. Irfan Ahmat Khan, Qadir H. Khan, Dr. Abdel Rahman Osman. Schiitisch: Prof. Seyyed Hossein Nasr. Sunnitisch: Imam Dawud Assad, Imam Warith Deen Mohammed, Hon. Syed Shahabuddin.

Neu-Heiden
Rev. Baroness Cara-Marguerite-Drusilla, Rev. Deborah Ann Light, Lady Olivia Robertson.

Sikhs
Siri Singh Sahib Bhai Sahib Harbhajan Singh Khalsa Yogiji, Bhai Mohinder Singh, Dr. Mehervan Singh, Hardial Singh, Indarjit Singh, Singh Sahib Jathedar Manjit Singh, Dr. Balwant Singh Hansra.

Taoisten
Chungliang Al Huang.

Theosophen
Radha Burnier.

Zoroastrier
Dastoor Dr. Kersey Antia, Dr. Homi Dhalla, Dastoor Dr. Kaikhusroo Minocher JamaspAsa, Dastoor Jehangir Oshidari, Rohinton Rivetna, Homi Taleyarkhan, Dastoor Kobad Zarolia, Dastoor Mehraban Zarthosty.

Interreligiöse Organisationen
Karl Berolzheimer, Dr. Daniel Gomez-Ibanez, Ma Jaya Bhagavati, Peter Laurence, Dr. Karan Singh, John B. Taylor, Rev. Robert Traer, Dr. William F. Vendley.

Hinzu kommt noch eine Reihe von Unterschriften, die nicht mehr zu identifizieren waren.

http://www.weltethos.de/data-ge/c-10-stiftung/13-deklaration.php